Irrationale Überzeugungen nach Ellis

Irrationale Überzeugung Nr. 7: Die Meinung, es sei leichter, bestimmten Schwierigkeiten auszuweichen, als sich ihnen zu stellen.

Viele Menschen sind der Ansicht, es sei empfehlenswert, nur die Dinge zu tun, die einem »liegen« und »leicht fallen« und von sich aus Spaß machen; den Schwierigkeiten und Verantwortungen, die das Leben mit sich bringt, gehe man dagegen am besten aus dem Wege. Diese Meinung ist aus verschiedenen Gründen falsch:

1. Wer glaubt, sich vor den Schwierigkeiten des Lebens drücken zu können, zieht nur die momentanen Vorteile eines solchen Verhaltens in Betracht und übersieht die vielen Probleme und Nachteile, die es mit sich bringt. Wenn es Ihnen beispielsweise schwer fällt, eine Frau um einen Kuss zu bitten (oder sie zu küssen, ohne zu fragen!), und Sie beschließen, keinen Korb zu riskieren, dann werden Sie zwar im Augenblick Ihrer negativen Entscheidung einen Seufzer der Erleichterung ausstoßen und sich besser fühlen, da Sie dem Problem ausgewichen sind. Aber sobald dieses momentane Gefühl verflogen ist, werden Sie sich vermutlich erneut quälen, weil Sie sich mögliches Glück entgehen ließen, weil Sie nicht herausgefunden haben, was sie von Ihnen hält, und weil Sie keine Erfahrungen im Werben oder im Küssen gesammelt haben usw. Es ist daher gut möglich, dass Sie für Ihre momentane »Zufriedenheit« mit leidvollen Stunden, Tagen oder gar Jahren bezahlen.

2. Obwohl Ihnen die Anstrengung gering erscheinen mag, die Sie Ihr Ausweichen vor einer Entscheidung oder einer Aufgabe kostet, handelt es sich in Wirklichkeit oft um einen langen und schmerzhaften Prozess. Denn es kann Sie buchstäblich viele Stunden des Hin- und Herüberlegens, der Selbstquälerei und abgefeimter Listen und Ränke kosten, bevor Sie sich entschließen, eine schwierige, aber potentiell lohnende Aufgabe nicht in Angriff zu nehmen; und das Missbehagen, dem Sie sich dadurch aussetzen, kann zehnmal größer sein als das Missbehagen, das Ihrer Meinung nach mit der betreffenden Aufgabe verbunden ist.

3. Selbstvertrauen entsteht letzten Endes nur durch eigenes handeln, nicht durch Unterlassungen. Wir sind zuversichtlich, dass wir in Zukunft eine Aufgabe meistern und Spaß daran haben werden, weil wir bestimmte Aspekte dieser Aufgabe bereits in der Vergangenheit und Gegenwart bewältigt haben. Wenn Sie sich daher angewöhnen, stets den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, werden Sie vielleicht ein »bequemes« Leben haben, aber gleichzeitig werden Sie fast sicher über ein geringeres Maß an Selbstvertrauen verfügen.

4. Millionen von Menschen scheinen der Meinung zu sein, ein bequemes, problemloses, mit geringer Verantwortung beschwertes Leben sei besonders begehrenswert. Dies ist eine äußerst fragwürdige Annahme, wie Magda Arnold und Nina Bull hervorgehoben haben. Der Mensch scheint am »glücklichsten« zu sein, wenn er nicht untätig herumsitzt und vielleicht nicht einmal, wenn er jeweils einen relativ kurzen Augenblick lang stark erregt und emotional intensiv an etwas beteiligt ist. Am zufriedensten scheint der Mansche zu sein, wenn er sich zielorientiert verhält, d.h. wenn er sich einer langfristigen, eher schwierigen Aufgabe verschrieben hat, an der er systematisch und in relativer Ruhe arbeitet, ob diese nun auf dem Gebiet der Kunst, der Wissenschaft oder im geschäftlichen oder einem anderen Bereich liegt.

Wenn das Gesagte richtig ist, dann mag ein bequemes und verantwortungsarmes Leben zwar oft zeitweilig als angenehm empfunden werden - speziell in Perioden der Erholung von einem aktiveren Lebensstil -, auf die Dauer kann es aber kaum befriedigen. Leben ist Handeln, sich Bewegen, Erfahrungen machen, schöpferisch tätig sein; und der Mensch lässt sich Möglichkeiten intensiver Erfüllung entgehen, wenn er sich angewöhnt, schwierigen Aufgaben und Problemen aus dem Weg zu gehen.

Statt Schwierigkeiten, Herausforderungen und Verantwortung zu meiden, sollte der rationale Mensch nach folgenden Grundsätzen verfahren:

(1) Die Dinge, die getan werden müssen, sollte er tun, ohne sich zu beklagen, so schwer es ihm auch fallen mag. Gleichzeitig sollte er sich praktikable Mittel und Wege überlegen, wie sich die vermeidbaren unangenehmen Aspekte des Lebens reduzieren lassen. Er kann sich dazu erziehen, notwendige Aufgaben zu lösen, indem er sich mit logischen Argumenten von ihrer Unvermeidbarkeit überzeugt und sich dann buchstäblich zwingt, sie so rasch wie möglich hinter sich zu bringen.

(2) Falls er dazu neigt, sich bestimmten Problemen und Verantwortungen zu entziehen, sollte er sich keinesfalls einreden, dass er eben von »Natur« aus oder seiner »Veranlagung« nach faul sei, sondern sich bewusst machen, dass praktisch jeder solchen Verweigerung eine Kette eigener Sätze zugrunde liegt, die entweder von unbegründeter Angst oder von Auflehnung zeugen. Und er sollte diese autosuggestiven Sätze schonungslos enthüllen und so lange logisch analysieren, bis es ihm möglich ist, sie durch vernünftigere und aktivitätsförderndere zu ersetzen.

(3) Er sollte sich vor übertriebener Selbstdisziplin und der Tendenz, sich die Dinge allzu schwer zu machen, hüten (gewöhnlich ein Zeichen von Schuldgefühlen und Selbstbestrafungstendenzen). Aber er sollte jene Aktivitäten fördern, die ihn zur Selbstdisziplin erziehen; nötigenfalls durch Aufstellung von Arbeitsplänen, das Anvisieren von Zwischenzielen und das Hinarbeiten auf mittelfristige Belohnungen.

(4) Er sollte der Tatsache ins Auge sehen, dass Leben Aktivhit bedeutet und dass Ruhe und Zurückgezogenheit legitime Intervalle eines erfüllten Lebens darstellen, aber tödlich wirken, wenn sie den größten Teil dieses »Lebens« ausmachen. Er sollte weise genug sein, die Tatsache zu akzeptieren, dass speziell auf längere Sicht ein Leben, das voll von Verantwortung und Herausforderung ist und ständig Problemlösungen fordert, den größten Genuss verspricht.