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In der Ausgabe 145 der EZW-Texte 1999 (herausgegeben von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen) ist ein Kommentar von Dr. Detlev Garbe zu lesen, der besonders unter kritischen und ehemaligen Zeugen Jehovas, die über die Geschehnisse während der Nazizeit informiert sind, Befremdung ausgelöst hat.

Wurde Garbe von der Wachtturm-Gesellschaft vereinnahmt? Läßt er sich zum Spielball der Interessen dieser Sekte machen, die in Deutschland als Gesellschaft des öffentlichen Rechts anerkannt werden will? Was hat dazu geführt, daß sein Buch “Zwischen Widerstand und Martyrium” von Auflage zu Auflage wachtturm-freundlicher wurde? Ein offener Brief an den Historiker fordert zur Stellungnahme auf.


Sehr geehrter Herr Dr. Garbe,

mit Interesse haben wir Ihren Beitrag „Glaubensgehorsam und Märtyrergesinnung” in den EZW – Texten 1999 gelesen. Um es vorwegzunehmen: Wir waren etwas irritiert über Ihre neueren Darlegungen zu diesem Thema. Offensichtlich haben Sie Ihre Meinung in verschiedenen Punkten geändert.

Beispiel 1: Wilmersdorfer Kongreß

„Eine besondere Bedeutung kam dabei dem in Berlin-Wilmersdorf am 25. Juni 1933 kurz vor der Verkündigung des Verbots in Preußen durchgeführten Kongreß zu, auf dem die 7000 anwesenden Zeugen Jehovas eine von Watch-Tower-Präsident Rutherford verfaßte Erklärung annahmen, die die politisch Verantwortlichen von der rein religiösen und unpolitischen Zielsetzung sowie von der Haltlosigkeit der unterstellten „Staatsfeindlichkeit” und anderer gegen die Zeugen erhobenen Vorwürfe zu überzeugen versuchte und sich zu diesem Zweck einer Argumentationsführung bediente, die aus taktischen Gründen gewisse Gemeinsamkeiten mit den neuen Machthabern heraus strich und dabei der herrschenden Sprachregelung, insbesondere in ihrer Polemik gegen die „Handelsjuden des Britisch-Amerikanischen Weltreiches”, durchaus Rechnung zu tragen bereit war.” (EZW – Texte 1999, Nr. 145, S. 5, 6, Dr. D. Garbe)

Auffällig an Ihrer Darlegung ist, daß Sie die selbe Argumentationsweise wie die WTG gebrauchen. Herr Pohl benutzte ähnliche Worte wie Sie. “… keinerlei politische Ziele … rein religiös tätig …” (Video “Standhaft trotz Verfolgung” WTG 1996)

„In der Auseinandersetzung um die Haltung der Zeugen Jehovas im "Dritten Reich" ist die Frage besonders umstritten, wie die von der Leitung 1933 unternommenen Versuche zu werten sind, durch Eingaben an die Behörden, Verhandlungen und diplomatische Intervention zu einer Aufhebung der ergangenen Verbote bzw. Auflagen zu gelangen. Viele der in der Literatur getroffenen Urteile gehen mit ihrer Kritik fehl bzw. werden dem Text und der Situation nicht gerecht. So wird man nicht davon sprechen können, daß die Zeugen Jehovas sich damit als „Antisemiten” bekannten und sich als möglicher "Verbündeter" empfahlen. Bezeichnungen wie "Sympathiekongreß für den Nationalsozialismus" oder die Behauptung, die Watch Tower-Führung habe den Versuch unternommen, "mit Hitler einen Pakt zu schließen", sind Schlußfolgerungen einer vom Willen zur Diskreditierung geleiteten Bewertung und nicht das Ergebnis einer kritischen Analyse.

Auf der anderen Seite hat sich der Wachtturm-Gesellschaft trotz ihrer Öffnung in Fragen der Geschichtsaufarbeitung bislang noch nicht zu einer Distanzierung von dem Anpassungskurs des Jahres 1933 entschließen können. Zwar wird die Erklärung vom 25. Juni 1933 nicht mehr als "vehementer Protest gegen die Hitlerregierung" verklärt, aber die Tatsache, daß in Zeiten der Bedrängnis 1933 gewisse Zugeständnisse erfolgten wird weiterhin nicht eingestanden.

