Juan - vom Zeugen Jehovas zum Zeugen für Christus

Ich wurde am 6. Juni 1986 getauft. Damals war ich 14 Jahre alt. Ich brannte vor dem, was ich ohne Zweifel im Sinn als Wahrheit betrachtete. Ich war ein naiver Puertoricaner aus New York City, der nebenbei kein bißchen Spanisch sprach.

Mein Vater war das, was man einen weltlichen Mann nennen kann. Meine Mutter, eine rastlose Arbeiterin in der Familie, war die Ernährerin, Hausfrau und geistige Führung in unserem Haushalt. Meine Schwester war, als sie jung war, mehr freundschaftlich, aber wie eine zweite Mutter. Man könnte sie immer noch eifrig im Pionierdienst und als Säulen in der Versammlung vorfinden. Meine Schwester heiratete einen großartigen Mann und Schwager von mir.

Zurück zum Anfang. Wenn ich daran denke, was in meiner Kindheit hervorstach, so waren es Verletzungen und Enttäuschungen. Was ja bei einer Religion unvermeidlich ist, die wie ein Geschäftsunternehmen geführt wird. Und vergleichbar gibt es auch Hinauswürfe, Degradierungen und Beförderungen. Eine Religion, die so kalt und berechnend sein kann wie ein Unternehmen.

Einiges, was mir in den Sinn kommt, stammt offenbar frisch von meiner Taufe als Zeuge Jehovas. Ich war bereit für die Welt, wie ich bereits erwähnte; brennend vor Eifer für meinen großen Gott Jehova. Und doch schien es, daß viele andere Jugendliche in meiner Versammlung nicht dasselbe empfanden. Sie ärgerten sich über meine Taufe in einem so frühen Alter. Für einen Jugendlichen bei den Zeugen Jehovas ist die Taufe ein großer Schritt. Es kennzeichnet dich als immerwährenden Verkündiger für Jehova. Die meisten jugendlichen Zeugen werden ständig von ihren Eltern gedrängt, diesen Schritt zu tun, weil ja Harmagedon unmittelbar bevorsteht. Die Taufe ist ein sicherer Weg, einen Schritt in Richtung auf die Erlösung zu gehen , und er wird einem vorgehalten, bis man ihn tut. Ich unternahm diesen Schritt freiwillig, aber nun wurden andere mehr als je gedrängt, ebenso zu handeln, und ich war nun ein zusätzliches Gewicht, das auf anderen lastete, sich taufen zu lassen.

Nun, vielleicht wißt ihr schon, daß ich im Königreichssaal nicht der Beliebteste war. Als Zeugen Jehovas wurde uns gesagt, wir sollten keinen Umgang mit Menschen haben, die nicht unseres Glaubens sind. So hatte ich eine schwierige Zeit, zu erklären, warum ich mit den Jugendlichen aus der Schule zusammen war und es keinen Spaß machte, zu versuchen, mit den Jugendlichen in unserer Versammlung, denen wirklich nichts an mir lag, Umgang zu haben. Das Ergebnis war, daß ich mich viele Tage zu Hause mit mir selbst beschäftigt fand. Ich hatte zwar immer meine Schwester, aber als Jugendlicher braucht man immer ein paar Freunde vom eigenen Geschlecht. Daher versuchte ich, mit den älteren Männern in der Versammlung Umgang zu haben, aber ich fand mich wegen meines Eifers für religiöse Vorschriften ihnen schnell entfremdet. Alles, was die leitende Körperschaft sagte, nahm ich so auf, als käme es von Gott selbst. Das war nicht bloß meine Auffassung von den Dingen, vielmehr ist es das, was man uns in den Wachtturm-Zeitschriften und auf Kongressen sagte. Wenn man das, was sie sagen, nicht annimmt, muß man sein Denken berichtigen oder läuft Gefahr, ausgeschlossen zu werden, weil man gegen Gottes gesalbten Kanal ist.

