Ein Überlebensbericht von L.K.

Kürzlich habe ich mich spontan entschlossen, mein bisheriges Leben aufzuschreiben. Bislang habe ich mich davor gescheut, weil ich Angst davor haben. Angst, weil ich vieles verdrängt habe, mit dem ich mich nun, da ich es schwarz auf weiß sehen werde, direkt auseinandersetzen muss.

Aber ich bin soweit. Ich glaube, ich schaffe das. Und da die Berichte in den Zeitschriften, in denen die bösartigsten Personen nach dem Lesen eines Traktates, das jemand achtlos in den Müll warf, die "Wahrheit" erkannt und fortan die sanftmütigsten Menschen unter dem Himmel waren, als Lebensberichte bezeichnet werden, ist es nur logisch, dass ich meinen Überlebensbericht schreibe.

Meine ersten Lebensjahre verliefen eher unscheinbar. Richtig spannend wurde es mit der Einschulung. Ich konnte bereits lesen und schreiben sowie Noten lesen und aus irgendeinem Grund glaubte ich, nicht nur die beste Schülerin zu sein (was ich zu dem Zeitpunkt tatsächlich war), sondern auch sein zu müssen. Aber es war schwer, denn ich langweilte mich. An meinen ersten Lehrer erinnere ich mich noch sehr gut und wenn ich jetzt darüber nachdenke glaube ich, dass er versuchte, es mir so nett wie möglich zu machen. Schlimm war es nur, wenn jemand Geburtstag hatte. Irgendwie verstand ich nicht so ganz, warum ich da nicht mitmache. Genauso wie bei den Weihnachtsvorbereitungen. Glücklicherweise schaffte mein Lehrer es so zu gestalten, dass ich mir nicht so verloren vorkam. Nur einmal, da hatte er selbst Geburtstag. Er brachte er Negerküsse mit. Er stellte vor jedes Kind auf den Tisch einen. Auch vor mich. Nun wusste ich ja, dass ich den nicht annehmen darf. Ich versuchte, das so unauffällig wie möglich zu machen. Auf die Frage eines Mitschülers, ob ich meinen denn nicht essen will sagte ich, ich mag keine Negerküsse. Ob er den haben dürfe? Ja. Zu meiner Überraschung aß er den Negerkuss nicht, sondern drückte diesen seinem Tischnachbarn, mit dem er gerade Streit hatte, ins Gesicht. Ich bekam den ersten Lachanfall meines Lebens. Zu Hause erzählte ich dann von diesem Erlebnis. Doch statt Lob, dass ich tapfer der süßen Versuchung widerstanden hatte, erhielt ich eine Standpauke, weil ich den Negerkuss verschenkt habe. Das hätte ich nicht tun dürfen, weil er nicht mir gehörte, denn da ich ihn nicht habe annehmen dürfen, war er auch nicht mein Eigentum geworden. Ich hätte erst den Lehrer fragen müssen, ob der Junge den für mich bestimmten Negerkuss haben darf.

Irgendwann wurde die 2½ Zimmerwohnung für meine Eltern und uns 3 Kinder zu eng. Mein Bruder und ich gingen beide zur Schule und wir teilten uns das kleine Zimmer mit unser Schwester, die kurz vor meiner Einschulung geboren wurde. Das Haus, das meine Eltern kauften, lag am anderen Ende der Stadt. Und es war äußerst renovierungsbedürftig. Meine Schwester und ich wurden bei meiner Oma untergebracht. Sie selbst war kurz zuvor aus ihrem Häuschen ausgezogen und in eine kleine Stadtwohnung gezogen. Ich verstand das. Oma war alt und krank und konnte nicht mehr das Holz hacken, um den Ofen zu heizen und in der Küche baden und sich um den Garten kümmern. Aber ich vermisste dieses kleine Häuschen. Es war so schön dort. Dort wurde ich geliebt. Aber auch in ihrer Stadtwohnung gefiel es mir. Meine Oma war immer für mich da und dort war mein eigentliches Zuhause.

Der Umzug brachte auch einen Schulwechsel mit sich. Es war so schrecklich. Ich war zwar immer recht vorlaut und auch mutig, aber das hinderte mich nicht daran, fürchterlich schüchtern zu sein. Mit Frechheit und Humor überspielte ich das zumeist. Aber da vor der fremden Klasse zu stehen mit einer Lehrerin, die mir von Anfang an unsympathisch war, machte mir nur Angst. Sie forderte mich auf, meinen Namen an die Tafel zu schreiben. Ich weiß nicht, warum ich es tat: ich schrieb meinen Nachnamen auf. Möglich, dass mir von Anfang an dieser Name als "mein Name" bewusst war (meine Eltern waren schließlich Bruder und Schwester K. und ich halt die Tochter der beiden) oder ob mir mein Vorname so peinlich war - ich weiß es nicht. Jedenfalls war das ein ungeheurer Fettnapf, denn jetzt kam etwas, was noch schlimmer war: sie rief mich mit diesem Namen auf. So musste ich als laut vor über 20 fremden Ohrenpaaren sagen, wie mein Vorname lautet. Ich kann es zeitlich nicht so genau einordnen, ob es gleich am ersten Schultag oder an einem der anderen schrecklichen Tage der nächsten 2 Jahre war, aber ich sagte vor der ganzen Klasse, dass meine Eltern Zeugen Jehovas sind. Ihr Kommentar: "Später kannst du dir ja selbst aussuchen, was du sein willst." Ich war entsetzt. Wie konnte sie wagen zu behaupten, ich werde eines Tages keine Zeugin Jehovas sein!

