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oder: das "richtige" Verhalten gegenüber "Ausgeschlossenen"

Grundlage dieser Schrift ist Der Wachtturm vom 15. Juli 2011, Seiten 24 bis 32.

GOTTES „RUHE“, WAS IST DAMIT GEMEINT?

Dem Volk Gottes verbleibt noch eine Sabbatruhe (HEB. 4:9)

Dies ist der Titel des ersten der beiden Artikel, in denen es am Ende um Regelungen über das "richtige" Verhalten gegenüber "Ausgeschlossenen" geht. Auf Seite 27 wird die Quintessenz des Artikels zusammengefasst:

Wir können in Jehovas Ruhe eingehen, indem wir gehorsam daran mitarbeiten, seinen Vorsatz so umzusetzen, wie er es uns durch seine Organisation mitteilt.

Dieser Artikel wird Bibelkennern wohl einige nachdenkliche Falten ins Gesicht zeichnen. Man kann die Sabbatruhe des Volkes Gottes im Hebräerbrief (Kapitel 4 Vers 9) nur schwer mit Vorschriften über den Umgang mit verwandten Ausgeschlossenen in Verbindung bringen. Die Verbindung eines theologisch wohl eher anspruchsvollen Buches des NT mit Anweisungen über den Umgang mit Ausgeschlossenen verrät, dass es der Religionsgemeinschaft nicht um bloße Bibelexegese oder um Glaubensstärkung und spirituelle Erhebung geht, sondern um die Durchsetzung des eigenen Anspruchs auf den Gehorsam der Anhänger.

War der erste Artikel überwiegend harmlos in seiner eigenwilligen Interpretation durch die Religionsgemeinschaft, so verlässt der Autor diesen eher wohlklingenden Duktus gegen Ende des ersten Artikels und besonders im zweiten Artikel und kommt zur Sache.

Würden wir dagegen den biblischen Rat, den wir durch den „treuen und verständigen Sklaven“ erhalten, herunterspielen und eigene Wege gehen wollen, würden wir quasi auf Kollisionskurs zu dem gehen, worauf Jehova unaufhaltsam hinarbeitet. Unsere Freundschaft mit Jehova stünde dann auf dem Spiel. Im Anschlussartikel wollen wir einige Situationen beleuchten, in die man als Diener Gottes recht schnell kommen kann und in denen man vor der Frage steht, ob man auf Jehova hört oder sein eigener Herr sein will. Daran, wie wir uns dann verhalten, wird deutlich, ob wir wirklich in Gottes Ruhe eingegangen sind.

"Jehova" ändert seinen Vorsatz, so hat es die Religionsgemeinschaft einige Absätze zuvor erläutert. Man muss einerseits Werke des Glaubens hervorbringen, damit man vor ihm bestehen kann, andererseits gehört es zum Glaubensbeweis, dass man eben jene Werke nicht mehr vollbringt. Solche Veränderungen beim höchsten "Souverän erfolgen immer dann, wenn sein "Mitteilungskanal" neue Einsichten gewonnen hat.

Wichtig aber für das Mitglied der Glaubensgemeinschaft ist es, mit den Änderungen "Jehovas" Schritt zu halten, d.h. alles mitzumachen und zu gehorchen. Eigene Wege, selbständige Entscheidungen, gar der Wunsch, sein eigener Herr zu sein, bringt den Gläubigen auf Kollisionskurs zu dem, wo "Jehova", respektive die Religionsgemeinschaft, gerade hinsteuert. Und in diesen Tagen steuert sie in Richtung weniger persönliche Freiheiten, dem Bruch mit ausgeschlossenen Verwandten und stärkere Abschottung zur Außenwelt, wie wir noch sehen werden.

BIST DU IN GOTTES RUHE EINGEGANGEN?

„Das Wort Gottes ist lebendig und übt Macht aus“ (HEB. 4:12)

DER vorige Artikel hat uns gezeigt, was erforderlich ist, damit uns die Tür zu Gottes Ruhe offensteht: gehorsam an dem mitwirken, worauf Jehova zielstrebig hinarbeitet. Nur: Das ist oft leichter gesagt als getan. Wie reagieren wir zum Beispiel, wenn uns klar wird, dass Jehova etwas gar nicht gefällt, was uns aber Freude macht? Falls sich dann erst einmal alles in uns sträubt, würde das verraten, dass unsere Bereitschaft, zu gehorchen, noch verbesserungswürdig ist (Jak. 3:17). Schauen wir uns jetzt ein paar Situationen an, die zum Prüfstein werden können in der Frage: Inwieweit bin ich bereit, mich dem Vorsatz Jehovas anzupassen, also von Herzen zu gehorchen?

"Wenn Jehova etwas nicht gefällt, was uns Freude macht". Hier begegnet uns erneut der enge und launische Gott, wie ihn die Religionsgemeinschaft, dem AT entlehnt, zeichnet und der dieselben Wesensmerkmale aufweist, wie wir sie bei der Führungsriege der Zeugen Jehovas beobachten können.

Falls sich dann erst einmal alles in uns sträubt, würde das verraten, dass unsere Bereitschaft, zu gehorchen, noch verbesserungswürdig ist.