Ich erinnere mich noch deutlich, daß wir etwa ein Jahr lang in unseren Publikationen und besonders auf unseren Kongressen informiert wurden, vorsichtig damit zu sein, sich für irgendeinen Sport zu begeistern, insbesondere den gewalttätigen Sport American Football. Die Brüder in meinem Königreichssaal kamen immer zusammen, wenn zwei bestimmte Teams gegeneinander spielten. Das waren Brüder, zu denen ich oft aufblickte; geistige Männer Gottes, so dachte ich. Sie teilten jeden danach ein, für welches Team er war. Dann wurde der junge Knabe fertiggemacht, der sich nur daran erinnerte, wie unbedeutend das alles war im Vergleich zu dem, was die leitende Körperschaft sagte. Sie fragten, wessen Fan man sei, und ich antwortete ihnen kühn mit dem, was man uns auf dem vorangehenden Kongreß gelehrt hatte. Und sie erwiderten, indem sie sich über mich lustig machten, einige sehr ärgerlich. Einige schimpften: "Du bist ja noch grün hinter den Ohren." Hat irgend jemand von ihnen mein Geistiggesinntsein verteidigt oder auch nur meine Jugend in Anrechnung gebracht? Nein, kein einziger. Statt dessen fand ich Wut, Verachtung und Spott von Ältesten, Dienstamtgehilfen und erwachsenen Männern. Bei einer anderen Gelegenheit fand ich, daß ein einfaches Basketballspiel ihren Kampfgeist herausfordern und einen von ihnen versuchen lassen würde, mich, einen jungen Knaben, körperlich herauszufordern. Hat jemand diesen Bruder zurechtgewiesen? Nein!

Als Ergebnis meiner unfruchtbaren Suche nach Gemeinschaft wurde ich immer einsamer und deprimierter. Ich mußte mit alledem noch zusätzlich zu dem üblichen Druck, im Teenageralter zu sein, fertig werden. Ich hatte Probleme mit Akne, unerwiderte Gefühle für das andere Geschlecht und Ablehnung durch meine Mitschüler, weil man mich lehrte, mich nicht nach der letzten Mode zu kleiden. Ich kann ehrlich sagen, daß mich dies trotz eines Bündels von Schwierigkeiten, die durch die entfremdenden Richtlinien meiner Religion verursacht wurden, zu einem Menschen formte, der hungrig nach wahrem Glück war. Als junger Mensch erkenne ich nun, daß ich kein enges Verhältnis zu Gott hatte, sondern statt dessen für hohe religiöse Maßstäbe eiferte. Das führte dazu, daß ich quasi die Organisation anbetete; etwas, das unbekümmert und verwirrend von der Wachtturm-Gesellschaft gelehrt wird. Die Ächtungspolitik der Wachtturm-Gesellschaft bei diesen Maßstäben hat praktisch einen Stall von Richtern hervorgebracht. Und sie hat keinen Erfolg dabei gehabt, Jehovas Zeugen zu etwas Besserem als die Laien in der Kirche heute zu machen. Ich kenne persönlich viele Zeugen Jehovas, die heimlich sündigen, weil sie Angst haben, daß man ihnen die Gemeinschaft entzieht, manchmal für Jahre. Viele Zeugen Jehovas sind wie die Juden der alten Zeit geworden, sie folgen den Gesetzen aus Pflichtgefühl und nicht aus Liebe zu Gott. Matth. 15:6-9: "Und so habt ihr das Wort Gottes um eurer Überlieferung willen ungültig gemacht. Ihr Heuchler, treffend hat Jesaja von euch prophezeit, als er sagte: 'Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, doch ihr Herz ist weit entfernt von mir. Vergeblich bringen sie mir fortwährend Anbetung dar, weil sie als Lehren Menschengebote lehren.'" In meiner Versammlung war Hurerei unter den jungen Leuten üblich. Viele waren zu der Zeit bereits getauft, und sie erzählten mir selbst, dies geschehe unter Zwang, nur um den Belästigungen durch die Eltern zu entgehen.

