Helga - Der versuchte Weg zurück

Jehovas Zeugen beanspruchen demnächst eine Körperschaft des öffentlichen Rechts zu werden. Aber wie steht es mit den unveräußerlichen Menschenrechten? Ist bei ihnen die Würde des Menschen wirklich unantastbar?

Meine ausgeschlossene Ehefrau wollte reumütig zurückkehren, weil sie meinten nur bei den Zeugen gäbe es "gute Menschen"; die Weltmenschen sind ja so schlecht! Wurde sie etwa aufgenommen wie der ‘verlorene Sohn’?

Im Sommer 2002 war Helga, meine Frau, in die Versammlung der Zeugen Jehovas, Hamburg-Schnelsen bestellt worden, sie hatte einen Termin mit den dortigen Ältesten; zwecks Wiederaufnahme bei den Zeugen. Sie möchte zu den Zeugen zurückkehren, wegen der vielen Freunde, die sie dort hatte. Denn solange sie nicht wieder aufgenommen ist, dürfen die ehemaligen "Freunde" sie weder grüßen noch mit ihr reden. Ich selbst verspüre nicht das geringste Verlangen zu einer Glaubensgemeinschaft zurückzukehren, die ihre Mitverbundenen bevormundet, ausgrenzt und unterdrückt. Aber wie steht es mit Helga? Sie leidet sehr darunter keine Freunde zu haben.

Im Grunde leidet Helga an dem so genannten "Hühnerhofsyndrom". Was ist das? Wenn jemand einmal Hühner gehabt hat, dann kennt er es: Ein Huhn bricht aus dem Hühnerhof aus. Anfänglich fühlt sich das Huhn auch recht wohl in seiner gewonnen Freiheit, aber nach einer gewissen Zeit sehnt sich das Huhn doch wieder zurück in den Hühnerhof; es weiß mit seiner Freiheit nichts mehr anzufangen. Nun läuft es außen am Zaun so lange auf und nieder bis es das Schlupfloch wieder findet - und schwups ist es wieder drin, bei den anderen Hühnern.

Allerdings herrscht im Hühnerhof ein strenges Reglement, sprich "Hackordnung" . Da gibt es das tonangebende "Alphahuhn" (Vorsitzführender Aufseher), das vorgibt, wann gefressen wird, wie viel gefressen wird; wann die Hühner auf die Steigen gehen und wann sie die Steigen wieder zu verlassen haben. Auch darf kein anderes Huhn vor dem Alphahuhn an den Futtertrog (versuche mal in der Versammlung der Zeugen Jehovas eine Ansprache ohne die Genehmigung der Ältesten? Unmöglich!). All das bestimmt das Alphahuhn (der Vorsitzführende Aufseher bestimmt, was, wer, wann etwas in der Versammlung tun darf, und keiner soll sich erdreisten seine Anweisungen in Frage zu stellen oder gar Mitbestimmung zu fordern). Und dann gibt es noch das "Omegahuhn", der Prügelknabe des ganzen Hühnerhofs. Es hat die Sündenbockfunktion. Für alles, was im Hühnerhof schief läuft wird es verantwortlich gemacht; es wird gehackt und die Federn ausgerissen (In jedem ordentlichen Hühnerhof gibt es eine feste "Hackordnung" und kein Huhn sollte sich erdreisten gegen die Regeln zu verstoßen). Das "Alphahuhn" hackt das ihm am nächsten stehende Huhn und das hackt weiter, bis die Hackordnung beim "Omegahuhn" angekommen ist. Dementsprechend kurz ist das Leben der "Omegahühner".

Dem "Omegahuhn" kommt auch niemand zu Hilfe, denn keines möchte selber ein "Omegahuhn" werden, im Gegenteil, alle orientieren sich am "Alphahuhn" (längere Lebenserwartung). Wenn ein Verkündiger einmal unangenehm in der Versammlung aufgefallen ist, hat er es sehr schwer wieder ein Dienstamt zu ergattern. Um aber die Leiter in Richtung "Alphahuhn" hochzusteigen heißt die Lösung: "Unterwürfigkeit".