Im Gegenteil. Es würde vielmehr verraten, dass menschlich normale Regungen und Gefühle in uns noch nicht gänzlich durch andere überzeichnet worden sind. In wem sich bei der Fülle an Verboten, Vorschriften und Regulierungen "alles sträubt", beweist einzig gesunden Menschenverstand und lässt hoffen, dass er den Weg eines selbstbestimmten Lebens geht.

Nehmen wir nur den Punkt: biblisch begründeten Rat annehmen. Frag dich bitte: Fällt mir das leicht? Aus der Bibel erfahren wir, dass Jehova „die begehrenswerten Dinge aller Nationen“ in seine Organisation einsammeln möchte (Hag. 2:7). Die meisten von uns waren wohl alles andere als „begehrenswert“ oder anziehend, als wir mit der Wahrheit in Berührung kamen.

Leider argumentiert der Autor hier nicht logisch sauber: Wenn Gott "die begehrenswerten Dinge" hereinbringt, sind sie bereits begehrenswert, bevor sie hereinkommen. Andernfalls hätte Gott sie nicht hereingebracht. Werden sie aber erst begehrenswert, nachdem sie hereingebracht wurden, so waren sie nicht begehrenswert, als Gott sie hereinbrachte. Damit wird ein an sich sehr schöner Vers der Bibel an eine Aussage des Wachtturm angepasst und nicht die Aussage des Wachtturm an den Bibelvers. Aber ganau das darf man doch von einer Glaubensgemeinschaft erwarten, die von sich selbst sagt, sie verkünde die biblische Wahrheit.

Ich möchte an dieser Stelle die These wagen, dass man anhand solcher Bibeldeutungen den Charakter dieser Religionsgemeinschaft erkennt. Es geht dieser Gruppierung nicht um das sorgfältige Erforschen der biblischen Botschaft. Vielmehr werden die biblischen Texte der Wachtturm-Botschaft angepasst und als "schmückendes Beiwerk" für die Zwecke der Religionsgemeinschaft benutzt.

Doch dann haben wir Jehova und seinen Sohn so sehr lieben gelernt, dass es uns keine Ruhe ließ und wir unsere Denkweise und Gewohnheiten von Grund auf änderten, damit sich Jehova ganz und gar über uns freuen konnte. Dazu haben wir viel gebetet und hart an uns gearbeitet. Irgendwann haben wir es schließlich geschafft und waren sehr glücklich, uns taufen lassen zu dürfen. (Lies Kolosser 1:9, 10.)

Allerdings war der Kampf gegen die Unvollkommenheit damit nicht ausgestanden. Er geht weiter und ist erst zu Ende, wenn wir eines Tages vollkommen sind. Doch Jehova hat versprochen, uns zu helfen, wenn wir nicht aufgeben und weiter daran arbeiten, immer „begehrenswerter“ oder anziehender für ihn zu werden.

Das ähnelt sehr stark dem Mantra des "stets heller werdenden Lichts", das immer dann bemüht wird, wenn es darum geht, sich "Jehovas geändertem Vorsatz" anzupassen. Wie gesagt, Gott hatte das "Begehrenswerte" hereingeholt, wieso man also ständig daran arbeiten soll, immer begehrenswerter zu werden, kann man nur im Licht einer Religionsgemeinschaft verstehen, die den Glauben ihrer Anhänger überwacht.

Der Gläubige gehört mit seinem offiziellen Beitritt zur Organisation nicht mehr sich selbst, er muss ständig daran arbeiten, seine Gewohnheiten und seine Art zu denken den Anforderungen der Gemeinschaft anzupassen. Alles, was das Menschsein im Kern ausmacht, soll unterdrückt werden, wer nur widerwillig der Führung folgt, dessen Gehorsam ist verbesserungsbedürftig.

Wenn wir Rat nötig haben

Ankämpfen können wir gegen unsere Schwachpunkte natürlich nur dann, wenn sie uns auch bewusst sind. Durch einen aufrüttelnden Vortrag im Königreichssaal oder durch einen nachdenklich stimmenden Artikel in unseren Publikationen macht uns Jehova vielleicht auf eine gravierende Schwäche aufmerksam. Geht uns dann allerdings immer noch kein Licht auf oder stößt der Rat bei uns auf taube Ohren, kann uns Jehova einen Bruder oder eine Schwester über den Weg schicken, um uns das Problem vor Augen zu führen. (Lies Galater 6:1.)

Es liest sich wie eine Gebrauchsanleitung für eine Maschine. Hat diese Maschine irgendwelche Schwachpunkte, muss sie repariert werden, nötigenfalls tauscht man defekte Teile aus. Zeigt sich der Gläubige beratungsresistent, bekommt er "liebevollen Rat" durch ungebetene Ratgeber, seine "liebevollen Brüder und Schwestern". Diese wurden ihrerseits "von Jehova gesandt", der ja bekanntlich alles sieht, auch die "Schwachpunkte" eines nicht mehr funktionierenden "Verkündigers". Erwähnt sei noch, dass die Religionsgemeinschaft unter "gravierende Schwäche" normale menschliche Gefühle versteht, die dem allzeit bereiten, stets gehorsamen "Soldaten Christi" entgegen stehen. Diese sind ein Problem, das dem potenziellen Abweichler vor Augen geführt werden muss, damit er die Verirrung, den Gefühlen zu folgen, erkennt und bereut.

