David T. Brown - Ein Leben nach dem Wachtturm

Ein Interview mit David T. Brown
Randy: Dave, die erste Frage, die ich dir stellen wollte, ist, welche Erfahrung oder welchen Hintergrund hast du in der Wachtturm-Organisation?

David: Ich fing ein Studium mit den Zeugen an, als ich etwa 12 Jahre alt war, gegen den Wunsch meiner Eltern.

Ich ließ mich 1969 taufen, da war ich 15. Ich habe es nie geschafft, allgemeiner Pionier zu werden, aber ich war damals mehrere Monate lang Pionier "auf Zeit" und bewarb mich dann 1973 fürs Bethel und ging im September 1973 nach Brooklyn. Ich wurde im Februar 1975 von Brooklyn auf die Wachtturm-Farm versetzt und ging ein Jahr und einen Tag später im Februar 1976.

Randy: Nicht lange darauf hast du geheiratet, stimmt's?

David: Ich heiratete im März 1977 eine allgemeine Pionierin und setzte mir zum Ziel, Pionier zu werden oder vielleicht ins Bethel zurückzugehen.

Randy: Später kamen dir Zweifel an der Wachtturm-Organisation und ihrer Lehre, und 1980 bist du gegangen, richtig?

David: Richtig.

Randy: Wenn du nun auf deine Teenagerjahre zurückblickst, was glaubst du, waren deine Beweggründe, sich auf die Organisation einzulassen?

David: Ich glaube, ich wollte Antworten auf einige grundlegenden Fragen des Lebens haben. Ich wollte die Bibel verstehen und Gott kennenlernen und auch einige gute Freundschaften zu den Leuten in der Versammlung entwickeln. Das verstärkte meinen Wusch, in Kontakt mit der Organisation zu bleiben. Meine Leute waren taubstumm und sind es noch. Ich habe für die Zeugen übersetzt, als sie uns besuchten. Es war eine Tür-zu-Tür-Erfahrung, die mich in die Sache hineinzog. Ich war ein sorgenvoller Teenager, der einige Antworten haben wollte und sie nicht von seiner Kirche bekam.

Randy: So wurde das Bedürfnis nach Freundschaften erfüllt, nach Antworten auf die Probleme des Lebens. Wie viele Jahre bist du im Wachtturm geblieben?

David: Als Getaufter 11 Jahre.

Randy: Wenn du auf die Zeit zurückblickst, nachdem du geheiratet und dich dazu entschlossen hast, die Wachtturm-Organisation zu verlassen, wie oder auf welche Art war der Weggang von der Wachtturm-Organisation eine negative Erfahrung?

David: Natürlich war das der Aspekt, meine Freunde zu verlieren. Meine Freunde waren mir wirklich sehr wichtig. Ich denke, die schlimmste Situation war die, daß ich nicht mehr die Fassade aufrechterhalten konnte, ein Zeuge zu sein. Hätte ich weiter versucht, diese Fassade aufrechtzuerhalten, dann hätte ich wohl einen Nervenzusammenbruch erlitten. Meine Frau hatte nicht den Wunsch, die Zeugen zu verlassen, sie war eine große Stütze für die Zeugen und sehr engagiert, und sie war auch schwanger. Ich fühlte mich mies, all diesen Schmerz in ihrem Leben zu verursachen. Neben der Erfahrung des Schmerzes, weil ich wußte, daß die Möglichkeit bestand, daß wir auseinandergingen, war das auch das Ende der Diskussionen mit meiner Frau über geistige Dinge.

Randy: Hat deine Frau es so empfunden, als stürze für sie damals eine Welt zusammen?

David: Sie drückte das später so aus, daß es für sie eine Erfahrung wie der Tod war. Ich weiß nicht mehr genau, was sie gesagt hat, aber es war eine äußerst betrübliche Zeit für sie.

Randy: Wie würdest du sagen, war es eine sehr positive Erfahrung, die Zeugen verlassen zu haben?