Wie heißt es doch in Heb.13:17: "Gehorcht denen, die die Führung übernehmen, und seid unterwürfig, denn sie wachen beständig über eure Seelen ...". Diese Bibelstelle wird mit Vorliebe von Ältesten angewandt, um Glaubensbrüder auf die Knie zu zwingen. Ein Begriffslexikon sagt folgendes über das Wort Unterwürfigkeit: "würdelos, kriecherisch, sklavisch, untertänigst, speichelleckerisch, lakaienhaft, arschkriecherisch". Soweit das Lexikon. Heutzutage würde ich mich in Grund und Boden schämen, wenn ich von der Bühne herunter eine Unterwürfigkeit fordern würde. Man stelle sich einmal vor; alle Anwesenden im Königreichssaal sind unvollkommen, und da stellt sich ein unvollkommener Mensch auf die Bühne und stellt die Forderung, dass die unvollkommenen Zuhörer sich einem unvollkommenen Redner höchstgefällig zu unterwerfen haben. Dreistigkeit? Oder gar Berechnung? Die meisten Ältesten haben aber damit keine Probleme. "Wir hier oben, ihr da unten; wer das in Frage zieht, den machen wir zum Omegahuhn". Als ich noch konditioniert (angepasst, dressiert) war, und noch ein brauchbares Werkzeug der Wachtturmgesellschaft war, da missbrauchte auch ich diese Schriftstelle, um mir manch aufmüpfigen Bruder gefügig zu machen.

Aber zurück zu Helga, das "Omegahuhn" möchte zurück in den "Hühnerhof". Die Ältesten , mit denen sie verabredet war, waren: Jochen B. der Vorsitzführende Aufseher, dann Uli W. der Sekretär und Wendelin H. der Dienstaufseher, verantwortlich für das Predigen von Haus zu Haus. Das waren also die drei "Inquisitoren" vor denen sie erscheinen sollte, die ihr Gutachten abgeben sollten, ob Helga erfolgreich "assimiliert" werden Kann oder nicht; ob sie sich schon hat "umpolen lassen" oder nicht. Als ich noch Ältester war, und noch als ein williges Werkzeug in der Hand der "Organisation" ‘funktionierte’, wurde uns in der Ältestenschulung eingehämmert, gegen Glaubensbrüder, die nicht mit der Ältestenschaft zusammenarbeiten wollten, (zu kreuze kriechen), mit aller Härte und unbarmherzig vorzugehen - und zwar mit der Taktik der "Destabilisierung". Das funktioniert dann so: verunsichern, das Selbstbewusstsein erschüttern, dann das Selbstwertgefühl so lange kaputt machen, bisder "Sünder" alles zugibt, was die Ältesten hören wollen. Ferner ihm immer wieder vor Augen führen, wie groß seine Sünde war, und wie sehr er dadurch Jehova Gott beleidigt und gekränkt hat.

Um wieder in die Gunst Jehovas zu gelangen bedarf es natürlich der Ältesten. So heißt es im Wachtturm vom 15.08.1997, auf Seite 28: "Älteste helfen Personen, die verkehrt gehandelt haben, wieder in Gottes Gunst zu gelangen". In der Katholischen Kirche kann niemand selig werden, ohne die Dienste der Priester in Anspruch zu nehmen; denn nur die Priester erteilen die Sündensühnende Eucharistie. Und bei Jehovas Zeugen sind es die Ältesten, die durch ihre Dienste Sünder wieder in die Gunst Gottes bringen. Und Jesus? Braucht man den überhaupt? Aber die Bibel sagt: "...wenn jemand eine Sünde begeht, so haben wir einen Helfer beim Vater, Jesus Christus, einen Gerechten" (1.Joh.2:1).