Von einem unvollkommenen Menschen Rat anzunehmen fällt nicht gerade leicht, ganz egal, wie taktvoll und liebevoll er dabei vorgeht. Trotzdem wird „geistig Befähigten“ von Jehova geboten, zu „versuchen“, uns wieder auf den richtigen Weg zu helfen, und zwar „im Geist der Milde“, wie es in Galater 6:1 heißt. Gehen wir darauf ein, werden wir für Jehova noch anziehender. Es ist schon kurios: Im Gebet haben wir kein Problem damit, ganz offen zuzugeben, dass wir fehlerhaft sind. Spricht uns jemand aber auf einen konkreten Fehler an, dann neigen wir dazu, uns zu rechtfertigen, die Sache herunterzuspielen, dem Ratgeber schlechte Beweggründe zu unterstellen oder uns daran zu stoßen, wie er uns Rat gegeben hat (2. Kö. 5:11). Geht es um besonders heikle Themen wie das Verhalten eines Angehörigen, Körperpflege, unser Erscheinungsbild oder eine Form der Entspannung, die uns Spaß macht, die Jehova aber hasst, kann es sogar passieren, dass wir uns ziemlich danebenbenehmen und hinterher über uns selbst erschrecken (ganz zu schweigen davon, wie betroffen wir den Ratgeber gemacht haben). Haben wir uns irgendwann wieder beruhigt, sehen wir aber meist ein, dass der Rat seine Berechtigung hatte.

"Ratschläge sind auch Schläge", so lautet eine Volksweisheit. Man könnte hinzufügen: "vor allem wenn sie ungefragt gegeben werden". Da nützt es auch nichts, wenn sie von einem durch "Jehova Beauftragten" kommen, der den Titel des "Befähigten" trägt. Leider können viele dieser ernannten "Aufseher", so heißen die geistlichen Führer der Zeugen Jehovas in den Ortsgemeinden tatsächlich, nämlich zwischen persönlichem Geschmack und "biblischem" Rat nicht immer unterscheiden.

Da wird eine Frau wegen ihres zu kurzen Rocks schonmal "liebevoll" ermahnt oder Jugendlichen wird bedeutet, dass ihre Haare zu kurz oder zu lang sind, die Fingernägel zu bunt, der Ausschnitt zu tief, die Hose zu eng oder der Anzug nicht "passend" wäre.

Diese Atmosphäre ständiger Überwachung und kleinteiliger Gängelei entsteht, wenn die Führung der Zeugen Jehovas solche Wachtturm-Artikel wie den vorliegenden herausgibt. Erwachsene Leute müssen sich stets "biblischen" Rat über die banalsten Dinge und über ganz private Entscheidungen in Fragen des persönlichen Geschmacks gefallen lassen. Denn wenn sie es wagen sollten, sich diese Einmischung in die eigenen Angelegenheiten zu verbeten, kann es sein, dass man ihnen mangelnde Demut gegenüber denen attestiert, die doch "von Jehova zu Aufsehern ernannt" wurden. Und das wiederum wäre ein Anzeichen "geistiger Schwäche", die ihrerseits abermals die "liebevollen" Ratgeber auf den Plan riefe ..., ein unseliger Circulus vitiosus.

Kritik an der Amtsführung oder das energische Setzen eines Stoppschildes für allzu dienstbeflissene "Botschafter Gottes" als "daneben benehmen" zu bezeichnen, lässt erkennen, dass die Führung keine Widerspruch duldet. Damit hat sie sich vom eigentlichen Zweck einer christlichen Gemeinschaft des gelebten Glaubens verabschiedet. Das ist nicht lebendige Kirche Christi, das ist erstarrte Tyrannei einer Glaubens-Vertriebsgesellschaft.

Der Leittext für diesen Artikel erinnert uns daran, dass Gottes Wort Macht ausübt. Es kann uns dabei helfen, an unseren Schwächen zu arbeiten, unser Leben nachhaltig zu verändern, und zwar nach der Taufe genauso wie vorher auch. Weiter schreibt Paulus im Hebräerbrief über Gottes Wort, es dringe durch „selbst bis zur Scheidung von Seele und Geist und von Gelenken und ihrem Mark“ und sei „imstande, Gedanken und Absichten des Herzens zu beurteilen“ (Heb. 4:12). Anders ausgedrückt: Wenn wir deutlich verstehen, worauf Gott mit uns hinarbeitet, dann verrät unsere Reaktion darauf, was für ein Mensch wir tief im Innern wirklich sind. Kommt es vor, dass das Bild, das wir nach außen abgeben (die „Seele“), nicht ganz mit unserem tatsächlichen Ich (dem „Geist“) übereinstimmt? (Lies Matthäus 23:27, 28.) Überleg doch mal, wie du in den folgenden Situationen reagieren würdest.

Dass die Religion den Menschen verbessere, ist eine Behauptung Gläubiger, für die ich bisher keinen wirklichen Beweis gefunden habe. Meiner Ansicht nach sind die Schurken und die Anständigen sowohl bei Gläubigen als bei Nichtgläubigen gleichmäßig verteilt.

Wie auch immer der Verfasser des Hebräerbriefes die ursprünglichen Begriffe, die die Neue-Welt-Übersetzung (Bibel der Zeugen Jehovas) mit "Seele" und "Geist" wiedergibt, gemeint hat, klar scheint mir zu sein, dass die Bedeutung, die der Autor dieses Wachtturm-Artikels ihnen zuordnet, nicht der ursprünglichen Botschaft entspricht, sondern willkürlich gewählt ist, um seinen Gedanken zu stützen.