Bald kam, was kommen musste: die erste Klassenarbeit. In Mathematik! Wie ich Zahlen hasste. Lesen und schreiben konnte ich immer. Ich weiß es nicht genau, aber ich vermute, dass meine Oma mir das Lesen und Schreiben gleich mit dem Sprechen beibrachte, denn genauso, wie ich mich nicht an eine Zeit erinnern kann, in der ich sprechen gelernt habe, kann ich mich an keine Zeit erinnern, in der ich lesen und schreiben lernte. Ich konnte es einfach. In Deutsch hatte ich in Diktaten immer eine 1. Umso enttäuschender fiel meine Mathematikarbeit aus. Die erste benotete Arbeit und ich hatte als einzige in der Klasse eine 6 mit 0 Punkten. Es war Horror, damit nach Hause zu müssen. Ich weiß nicht, was passierte, ich muss es ausgeklinkt haben. Es ist aus meiner Erinnerung verschwunden.

Nicht verschwunden allerdings sind die Erinnerungen an tägliche Prügel und sonstige Demütigungen. Drei meiner Mitschüler hatten es sich zum Freizeitspaß gemacht, mich auf den Schulwegen und in den Pausen zu verprügeln. Jeden Tag. Zwei Jahre lang. Ich sprach meine Lehrerin darauf an und sie sagte, meine Eltern sollen mit deren Eltern sprechen. Und das taten sie. Und wie. Eines samstags gegen Mittag wurde vorzeitig der Predigtdienst beendet und meine Eltern standen geschniegelt und gebügelt mit der Bibel in der Hand und der Literaturtasche unterm Arm bei dem Anführer der Bande. Seitdem hatte ich nie wieder von Prügel zu berichten. Aber nicht etwa, weil die drei aufhörten, mich zu schlagen, sondern weil sie mich dermaßen einschüchterten, dass ich um mein Leben fürchtete, sollte ich je wieder einem Erwachsenen von den Misshandlungen erzählen.

Als ich 11 Jahre alt war, geschah etwas Furchtbares. Ich besuchte auf dem Rückweg von der Schule meine Oma, weil sie vorher beim Arzt zu einer Untersuchung war. Ich verstand nicht, was eine Darmspiegelung und eine Biopsie ist. Ich saß in ihrer kleinen Küche auf einem Stuhl zwischen Spüle und Waschmaschine. Sie stand am Herd und rührte ihre Fischsuppe um, die sie sich oft machte, wenn sie vormittags unterwegs war. Sie war so anders. Statt ihre fröhlichen Geschichten von früher zu erzählen, war sie still. Plötzlich sagte sie: "Es ist bösartig." Ich wusste nicht, was das heißt. Sie sah mich direkt an. "Weißt du, was das heißt?" Ich schüttelte stumm den Kopf. "Krebs." Und dann fing sie leise an zu weinen. Ich habe meine Oma noch niemals weinen sehen. Sie war immer gut gelaunt, immer fröhlich, obwohl sie ihren Mann, ihre große Liebe im Krieg verloren hatte. Sie hat immer laut und herzlich gelacht. Andere fanden sie grantig und komisch. Aber wenn ich bei ihr war, war sie immer fröhlich. Und nun das. Ich wusste nicht, was passiert. Ich sah nur, dass sie in den kommenden 8 Monaten zusehends an Gewicht verlor. Mit jeder Woche, die verging, musste sie ihre Röcke enger machen. Dann eines Abends, es muss November gewesen sein, wollte mein Vater ihr nach dem Dienst etwas vorbeibringen. Sie öffnete nicht die Tür. In die Wohnung konnte mein Vater nicht, weil der Schlüssel innen steckte. Zum Glück hatte sie das Küchenfenster angekippt und mein Bruder war wendig genug, sich da hindurch zu quetschen. So konnte er die Tür öffnen. Meine Oma wollte uns anrufen, weil ihr nicht gut war. Dabei war sie im Flur gestürzt und kam nicht mehr ans Telefon. Mein Vater holte sie zu uns nach Hause. Da blieb sie aber nur wenige Tage, denn ihr Zustand verschlechterte sich zusehends, so dass sie mit dem Krankenwagen abgeholt wurde. Ich besuchte sie jeden Tag. Es war sehr schlimm für mich, nicht zu wissen, was passiert. Ich merkte nur, dass sie immer schwächer wurde und nicht einmal mehr ihren Kunststoffbecher halten konnte, um etwas zu trinken. Sie begann zu phantasieren. Dienstag, 10. Januar 1984. Ich sitze über meinen Hausaufgaben. Das Telefon klingelt. Ich wollte aufspringen. Meine Mutter war schneller. Ich hörte sie sagen: "Was müssen wir jetzt tun, Schwester?" Da wusste ich, dass meine Oma gestorben war. Natürlich ist das kein Grund, abends nicht ins Buchstudium zu gehen. Die Beerdigung dann am Freitag war grauenvoll. Da stand der Sarg, es war kalt und ich wollte nur weg. Weg, zu meiner Oma, auf das Sofa, mir ihre Geschichten erzählen lassen. Als ich am Sarg fast zusammenbrach, zischte mich einer der anwesenden Brüder an, ich soll mich zusammenreißen. Mich? Zusammenreißen? Dort wird gerade die einzige Person, die mich liebt, in die kalte Erde abgeseilt. Wieso soll ich mich zusammenreißen? Natürlich ist auch die Beerdigung eines engen Familienmitgliedes kein Grund, die Versammlung zu schwänzen.