Auf keinen Fall darf es, zwischen Ältesten und Sünder, ein Gespräch auf ‘gleicher Augenhöhe’ geben. Es könnte ja Mitleid entstehen. Der spanische Großinquisitor, Fernando Nino de Guevara, hielt Mitleid für eine Versuchung, welche Christen zu überwinden haben. Und dementsprechend war auch das Inquisitionstribunal; es kannte nur ein Ziel: Die Seele der Menschen zu erforschen und deren Gesinnung an den Tag zu bringen. So auch bei Jehovas Zeugen; nicht das Helfen steht im Vordergrund sondern das Reinerhalten der Versammlung. Nebenbei- bemerkt ist es eine psychologische Dummheit, gleich mehrere Inquisitoren auf einen Sünder loszulassen; es sei denn man will jemanden absichtlich platt machen.

Hyänen jagen immer im Rudel, sagt ein Sprichwort; das trifft auf Rechtskomitees immer zu. Zu dritt jemanden zur Brust zu nehmen, ist unbiblisch und zutiefst unchristlich! Wie man Probleme löst - egal wie schwierig - zeigt Mat.18:15; die neuzeitlichen Pharisäer (Ältesten) brauchen sich nur daran zu orientieren. Wenn eine Horde Ältester auf einen Sünder losgelassen wird, dann ist die Folge, dass man verschlossene Menschen vor sich hat. Deshalb waren mir die stereotypischen "Hirtenbesuche" ein Gräuel. Um aber bei Menschen etwas bewegen zu können, muss ich offene Menschen vor mir haben. Aber von Psychologie halten Jehovas Zeugen sowieso nichts. Bodo E. und Han O. Älteste aus der Versammlung Hamburg-Lurup sagten übereinstimmend zu mir: "Psychologie ist ein Machwerk Satans!". Als ich erwiderte, Psychologie sei die Wissenschaft von den seelischen Abläufen. Da sagten sie entrüstet: "Du bist völlig irregeführt, Psychologie ist die Masche des Teufels, um Menschen in die Irre zu führen". Als sie dann auch noch erfuhren, dass ich Psychologie im Selbststudium betrieb, da war der Ofen gleich ganz aus. Die Folge, ich wurde sofort aus der "Theokratischen Predigdienstschule" genommen. Außerdem erhielt ich in der Versammlung Redeverbot; Begründung, ich wäre eine Gefahr für die Brüder; ich stünde in der Gefahr von der Bühne herunter Irrlehren zu verbreiten.

Alleine der Name "Sigmund Freud", der Entdecker der Psychoanalyse, wirkt auf die meisten Zeugen Jehovas, wie das Wort "Luzifer". Bodo setzte nach: "Freidenker werden bei uns nicht geduldet, die fliegen raus, hast du verstanden!". Ja, ich hatte verstanden. Nur Menschen, die strikt nach einer vorgegebenen Schablone denken haben die Aussicht anerkannt zu werden. Nur angepasste und gleichgeschaltete Menschen haben hier ihren Platz. Allerdings zahlen sie für ihr Angepasstsein einen hohen Preis; der Preis ist eine verhinderte Individualisierung und der totale Verlust der inneren und äußeren Freiheit. Aber "Omegahühner" können mit ihrer Freiheit sowieso nichts anfangen, im Gegenteil, Freiheit ruft beiihnen Angst hervor; sie müssten ja anfangen zu denken; sie haben es lieber, wenn für sie gedacht wird. Sie verzichten da lieber auf die "Selbstverwirklichung".