Mit Jehovas Organisation Schritt halten

Viele von uns können Sprüche 4:18 auswendig zitieren: „Der Pfad der Gerechten ist wie das glänzende Licht, das heller und heller wird, bis es voller Tag ist.“ Wir lernen also mit der Zeit immer besser verstehen, worauf Jehova mit uns hinarbeitet, und richten uns immer besser danach aus.

...

In unserer Zeit kommt es immer wieder vor, dass uns der „treue und verständige Sklave“ biblische Lehren etwas genauer erklärt als bisher. Das braucht uns nicht zu beunruhigen. Im Gegenteil: Es stärkt unser Vertrauen zu diesem Instrument Jehovas, vertreten durch die leitende Körperschaft. Erkennen diese Brüder, dass unser Verständnis der Wahrheit an der einen oder anderen Stelle berichtigt werden muss, scheuen sie sich nicht davor, womöglich aus Sorge, sich deswegen eventuell Vorwürfen auszusetzen.Viel wichtiger ist ihnen, mit der Umsetzung des Vorsatzes Jehovas auf dem Laufenden zu bleiben. Für uns stellt sich da die Frage: Wie reagiere ich, wenn unser Verständnis der Heiligen Schrift berichtigt wird? (Lies Lukas 5:39.)

Niemand macht der Religionsgemeinschaft einen Vorwurf, wenn sie in ihren Interpretationen der Bibel fehlgeht und sich korrigiert. Wer seine Fehler offen zugibt, hat gute Chancen, dass ihm dies nachgesehen wird. Wir alle machen Fehler, es gehört zu unserem Menschsein. Schwierig wird es aber dann, wenn eine Gruppe selbsternannter "Hirten der Herde Gottes" ihre Lehren als unumstößliche Wahrheiten ausgibt, die nicht zu befolgen die soziale Ächtung selbst durch nächste Verwandte zur Folge hat. Wenn Gehorsam sogar bei offensichtlichem Irrtum als unabdingbare Voraussetzung der Anerkennung durch Gott selbst gilt, dann hat eine Führung, die den Anspruch erhebt, Gottes Mitteilungskanal zu sein, gründlich überzogen.

Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts gab es eine Reihe Bibelforscher, die ausgezeichnete Redner waren und die Meinung vertraten, sie könnten dem Predigtauftrag am besten dadurch nachkommen, dass sie vor dankbaren Zuhörern gut vorbereitete Vorträge hielten. In der Öffentlichkeit zu sprechen machte ihnen Freude und manche von ihnen sonnten sich regelrecht in der Bewunderung ihres Publikums. Später wurde klar, dass sich Jehova von seinen Dienern wünschte, auf unterschiedlichste Weise zu predigen, gerade auch von Haus zu Haus. Einige dieser brillanten Redner weigerten sich kategorisch, irgendetwas Neues auszuprobieren. Sie hatten zwar immer den Eindruck erweckt, Jehova von Herzen zu lieben und ihm zu gehorchen aber ihre Reaktion jetzt, wo klar erkennbar wurde, welches Ziel Jehova mit dem Predigtwerk verfolgte, verriet ihre wahren Gedanken, Absichten und Beweggründe. Wie dachte Jehova über sie? Er segnete sie nicht. Sie sagten sich von seiner Organisation los (Mat. 10:1-6; Apg. 5:42; 20:20).

Öffentlich zu predigen war auch für viele, die der Organisation treu blieben, alles andere als leicht, vor allem zu Anfang. Aber sie waren gehorsam. Mit der Zeit überwanden sie ihre Hemmungen und Jehova segnete sie sehr. Auch hier stellt sich für uns die Frage: Wie reagiere ich, wenn dazu ermuntert wird, sich an einer Form des Predigtdienstes zu beteiligen, mit der ich mich noch nicht so recht habe anfreunden können? Bin ich bereit, etwas Neues mitzumachen?

Mit den obigen Beispielen versucht die Religionsgemeinschaft, von schweren Versäumnissen abzulenken. Diese eher harmlosen Fälle von Änderungen der Lehrmeinung können nicht darüber hinwegtäuschen, dass so manche Änderung schwerwiegende Folgen für einige Anhänger hatte. Beispielsweise gingen in den 80er Jahren etliche Männer aus Europa ins Gefängnis, weil sie dem von der Religionsgemeinschaft verkündeten "Gottesdekret" gehorchten, ein "wahrer Christ" verrichte nicht einmal den Wehrersatz- oder den Zivildienst. Später wurde diese Regelung, dank neuerer "Wahrheiten", oder wie es in dieser Ausgabe des Wachtturm angedeutet wird, weil man "mit der Umsetzung des Vorsatzes Jehovas auf dem laufenden bleiben" wollte, abgeschwächt und jungen Männern war es sogar gestattet, den Zivildienst zu versehen.