Allerdings wurde erfreulicherweise jüngst in einer "Erwachet!"-Ausgabe der auch innerhalb der Gemeinschaft geäußerte Wunsch nach einer Klarstellung aufgegriffen und ausführlich auf die Wilmersdorfer Erklärung eingegangen, wobei immerhin eingeräumt wird, es sei "bedauerlich", daß die Passage zu den "Handelsjuden des Britisch-Amerikanischen Weltreiches" als Ausdruck einer vermeintlichen Judenfeindschaft "mißverstanden worden" sei und deshalb "Anstoß erregt" habe. Aber zu dem Eingeständnis, daß die "sichtbare Organisation Jehovas" – wie andere auch – in den Anfangsmonaten des "Dritten Reiches" zur Existenzwahrung einen Weg der Anpassung und Verständigung suchte, zeitweilig die Gläubigen zur Einstellung aller Missionsaktivitäten aufrief und somit anfangs nicht mit der Entschiedenheit agiert, die später das Handeln der Zeugen Jehovas unter der nationalsozialistischen Herrschaft auszeichnete, kann sich die Wachtturm-Gesellschaft nicht entschließen, wohl weil hier die Autorität der Leitenden Körperschaft in Brooklyn und ihr Anspruch, "unter der Eingebung und mit Vollmacht des Höchsten" zu handeln, zur Diskussion steht.” (EZW Texte 1999, Nr. 145 S. 23,24, Dr. D. Garbe)

Diesen Aussagen möchten wir einfach Ihre eigenen Aussagen von 1994 gegenüberstellen:

Die IBV weiterhin auf Anpassungskurs

Für den 25. Juni 1933 hatte die Magdeburger Zentrale die IBV-Anhängerschaft zu einer Großveranstaltung nach Berlin geladen. Als sich an diesem Sonntag 5.000 bis 7.000 Zeugen Jehovas, die aus dem ganzen Reich angereist waren, in der Wilmerdorfer Sporthalle versammelten, war noch nicht bekannt, daß am Vortag das preußische IBV-Verbot erlassen worden war. An den Vorbereitungen des Kongresses hatte sich Watch Tower-Präsident Rutherford persönlich beteiligt, der einige Tage zuvor zusammen mit seinem späteren Nachfolger Nathan H. Knorr in Berlin eingetroffen war, um Verhandlungen über die Möglichkeiten der Fortführung des Verkündigungswerkes zu führen. Rutherford, der sich in einer Unterredung mit US-Konsul Geist sehr besorgt über die kritische Lage der Zeugen Jehovas in Deutschland gezeigt hatte, aber noch auf eine mögliche günstigere Entwicklung der Dinge vertraute, verfaßte zusammen mit Balzereit und einigen anderen Leitungsmitgliedern eine umfassende "Erklärung", von der man hoffte, daß sie die nationalsozialistischen Machthaber zu einer Sinnesänderung bewegen könne. Der in den zurückliegenden Monaten eingeschlagene Kurs der Loyalitätsbekundungen wurde nunmehr auch offensiv gegenüber der eigenen Anhängerschaft vertreten, die erschreckt zur Kenntnis nehmen mußte, daß der Veranstaltungsort mit Hakenkreuzfahnen versehen war, und daß der auf Außendarstellung bedachte Kongreß mit dem Deutschlandlied eingeleitet wurde.

Die – nach einer um Verständnis werbenden Ansprache Balzereits – den Teilnehmern des Kongresses zur Zustimmung vorgelegte "Erklärung" ersuchte die verantwortlichen staatlichen Stellen um eine erneute Prüfung des "wahren Sachverhalts", da die Bibelforschervereinigung auf Betreiben der – wie es jetzt unmißverständlich hieß – "politischen Geistlichen, Priester und Jesuiten" bei den Regierungsbehörden zu Unrecht angeschuldigt worden sei. Nur deren Interesse entspringe die Behauptung einer angeblichen Staatsfeindlichkeit der Zeugen Jehovas. Um zu beweisen, daß diese Anschuldigung vollkommen gegenstandslos sei, empfahl man sich als staatsbejahende Kraft: "Unsere Organisation gefährdet keineswegs die öffentliche Sicherheit und Ordnung des Staates, sondern sie ist die Bewegung, die für die öffentliche Ordnung, Ruhe und Sicherheit des Landes eintritt." Der Respektierung der den Staat tragenden Kräfte wurde das Wort geredet, wobei Gemeinsamkeiten mit den neuen Machthabern herausgestrichen wurden:

"Eine sorgfältige Prüfung unserer Bücher und Schriften wird deutlich zeigen, daß die hohen Ideale, die sich die nationale Regierung zum Ziele gesetzt hat und die sie propagiert, auch in unseren Veröffentlichungen dargelegt, gutgeheißen und besonders hervorgehoben werden…

Anstatt daß unsere Schriften und unsere Tätigkeit die Grundsätze der nationalen Regierung gefährden, werden in ihnen diese hohen Ideale sehr unterstützt. Darum hat auch Satan, der Feind aller, die Gerechtigkeit lieben, versucht, diese Tätigkeit in Verruf zu bringen, und sie in diesem Lande zu verhindern."

Bei der Zurückweisung eines weiteren gegen die Zeugen Jehovas erhobenen Vorwurfes ging man auf deutliche Distanz zu einer anderen bedrängten Bevölkerungsgruppe:

"Es ist von unseren Feinden fälschlich behauptet worden, daß wir in unserer Tätigkeit von den Juden finanziell unterstützt werden. Dies ist absolut unwahr, denn bis zur gegenwärtigen Stunde ist auch nicht das geringste an Beiträgen oder finanzieller Unterstützung für unser Werk von Juden geleistet worden. Wir sind treue Nachfolger Jesu Christi und glauben an ihn als den Heiland der Welt. Die Juden dagegen verwerfen Christus völlig und leugnen absolut, daß er der Welt Heiland ist, der von Gott zum Nutzen der Menschheit gesandt wurde. Schon allein diese Tatsache sollte genügender Beweis dafür sein, daß wir von den Juden nicht unterstützt werden, und daß die Anschuldigungen gegen uns in böser Absicht vorgebracht wurden und falsch sind und nur von Satan, unserem großen Feinde, herrühren können."

War dieser Passus bis zu diesem Punkt noch von dem Bemühen um Richtigstellung geprägt, so zeigten die folgenden Sätze, wie weit man der herrschenden Sprachregelung Rechnung zu tragen bereit war:

"Das Anglo-Amerikanische Weltreich ist die größte und bedrückendste Herrschaft auf Erden. … Es sind die Handelsjuden des Britisch-Amerikanischen Weltreiches, die das Großgeschäft aufgebaut und benutzt haben als ein Mittel der Ausbeutung und Bedrückung vieler Völker."

Nunmehr zeigte sich, daß der Anpassungskurs das bisherige religiöse Selbstverständnis nicht unbeschädigt ließ, es vielmehr in seiner Substanz berührte: Wer sich mit derartigen Einlassungen in ein besseres Licht bei den Mächtigen der "alten Welt" zu stellen beabsichtigte, hatte den selbst erklärten Standpunkt der "Neutralität" weit hinter sich gelassen.” (“Zwischen Widerstand und Martyrium”, Detlef Garbe, 2.Auflage 1994, S.98-100)

Auffällig ist, daß Sie früher kritischer mit der WTG umgegangen sind. Die wichtigen Kernaussagen sind in der neueren Darstellung nicht mehr zu finden. Daß Sie ganz besonders das "Erwachet!" vom 08.07.1998 positiv hervorheben, ist schon deshalb sehr verwunderlich, weil in dieser Zeitschrift auf die wichtigen Passagen der "Wilmersdorfer Erklärung" gar nicht eingegangen wird. Der Brief an Hitler kommt dort überhaupt nicht zur Sprache. Andere Aussagen sind nichts anderes als Geschichtsverfälschung. Beispielsweise:

"Tatsächlich begann der Kongreß mit Lied 64, 'Zions herrliche Hoffnung', aus ihrem Liederbuch. Der Text dieses Liedes war zu einer von Joseph Haydn 1797 komponierten Melodie geschrieben worden. Das Lied 64 war mindestens seit 1905 in den Liederbüchern der Bibelforscher zu finden. 1922 übernahm die deutsche Regierung Haydns Melodie mit dem Text von Hoffmann von Fallersleben als Nationalhymne." (Erwachet 08.07.1998, S.12,13)

Dieses Lied ist jedoch erstmals in dem Liederbuch von 1928 zu finden, also nachdem 1922 die Melodie zur deutschen Nationalhymne wurde. Um diese Aussage machen zu können haben wir die Ausgaben der Liederbücher folgender Jahre überprüft: 1905, 1914, 1918, 1919, 1920, 1923, 1925, 1927, 1928.