Aber zurück zu dem Gespräch, das Helga mit den schon erwähnten Ältesten hatte. Helga wurde ganz formal mit ‘Frau B.’ angesprochen, früher pflegten sie "hallo Helga" zu sagen. Sie wurde in einen Raum im ersten Stock beordert. Jochen B. und Uli W. waren schon da, Wendelin H. fehlte noch. Als Wendelin später dazu kam sagte er ganz salopp: "Hallo Helga!". Donnerwetter, woher nahm er diese menschliche Regung? Als dann Helga kurz den Raum verlassen musste und sie wieder hereingerufen wurde, sagte er ebenfalls, ganz förmlich, wie die Anderen: Frau B. Man hatte ihn zurückgepfiffen, er ließ sich gleichschalten, wie die meisten "Wachtturmmarionetten"; nur keine zu große Menschlichkeit. Aber dann kamen die drei zur "Sache". Hageldicht und gezielt prasselten die Fragen auf sie ein, hauptsächlich vorgetragen von dem Großinquisitor Jochen B.: "Besuchen Sie alle Zusammenkünfte? Lesen sie alle Veröffentlichungen der Wachtturmgesellschaft? Betreiben Sie ein persönliches Studium? Welche Fortschritte können sie diesbezüglich aufzählen, die Sie unternommen haben seit Ihrem Ausschluss, um wieder zu "Gottes Volk" zurückzukehren, denn Sie müssen ja etwas vorzuweisen haben - und ... und ... und ...".

"Ich leide an Fibromyalgie (Weichteilrheumatismus) und kann nicht alle Publikationen lesen, mein Kopf macht das nicht mit", sagte Helga zu ihrer Verteidigung. "Ich sehe, Sie haben Ihre Sünden nicht bereut!", sagte Jochen B. und fuhr fort: "Und mit den Zusammenkünften, wie sieht das aus?". "Ich schaffe es nicht alle zu besuchen", sagte Helga. Es gibt Tage, da bin ich so was von kraftlos, da schaffe ich das gar nicht aus dem Haus". "Alles nur Ausreden,Sie haben keinen Glauben, sehen Sie mich an, ich versäume keine Zusammenkunft, und ich habe Diabetes im höchsten Grad. Wir haben in der Versammlung eine alte Schwester, die sitzt im Rollstuhl, die fehlt nie! Ich sage Ihnen woran es liegt, Jehova hat Ihre Sünden nicht vergeben!". Das war die knallharte Zurechtweisung von Jochen B.. Und weiter ging es: "Welche Bibelstellen kennen Sie überhaupt noch? Wissen Sie überhaupt noch, was in der Bibel steht?". Hageldicht fallen die Fragen. Nichts, was Helga sagt lassen sie gelten, alles wird ihr zum Nachteil ausgelegt. Helga bekommt einen Schrei- und Weinkrampf, so dass zweimal ein Bruder vom unteren Saal nach oben kommt, um nachzusehen, was da vor sich geht. Die Ältesten sitzen da, regungslos, mit versteinerten Gesichtern. Es wäre leichter in den Gesichtszügen der Sphinx ein Lächeln auszumachen, als in den Gesichtern der drei "Hirten", oder sollte ich besser sagen "Henker"? Keiner von ihnen versucht Helga zu beruhigen oder gar zu trösten. Regungslos schauen sie geradezu durch Helga hindurch, so als wäre sie Luft. Die Römisch-Katholischen Inquisitoren des Mittelalters hätten auch nicht hartherziger sein können, als die angeblichen "Gottesmänner", die vorgeben den barmherzigen Gott der Bibel zu vertreten.

"Jehova hat ihre Sünden nicht vergeben", das ist die Urteil der Ankläger. Woher wollen sie das wissen? Sind sie Gott der Allmächtige, der in das Herz der Menschen sehen kann? Jesus wusste, was im Menschen war. Stellen sie sich mit Jesus auf eine Stufe? Welch eine Vermessenheit, dann: "Sie haben Ihre Sünden nicht bereut!". Das stellt eine Genzüberschreitung sondergleichen dar. Diese Ältesten gebärden sich, wie Götter, in Wirklichkeit sind sie von einem nicht mehr zu überbietenden Hochmut befallen, Profilierungsneurotiker, die sich selber in psychotherapeutische Behandlung begeben sollten, irregeleitete Menschen, die Missbrauch mit der Bibel treiben, neuzeitliche Pharisäer. Jesus sagte über sie: "Sie selber tun gar nicht, was sie lehren" (Matt.23:3).

