Raus aus der Sekte - und dann?

Sektenopfer sind mitten unter uns. Und viele von ihnen haben mit erheblichen seelischen Problemen zu kämpfen. Eine Selbsthilfegruppe im Raum Mosel/Hunsrück hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Menschen ein Forum der Begegnung und des Gedankenaustauschs zu bieten.

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit haben sich auch hierzulande zahlreiche, zumeist religiös ausgerichtete Sekten etabliert. Sie reichen von kleinen Splittergruppen aus Fanatikern bis zu internationalen Organisationen, die in der Öffentlichkeit durchaus Beachtung und Ansehen genießen. Meist reden sie vom nahen Ende dieser Welt und versprechen das Paradies. Aber nur, wenn man bereit ist, ihnen Zeit und Geld zu opfern und sich ihren rigorosen Regeln zu unterwerfen.

Am Anfang stehen große Versprechungen. Am Ende desillusionierte Menschen, die Probleme haben, sich im normalen Leben wieder zurecht zu finden. Wer aus einer Sekte ausgestiegen ist, hat oft viele Jahre der Isolation und Manipulation hinter sich. Verbunden mit einem zerbrochenen Weltbild und all den psychischen Belastungen, die damit verbunden sind, in einer Welt wieder Fuß zu fassen, zu der man den Kontakt verloren hat und deren Menschen einem fremd geworden sind.

Die Zeugen Jehovas z. B. werden allgemein als eine eher harmlose religiöse Gruppe erlebt, deren Mitglieder von Haus zu Haus ziehen, um den Wachtturm anzubieten und von einem bevorstehenden Paradies auf Erden predigen. Doch es gibt mittlerweile allein in Deutschland Zehntausende von Aussteigern, die erlebt haben, dass es hinter den Mauern des Wachtturms alles andere als paradiesisch zugeht.

Da ist von rigiden Erziehungsmethoden die Rede, von Kindern, die dreimal die Woche zu religiösen Versammlungen geschleppt werden, wo ihnen Prügel drohen, wenn sie nicht stundenlang still sitzen und zuhören.

Menschenrechtsverletzungen, wie die Ablehnung der Gleichberechtigung von Mann und Frau sind an der Tagesordnung. Da wird von massiven Repressalien gegen diejenigen berichtet, die die Sekte verlassen haben. Nicht wenige von ihnen wurden in psychiatrische Behandlung getrieben.

Keine Sekte sieht sich selbst als Sekte. Jede erhebt den Anspruch, die einzig wahre Religion zu sein. Allerdings wissen die Mitglieder nur selten, dass sie so einzigartig eigentlich gar nicht sind. Der Kontakt mit Menschen, die aus anderen Sekten kommen, führt dazu, dass dieses elitäre Gefühl, anders und besser als die anderen zu sein, schnell wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Denn so sehr sich die einzelnen Sekten auch nach außen voneinander unterscheiden, im Inneren weisen sie alle ähnliche Merkmale auf. Sie arbeiten mit denselben Mechanismen, haben ähnliche Strukturen und in der Regel haben sie auch die gleichen Ziele: Menschen durch Heilsversprechungen abhängig zu machen, um sie für den eigenen Machtausbau zu benutzen. Dabei sind immer wieder erschütternde Berichte zu hören, die im krassen Gegensatz zur moralisch sauberen Fassade stehen, mit der sich Sekten gerne präsentieren. So berichtet die Webadresse www.sektenausstieg.net im Internet über Fälle von Kindesmissbrauch, die von der Sekte bewusst vertuscht werden. Diese Webseite berichtet unter auch von auffallend vielen Selbstmorden und Selbstmordversuche unter ehemaligen Zeugen Jehovas.

Die Selbsthilfegruppe Mosel/Hunsrück, eine Tochter des Netzwerks Sektenausstieg Deutschland e.V., hat es sich zur Aufgabe gemacht, Sektenaussteigern, Ausstiegswillige und Betroffene an einen Tisch zu bringen und eine Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch zu bieten. Bei uns im Raum Mosel/Hunsrück findet man einige Menschen, die dem Wachtturm den Rücken gekehrt haben und erst mühsam wieder lernen müssen, in einer Welt zurecht zu kommen, in der man seine eigene Meinung sagen darf und seine eigenen Entscheidungen treffen muss.

„Bei den Zeugen Jehovas gibt es das nämlich nicht“, berichtet Stephan E. Wolf, der 25 Jahre bei den Zeugen Jehovas war und sich seitdem aktiv in der Sektenaufklärung engagiert, aus eigener Erfahrung: „Hier gilt nur das, was von der Weltzentrale der Sekte, die Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft Inc. in Brooklyn, als „Wahrheit“ verkündet wird. Wer daran Kritik äußert, wird als „abtrünnig“ gebrandmarkt und von Glaubensbrüdern und selbst engsten Verwandten gemieden als habe er die Pest.“

„Das Gespräch mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, ist für viele wie eine Therapie. Oft hilft es schon, wenn sich Aussteiger mit anderen austauschen können“ weiß Stephan E. Wolf.

Die Zeugen Jehovas stellen einen Schwerpunkt dieser neu gegründeten Gruppe dar, die ihre Erkenntnisse innerhalb eines internationalen Netzwerks auch mit anderen Selbsthilfegruppen austauscht und unter der Webadresse www.sektenausstieg.net im Internet dokumentiert ist.

Sie trifft sich am 10. September 2004 um 19.00 Uhr zum ersten Mal im Bürgerhaus Nord in Trier und dann an jedem ersten Samstag des Monats. Eingeladen sind vor allem Sektenaussteiger, Betroffene und alle, die sich für die Thematik interessieren. Die Selbsthilfegruppe Mosel/Hunsrück ist unter dem Infotelefon 0175/5484541 oder der E-Mail-Adresse Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! zu erreichen.

Derzeit klagen die Zeugen Jehovas übrigens vor dem Oberverwaltungsgericht in Berlin um die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Auch wenn für sie der Staat ein Werkzeug des Teufels ist, wollen sie doch seine Privilegien haben – von Steuerbefreiungen bis zum Recht, Kirchensteuer einzuziehen und ihre Lehre an den Schulen zu predigen.

"Rund um Hermeskeil" Eine Heimatzeitung im Hunsrück