Solche Beispiele zu erwähnen, das wäre echte Größe gewesen, sich hinterher zerknirscht über die eigenen Fehler zu geben, menschlich anständig. Diese innere Größe, diesen menschlichen Anstand lässt die Religionsgemeinschaft nicht nur hier vermissen. Stattdessen wird sie nicht müde, die großen Verdienste der "leitenden Körperschaft" herauszustellen, die sich so sehr bemüht, mit "Jehova" Schritt zu halten. Nebenbei wirkt solche zur Schau gestellte Demut unecht, der Hinweis darauf, dass die demütige Körperschaft, der "treue und verständige Sklave", als "Instrument Jehovas" Vertrauen verdiene, muss angesichts der Tatsache befremden, dass ebenjene Gruppe für sämtliche Schriften, inklusive der vorliegenden, verantwortlich zeichnet. Ein glattes Eigenlob also.

Was nun folgt, gehört zu den verstörendsten Erscheinungen, die man bei solchen Sondergemeinschaften beobachten kann:

Wie kaum eine andere Gruppe, betrachtet die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas Menschen, die nicht mehr deren Glaubensinhalte teilen, als "untreue, selbstsüchtige und böse Rebellen", die unter dem "Einfluss Satans" stehen. Vergleichbar ist dieses äußerst rigide Schwarz-Weiß- oder Freund-Feind-Denkschema allenfalls mit Scientology, die solche ‘Glaubensverräter’ als "unterdrückerische Personen" bezeichnet und ihnen sogar mit illegalen Methoden nachstellt.

Wenn sich ein geliebter Mensch von Jehova abwendet

Um Jehova zu gefallen, da sind wir uns sicher alle einig, müssen wir dem Gebot gehorchen, in jeder Hinsicht rein zu bleiben. (Lies Titus 2:14.) Unsere Treue zu dem, worauf Jehova auf diesem Gebiet mit seinen Dienern hinarbeitet, kann allerdings auf eine schwere Belastungsprobe gestellt werden. Nehmen wir zum Beispiel an, der einzige Sohn zweier vorbildlicher Christen sagt sich von der Wahrheit los. Den „zeitweiligen Genuss der Sünde zu haben“ ist ihm wichtiger als sein gutes Verhältnis zu Jehova und zu seinen gottesfürchtigen Eltern. Also wird dem jungen Mann die Gemeinschaft entzogen (Heb. 11:25).

Reinheit. Unter diesen Begriff ordnet die Religionsgemeinschaft das Verhalten gegenüber Abweichlern ein. ‘Wer Jehova gefallen will, muss rein bleiben und gehorchen.’ Wer die Religionsgemeinschaft verlässt, zieht den "zeitweiligen Genuss der Sünde" dem "guten Verhältnis zu Jehova" vor. Einen anderen Grund können sich die Führer entweder nicht vorstellen, oder sie unterstellen bewusst dieses einzige Motiv, um sich nicht mit den wirklichen Motiven auseinandersetzen zu müssen. Die Unterstellung, wer als junger Mensch den Glauben der Eltern nicht länger teilt, entscheide sich damit automatisch auch ganz gegen seine Eltern, ist eine unzulässige Ineinssetzung von Glauben und Persönlichkeit. Der Mensch ist aber nicht nur gläubig oder ungläubig. Alle anderen Aspekte einer Eltern-Kind-Beziehung werden so mit dem Augenblick für null und nichtig erklärt, da einer von ihnen, Sohn oder Tochter, Vater oder Mutter, auf religiösem Gebiet eine eigenständige Entscheidung fällt.

Diese Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Institution, die "unter den besonderen Schutz des Grundgesetzes" fällt, ist derart schwerwiegend, dass jetzt die "tapferen Drei" (Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Bremen) beschlossen haben, dieser Gemeinschaft die Verleihung des Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zu verweigern. Wer seinen Glaubensanhängern grundgesetzlich garantierte Rechte vorenthält oder deren Wahrnehmung mit sozialer Isolation sanktioniert, hat nach meiner Auffassung jedes Recht verspielt, gegenüber dem Staat auf die Verleihung von Sonderrechten zu pochen.

Die Eltern sind am Boden zerstört! Ihnen ist natürlich klar, dass die Bibel gebietet, „keinen Umgang mehr mit jemandem zu haben, der Bruder genannt wird, wenn er ein Hurer oder ein Habgieriger oder ein Götzendiener oder ein Schmäher oder ein Trunkenbold oder ein Erpresser ist, selbst nicht mit einem solchen zu essen“ (1. Kor. 5:11, 13). Sie sehen auch ein, dass das Familienangehörige einschließt, die nicht mehr bei ihnen wohnen. Aber sie lieben ihren Sohn doch so sehr! Ihre starken Gefühle könnten bei ihnen die Überlegung aufkommen lassen: „Wie sollen wir unserem Jungen denn zu Jehova zurückhelfen, wenn wir den Umgang mit ihm so stark einschränken? Würden wir denn nicht mehr erreichen, wenn wir den normalen Kontakt zu ihm beibehalten?“*

*Siehe Bewahrt euch in Gottes Liebe, Seite 207—209.

Dieser Absatz hat es in sich. Ich will versuchen, einen Aspekt nach dem anderen zu betrachten, der hier aufscheint:

Warum müssen Eltern "am Boden zerstört" sein, wenn ihr Kind sich entschließt, den Glauben zu wechseln oder wenn es nicht mehr glaubt? Irgendjemand muss ihnen beigebracht haben, dass es ein großes Unglück ist, wenn man seinen Glauben aufgibt, ihn wechselt oder verliert. Zudem müssen sie solche Belehrung verinnerlicht haben. Eigentlich ist nichts Gravierendes geschehen. Der Sohn (oder die Tochter) hat sie nicht gekränkt, nicht bedroht, bestohlen oder sonst irgendwie geschädigt. Warum macht die Religionsgemeinschaft ein solches Drama aus einem intimen, inneren Vorgang im Kopf eines Menschen, der sonst aber nichts an seinen bisherigen sozialen Bindungen ändert?