Was sagte der Wachtturm, vom 1.6.2001, Seite 30/31, diesbezüglich? Dort heißt es: "Geschickte Älteste können viel dazu beitragen, den Schmerz zu lindern, den ein reumütiger Sünder im Herzen verspürt. Nie würden sie ihn grob behandeln, selbst wenn strenge Zucht angebracht erscheint. Statt dessen berücksichtigen sie voller Mitgefühl die unmittelbaren Bedürfnisse des Betreffenden". Alles gelogen! Sie tun wirklich nicht, was sie lehren! Was sich die Ältesten in der Versammlung Hamburg-Schnelsen erlauben, das bringt Jehovas Zeugen und die Organisation, die sie vorgeben zu vertreten, gefährlich nahe an eine "Psychosekte" heran.

Das Urteil von diesen "Halbgöttern" lautet für Helga knallhart: Ein Jahr auf Bewährung! Danach kann Helga erneut um eine Wiederaufnahme vorstellig werden. In der Zwischenzeit muss Helga alles nachholen, was sie in den zwei Jahren versäumt hat, in denen sie ausgeschlossen war; und natürlich alle Zusammenkünfte und Kongresse besuchen, sonst wird das nichts mit der Wiederaufnahme. In der Zwischenzeit darf kein Zeuge Jehova Helga grüßen oder gar mit ihr reden.

Nehmen wir einmal an Helga wäre wieder aufgenommen worden, wie hätten sich die Brüder verhalten? Genauso, wie beim Ausschluss. Zum besseren Verständnis hier ein Beispiel: Da gehen zwei gute Freunde redend und lachend in die Zusammenkunft der Zeugen Jehova. Plötzlich wird von der Bühne vorgelesen, einem von beiden sei die Gemeinschaft entzogen worden. Und schon reden die beiden kein einziges Wort mehr miteinander, gehen wortlos aneinander vorbei, würdigen sich keines Blickes mehr. Bei der Wiederaufnahme spielt sich das ganze in umgekehrter Reihenfolge ab. So ein Verhalten ist das Verhalten von gleichgeschalteten Automatenmenschen, ein Marionettenverhalten, das in der Bibel keine Stütze findet. Ein Verhalten, das zutiefst unbiblisch und unchristlich ist. Sagt doch die Bibel: "Ein wahrer Gefährte liebt alle Zeit und ist ein Bruder, der für die Zeit der Bedrängnis geboren ist" (Spr.17:17). Bei einem Gemeinschaftsentzug braucht man erst recht die Hilfe von wahren Freunden und gerade die dürfen nicht mehr mit dem Ausgestoßenen reden. Sobald Helga wieder aufgenommen ist versichern sämtliche Brüder ihr ihre unverbrüchliche Liebe; noch eine Minute vor der Wiederaufnahme hätten sie die Straßenseite gewechselt, wenn sie ihr begegnet wären.

Wie war das doch mit Schwester Melanie D. eine Zeugin Jehova. Sie arbeitete in einem Tchiboladen im Eidelstedt-Center. Immer wenn Helga den Laden betrat, dann kroch Melanie unter den Verkaufstresen, um Helga nicht zu sehen. Eine Sekunde nach ihrer Wiederaufnahme würde sie ihr vor Freude um den Hals fallen und Krokodilstränen der Rührung vergießen. Bei Jehovas Zeugen kann man demnach die Liebe und Zuneigung aus und wieder einschalten, wie man das Licht aus und wieder anschaltet; eben wie bei den meisten ferngesteuerten "Automatenmenschen". Das Gleichnis vom "Verlorenen Sohn" hat keiner begriffen. Und was haben nun die Ältesten mit ihrem unchristlichen Verhalten bei Helga erreicht? Gerade das Gegenteil von dem, was sie eigentlich erreichen wollten. Denn zur Zeit besucht Helga nämlich gar keine Zusammenkunft der Zeugen Jehovas mehr.