Vier Jahre nach meiner Taufe hatte ich genug von der Heuchelei der Jugendlichen und ihrer Eltern. Viele ihrer Väter waren Älteste und Dienstamtgehilfen. Ich hatte mit keinem von ihnen Umgang und litt unter einer schweren Depression. Wegen meines eifrigen Predigtdienstes nahmen die Ältesten an, mir ginge es gut. Meine Mutter ersuchte sie ständig, sich mit mir zusammenzusetzen; nur unter meiner Drohung, daß ich sonst die Gemeinschaft verlassen würde, kamen sie schließlich ihren Wünschen nach. Ich habe alles das gesagt, was ich in diesem Zeugnis sage. Ich fühlte mich wegen des Mangels an Zuwendung verletzt, und weil mein Vater weltlich gesinnt war, war da immer eine Grenze, die mich daran hinderte, mich zu ihm hingezogen zu fühlen. Das einzige, was ich hatte, war die Erfüllung meiner Verantwortlichkeiten in der Versammlung. Und die wurden mir, ohne es bei diesem Treffen zu wissen, auch noch genommen. Das Treffen machte mich noch hoffnungsloser. Ihre Antwort war, ich sollte mehr Zeit mit der Familie verbringen. Dieser Vorschlag bedeutete mehr, als er sagte.

In dem Monat bemerkte ich, daß mein Name nicht auf der Liste für die Aufsicht und die Bedienung der Tonanlage stand. Ich wartete einen zweiten Monat ab, und wieder stand ich nicht darauf. Ich dachte, man hätte einen Fehler gemacht. Man hatte mir nie gesagt, man würde mich der Pflichten entbinden, auf die ich mich so freute. Als ich sie ansprach, sagten sie, ich brauchte es, mit der Familie in der Versammlung zusammenzusitzen. Wie sollte dies mein Selbstwertgefühl bessern? Warum sagten sie mir nicht, daß ich von der einzigen Sache entbunden war, die mir noch Freude machte? Das waren die wenigen Diensthandlungen für meinen Gott, auf die ich mich freute, weil ich an ihnen teilhatte! Hier war der einzige Jugendliche in meiner Versammlung, der das Rechte tat und ohne Bekanntgabe bestraft wurde, weil er aus Mangel an gesunder Gemeinschaft depressiv geworden war.

Immer wieder gibt es Szenarien wie dieses und noch schlimmere Fälle von Fehlurteilen, die es eindeutig deswegen gibt, weil Menschen nicht Gott spielen sollten. Jehovas Zeugen sind schnell bei der Hand, die Beichten der katholischen Kirche zu kritisieren, aber sie sind übertrieben blind für die Rechtskomitees, die sie haben, und den permanenten psychologischen Schaden, den diese verursachen. In meinem Fall hat die Entscheidung keineswegs ein Rechtskomitee getroffen, doch bis heute bleibt es eine schmerzvolle Narbe; eine von vielen, die ich aus meiner einsamen und verzweifelten Kindheit davongetragen habe. Ich blieb ein Zeuge Jehovas, der seine eigenen Lösungen finden mußte und wiederholt Rückschläge erlitt. Aber ich überwand diese Hindernisse. Doch ständig waren Dinge in meinem Hinterkopf, die ich erst später ansprach.

Ich will mit einigen wenigen beginnen. 1975 war immer etwas, das ich im Vorübergehen hörte, aber ich zwang mich nie, das zu untersuchen. Wenn man mit dem wöchentlichen Studium der Wachtturm-Literatur beschäftigt ist und viele Stunden im Predigtdienst verbringt und dann noch vor einer Menge von Problemen steht, mit denen man fertig werden muß, kann sich das als aufzehrend erweisen. Das Ergebnis ist, daß man die relevanten Fragen des Lebens in der Ruhelosigkeit des beschäftigten Lebens eines Zeugen Jehovas vergißt. Dank sei Gott, wenn man ständig daran erinnert wird. Die Leute erkennen nicht, daß der Teufel wie in den Tagen Noahs möchte, daß das Telefonklingeln des Herrn unbeantwortet bleibt, und so versucht er, deinen Sinn zu beschäftigen, so daß man das Klingeln ignoriert. Glücklicherweise gehörte ich nicht zu den vielen, die zulassen, daß das Klingeln unbeantwortet bleibt. Ich war gelegentlich weit weg, aber schließlich nahm ich den Hörer auf. Nicht nur, daß mich 1975 verwirrte, sondern auch die Forderung an Jehovas Zeugen, diese sogenannten Abtrünnigen nicht zur Kenntnis zu nehmen. Ich dachte: Wir haben doch die Wahrheit, also können wir doch so handeln , wie der alte Rutherford es getan hätte, und sie mit Bibelstellen erschlagen. Warum sollte ich mich vor ein paar Ex-Zeugen ducken, die zur Christenheit zurückgekehrt sind. 1. Petrus 3:15 sagt:

Heiligt den Christus als Herrn in eurem Herzen, stets bereit zu einer Verteidigung vor jedermann, der von euch einen Grund für die Hoffnung verlangt, die in euch ist.

