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Es steckt vielleicht Absicht dahinter, daß den Zeugen Jehovas die Aktivitäten ihres "Informationsdienstes" weitgehend verborgen bleiben. Sonst wüßten sie vielleicht heute schon darüber Bescheid, was ihnen erst morgen als "helleres Licht" präsentiert werden wird.

Aufmerksamen Zuhörern bei den nichtreligiösen Veranstaltungen der WTG fällt nämlich zunehmend auf, daß die WTG offensichtlich eine Neuorientierung der Zeugen Jehovas im Auge hat. Und eine weitere Abkehr von bisher fundamentalen Lehren.

Zeugen Jehovas als "moralische Vorbilder"?

James N. Pellechia, Director of Public Affairs und Associate Editor Watchtower Publications machte seine Absicht deutlich. Anläßlich einer Veranstaltung in der KZ Gedenkstätte Neuengamme und im Museum für Hamburgische Geschichte sprach er davon, daß die Zeugen Jehovas genau das wären, was die heutige Welt mit ihrer Orientierungslosigkeit und ihrem tiefgreifenden Werteverlust benötige: positiv leuchtende moralische Vorbilder. Das habe sich zum Beispiel im Nazi-Deutschland gezeigt, wo die Zeugen Jehovas die einzigen gewesen seien, die als Gruppe Widerstand gegen das Böse geleistet hätten. Sie allein hätten als Gruppe gezeigt, daß Widerstand gegen das Böse möglich war.

Walter Köbe, Leiter des Informationsdienstes der WTG in Deutschland ergänzte diese Ausführungen durch eine Reihe von Äußerungen, die auf die anwesenden Zeugen Jehovas eigentlich äußerst befremdlich gewirkt haben müßten. Nicht nur, daß er von 192.000 Zeugen Jehovas sprach, die es angeblich in Deutschland gäbe (im letzten Jahresbericht wird lediglich von durchschnittlich 170.040 "Verkündigern" gesprochen). Er betonte auch, daß den Zeugen Jehovas in der DDR die Körperschaftsrechte zugebilligt wurden, die ihnen jetzt unverständlicherweise vom Bundesverwaltungsgericht verwehrt würden. Dabei verwies er auf eine "internationale Zustimmung" zum Vorhaben der Zeugen Jehovas, als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt zu werden und bezog sich auf entsprechende Meinungsäußerungen aus dem europäischen Ausland. Weshalb allerdings ausländische Kreise ein Gesetz kommentieren, das es in dieser Form ausschließlich in Deutschland gibt, blieb offen.

Doch es gab noch weitere Äußerungen, die völlig neue Töne aus Wachtturm-Kreisen darstellten. So verwendete Köbe zum Beispiel - und das vermutlich erstmals in der Geschichte der WTG - den Begriff "Kirche der Zeugen Jehovas". Was wohl seine Glaubensbrüder dabei gedacht haben, die den Begriff "Kirche" bisher immer mit düsteren Prophezeihungen aus der Offenbarung über "Babylon die Große" in Verbindung gebracht hatten.

Doch damit nicht genug. Walter Köbe hatte auch eine völlig neue Auslegung von Johannes 12:31 parat. Nicht alle Politiker wären demnach Handlanger Satans, erklärte er, sondern lediglich die korrupten und selbstsüchtigen unter ihnen. Das wäre auch der Grund, weshalb die Zeugen Jehovas grundsätzlich positiv gegenüber den Regierungen eingestellt seien. Von der noch immer geltenden Wachtturm-Lehre, nach der sich "wahre Christen" von dieser Welt strikt fern zu halten hätten, erwähnte er nichts und gab damit ein erneutes Anzeichen dafür, daß sich offensichtlich eine grundsätzliche Änderung der offiziellen Glaubenslehre anbahnt. Einige Tage zuvor hatte sich schon Wrobel auf einer Podiumsdiskussion in Frankfurt in ähnlichem Sinne geäußert. Außerdem verstieg sich Köbe zu der Aussage, daß mit den Jahren 1914, 1925 und 1975 "zu große Erwartungen gehegt" wurden. Kein Wort davon, daß diese Erwartungen durch die Wachtturm-Literatur ganz gezielt erzeugt worden waren.

WTG Pressesprecher Wolfram Slupina wies auf die positiven Auswirkungen des Informationsdienstes der Zeugen Jehovas hin, der sich sehr um eine "positive Berichterstattung in den Medien" bemühe. Auch erklärte er, daß diese Veranstaltung vor allem dazu diene, "dem Vergessen vorzubeugen".

Es hat ganz den Anschein, als arbeite die WTG an einer völlig neuen Positionierung der Zeugen Jehovas in der Öffentlichkeit. Nachdem sie jahrzehntelang eine eher sekundäre Rolle in der Gesellschaft gespielt und jeden öffentlichen Auftritt betont vermieden hat, sucht man jetzt offensichtlich gesellschaftliche Anerkennung und versucht sich als moralische Alternative zu den bereits etablierten Glaubensgemeinschaften zu präsentieren.

Auch wenn es dem einzelnen Zeugen vielleicht noch nicht bewußt ist, aber die Rolle des sozialen Außenseiters wird er vermutlich bald nicht mehr spielen müssen. Auch einige bisher eherne Glaubensgrundsätze wird es wohl in naher Zukunft nicht mehr geben. So zum Beispiel das Verbot, sich an politischen Wahlen zu beteiligen. Oder der ganz große Imagekiller, das bedingungslose Bluttransfusions-Verbot. Schließlich sind nur wenige rhetorische Klimmzüge notwendig, um diese Stolpersteine auf dem Weg zur Gesellschaft des öffentlichen Rechts aus dem Weg zu räumen.

Man darf gespannt sein, welches "hellere Licht" in den kommenden Ausgaben des Wachtturms zu sehen sein wird. Und man kann heute schon den Kommentaren von Zeugen Jehovas entgegensehen, die das ja immer schon so und nicht anders gesehen haben.

Vielleicht sollten die Zeugen Jehovas schon jetzt weniger auf das hören, was ihnen auf Kreis- und Bezirkskongressen gepredigt wird, sondern auf die Worte, die ihre Pressesprecher auf nichtreligiösen Veranstaltungen von sich geben. Schließlich lehrt die Geschichte, daß ihre "Wahrheit" schon immer sehr anpassungsfähig war, wenn die eigentlichen Interessen des Wachtturm-Konzerns auf dem Spiel standen.