Ab da war das Leben noch schwerer geworden. In der Schule wurde mir die Uhr gestohlen, die meine Oma zuletzt trug. Meine Eltern machten keine Anstalten sich darum zu kümmern, dass der Dieb gefunden und mir dieses Erinnerungsstück wieder ausgehändigt wird. In der Versammlung musste ich mir dann öfter anhören, ob ich denn nicht an die Auferstehung glaube, es sei doch nicht normal, dass jemand so trauert. Als mir in der Schule wieder einmal etwas gestohlen wurde, ein Füller, und ich mir "nicht lieber unrecht tun" lassen wollte, ließ sich mein Vater überreden, mit den Eltern der Diebin zu sprechen. Ich wünschte, ich hätte es auf sich beruhen lassen. Denn ich musste meinen Vater begleiten. Da standen wir nun: meine Klassenkameradin mit ihrem Vater und ich mit meinem. Herr S. fragte meinen Vater, wieso er sich sicher ist, dass ich die Wahrheit sage und mir der Füller von seiner Tochter gestohlen wurde. Seine Tochter sagt, sie habe den Füller von ihrem Taschengeld gekauft. Da schlug mein Vater allen Ernstes sein Bibel auf und las Matthäus 5:37 vor "Euer Wort Ja bedeute einfach ja und euer Nein nein; denn was darüber hinausgeht, ist von dem, der böse ist." Ich muss nicht weiter erwähnen, dass wir mit mitleidigem Grinsen bedacht vor die Tür geschickt wurden und ich ab dem Zeitpunkt noch mehr dem Hohn und Spott der Klasse ausgesetzt war.

Irgendwie fühlte ich mich nirgendwo als dazugehörig. In der Schule wurde ich wegen meiner Religionszugehörigkeit verspottet, zu Hause wurde ich nie richtig angenommen und in der Versammlung tat ich mich auch schwer, Freundschaften zu finden. Das Gefühl, ich sei anders, wurde mir von Anfang an eingetrichtert. Ich sei zu laut, ich lache zu oft, ich wäre zu dick, ich rede zuviel. Nie konnte ich es irgendwem recht machen. Ich tat nach Kräften, was man von mir verlangte. Nur, dass nie jemand definierte, was genau man von mir verlangte. Es war nur nie richtig, was ich tat. In der Schule tat ich mich mit Lernen schwer und ich wurde als faul abgestempelt, denn dumm war ich nicht. Seit meinem 10. Lebensjahr war ich in der Theokratischen Schule eingetragen. Ich nahm meine Aufgaben wirklich ernst und gab alles, was ich konnte. Die Brüder und Schwestern lobten mich, weil ich im Gegensatz zu vielen Erwachsenen wirklich lebensnahe Szenen ausarbeitete. Nur meine Eltern lobten mich nicht. Ich wurde ungetaufte Verkündigerin und wurde von meinem Vater mit den Pionieren der Versammlung zum Dienst eingeteilt. Natürlich nur mit den Schwestern, ist klar, obwohl mir der damals einzige Pionierbruder recht gut gefiel. Ich hatte aber Angst, mit den Pionierinnen in den Dienst zu gehen, besonders mit der einen, schon älteren. Ich wollte nicht sprechen, weil ich Angst hatte, etwas falsch zu machen. Noch mehr als vor der Zurechtweisung vor Ort hatte ich Angst davor, dass sie meinem Vater meine Fehler erzählt. Sie war sowieso eine schlechte Frau, das habe ich schon als kleines Kind gespürt, aber wehe, ich sagte vor den Ohren meines Vaters etwas über sie. Dann wurde ich gleich ermahnt, zurechtgewiesen, dass ich so nicht über Jehovas Diener zu sprechen habe. Aber diese Frau mischte sich in Angelegenheiten anderer ein, sie schwatzte, erzählte Lügen und ließ sich vom Staat Sozialhilfe zahlen, obwohl ihre Tochter, reich verheiratet, ihr monatlich gutes Geld zusätzlich zahlte und sie ließ sich von den Brüdern und Schwestern immer kostenlos überall hinfahren. Am liebsten verabredete sie sich mit Leuten, die ein Auto hatten. Aber auf die Idee, dass ein Auto nicht mit Luft fährt und dass Benzingeld nicht im Rinnstein liegt, kam sie nicht. Am schlimmsten aber war, dass sie pausenlos Lügen über die Jugendlichen in der Versammlung erfand und bei allen Eltern ausnahmslos vor die Wand lief - bei allen, außer bei meinen eigenen. Immer wenn sie mal wieder eine neue Gemeinheit parat hatte, wurden wir bestraft, denn, so mein Vater, sie ist Pionierin und würde doch nicht lügen. Allgemeiner Pionier zu sein wäre schließlich auch ein Dienstamt und wer ein Dienstamt hat, lügt nicht.

Was mir an dem Ganzen wirklich Spaß machte, war die Musik. Wie bereits erwähnt lernte ich dankenswerterweise sehr früh Noten lesen und ging bereits vor der Einschulung zur Musikschule. Und weil die ganze Familie einen "guten Ruf" hatte, durfte ich im Orchester mitspielen; erst in der Versammlung und später auf dem Kreiskongress in Trappenkamp. Obwohl ich immer vor den Boxen des selbstgebastelten E-Akkordeons eines Bruders saß, der mir mit den Bässen immer die Organe durcheinanderwirbelte, war das eine "Aufgabe", die ich gerne weiter gemacht hätte.