Die dritte Sache, die immer in meinem Sinn war, war auch, daß wir immer gelehrt hatten, die Generation von 1914 würde nicht vergehen, ehe das Ende der Welt käme. Die Wachtturm-Gesellschaft stellte auf Kongressen und in den Wachtturm-Zeitschriften und in der anderen Literatur Schätzungen auf, wie alt jemand in der Zeit von 1914 sein mußte, um die Ereignisse dieses Jahres zu erkennen. Ich erinnere mich daran, daß es hieß, 15 Jahre, und später wurde das abgeändert auf Personen, die 1914 geboren wurden. Natürlich sehe ich jetzt, daß verschiedene Altersstufen als Barometer benutzt wurden. Ich weiß jetzt auch, daß 1975 als Jahr vorhergesagt wurde, in dem Harmagedon kommen sollte. Wie diejenigen, die ihre Häuser verkauften, weil sie implizit glaubten, daß Jehova durch die Seiten des Wachtturms spreche, glaubte auch ich ohne zu zweifeln, daß Harmagedon käme, bevor die Generation von 1914 vergehen würde. Das war meine Hoffnung, von der ich mit Sicherheit glaubte, daß sie sich erfüllte. Als junger Mensch waren das, was ich mehr als alles in der Welt fürchtete, Tod und Alter, aber mit der Hoffnung im Zusammenhang mit 1914 war ich sicher, daß das nie geschehen würde. Die durchschnittliche Lebensspanne für einen Menschen beträgt bestenfalls 70 oder 80 Jahre. Ich rechnete wie viele andere Zeugen Jehovas. Wenn du 1914 geboren wurdest und, sagen wir mal, 90 Jahre lebst, dann leben du und alle 1914 Geborenen bis zum Jahr 2004. Und das ist noch weit hin! Ich bin dann 33 Jahre und lebe in meinen Gedanken im irdischen Paradies. Ich rechnete immer, mit 25 oder 35 Jahren würde ich Rutherfords Ansprache Millionen jetzt lebender Menschen werden nie sterben erfüllen! Die Vorstellung vom Tod war für mich weit weg, wenn ich nicht ein katastrophales Leiden oder Unglück erfuhr.

Jetzt bin ich 25 Jahre alt. Ich habe mich den Themen gestellt, die wie ein entferntes Telefon in meinem Kopf klingelten. Doch vorher habe ich eine wundervolle Frau, die ich sehr liebe, geheiratet. Und sah, wie in meiner Familie jeder seine eigenen Wege ging. Meine Schwester heiratete wie bereits erwähnt und zog auf die Karolineninseln. Und meine Mutter machte eine schmerzhafte Scheidung durch und suchte gleichfalls den friedlichen Trost der Karolinen. Sie sind nie weit entfernt voneinander und haben eine solch enge Beziehung entwickelt, daß sie eher wie Schwestern als wie Mutter und Tochter erscheinen. Meine Frau und ich bleiben lieber in der Nähe ihres Vaters, dem einzigen richtigen Angehörigen, den sie hat.

Meine Frau verlor ihre Mutter, als sie noch sehr jung war, wegen der von den Zeugen Jehovas vertretenen Lehre des Blutverbotes. Gelegentlich kann ich ihren Schmerz nachempfinden. Viele Zeugen Jehovas haben unnötig gelitten, weil sie an Lehren festhielten, die wie die neueste Mode fallengelassen wurden. Wenn ich die Zeugnisse meiner Brüder und Schwestern erdenweit höre, lese und sehe, die Angehörige, Wohnungen und Leben wegen dieser ständig wechselnden Lehren verloren haben, tut mir das in der Seele weh. Es erinnert mich an das, was in Jesaja 5:13 zu lesen ist:

Daher wird mein Volk as Mangel an Erkenntnis ins Exil gehen müssen; und ihre Herrlichkeit werden Ausgehungerte sein (die leitende Körperschaft), und ihre Menge (die einfachen Zeugen Jehovas) wird vor Durst verschmachtet sein.