Die Religionsgemeinschaft zitiert die Bibel korrekt, wenn sie schreibt: „keinen Umgang mehr mit jemandem zu haben, der Bruder genannt wird, wenn er ein Hurer oder ein Habgieriger oder ein Götzendiener oder ein Schmäher oder ein Trunkenbold oder ein Erpresser ist“ . Zwei grundlegende Kriterien müssen demnach erfüllt sein, mit jemandem "keinen Umgang zu haben": 1. Er wird "Bruder genannt" und 2. er ist ein Schmäher, Trunkenbold, Erpresser etc. Wenn man den Text ernst nimmt, soll der Christ mit Tunichtguten keinen Umgang haben, die trotz ihres schändlichen Benehmens "Bruder" genannt werden. Das heißt, der Verfasser wollte Christen dazu auffordern, ihre Sittengesetze ernst zu nehmen, er schrieb also gegen Heuchelei an. Das ist alles.

Was macht die Religionsgemeinschaft daraus? Sie wendet den Grundsatz des "keinen Umgang mit Heuchlern" auf alle an, die der Religion Lebewohl sagen, also eben nicht weiter "Bruder" genannt werden wollen. Dadurch macht die Religionsgemeinschaft den ursprünglichen Sinn des Bibelwortes ungültig und missbraucht es für ihre eigenen Vorschriften. Dadurch geht sie selbst "über das hinaus, was geschrieben steht", macht sich also dessen schuldig, wovor das letzte Bibelbuch, die Offenbarung, eindringlich warnt, nämlich "nichts zu der Buchrolle hinzuzufügen und nichts daraus wegzunehmen".

Nachdem der eigentliche Zweck des Bibelwortes nicht mehr erkennbar ist, kann man nun Menschenrecht statt Gottesrecht setzen. Verwandte, die den Glauben verlassen, werden Schmähern, Erpressern, Trunkenbolden, die sich heuchlerisch Bruder nennen lassen, gleichgesetzt und damit der sozialen Isolation ausgesetzt. Darüberhinaus werden die noch gläubigen Verwandten einem moralischen Druck ausgesetzt, nur ja nicht "Gottes Gebot" des vollständigen Bruchs mit dem "Abtrünnigen" zu unterlaufen.

Eltern in dieser Lage haben unser tiefstes Mitgefühl. Im Gegensatz zu ihrem Sohn, der es sich aussuchen konnte und sich bewusst dafür entschied, ein unchristliches Leben zu führen, statt die Freundschaft zu seinen Eltern und anderen Glaubensbrüdern weiterzupflegen, wurden sie vor vollendete Tatsachen gestellt. Kein Wunder, dass sie sich ohnmächtig fühlen!

Der Sohn habe es sich "ausgesucht, ein unchristliches Leben zu führen". Einen anderen Grund kann man sich offenbar nicht vorstellen. Wenn Kinder die Religion der Eltern aufgeben, besagt das nichts über deren Charakter oder darüber, ob sie danach weiter freundschaftlich mit ihnen verbunden sind. Die Gleichung: Für die Religion ist gleich für die Eltern, gegen die Religion ist gleich gegen die Eltern verkürzt den Menschen auf dessen Verhältnis zu Spiritualität. Jedermann weiß: der Mensch ist nicht nur gläubig oder ungläubig. Indem die Religionsgemeinschaft diese Gleichung aufmacht, treibt sie Eltern und ihre Kinder in unnötige Gewissensnöte.

Die "vollendeten Tatsachen", vor die sich die Eltern gestellt sehen, gibt es immer dann, wenn das Kind herangereift ist und beginnt, sein eigenes Leben nach seinen Vorstellungen zu leben. Das allerdings ist keine Katastrophe und kein Drama, sondern eine ganz normale Entwicklung im Leben jedes Menschen. Selbstbewusste Eltern wissen das und haben mit der Geburt des Kindes begonnen, loszulassen. Sie sehen ihre Aufgabe als erfolgreich bewältigt an, wenn das Kind ganz selbstverständlich diese Entwicklung zum Erwachsenen durchlaufen hat und ein gefestigter, selbständiger und selbstbewusster Charakter ist, der mit beiden Beinen mitten im Leben steht und erfolgreich die eigenen Angelegenheiten regelt. Über die Schwierigkeiten mancher Menschen, geliebten Personen eigene Freiräume zu lassen, habe ich folgende interessante Ausführungen gefunden:

Die depressive Persönlichkeit

Die depressive Persönlichkeit hat Sehnsucht nach Nähe, nach völliger Geborgenheit bei einem fürsorglichen Menschen. [...]

[...] Distanz [...] quält den depressiven Menschen. [...] Alleingelassen sein, verlassen werden, auf sich selbst vertrauen zu müssen, bedeutet für die depressive Persönlichkeit eine „innere Apokalypse“. Man hält diesen Zustand nicht lange aus, braucht Abhängigkeit, um sich sicher zu fühlen. Eine Variante besteht darin, eine andere Person von sich abhängig zu machen. [...]