Irgendwann war es dann so weit, dass sich die gleichaltrigen Mädchen in der Versammlung nach und nach taufen ließen. Sie wurden mir immer alle als Vorbild hingestellt. "Hast du die Aufgabe von Me. gehört? So muss man das machen." - "Hast du gehört, dass Ma. sich auf dem Kreiskongress taufen lässt? Sie will gleich im nächsten Monat Hilfspionier machen. Und das trotz Schule! Ach und wie toll sie abgenommen hat." - "Also die Ta. die ist ja wirklich fleißig und das, obwohl ihre ganze Familie so träge ist." So ging das in einer Tour. Ich glaubte, wenn ich erst mal getauft bin, redet mein Vater auch mal positiv über mich. Fast ein Jahr lang bettelte ich um die Erlaubnis, mich taufen zu lassen. Und dann war es endlich soweit. Ich sollte auf dem Bezirkskongress getauft werden. Aber nicht alleine, sondern die eine Interessierte, Frau S., die ein paar Straßen weiter wohnt, die wird auch getauft und das, obwohl sie einen gegnerischen Ehemann hat. Ich unterhielt mich mit Frau S., die mir sogar das Du anbot und ich solle sie doch beim Vornamen nennen, wenn wir schon zusammen getauft werden, und heraus kam etwas, was ich im Nachhinein nur als Ironie des Schicksals bezeichnen kann. Frau S., wurde an einem Heiligabend vormittags mitten in ihren Weihnachtsvorbereitungen von einer kleinen älteren Zeugin aufgesucht. Von da an begann sie, sich für die "Wahrheit" zu interessieren und willigte schließlich in ein Bibelstudium ein. Und diese kleine Zeugin war niemand geringeres als meine geliebte Oma gewesen.

Ich wurde 1987 auf dem Bezirkskongress "Vertraue auf Jehova" in Neumünster getauft. Am Vortag wurde ein eindringliches Drama vorgespielt und die Gefahren des Doppellebens wurden dargestellt. Ich war fest entschlossen, niemals ein Doppelleben führen zu wollen. Dieses Drama hat mich meine Jugend hindurch verfolgt. Ich wollte alles tun, damit ich nicht so eine verachtenswerte Lügnerin werde. Mal davon abgesehen, ich hätte gar keine Gelegenheit für ein Doppelleben gehabt, selbst wenn ich gewollt hätte. Ich stand unter ständiger Kontrolle und ich bin mir sicher, dass auch der Teil des Zimmers, den ich bewohnte, während meiner Abwesenheit gefilzt wurde, so dass ich ständig alles mit mir herumschleppte von dem ich nicht wollte, dass es gefunden wird.

Von jeher wurde unsere Lektüre streng begutachtet, fernsehen durften wir sowieso nur im Kreis der Familie ausgesuchte Sendungen. Allerdings gab es eine Einrichtung, von der mein Vater keine Ahnung hatte: die Schulbibliothek. Ich lieh natürlich nur selten Bücher aus, denn die Gefahr, dass sie zu Hause gefunden werden, war zu groß. Aber ich nutzte die Pausen und Freistunden dazu, Jugendbücher zu verschlingen. All diese Mädchen führten ein so sorgenfreies Leben, dass ich sie beneidete. Sie hatten Freunde, durften sich verlieben, hatten Spaß. Ich hingegen durfte nichts mit Gleichaltrigen unternehmen. Als ich einmal mit einer Gruppe junger Leute eine Messe besuchen wollte, sagte mein Vater zu mir: "Ich kann es dir nicht verbieten zu gehen. Aber ich würde es sehr begrüßen, wenn du hier bleibst." Ich blieb. Ich wusste, was das "ich würde es sehr begrüßen" bedeutet. Offiziell hatte er mir den Ausflug erlaubt. Tatsächlich jedoch hieß der Satz: "Ja, okay. Geh. Aber erwarte nicht, dass du in nächster Zeit wieder Ausgang haben wirst." Da ich nicht wusste, wofür ich diesen Bonus noch brauchte, habe ich lieber auf die Messe verzichtet.

Ich war das brave Mädchen. So brav, dass es fast nicht zum Aushalten war und ein "Ausrutscher" vorprogrammiert war. Zwei meiner Klassenkameradinnen kamen auf die Idee, eines Schultages, als die ersten beiden Schulstunden ausfielen, trotzdem um 8 Uhr in der Schule zu sein und zu frühstücken. Es sollte kein normales Frühstück werden. Eines der Mädchen brachte drei hartgekochte Eier. Ich brachte drei Brötchen. Die dritte brachte vier 1-Liter-Flaschen von Großvaters selbstgekeltertem Weißwein. Mein lieber Herr Gesangsverein. Ich hatte vorher noch nie Alkohol getrunken, und nun mehr als einen Liter auf beinahe nüchternen Magen! Überflüssig zu erwähnen, dass ich so annähernd die gesamte Schule mit dem Inhalt meines Magens vertraut machte. Meine Schulkollegin brachte mich nach Hause und glücklicherweise war ich allein. Ich legte mich ins Bett und hatte nur einen Wunsch: das meine Eltern es nie erfahren. Ich hatte Glück. Als mich meine Mutter wecken wollte, da ich nachmittags zum Dienst verabredet war, sagte ich nur, mir sei schlecht, was ja noch nicht einmal gelogen war und ich sofort auch beweisen konnte. So rief sie dann meine Verabredung an und sagte den Termin ab. Ich hatte so ein mordsschlechtes Gewissen, dass ich mir schwor, nie wieder Alkohol zu trinken.

Gerne hätte ich eine andere Berufsausbildung gemacht. Ich träumte schon in jungen Jahren davon, entweder in den medizinischen Bereich zu gehen, oder alternativ in die Hauswirtschaft. Ich stand dann vor der Wahl, Hauswirtschaftsleiterin oder Diätassistentin zu werden mit der Aussicht Oecotrophologie zu studieren. Erstens kam das Folgestudium nicht in Frage. Diesen Zahn zog man mir gleich. Sobald die Ausbildung abgeschlossen ist, müsste ich arbeiten und Geld verdienen. Aber beide Berufe hätte ich nicht am Ort lernen können, sondern die Ausbildung fand jeweils in einem Schulzentrum mit Wohnheim statt, so dass ich unter der Woche dort hätte wohnen müssen. Und das kam für meinen Vater schon gleich dreimal nicht in Frage. Nicht nur, dass er dann keine Kontrolle mehr gehabt hätte, ob ich auch wirklich alle Zusammenkünfte besuche und mein persönliches Studium führe, ich hätte dort ja auch in schlechte Gesellschaft geraten oder - noch schlimmer - Männer kennenlernen können, und so machte ich am Ort eine Ausbildung zur Bürokauffrau.