Als Zeugen Jehovas haben wir immer die uninformierte Laienschaft der Kirchen kritisiert, aber wir werden von der Leitung der Wachtturm-Gesellschaft auch nur in begrenztem Maße belehrt. Ein Beispiel ist eine Veröffentlichung, die von der Wachtturm-Gesellschaft kostenlos geliefert wird, die Kingdom Interlinear Translation of the Greek Scriptures. Jahrelang nannte ich sie immer eine merkwürdige Bibel. Wie vieles andere ist sie vielen Zeugen fremd, und viele wissen nicht einmal, daß es sie gibt. Andere wie ich haben sie gesehen, werden aber durch sie eingeschüchtert und haben keine Vorstellung davon, wozu sie nütze ist. Sie ist nur eine Reliquie, die ich nie benutzt habe.

Nach fünf Jahren Ehe war ich in geistiger Hinsicht ganz unten. Mir fehlte der Antrieb für das Einerlei des Predigtdienstes oder dafür, eine Stellung in der Versammlung anzustreben. Ich war empört über die betrügerischen Machenschaften der Spiritualität von Brüdern, nur um einen Titel zu bekommen und damit, so denken sie, in eine glorifizierte Stellung zu kommen. Als ich jung war, lehrte man mich immer, daß in der Organisation alle gleich seien - anders als in den Kirchen, wo es Titel wie Ehrwürdiger Vater oder Bischof gibt. Das ist jedoch eindeutig eine leere Aussage, weil viele Brüder in ihrer Sicht die Titel in unserer Organisation zur eigenen Verherrlichung anstreben. Und Verantwortung wird an Macht gemessen. Viele entwickeln betrügerische Beziehungen zu Ältesten und Kreisaufsehern, um eine Stellung zu erlangen. Sie verbringen auch mehr Zeit im Predigtdienst, doch wenn sie ihren Titel erhalten haben, ebnet sich das gewöhnlich wieder ein. Ich dachte immer, wenn ich eine Stellung anstrebe, dann darum, um der Herde zu dienen, und nicht aus Selbstgefälligkeit.

Ein weiterer Grund, meinen Wunsch zu ändern, war, daß mir wieder einmal meine Hoffnungen und Träume weggerissen wurden. 1995, auf dem Kongreß Göttliche Lehre, nahm die Wachtturm-Gesellschaft eine wichtige Änderung in der Lehre vor. Nun definierte sie die Aussage: "Die Generation werde nicht vergehen"; es bedeute nicht, die Personen von 1914 würden Harmagedon noch erleben. Jetzt sagte sie, die "böse Generation" sei gemeint. Aber diese böse Generation gibt es schon seit Jahrhunderten. Ich fühlte mich plötzlich so betrogen, wie es Menschen 1975 empfunden haben mußten. Ich dachte immer, diese Lehre sei wie der FELS der Zusicherung, daß ich nie alt würde und sterben müßte. Offenbar dachten auch viele Tausend anderer Zeugen Jehovas wie ich, das sei ihr Barometer und Countdown für das Paradies, denn in den folgenden Jahren ging die Zahl der Anwesenden in den Zusammenkünften weltweit zurück. Die Gesellschaft spricht dieses Problem ständig an. Ich kann nur beten, daß dies ein Weckruf für viele Zeugen Jehovas ist, daß man den Äußerungen von Menschen bezüglich unserer Hoffnungen nicht trauen kann. Daten, Zeiten und Generationen sind mit ihren Hoffnungen auf ein besseres Morgen gekommen und gegangen (1874, 1914, 1915, 1920, 1925, 1975, die Generation von 1914, die nie vergehen sollte, Verheißungen im Namen Gottes: 5.Mose. 18:20-22.).