Riemann schreibt:

Das Kind wird von seiner Mutter überbehütet, die „aus unbewusster Verlustangst und Lebensängstlichkeit oder aus Angst vor Liebesverlust“ das Kind verwöhnt. Das Kind wird nicht „losgelassen“ und an seiner psychischen Entwicklung gehindert. Das körperliche und geistige Wachstum des Kindes ist für die Mutter eine massive Bedrohung. Sie versucht aufgrund ihrer eigenen depressiven Persönlichkeitsstruktur mit allen Mitteln, wie zum Beispiel mit Botschaften wie „Die Welt da draußen ist böse, ich muss alles für dich regeln“, das Kind an sich zu binden, um keine Trennung zwischen sich und ihm aufkommen zu lassen.

Menschen mit depressiver Persönlichkeitsstruktur haben Angst davor, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, denn je ausgeprägter diese ist, um so mehr unterscheiden wir uns von anderen und um so weniger Gemeinsamkeiten gibt es.

Aus: "Der Griff nach der Seele, Wege religiöser Abhängigkeit" von Olaf Stoffel, Heppenheim, Mai 1999

Es scheint ein Wesensmerkmal sektenartiger Gemeinschaften zu sein, Menschen anzuziehen, die ihrer Natur nach in Richtung "depressiv" tendieren. Und offenbar haben nicht zuletzt deswegen viele Menschen, die solche Gruppierungen verlassen, häufig mit massiven Problemen zu kämpfen, bevor ihnen der Wiedereinstieg in ein normales Leben gelingt. Für "depressive" Eltern ist es ein Drama, wenn die eigenen Kinder die gemeinsame Religion aufgeben und sie sind darüber "am Boden zerstört". Solche Verhaltensmuster macht sich die Religionsgemeinschaft zunutze. Wer es nicht erträgt, wenn das eigene Kind den Glauben wechselt oder sogar aufgibt, wird alles dafür tun, diese Katastrophe zu verhindern.

Noch etwas kommt hinzu: Es ist dies nicht nur eine Sache einer problematischen Persönlichkeitsstruktur von Eltern, die ihr Kind nicht loslassen können. Die Führung der Gemeinschaft scheint ein mindestens vergleichbares Verhaltensmuster aufzuweisen. Übrigens begegnet uns ein solches Muster besonders bei charismatischen Sektenführern, wie man auf besonders tragische Weise bei Jim Jones, dem Führer des Peoples Temple im guyanischen Jonestown beobachten konnte. Nun zeichnen sich die Führer der Zeugen Jehovas nicht durch Charisma aus, aber auch sie scheinen sich davor zu fürchten, dass ihnen die Gläubigen abhanden kommen könnten.

Was werden unsere liebe Schwester und unser lieber Bruder jetzt tun? Werden sie auf die klare Anweisung Jehovas hören? Oder werden sie sich einreden, sie könnten ruhig weiter normalen Umgang mit ihrem ausgeschlossenen Sohn pflegen, weil es ja immer um „wichtige Familienangelegenheiten“ gehe? Bei ihrer Entscheidung darüber dürfen sie nicht außer Acht lassen, wie ihr Verhalten Jehova berührt. Er arbeitet darauf hin, die Organisation rein zu erhalten und gleichzeitig Ausgeschlossene, wenn möglich, zur Besinnung zu bringen. Wie können Eltern dieses Ziel unterstützen?

Die Religionsgemeinschaft braucht ihren Anhängern keine Befehle zu erteilen. Die gewünschte Wirkung, nämlich unbedingter, absoluter Gehorsam, tritt ohne vordergründige Zwangsmaßnahmen ein. Suggestiv-Fragen, ein bisschen Glaubenslyrik, zweckentfremdete, umgedeutete Bibelverse, und das suggerierte schlechte Gewissen erreichen ihr Ziel, ohne dass man der Führung nachweisen kann, herzlose Befehle erteilt zu haben.

Deus lo vult, das war im Mittelalter die Parole, die zum Kreuzzug gegen die Ungläubigen ausgegeben wurde. "Jehova hat’s geboten", so lautet der moderne Freibrief für herzloses, unmenschliches Verhalten, das die Religionsgemeinschaft ihren Anhängern abverlangt. Und wehe dem, der wichtige Familienangelegenheiten als Vorwand benutzt, dem "göttlichen Gebot" der "Reinerhaltung seiner Organisation" zuwider zu handeln! Die Drohung kann getrost auf körperliche Strafen verzichten. "Von Jehova verlassen zu werden", diese "Katastrophe" möchte kein Gläubiger heraufbeschwören.

Bezeichnend auch, dass selbst "unangebrachte Gefühle" gegenüber Ausgeschlossenen problematisiert werden:

Aaron, der Bruder von Moses, wurde durch zwei seiner Söhne einmal in eine sehr schwierige Situation gebracht. Versuch dir vorzustellen, wie er sich gefühlt haben muss, als Nadab und Abihu Jehova auf unerlaubte Weise Räucherwerk opferten und dafür von ihm getötet wurden. Die Frage, wie viel Umgang ihre Eltern noch mit ihnen haben konnten, hatte sich damit natürlich erübrigt. Aber das war noch nicht alles. Jehova wies Aaron und seine treu gebliebenen Söhne an: „Ihr dürft euer Haupthaar nicht ungepflegt hängen lassen, und eure Kleider sollt ihr nicht [als Zeichen der Trauer] zerreißen, damit ihr nicht sterbt und damit er [Jehova] nicht auf die ganze Gemeinde zornig wird“ (3. Mo. 10:1-6). Die Botschaft ist eindeutig: Unsere Liebe zu Jehova muss stärker sein als die Liebe zu Familienangehörigen, die ihm untreu werden.