Apropos Männer. Ich weiß nicht, ob es tatsächlich so war, aber ich hatte das Gefühl, dass 2x im Jahr das Thema beim Familienstudium dran kam. Da in unserer Versammlung niemand war, für den ich mich interessieren konnte, bis auf den Pionierbruder, der eine Woche vor meiner Taufe dann eine andere heiratete, waren die Kongresse die einzigen Möglichkeiten, andere kennen zu lernen. Ich begleitete meinen Vater zwar oft zu Vorträgen, aber auch wenn in der einen oder andern Versammlung jemand in Frage gekommen wäre, wäre ja immer mein Vater dabei gewesen. Kein Wunder, dass sich nie einer für mich interessierte. Ich schob das natürlich wieder auf mein Aussehen, von dem mir mindestens einmal täglich gesagt wurde, es sei so nicht in Ordnung. Aber auch auf Kongressen war kein näheres Kennenlernen möglich, denn auch wenn sich mal ein junger Bruder mit mir unterhielt war es, als ob mein Vater das riecht. Er musste auf den Kreiskongressen die Ordner einteilen und so hoffte ich, hielt er sich die meiste Zeit in seinem Büro auf, aber irgendwie kam er immer dann um die Ecke, wenn ich mit einem Bruder unterhielt. So kam es, dass ich mich bis vor kurzem immer blöde und linkisch benahm, wenn Männer in meiner Nähe waren. Einfach die Tatsache, dass sich ein Mann in meinem Dunstkreis aufhielt, machte mich dermaßen nervös, dass ich jedes freundschaftliche Verhältnis selbst im Keim erstickte. Dabei war es nicht einmal nötig, dass ich "was von ihm wollte". Ebenso dumm benahm ich mich im Umgang mit Kollegen, weil ich es nie gelernt hatte, einem Mann ganz natürlich zu begegnen. Mir wurde eingehämmert, dass Männer und Frauen immer gleich übereinander herfallen, kaum dass man sie 5 Minuten alleine lässt, dass ich schon nervös wurde, wenn mich mein Chef zur Arbeit mit dem Auto abholte, damit ich nicht durch den Regen laufen muss.

Nach der Ausbildung nahm ich den Dauer-Hilfspionierdienst auf. Eigentlich wäre mein Ziel der allgemeine Pionierdienst gewesen, doch irgendetwas hielt mich davon ab, diese Bewerbung abzugeben. Gerade wurde in der Nachbarversammlung eine arabische Gruppe gestartet und meine Freundin fing an, arabisch zu lernen. Ich lernte nicht mit; mir reichte es, die meiste Zeit mit ihr im arabischen Gebiet tätig zu sein. So war ich zwar auch außerhalb des Einflussbereiches meines Vaters, aber auf meine Freundin war Verlass, wie ich später erfahren musste. Allerdings hat mir das Kennenlernen der fremden Kultur und das Zusammensein mit den anderen Brüdern und Schwestern wirklich Spaß gemacht. Erstaunlicherweise durfte ich nun auch mit den Brüdern aus meiner Versammlung in den Dienst gehen. Vielleicht, weil die ohnehin alle jünger waren als ich und mein Vater da keine Gefahr sah? Oder - was ein noch wichtigerer Grund wäre - war es die hohe Stundenzahl monatlich auf meinem Berichtszettel, auch später, als ich kein HP mehr war?

Ich suchte händeringend eine Halbtagsstelle, damit ich weiter den HP-Dienst durchführen konnte. Doch eine Teilzeitstelle zu bekommen war noch schwieriger, als eine Vollzeitstelle zu finden. Endlich bekam ich dann Arbeit - Vollzeit. Ich musste den HP-Dienst aufgeben und ging "nur" noch einmal in der Woche Abends und dann den ganzen Samstag in den Dienst. Obwohl wir fast erwachsen waren und noch eines der vier Kinder zur Schule ging und die anderen alle einer Vollbeschäftigung nachgingen, änderte sich nichts an dem straffen Zeitplan, der mal eingeführt wurde, als wir noch Kinder waren. Wir hatten jeden Tag "Programm". Zusätzlich zum "Familienstudium" wurde darauf Wert gelegt, dass wir uns zusammen als Familie auf die Zusammenkünfte vorbereiten. Irgendwann war das nicht mehr machbar, aber da war eigentlich schon alles zu spät.