Ich bekam dann einen Job in einem Rennstall, nachdem ich vier Jahre lang anstrengende Stunden im Restaurant-Management verbracht hatte. Während der Arbeit surfte ich spaßeshalber im Internet. Eines Tages sind ich und meine Frau am Telefon, wir surfen beide im Internet und ich sage: Laß uns mal sehen, was es da über Jehovas Zeugen gibt. Wir sprangen mit unterschiedlichen Reaktionen auf diese Website. Sie ging sofort wieder aus der Site und rief aus, das sei ja Material von Abtrünnigen, während sich für mich die Gelegenheit bot, auf Leute zu reagieren, die ich zu hassen gelehrt worden war. Ich begab mich auf eine Suche nach Wahrheit, um die dunklen Reden des Teufels für immer zu zerstören. Ich gab mir das Etikett "Der Beröer", bereit, der Unwahrheit zu entgegnen und sie bloßzustellen. Zu Hause schrieb ich lange Artikel auf jede Behauptung. Ich sah, daß ich für viele Behauptungen gegen die Wachtturm-Gesellschaft einen Gegengrund finden konnte, doch in Lehrpunkten wurde deutlich, daß es da schwerwiegende Fehler gab. Das wurde um so deutlicher, als auf einer Site der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas zur Reform in der Blutfrage in vielen Details das Blutverbot biblisch und medizinisch als unvernünftig dargelegt wurde.

Dennoch dachte meine Frau, es wäre eine gute Idee, von den Websites die Finger zu lassen. Ich konnte es nicht über mich bringen, aufzuhören; ich wollte mich in der Religion, für die ich mich trotz der Enttäuschungen entschieden hatte, sicher fühlen. Es lief alles auf die Reinheit dessen hinaus, was wir als die Wahrheit bezeichnen. Die Wahrheit stellt die Finsternis bloß, nicht umgekehrt. Ich begann wie nie zuvor zu studieren und stellte meine Bibelfähigkeiten in einem Maße auf die Probe, wie ich nie von Personen an den Türen herausgefordert werden konnte. Diese Abtrünnigen führten mich in die Welt der Griechischen Schriften ein. Dann besorgte ich mir diese seltsame Bibel, von der ich weiter oben sprach, und lehrte mich selbst, sie zu gebrauchen. Es wurde deutlich, daß da ein Lernprozeß im Gange war, wie ihm Jehovas Zeugen nicht ausgesetzt sind. Ich fand mich, wie ich ein Vine's Wörterbuch des Neuen Testaments und eine Studienbibel kaufte.

Das Ergebnis war, daß die Wahrheit immer deutlicher wurde, und diese Wahrheit war nicht das, was die Wachtturm-Gesellschaft lehrte. Die Bibelstellen schlossen sich mir auf wie nie zuvor. Doch mein Stolz hielt mich davor zurück, einige Wahrheiten zu akzeptieren. Alles dies riß mein Leben auf, aber ich konnte doch nicht aufhören. Meine Frau und meine Mutter zog ich bei allen diesen Änderungen, die ich durchmachte, ins Vertrauen und sie drängten mich, aufzuhören, aber ich wurde getrieben von der Erkenntnis des Schmerzes, durch den ich hindurch mußte. Wer die nächsten paar Sätze liest, dem möchte ich nicht die Notwendigkeit einprägen, die Dinge so anzunehmen, wie ich es getan habe, aber ich möchte euch doch drängen, alles zu untersuchen, das euch die Wachtturm-Gesellschaft oder irgendwelche Menschen gelehrt haben. 1. Johannes 4:1 sagt:

Glaubt nicht jeder inspirierten Äußerung, sondern prüft die inspirierten Äußerungen, um zu sehen, ob sie von Gott stammen, weil viele falsche Propheten in die Welt ausgegangen sind.