Weiter möchten wir auf den Artikel im "Erwachet!" nicht eingehen. Auf der Website des Netzwerks ehemaliger Zeugen Jehovas (www.sektenausstieg.net) sind einige Kommentare dazu zu finden.

Beispiel 2: Missions- und Versammlungsverbot

„Ein großer Teil der Zeugen Jehovas beugte sich dem Verbot ihrer Glaubensgemeinschaft nicht. Im August 1933 erreichte die Versammlungen der Zeugen Jehovas ein Schreiben des Leiters des Zentraleuropäischen Büros in Bern, Martin Harbeck, in dem dieser sie – um die unter Einschaltung des US-amerikanischen Generalkonsulats und des "Foreign Office" geführten Verhandlungen nicht zu gefährden – als Beauftragter des Watch Tower-Präsidenten Rutherford aufforderte, ihre missionarische Tätigkeit, soweit keine ausdrückliche polizeiliche Bewilligung vorliege, vorübergehend einzustellen und sich den behördlichen Maßnahmen zu fügen. Gegen diese mit den Glaubensprinzipien der Zeugen Jehovas kaum in Einklang zu bringende Aufforderung zum Missionsverzicht regte sich Widerspruch, weil viele Zeugen entsprechend der zuvor geübten Praxis auch weiterhin öffentlich im "Haus zu Haus" Dienst für ihre Botschaft werben wollten.

Im September 1934 rief Rutherford die Zeugen Jehovas in Deutschland auf, sich ungeachtet des Verbotes am 7. Oktober in allen Gemeinden zu versammeln und von da an wieder regelmäßig in den Ortsversammlungen zu Bibelstunden zusammenzukommen und auch in das Verkündigungswerk in Form des gefahrvollen "Haus zu Haus" Dienstes wieder in vollem Umfang aufzunehmen. Zwar beteiligte sich ein Teil der Zeugen Jehovas aus Furcht vor Verfolgung oder aus anderen Gründen nicht an dem verbotswidrigen Tun, doch führten von nun an weit mehr als 10 000 Zeugen Jehovas trotz des hohen Risikos das "gottesdienstliche Werk", ihre Zusammenkünfte und Missionsaktivitäten fort.” (EZW Texte 1999 Nr. 145, S.6,7, Dr. D. Garbe)

Es hört sich gut an, wenn Sie schreiben: „Ein großer Teil der Zeugen Jehovas beugte sich dem Verbot ihrer Glaubensgemeinschaft nicht.” Man könnte aber auch genauso gut sagen: Die meisten Zeugen Jehovas beugten sich dem Verbot ihrer Glaubensgemeinschaft, als von ihnen verlangt wurde, die Missionstätigkeit einzustellen. Weiter schreiben Sie:

„Gegen diese mit den Glaubensprinzipien der Zeugen Jehovas kaum in Einklang zu bringende Aufforderung zum Missionsverzicht regte sich Widerspruch, weil viele Zeugen … weiterhin öffentlich im "Haus zu Haus" Dienst für ihre Botschaft werben wollten.”

Es ist nahezu undenkbar, daß ein Zeuge Jehovas dem Präsidenten der WTG (damals Rutherford) widerspricht. Rutherfords Missions- und Versammlungsverbot war gleichsam ein göttliches Gebot. Rutherford zu widersprechen wäre Häresie gewesen, und das hätten nicht viele gewagt. Schon deshalb nicht, weil Rutherford in den 20er Jahren die Organisation gereinigt hatte. Das heißt, daß alle, die seinen Lehren nicht gehorchen wollten, die Organisation verlassen mußten.

Aus diesem Grund ist es realistisch anzunehmen, daß bis September 1934 so gut wie gar nicht gepredigt wurde.

Auch folgende Aussage ist uns aufgestoßen:

„Zwar beteiligte sich ein Teil der Zeugen Jehovas aus Furcht oder aus anderen Gründen nicht an dem verbotswidrigen Tun…”

Es ist für die WTG sehr schmeichelhaft, wenn Sie schreiben „ein Teil” beteiligte sich nicht. Richtig wäre zu schreiben: Die Mehrheit beteiligte sich nicht.