Mein Bruder studierte mit einem jungen Ausländer, der sich illegal in Deutschland aufhielt und dem die Abschiebung drohte. Dieser junge Mann war sehr schlau. Er ahnte wohl, wie sehr ich unter der Lieblosigkeit meiner Familie und der vermeintlichen Ablehnung aufgrund meines Aussehens litt. So sagte er mir, dass er mich liebe und stellte mich sogar seiner Familie als seine Verlobte vor. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Nicht nur, dass ein Mann bei meinem Anblick nicht Reißaus nahm - er wollte mich sogar heiraten. Aber das war gegen das Gebot, nur im Herrn zu heiraten. Da fand ich eine "Lücke im Gesetz"! Im WT vom 01.08.1994 hieß der zweite Studienartikel "An Vernünftigkeit zunehmen". Dort steht unter dem Unterthema "Flexibilität bei veränderten Umständen" der erste Absatz: "Jesus bewies, dass er wie Jehova sein Vorgehen schnell ändern und sich anpassen konnte, sobald neue Umstände eintraten. Bei einer Gelegenheit bat ihn eine Nichtjüdin, ihre stark dämonisierte Tochter zu heilen. Zunächst zeigte Jesus ihr auf dreifache Weise, dass er ihr nicht helfen wollte — erstens dadurch, dass er ihr nicht antwortete, zweitens durch seine Aussage, er sei nicht zu den Nationen, sondern zu den Juden gesandt worden, und drittens durch eine Veranschaulichung, in der er denselben Gedanken in freundlicher Form wiederholte. Doch die Frau ließ sich durch all das nicht entmutigen, wodurch sie einen außergewöhnlichen Glauben bewies. Angesichts der besonderen Umstände konnte Jesus sehen, dass es in diesem Fall unangebracht gewesen wäre, eine allgemeine Regel anzuwenden; hier galt es mit Rücksicht auf höhere Grundsätze, flexibel zu sein. Deshalb tat Jesus genau das, was er dreimal abgelehnt hatte. Er heilte die Tochter der Frau (Matthäus 15:21-28)." (Kursivschrift und Unterstreichung von mir) Würde nun dieser Mann abgeschoben werden - so meine Überlegung -, hätte er in seiner muslimischen Heimat nie die Möglichkeit, die "Wahrheit" kennen zu lernen. Also war eine Heirat, auch wenn er noch nicht getauft ist, zu vertreten, denn nur so habe er eine reelle Chance, ein Zeuge Jehovas zu werden.

Nun hatte ich also eine glaubwürdige Erklärung für mein Gewissen. Jetzt fehlte es nur noch an der Umsetzung meines Plans. Und das war gar nicht so einfach. Zu Hause konnte ich nichts unternehmen, denn meine Mutter durchsuchte ständig meine Sachen während meiner Abwesenheit. Also blieb nur noch die Arbeitszeit. Wie der unglückliche Zufall es wollte, rief sie immer dann an meinem Arbeitsplatz an, wenn ich mit meinem Zukünftigen auf wichtigen Behördengängen war. Aber irgendwie haben meine netten Arbeitskollegen mich da immer rausgehauen. Dann, eines Samstagnachmittags, als ich angeblich bei seiner Schwägerin zum Studium war, sahen wir uns in einem Dorf, etwa 30km von meinem Heimatort entfernt, eine Wohnung an. Erstaunlicherweise war der Vermieter bereit, sie an uns zu vermieten. Dieser neue Wohnsitz war wichtig, denn zu der Zeit musste man ja noch ein Aufgebot eine Woche im Schaukasten des Rathauses aushängen haben. Das konnte ich unmöglich bei uns am Ort machen. Weil ich nicht wusste, wie ich meinen Eltern meinen Auszug beibringen sollte, wählte ich die Flucht. Als in der Nacht zu Montag alles schlief, packte ich meine Kleidung und einige persönliche Sachen in große Müllsäcke und warf sie aus meinem Fenster. Dummerweise lag das Schlafzimmer meiner Eltern direkt über meinem Zimmer, so dass sie das Aufschlagen der Taschen hörten. Mein Vater kam, um nach dem Rechten zu sehen. Ich lag vollständig angekleidet mit Schuhen unter der Bettdecke und tat, als ob ich schlief. Dabei pochte mein Herz so laut, dass ich glaubte, er müsse es hören. Er kam in mein Zimmer, machte sogar das Licht an, aber ging wieder. Auch bei seinem Gang ums Haus sah er die Säcke und Taschen unter meinem Fenster nicht. Am frühen morgen dann machte ich mich auf den Weg zu meinem "Verlobten", der mich in unsere neue Wohnung brachte. Wir meldeten unseren Wohnsitz um und bestellten das Aufgebot. Seine Mutter, die selbst von ihrem Mann als junges Mädchen entführt und heimlich geheiratet wurde, nahm mich liebevoll als ihre Schwiegertochter an. Wir schliefen zwar in derselben Wohnung, aber in unterschiedlichen Zimmern und ich sogar hinter abgeschlossener Tür. Ich war so voller Angst, dass ich selbst in dieser Situation mich nicht traute, mit dem Mann, den ich in wenigen Tagen gedachte zu heiraten, ein Zimmer zu teilen.