Eines der wenigen Dinge, über die ich mich in meinem Stolz ärgerte, war die Göttlichkeit Christi. Ich dachte ganz sicher, daß dies eine Irrlehre sei, doch die überwältigende Mehrzahl der Lehren, die die Wachtturm-Gesellschaft glaubt, stimmen nicht mit der Bibel überein. Ich bemühte mich damals darum, mich in eine religiöse Klasse einzureihen. Da waren die Klassen vor mir: die Internationalen Bibelforscher, die Gemeinschaft der Reformer, oder einfach um des Friedens in der Familie willen als Zeuge leben. Alle meine Angehörigen in den USA sind Zeugen Jehovas und meine Frau und ihr Vater ebenfalls. Enttäuscht über die Einstellung dieser aller zu Gott tat ich etwas, das mir einfach nicht als möglich in den Sinn kam. Ich dachte persönlich, daß alle diese religiösen Gruppen ihre Fehler hatten, nur um eine Liste mit Glaubenssätzen zu haben, die sie als unbestreitbare Wahrheiten glaubten. Wenn ich nun voll und ganz zu einer dieser Gruppen gehörte, dann wäre ich auch gezwungen, diese sogenannten Wahrheiten anzunehmen. Insbesondere die Reformerbewegung verwirrte mich. Ich denke zwar, daß das, was sie tun, gut für eine Organisation ist, zu der ich immer noch gehören wollte, doch auf ihrer Homepage hatten sie vergessen, was die christliche Freiheit umfaßt. Sie hielten an einer Aufreihung von Glaubenssätzen fest, von denen sie glaubten, daß es unbestreitbare Wahrheiten seien und von denen die meisten doch mit den Lehren der Gesellschaft übereinstimmen. Ich selbst dachte, wenn die Gesellschaft einige fehlerhafte Lehren hat, ist es dann nicht vernünftig, anzunehmen, daß alle fehlerhaft sind? Wäre das nicht eine gute Zeit, ohne eine Vorgabe neu zu beginnen und Gottes Wort unseren alleinigen Führer sein zu lassen und nicht frühere religiöse Vorschriften und Lehren? Sollten wir nicht demütig zu Gott kommen wie die Weltweite Kirche Gottes und Führung für eine Neuorientierung bei unserem himmlischen Vater suchen? Während ich die Haltung der Reformer in bezug auf die Freiheit in der Blutfrage voll unterstützte, konnte ich nicht glauben, daß Jehovas Zeugen das geistige Israel sind und nur 144.000 Zeugen Jehovas in den Himmel kommen.

Überdies ereignete sich in der letzten Juniwoche 1997 direkt vor unserem Bezirkskongreß etwas Phänomenales. Ich hatte bereits durch ein gründliches Bibelstudium erkannt, daß viele Lehren, mit denen wir lebten, falsch waren, aber ich war unerbittlich gegen die Lehre von der Göttlichkeit Christi. So unerbittlich war ich, daß ich gegenüber meiner Frau öffentlich erklärte, ich könnte wohl alles glauben, aber nicht die Dreieinigkeit. Doch das Gewicht der zunehmenden Fehler in unseren gegenwärtigen Lehren führte mich zu einer Untersuchung auch dieser Lehre. Ich las so viel über diese Lehre, wie ich konnte, und doch konnte ich die Vorstellung eines Gottes nicht begreifen, der im Himmel und auf der Erde war. Egal wie es von anderen erklärt wurde -- sogar mit Bibelstellen --, ich konnte es nicht verstehen. Dann tat ich etwas, das mir nie zuvor in den Sinn gekommen war. Ich wandte mich im Gebet an meinen himmlischen Vater und bat ihn, mir ein Verständnis der ihn betreffenden Wahrheiten zu geben. Ich leugnete alle Menschen und die Erkenntnis, die sie sich selbst zuschrieben, und bat ihn, er möchte mich durch den heiligen Geist lehren. Ich empfand eine tiefe Verurteilung wegen meiner Sünden gegen ihn und bat ihn um Vergebung für meinen Mangel an Vertrauen ihm gegenüber. Ich erkannte offen mein Versagen an, zu ihm zu kommen und bat darum, daß ich jetzt wie ein Kind in seinen Händen sein wollte, daß ich ihm zu allen Türen der Wahrheit folgen wollte und nicht Menschen. In diesem Gebet bezeichnete ich ihn ständig als meinen Vater, statt ihn mit seinem Namen anzurufen. Ich empfand eine Nähe zu ihm wie nie zuvor. Es war der Geist der Nähe, wie er in Römer 8:15 beschrieben wird. Dann bekannte ich Christus als meinen Heiland und bat ihn darum, in mein Herz zu kommen. Ich bat um dies alles in seinem Namen und erkannte an, daß die Rettung in seinem Namen kommt. So habe ich gebetet:

