Irrationale Überzeugungen nach Ellis

Irrationale Uberzeugung Nr. 10: Die Neigung, sich über die Probleme und Verhaltensschwierigkeiten anderer Leute aufzuregen.

1. Die Probleme der anderen haben häufig wenig oder nichts mit uns zu tun, und es gibt keinen Grund, weshalb wir uns über Gebühr aufregen müssen, wenn sie anders sind als wir oder sich in einer Weise verhalten, die uns falsch erscheint. Wenn Frau Maier ihre Kinder zu streng erzieht, so mag das für sie und ihre Familie schädliche Folgen haben; und wenn wir die Möglichkeit haben, ihr zu helfen, um so besser. Aber sie ist nicht unbedingt eine Verbrecherin, weil wir ihre Handlungsweise nicht billigen - es könnte sogar sein, dass sie Recht hat und wir hinsichtlich ihrer Erziehungsmethoden Unrecht haben. Aber selbst wenn sie eine Verbrecherin wäre und beispielsweise ihre Kinder misshandelte oder tötete, hätte es keinen Sinn, deshalb völlig außer sich zu geraten - wichtiger wäre es, die zuständigen Behörden nachdrücklich auf den Sachverhalt aufmerksam zu machen.

2. Auch in Fällen, wo Mitmenschen so verhaltensgestört sind, dass sie Dinge tun, die uns ärgern oder schaden, wird unser Arger zum größten Teil nicht durch ihr Verhalten ausgelöst, sondern durch unsere Einstellung dazu, unsere Neigung, Kränkungen und Beleidigungen zu »sammeln« . Behandelt uns beispielsweise jemand unhöflich, so schadet uns das in den seltensten Fällen. Aber wir sagen uns: »So eine Frechheit! Wie kann er es bloß wagen, mich so zu behandeln!« Was uns so in Rage bringt, ist also weit eher unser Nichtakzeptieren der Realität als seine Unhöflichkeit.

3. Wenn wir uns über das Verhalten anderer aufregen, tun wir so, als hätten wir beträchtliche Macht über sie und als könnte unsere Empörung ihr Verhalten auf magische Weise zum Besseren wenden. Das ist natürlich ein Irrglaube. Obwohl wir über enorme Kräfte verfügen, um uns selbst zu kontrollieren und zu ändern (die wir leider selten nutzen), haben wir in Wirklichkeit nur wenig Macht über andere. Und je mehr wir uns über ihr Verhalten ärgern und aufregen - und sie durch unsere Aufmerksamkeit auszeichnen -, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir sie zu einer Anderung veranlassen werden.

4. Selbst wenn es uns gelingt, das Verhalten anderer zu ändern, indem wir uns darüber aufregen, zahlen wir mit unserem Nervenverschleiß einen hohen Preis. Sicher hätte es andere, weniger selbstzerstörerische Mittel und Wege gegeben, die anderen in aller Ruhe von ihrem Fehl verhalten abzubringen. Meistens nützen wir mit unserer Wut und Empörung weder uns selbst noch den anderen.

5. Unsere Aufregung über das Benehmen anderer dient oft nur der Ablenkung von dem Punkt, auf den sich unser Interesse eigentlich konzentrieren sollte: nämlich wie wir uns benehmen und was wir tun. Wenn wir uns gestatten, uns lange über die Verwerflichkeit des Tuns anderer zu ereifern, so ist das nicht selten ein willkommener Vorwand, nicht vor der eigenen Tür kehren zu müssen und unsere eigenen Probleme ungelöst zu lassen.

Statt uns zu ärgern und aufzuregen, wenn sich andere unangemessen verhalten oder Dinge tun, die wir ablehnen, täten wir wesentlich besser daran, uns folgende Haltung anzugewöhnen:

(1) Wir sollten uns fragen, ob es sich wirklich lohnt, sich über das Tun und Lassen anderer zu empören, sowohl von ihrem als auch von unserem Standpunkt, und sollten uns nur dann um sie kümmern, wenn uns viel an ihnen liegt, wenn wir glauben, ihnen helfen zu können, sich zu ändern, und wenn wir meinen, ihnen durch unsere Anteilnahme eine echte Hilfe sein zu können.

(2) Auch wenn sich diejenigen, die uns viel bedeuten, falsch verhalten, sollten wir nicht in unnötige Erregung geraten, sondern vielmehr ruhig und sachlich versuchen, ihnen die Unangebrachtheit ihrer Handlungsweise vor Augen zu führen, und sollten ihnen liebevoll helfen, ihre Schwierigkeiten und Hindernisse zu überwinden.

(3) Wenn es absolut unmöglich ist, die anderen von ihrem selbstzerstörerischen oder lästigen Verhalten abzubringen, sollten wir zumindest versuchen, uns nicht über diese Situation zu ärgern, sondern uns statt dessen damit abfinden. und das Beste daraus machen.