Dann machte ich einen Fehler: ich ließ mich auf ein Treffen mit meiner Familie ein, weil man mir erklärte, wie krank meine Mutter sei und dass es um ihre Gesundheit sehr schlecht steht. Man holte mich nach der Arbeit am Bahnhof ab. Es war Dienstag. Das Einfangen des Ausreißers schien Grund genug, das Buchstudium zu schwänzen. Ich kam also in dem Haus an, in dem ich 15 Jahre lang gewohnt habe und dass mir so kalt und fremd vorkam. Kaum war ich dort, erholte sich meine Mutter urplötzlich. Ich nehme an, man kann es zurecht als neuzeitliches Wunder ansehen. Es wurde zum Familientribunal zusammengetrommelt. Was genau dort geredet wurde, weiß ich nicht mehr. Nur einen Satz werde ich niemals vergessen. Mein Vater sagte: "Du kannst jetzt wieder zurückkommen. Es hat noch niemand gemerkt." Ich war zu fertig, um hellhörig zu werden. Meine Eltern und mein Bruder redeten auf mich ein, meine kleinen Schwestern saßen da und weinten. Ich brach zusammen. Mein Vater und mein Bruder machten sich auf, meine Sachen aus meiner Wohnung zu holen. Mein Vater kündigte meinen Mietvertrag ohne meine Einwilligung und schenkte dem Vermieter sogar noch die von mir hinterlegte Kaution als Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten. Ich wollte schlafen. Das durfte ich auch. Sogar in meinem Zimmer. Aber meine sonst so empfindliche und rückenkranke Mutter, von der noch 2 Stunden vorher angenommen wurde, sie würde die Nacht nicht überleben, schnappte sich ein paar Decken und kampierte auf dem Fußboden vor meinem Bett. Die schlimmere Demütigung kam allerdings erst am nächsten Tag: sie fuhr mit mir in das Dorf, in dem ich gemeldet war und ich musste das Aufgebot abbestellen und mich auch wieder abmelden. Sie ließ mich noch nicht einmal alleine in das Amtszimmer gehen, und so hatte ich keine Chance, zumindest das Aufgebot bestehen zu lassen. Anschließend fuhr sie mich zum Arzt. Genauer gesagt zu ihrem Hausarzt. Da ich meinen Jahresurlaub in den kommenden Tagen ohnehin geplant hatte, wollte sie, dass ich mich bis zum Antritt des vierwöchigen Urlaubs krankschreiben lasse. Glücklicherweise begriff der Arzt schnell die Lage, als meine Mutter mit aufstand, als ich aufgerufen wurde und schickte sie wieder ins Wartezimmer. So durfte ich endlich das erste Mal an diesem Tag ohne sie irgendwo sein. Er wollte mich tatsächlich für eine Weile krankschreiben, doch das wollte ich nicht. So konnte ich wenigstens tagsüber fast ohne Bewachung sein; allerdings fuhr man mich zum Bahnhof und holte mich auch wieder ab und mindestens einmal am Tag zu unterschiedlichen Urzeiten rief jemand aus meiner Familie an meinem Arbeitsplatz an, um sich von meiner Anwesenheit zu überzeugen.

Am Wochenende musste ich dann mit 2 Ältesten sprechen. Ich weiß nicht, warum. Ich weiß auch nicht, was besprochen wurde. Ich war irgendwie abwesend und ließ es über mich ergehen. Weil sie kapierten, dass sie mich nicht mehr halten können, erlaubten meine Eltern, dass ich mir eine eigene Wohnung suche. Sie gestatteten sogar, dass ich bis zum Finden einer geeigneten Wohnung bei meiner Freundin in der Nachbarversammlung wohnen dürfe, die mich gerne aufnahm. Aber ich konnte meinen "Verlobten" nicht vergessen. Es kam der Tag seiner Ausweisung; ein Tag, bevor mein Jahresurlaub begann. Ich konnte arrangieren, dass wir uns vor Dienstbeginn in der Nähe meiner Arbeit trafen, bevor er dann zum Flughafen fuhr und ich ihn nie wieder sehen würde. Nie wieder. Noch heute lösen diese beiden Worte Angstzustände bei mir aus. Wir trafen uns also ein letztes Mal, um uns Lebwohl zu sagen. Da fragte er mich: "Kommst du mit?" Und ich sagte: "Ja, ich komme mit." Wir fuhren zum Reisebüro seiner Bekannten und kauften ein Ticket für mich. Und dann verließ ich Deutschland auf unbestimmte Zeit.

In meiner neuen Heimat angekommen wurde ich von der überraschten Familie, die von meiner Ankunft nichts ahnten, sehr herzlich und liebevoll aufgenommen. Obwohl mein "Verlobter" sofort meine Eltern anrief und ihnen mitteilte, wo ich bin, wurde ich von Interpol gesucht. Die Angst blieb also auch dort mein ständiger Begleiter. Meinem Schwiegervater war meine Anwesenheit nicht so recht. Schlimm genug, dass sein Sohn eine Frau mitbrachte, aber ausgerechnet eine Deutsche. Mit roten Haaren! Nur weil seine Tochter ebenfalls noch unverheiratet zu Hause wohnte, durfte ich mit seinem Sohn unter einem Dach, auf gar keinen Fall aber in einem Zimmer schlafen. Aber das war ja nichts Neues für mich. Mit den Geschwistern meines "Verlobten" kam ich ganz gut aus und sie sprachen auch sehr gut deutsch, so dass wir uns unterhalten konnten. Mein Schwiegervater beäugte mich immer misstrauisch. Eines Tages beim Mittagessen wollte er angeben, dass er die Peperoni so essen könnte. Er biss in eine Schote und mit tränenden Augen kaute und schluckte er. Er wollte mich wohl foppen, als er mit den Teller mit den Peperoni hinschob, doch ich griff zu, biss in eine Schote, kaute, schluckte, und das alles, ohne auch nur eine Miene zu verziehen und ohne rote Augen. Er lachte. Das Eis war gebrochen. Irgendwie schafften wir es, alle nötigen Papiere aus Deutschland zu beschaffen, so dass wir endlich, drei Wochen nach meiner Ankunft, dort heiraten konnten.

Da ich in Deutschland ja noch immer meine Arbeitsstelle hatte, beschlossen wir, dass ich zunächst wieder zurückfliege und von dort aus die Einreise meines "Mannes" veranlasse. Ich konnte in der Wohnung seines verstorbenen Bruders wohnen. Ich bekam die Schlüssel, meine Sachen und reiste alleine in meine Heimat, in ein Land, das mir plötzlich so fremd vorkam. Als alle Welt das neue Jahr 1995 feierte, lag ich im Bett meines verstorbenen Schwagers und versuchte, einzuschlafen und zu vergessen.