Es ist ein eigenartiges Charakteristikum unserer Zeit, dass gerade Religionen, die früher für die Verteidigung der Gewissensfreiheit bekannt waren (Jehovas Zeugen zählen zu ihnen), heute mitunter zu deren stärksten Unterdrückern zählen. Das ist eben das Paradoxon, wenn Opfer zu Tätern werden. Drei Beispiele sollen das näher beweisen. Bei jedem handelt es sich um einen Lehrer von Rang innerhalb seiner Religion; allen widerfuhr das hier gesagte im selben Jahr.

Der eine schrieb über zehn Jahre lang Bücher und hielt Vorlesungen, in denen die Machtstruktur seiner Kirche unmittelbar angegriffen wurde. Ein anderer hielt vor mehr als 1000 Zuhörern einen Vortrag, in dem er sich mit der offiziellen Lehre seiner Gemeinschaft über ein wichtiges Datum und dessen Bedeutung in der Erfüllung biblischer Prophetie kritisch auseinandersetzte. Der dritte äußerte sich nicht öffentlich, sondern sprach von seinen abweichenden Ansichten nur im engsten Familienkreis. Die Härte, mit der die jeweilige Kirchenleitung aber gegen jeden dieser Männer vorging, stand im genau umgekehrten Verhältnis zu der schwere ihrer Tat. Am härtesten wurde dort durchgegriffen, wo man es am wenigsten erwartet hätte.

Der erste der erwähnten Männer ist Hans Küng, katholischer Priester und Professor an der Universität Tübingen. Nach zehn Jahren offener Kritik, die sich unter anderem gegen die Unfehlbarkeit des Papstes und der Bischöfe auch in Lehrfragen richtete, ging der Vatikan schließlich gegen ihn vor und entzog ihm im Jahre 1980 die kirchliche Lehrbefugnis. Er ist aber weiterhin Priester und Direktor des Instituts für ökumenische Forschung an der Universität Tübingen. Selbst Studenten, die sich auf das Priesteramt vorbereiten und seine Vorlesungen besuchen, sind keinen kirchlichen Disziplinarmaßnahmen ausgesetzt. Ihnen wird lediglich der Besuch dieser Veranstaltungen nicht für ihr Studium anerkannt.

Der zweite ist Desmond Ford, ein in Australien geborener Professor der Sieben-Tages-Adventisten. Als er auf einem Kolleg in Kalifornien vor einer Zuhörerschaft von 1000 gläubigen in einem Vortrag Stellung gegen die Lehre der Adventisten über das Jahr 1844 bezog, kam es zu einer Anhörung vor Vertretern der Kirche. Man beurlaubte ihn für sechs Monate, und im Frühjahr 1980 msste er sich 100 Männern seiner Kirche stellen, die 50 Stunden lang seine Argumente anhörten. Darauf beschlossen die Kirchenoberen, ihn von seinen Lehraufgaben zu entbinden. Er wurde jedoch nicht ausgeschlossen (exkommuniziert), obwohl er seine Ansichten veröffentlicht hat und sie in Kreisen der Adventisten weiterhin vertritt.