Beispiel 3: Umgang mit kritischen Stimmen

„Für höchst bedenklich halte ich es, – wie etwa in einigen Diskussionsbeiträgen der Internetpräsentation des "Netzwerkes ehemaliger Zeugen Jehovas" geschehen – das Verfolgungsschicksal der Zeugen Jehovas im „Dritten Reich” in Abrede stellen zu wollen.” (EZW Texte 1999, Nr. 145, S.25, Dr. D. Garbe)

Auch die WTG geht derart pauschal und undifferenziert mit Kritik um.

Es wäre gut, wenn Sie hier eine detaillierte Aussage machen könnten. Wir können uns beim besten Willen nicht vorstellen, welche Beiträge Sie für bedenklich halten.

Im Gegenteil, die Aufklärungsarbeit im Internet ist äußerst wichtig, damit die wahre Geschichte über die WTG nicht verlorengeht. Es will auch niemand das Verfolgungsschicksal der Zeugen Jehovas in Abrede stellen. Was verhindert werden soll, ist die einseitige Darstellung der WTG, die oft nicht den Tatsachen entspricht.

Es gilt, sich auch dagegen zu wehren, daß die Zeugen als Helden oder als solche, die die „Ehre der Menschlichkeit” repräsentieren, tituliert werden.

Wenn Rutherford damals veröffentlicht hätte: “Es ist unsere christliche Pflicht dem Cäsar zu gehorchen, wir müssen Militärdienst leisten!”, dann wäre der allergrößte Teil der Zeugen Jehovas mit Hitler an die Front marschiert. Im ersten Weltkrieg war es doch auch so. Im Wachtturm von 1915 stand der Satz:

"Wenn jemand ein Diener im Sinne des Militärs oder eines anderen Verhältnisses ist, so sollte er treu sein." (Der Wachtturm Juni 1915, S.87)

Der Wachtturm berichtet fünf Monate später:

"Es ist für alle Geschwister sicher von Interesse zu wissen, daß gegenwärtig 350 unserer Brüder sich beim Militärdienst befinden." (Der Wachtturm, November 1915, S.162)

Wer die logische Schlußfolgerung zieht, stellt fest, daß nahezu alle deutschen Zeugen Jehovas im wehrfähigen Alter aktiv am ersten Weltkrieg beteiligt waren. Die WTG hat bis heute keinen einzigen deutschen Zeugen vorweisen können, der damals den Militärdienst konsequent aus religiösen Gewissensgründen verweigert hat. Wenn es denn wirklich einer getan hat, so tat er es entgegen den Anweisungen der WTG.

Gerade einmal 20 Jahre später sollen die Zeugen so anders gewesen sein? Worin besteht der Unterschied?

Die Mehrheit der Deutschen ist Hitler nachgefolgt. Die Zeugen Jehovas sind Rutherford nachgefolgt. Alle mehr oder weniger im Glauben auf der richtigen Seite zu stehen.

Jahrzehntelang konnten es die Zeugen Jehovas nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren, Ersatzdienst zu leisten. Seit die WTG nichts mehr dagegen hat, daß jemand aus ihren Reihen diesen Dienst leistet, verweigert fast kein Zeuge mehr den Ersatzdienst. Liegt das an dem Gewissen der Zeugen oder an der Autorität der WTG?

Und eins ist sicher: Rutherford hatte noch eine viel größere Autorität als die WTG heute. Sowohl Rutherford als auch Hitler führten totalitäre Systeme und verlangten unbedingten Gehorsam. Rutherford berief sich zwar auf Gott, aber das hinderte ihn nicht daran, seine eigenen Gesetze und Vorschriften zu erlassen.

Sehr geehrter Herr Dr. Garbe, wir bitten Sie darum, auch die Stimmen derjenigen ernsthaft und unvoreingenommen zu beachten, die sich kritisch mit der WTG auseinandersetzen.

Schließlich ist es für einen objektiven Geschichtsbericht unumgänglich, die Vorgänge aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Ihr Ruf als Wissenschaftler würde darunter leiden, wenn Sie sich von der WTG vereinnahmen ließen.

Bitte überprüfen Sie Ihre Haltung gegenüber der WTG!

8. Mai 1999

Ursula Meschede, Studienrätin, Karlsruhe

Stefan E. Wolf, ehemaliger Zeuge Jehovas, Knittlingen

Gerhard Kaiser, ehemaliger Zeuge Jehovas, Oberlauterbach

(dieser Brief wurde trotz anfänglicher Zusage von Dr. Garbe nie beantwortet)