O Vater im Himmel, ich komme in Verzweiflung zu dir. Ich möchte die Wahrheit finden, Herr, Jesus, Jehova, was immer dein Wesen ist. Ich bitte im Namen Jesu darum, daß mir die Wahrheit geoffenbart wird. Vater, ich bitte dich um Vergebung für meine bösen und schlimmen Sünden der Vergangenheit. Ich komme vor dich mit der Demut eines Kindes und verwerfe alle Irrlehren, denen ich irregeführt gefolgt bin. Ich unterwerfe mich jetzt deinem Willen und erkenne Christus als meinen Lehrer und Herrn an. O Herr Jesus, komme in mein Herz und erfülle mich mit dem Heiligen Geist in deinem Namen. Ich will keinen Menschen mehr als Führern folgen, sondern ich will mein Leben dir, mein Herr und Heiland, weihen! Herr, nimm mein Fasten als Gabe an und komme in mein Herz und Leben! Im Namen Jesu Christi, meines Erlösers und Herrn, bitte ich. Amen!

Danach ging ich zu Bett und erwachte zu ungewöhnlicher Stunde am Morgen. Irgendwas drängte mich, die ersten drei Kapitel des Kolosserbriefes zu lesen. Was mich Menschen mit ihrem Intellekt nicht lehren konnten, lehrte mich nun der Geist Gottes. Johannes 5:39, 40: "Ihr erforscht die Schriften, weil ihr denkt, daß ihr durch sie ewiges Leben haben werdet; und gerade diese sind es, die über mich Zeugnis ablegen. Und doch wollt ihr nicht zu mir kommen, damit ihr Leben habt." Ich fastete und betete ständig, und Gott begann mich zu erziehen und tut das bis heute.

Heute bade ich in dem Frieden, ein liebevolles Verhältnis zu meinem Vater und zu Jesus Christus zu haben. Ich gehöre heute immer noch zu den Zeugen Jehovas und erkenne, daß es höchst weise für mich ist, dort zu bleiben, damit ich ein wirkungsvoller Zeuge Jesu in meiner Familie sein kann. Die Politik des Ächtens, die sie betreiben, macht es jemandem fast unmöglich, die Religion zu verlassen und Angehörigen und Freunden immer noch Zeugnis zu geben. Ich liebe meine Familie und meine Frau so sehr und möchte nur das Beste für sie. Sie kennen alle völlig den Grund für meine Haltung. Ich kann nur hoffen und beten, daß sie eines Tages das klingelnde Telefon in der Ferne vernehmen und die wunderbare Stimme Jesu hören. Er liebt uns alle so sehr, wenn wir unseren törichten Stolz beiseite tun und zu ihm kommen. Dann erkennen wir, daß sein Wasser süß und ewigwährend ist.

Möge Gott alle die segnen, die dieses Zeugnis lesen, um ihre Religion zu untersuchen und an die Tür Jesu Christi zu kommen. Matthäus 7:8: "Denn jeder, der bittet, empfängt, und jeder, der sucht, findet, und jedem, der anklopft, wird geöffnet werden." Römer 10:11:

Denn die Schrift sagt: 'Keiner, der seinen Glauben auf ihn setzt, wird enttäuscht werden.

Es scheint, daß ich ein Leben lang nach jemandem suchte, den ich Vater nennen kann. Ich suchte nach ihm in den Freunden, von denen ich hoffte, daß ich sie im Königreichssaal hätte, aber ich wurde abgewiesen. Ich schaute nach ihm aus in den älteren Männern im Königreichssaal, und das war ständig umsonst. Ich hielt nach ihm sogar Ausschau im Dienst für eine Organisation, und wurde doch abgelehnt. Heute kann ich voller Stolz sagen, daß ein Mann, den ich jahrelang einen Weltmenschen nannte, für mich betete. Er konnte sich nicht gut verständlich ausdrücken, aber es scheint gelegentlich, wenn er einen Sohn brauchte und ich einen Vater, daß der Herr uns dann beide einander gab. Der Mann, von dem sich meine Mutter scheiden ließ und den ich Papa nannte, hat sein Leben wieder Jesus geweiht, als er ihn wahrscheinlich am meisten brauchte.

Und über allem habe ich einen Vater, der mir gegenüber nie versagen kann. Das Buch Jesaja spricht von ihm passenderweise in Kapitel 9:6:

Und sein Name wird genannt werden: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Ewigvater, Fürst des Friedens.

Danke, Jesus!

Juan