Der dritte ist Edward Dunlap, langjähriger Registrator der einzigen Missionarschule der Zeugen Jehovas, der Wachtturm-Bibelschule Gilead, dazu Mitverfasser des Bibellexikons der "Organisation" (Hilfe zum Verständnis der Bibel) und Autor ihres einzigen biblischen Kommentars (Kommentar zum Jakobusbrief). Und was war nun sein Vergehen? In privaten Gesprächen mit engen Freunden ließ er erkennen, dass er in einigen Lehren eine eigene Meinung hatte, abweichend von der offiziellen Lehrmeinung der Wachtturmgesellschaft. Im Frühjahr 1980 wurde er vor ein fünfköpfiges Komitee zitiert, dem nicht ein einziges Mitglied der "leitenden Körperschaft" der Organisation angehörte, und man vernahm ihn mehrere Stunden lang in geheimer Sitzung über seine Ansichten. Darauf wurde Dunlap nach über 40-jähriger Tätigkeit aus seiner Arbeit und Wohnung in der Weltzentrale entlassen und aus der Organisation ausgeschlossen (exkommuniziert). Er galt fortan als ein Abtrünniger, und kein Zeuge Jehova durfte mehr mit ihm reden oder verkehren, ohne sich der Gefahr auszusetzen ebenfalls vor ein Komitee zitiert und bei Nichtwiderrufen aus der Organisation ausgestoßen zu werden.

So zeigte gerade die Religionsorganisation, die vielen als das Symbol eines extremen Autoritätsanspruches gilt (die römisch Katholische), als die Kirche mit dem größten Maß an Toleranz gegenüber dem Dissidenten Professor; am wenigsten Toleranz konnte dagegen die Organisation aufbringen, die besonders stolz auf ihren Kampf für die Gewissensfreiheit ist, die Zeugen Jehovas. Das ist paradox!

Es erheben sich die Fragen: Was für Folgen hat es, wenn geistige Führung zu geistiger Bevormundung oder Tyrannei ausartet? Was ist, wenn an die Stelle wünschenswerter Einheit erzwungene Einförmigkeit und das Einhalten kleinlicher Vorschriften tritt? Wozu führt es, wenn der Respekt vor Autorität in bedingungslosen Gehorsam umgemünzt wird, wenn man seine persönliche Verantwortung gegenüber Gott aufgibt und es individuelle Gewissensentscheidungen gar nicht mehr gibt? Das sind eben die beiden Seiten derselben Medaille. Die Zeugen Jehovas und allen voran die "Leitende Körperschaft", jenes ferne Machtzentrum hat die Bibel immer noch nicht verstanden.

Helgas Erfahrung mit den Ältesten aus der Versammlung Hamburg-Schnelsen hat es bewiesen. Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn haben sie nie begriffen. Es erhebt sich hier die Frage, sind Jehovas Zeugen etwa manipuliert? Was ist Manipulation? Manipuliert heißt "beeinflusst, gesteuert". Sind Jehovas Zeugen gesteuert? Jawohl, die Mehrheit ist es; und zwar von Brooklin aus ferngesteuert! Der Guru der Zeugen Jehovas ist ein "kollektiver Guru", dargestellt durch den "Treuen und Verständigen Sklaven", an ihrer Spitze jenes Machtzentrum "Leitende Körperschaft", der darüber befindet, was geglaubt und gelehrt werden darf. Der streng darüber wacht, dass in jeder Versammlung der Wachtturm studiert wird und nicht so sehr die Bibel im Vordergrund steht (es wird ein allwöchentliches Wachtturmstudium und nicht ein Bibelstudium abgehalten).

Zusammenfassend kann also gesagt werden: Mörder, Diebe, Hurer und Ehebrecher werden unter Jehovas Zeugen nicht geduldet, sie werden ausgeschlossen und das ist biblisch, aber es gibt auch keine Denk- und Redefreiheit. Jetzt muss natürlich jeder für sich selber entscheiden, was für ihn das Wichtigere ist, was für ein Leben er führen möchte. Ob er das Leben eines angepassten und gleichgeschalteten Menschen, mit dem Verlust der inneren und äußeren Freiheit, führen möchte, oder ob für ihn die Denk- und Redefreiheit Vorrang hat. Ohne Denk- und Redefreiheit kann es keine Selbstfindung geben. Aber ohne, dass ich zu mir selber finde bleibe ich immer nur fremdmanipuliert, Knetmasse in der Hand anderer.