David: Einer der Hauptpunkte, warum ich die Organisation verlassen habe, war die Rolle, die Christus im Leben eines Christen spielt. Es war sehr beruhigend, zu wissen, daß ich zu ihm beten konnte, und deshalb bin ich von der Organisation weggegangen. Vier Tage, nachdem ich zum erstenmal zu ihm gebetet habe, verließ ich die Organisation. Das war sehr tröstlich, beruhigend, ein Grund zur Freude, und es war eine Stütze für mich. Damals war ich einem Nervenzusammenbruch nahe, und ich denke, ich hätte nicht weiterleben können, wenn ich nicht diese neue Erfahrung in meinem Leben gehabt hätte.

Randy: Wie kam es dazu, daß du einen Dienst aufgemacht hast, um Jehovas Zeugen zu helfen? Hast du sofort nach 1980 damit begonnen, oder wie hat sich das entwickelt?

David: Nun, ursprünglich war es so eine Art Kreuzzug, um meine Freunde aufzuwecken, die noch in der Organisation waren. Ich habe Informationsmaterial verschickt, und von daher hat es sich einfach so entwickelt. Leute haben angerufen, als sie von meiner Situation hörten. Ich hatte die Organisation verlassen, und sie riefen an und baten mich um Informationen. Sie wollten einen Rat haben. Von daher hat es sich einfach so entwickelt.

Randy: So hattest du die ganze Zeit über den Wunsch, den Zeugen zu helfen, Christus kennenzulernen.

David: Ganz richtig. Das war das Grundlegende, was ich mit ihnen teilen wollte; was ich herausgefunden hatte

Randy: Du glaubst nicht, daß du es aus einem Zwang heraus tust, aus negativen Beweggründen oder so? Wut oder Verbitterung?

David: Ich glaube, es gab Zeiten, wo ich mich wohl fragte, ob ich das nicht aus therapeutischen Gründen für mich tue. Ich weiß nicht, ob "therapeutisch" das richtige Wort ist; ich habe mir nur fast irgendwie gewünscht, ich könnte das auch mit meiner Frau teilen. Ich weiß nicht, ob das wirklich zu dem paßt, was du gefragt hast. Nach einer kurzen Weile begann ich zu erkennen, daß es einfach der Wunsch ist, das mit anderen Leuten zu teilen, was ich kannte, um ihnen zu helfen; was ich für andere Leute tun muß.

Randy: Dave, was ist deiner Meinung nach das größte Problem, wenn man den Zeugen helfen will, sich nach dem Weggang vom Wachtturm ein neues Leben aufzubauen?

David: Ich denke, das Wichtigste, das man tun muß, ist, daß man sich selbst deprogrammiert. Eine Menge Leute, die die Wachtturm-Gesellschaft verlassen, denken immer noch auf vielen Gebieten wie die Zeugen. Sie müssen sich genügend Zeit dafür nehmen, die Geschichte der Wachtturm-Gesellschaft zu studieren und auch die Unterschiede, was die Bibel im Gegensatz zum Wachtturm zu sagen hat, so daß sie keine Gefangenen der Vergangenheit mehr sind. Das andere Hauptproblem ist, zumindest bei einigen Exzeugen, eine Menge Verbitterung aufgrund ihrer Erfahrungen. Mein eigener Standpunkt dazu ist ein Ja: die Wachtturm-Gesellschaft manipuliert Menschen. Sie verletzt Menschen. Sie tut einiges sehr Böses, aber die meisten Menschen, die sich bei den Zeugen engagieren, müssen erkennen, daß es einen Punkt gab, wo sie eine bewußte Entscheidung getroffen haben, auch wenn sie irregeführt wurden. Es gibt da einen Teil persönlicher Schuld. Wenn man verbittert durchs Leben geht und nicht in der Lage ist, loszulassen, kann das einen daran hindern, in die Erkenntnis hineinzuwachsen, was es mit dem Christentum auf sich hat.

Randy: Danke, Dave, daß du dir die Zeit genommen hast! Ich freue mich, daß deine Frau Doris sich in den vergangenen zwei Jahren ebenfalls deinem Weg als Christ angeschlossen hat.

Reprint aus dem Bethel Ministries Newsletter von Sep/Okt 1990
von Randall Watters