Zwei Menschen werden von "Jehova" umgebracht, weil sie ihm unerlaubt räucherten! Der Kommentar der Religionsgemeinschaft:

Die Frage, wie viel Umgang ihre Eltern noch mit ihnen haben konnten, hatte sich damit natürlich erübrigt.


Nicht der mordende Gott wird problematisiert, sondern es wird der Keim für die nun folgende "Nutzanwendung" gelegt: Den Angehörigen war es bei Todesdrohung untersagt, als Zeichen ihrer Trauer über den Verlust ihrer Lieben das Haupthaar ungepflegt zu lassen und die Kleider zu zerreißen.

Die Botschaft ist eindeutig: Unsere Liebe zu Jehova muss stärker sein als die Liebe zu Familienangehörigen, die ihm untreu werden.

Jedes Volk schafft sich die Gottheit, die zu ihm passt.

Jehova ist so liebevoll, heute allen die Gelegenheit zu geben, ihre Sünden zu bereuen, statt an jedem, der sich über seine Gebote hinwegsetzt, gleich die Todesstrafe zu vollstrecken.

So etwas kann herauskommen, wenn man antike Texte gläubiger Menschen eins zu eins in die Neuzeit überträgt. Dann verstummen selbst natürliche menschliche Regungen, Mitgefühl wird unterdrückt und soziale und familiäre Bande geraten in Bedrängnis. Das aber kann nicht Sinn und Zweck des Glaubens sein.

Kein Zweifel: Die Praxis des Gemeinschaftsentzuges der Zeugen Jehovas gehört zu deren kritikwürdigsten Verhaltensweisen. Sie wird auch nicht dadurch besser, dass einige Ausgeschlossene durch sie zur Rückkehr bewegt werden können. Menschen vor die Wahl zu stellen: "Jehova und wir oder keinen von beiden" erfüllt meines Erachtens den Tatbestand einer Erpressung. Dass die Religionsgemeinschaft es, wie im Folgenden zu sehen, anders sieht, ändert daran nichts:

Viele, die einmal ausgeschlossen waren, sagen heute ganz offen, dass ihnen die konsequente Haltung ihrer Freunde und Angehörigen geholfen hat, wieder zur Vernunft zu kommen. Eine junge Frau zum Beispiel, die wiederaufgenommen wurde, erklärte den Ältesten, sie habe ihr Leben nicht zuletzt deshalb wieder in Ordnung gebracht, weil sich ihr leiblicher Bruder gewissenhaft an die Anordnung Jehovas in Sachen Gemeinschaftsentzug hielt. Sie sagte: „Sein treues Festhalten an biblischen Richtlinien hat mich dazu motiviert, zurückzukommen.“

Schade! Schade um jeden einzelnen Menschen, der die Freiheit von solcher Glaubensübermacht nicht gespürt hat, der keinen besseren Weg für sich gesehen hat, als wieder "demütig" in diese Gruppe zurückzukehren. Schade um jeden, der kein besseres Weltbild für sich finden konnte, ob einen mitfühlenderen Gott oder ein Leben ohne Geister, das es ihm erlaubt hätte, ganz nach seinem Wohlbefinden die Dinge seines individuellen Lebens selbstständig und eigenverantwortlich und nach menschlichem Maß zu regeln. Und schließlich: Schade, dass es allzu viele Menschen gibt, die offensichtlich eine größere Befriedigung darin empfinden, sich von einer Gruppe selbsternannter Boten Gottes hin- und herschieben und in deren Leistungsgemeinschaft einbinden zu lassen, als selbstverantwortlich und frei zu leben.

Die letzten Zitatzeilen sollen der traurige Ausklang meiner Streitschrift sein:

Was ist demnach der einzig richtige Schluss? Dass es dringend erforderlich ist, gegen die Neigung unseres unvollkommenen Herzens anzukämpfen, uns biblischem Rat zu widersetzen. Wir müssen felsenfest davon überzeugt sein, dass Jehovas Lösungswege für unsere Probleme immer die besten sind.

[...]

Viele ältere Brüder und Schwestern, die zur „großen Volksmenge“ gehören, dienen Jehova schon seit Jahrzehnten (Offb. 7:9). Sie hatten nie damit gerechnet, vor dem Ende noch alt zu werden. Aber sie haben sich nicht entmutigen lassen (Ps. 92:14).

"Jehovas Lösungswege sind immer die besten"? Ein Gott, der seine Probleme mit eigenständigen Denkern damit löst, dass er sie umbringt, hat sicher nicht die besten Lösungswege. Eine Glaubensgemeinschaft, die seit über 130 Jahren das Paradies verspricht, zur Lösung irdischer Probleme im Hier und Jetzt aber nichts beträgt, erachte ich für ungeeignet, Menschen in spirituellen Belangen Richtung und Halt zu geben.