Schnell sprach sich herum, dass ich wieder in Deutschland war und ein Bruder aus der Nachbarversammlung, der noch ein Jahr zuvor von meinen Eltern nicht als der passende Schwiegersohn angenehm war, war plötzlich gut genug, sich um mich zu kümmern. Er rief mich auf der Arbeit an und versprach, mich in seine Versammlung mitzunehmen. Ich willigte ein. Als wir den Saal betraten, war es, als würde sich eine Schneise vor mir auftun. Ich kannte die Leute ja von den Kongressen und wenn ich meinen Vater zu Vorträgen begleitete. Es war komisch, dort zu sein. Ein Bruder, der Hausmeister eines Mehrfamilienhauses war, zeigte mir nach der Zusammenkunft eine freistehende Wohnung in dem von ihm verwalteten Haus, in dem auch meine Freundin aus meiner alten Versammlung seit einigen Jahren wohnte. Mangels irgendeiner Alternative unterschrieb ich den Mietvertrag. Als mich der Bruder wieder nach Hause fahren wollte, wurde das sofort unterbunden. Der VA samt Gattin brachte mich in meine Behausung zurück, aus der ich noch am selben Wochenende ausziehen konnte.

Außer den beiden Bekannten wohnte noch ein Pionier im selben Haus, bei dem praktischerweise das Buchstudium stattfand, das der VA leitete. Diese Versammlung hatte 120 Verkündiger, aber irgendwie liefen mir immer dieselben Gestalten über den Weg. So versuchte ich, mein neues Leben zu beginnen. Ich ging wieder zur Arbeit, abends vorstudieren, Buchstudium oder Versammlung, Wochenende Dienst. Es hatte sich kaum etwas geändert. Nur mein Nachname, der plötzlich fremd und anders war. Nun ja und das Verhältnis zu meinen Eltern wurde noch schlechter. Verständlich. Weil das Buchstudium im Haus stattfand und so viele mich zur Versammlung mitnehmen konnten, blieb mir auch keine Wahl, mal blau zu machen. Alle bemühten sich um mich und ersetzten die Familie. Endlich, nach drei langen Monaten bekam mein "Mann" die Einreisegenehmigung. Ausgerechnet am Kongress-Wochenende, das konnte ich leider nicht verschieben. Da war er nun. Das erste Mal war mein "Mann" in dieser neuen Versammlung. Alle waren nett und aufgeschlossen. Vor allem der Dienstaufseher, der ihm gleich ein Studium verpasste.

Ob alle so eine Ehe führten, wie wir, wusste ich nicht. Ich wusste nur, dass es mir nicht gefällt, wie wir leben. Ich wurde immer unzufriedener und begann schon genauso zu nörgeln, wie meine Mutter immer meinen Vater kritisierte. Gegen Ende des Jahres beschloss mein "Mann", eine Meisterschule zu besuchen, die er aber selbst bezahlen müsste. Wir gingen zu meiner Hausbank und legten dem Sachbearbeiter die Unterlagen für die Schule nebst der Anmeldung vor. Wir erhielten ... nein, ich erhielt einen Kredit über mein Eineinhalbfaches Jahresgehalt, den mein "Mann" sich in bar auszahlen ließ. Er ging zur Schule, ich zur Arbeit. In der kommenden Nacht kam er nicht nach Hause. Erst morgens früh schloss die Tür und er stand da. Er fand, es sei genau der richtige Abend gewesen, in die Disco zu gehen. Er duschte und wollte (übrigens in meinem Auto) zu seiner Arbeitsstelle fahren und bot mir an, mich mitzunehmen. Auf dem Weg dorthin hatten wir einen schweren Autounfall, bei dem ich um ein Haar gestorben wäre. Ich wusste im ersten Moment gar nicht, was passiert ist. Ich rief meinen Arbeitgeber an und meldete mich krank, während mein "Mann" auch telefonierte. Er ließ einen Bekannten kommen, der mich zum Arzt fährt und sich um mein Auto kümmert. Ich ärgerte mich zwar, dass mein Auto völligst demoliert war, war aber froh, dass wir überlebt hatten. Morgen war unser Hochzeitstag, ich dachte, das sei eine gute Gelegenheit, noch einmal ganz von vorne anzufangen.

Meinen "Mann" sah ich etwa einen Monat später wieder, als er wutschnaubend in unserer Wohnung stand und mich anherrschte was mir einfiele, seine Mutter in Angst und Schrecken zu versetzen. Weil er nämlich nach dem Unfall nicht nach Hause kam, telefonierte ich natürlich überall herum - auch bei seiner Familie. Das machte ihn so wütend, dass er nun die Zeit gekommen sah, mich doch aufzusuchen, um mich anzuschreien. Er teilte mir mit, dass er nun bei seiner Schwägerin, der Frau seines verstorbenen Bruders leben würde. Er will keine Scheidung. Ich könne mir aussuchen, ob ich damit einverstanden bin, dass er einmal im Monat zu mir kommt oder ob ich Krieg will.

Ich reichte die Scheidung gegen den Willen der Ältesten ein. Da ich keine Beweise für einen Ehebruch hätte, dürfe ich mich nicht scheiden lassen. Dass die Frau, bei der er lebte, seine Schwägerin, schwanger wurde, interessierte niemanden. Nach und nach erkannte ich, wen ich da geheiratet hatte. Er hatte bereits zu Lebzeiten seines Bruders mit dessen Frau ein Verhältnis, aus dem auch ein Kind hervorgegangen ist. Als die Sache aufflog, kam der Bruder zufällig bei einem Autounfall ums Leben. Mich wollte er ebenso mit einem Autounfall beseitigen, denn er hat bei Glatteis in einer Kurve bei Gegenverkehr überholt. Es gab nur eine äußerst geringe Chance, dass er den Unfall nicht überlebt, so dass man nie auf die Idee gekommen wäre, es handele sich um Mord. Der Wagen war wie geplant, auf meiner Seite so zusammengestaucht, so dass es mir das Genick gebrochen hätte. Nur dem Umstand, dass ich den Unfall habe kommen sehen und mich bereits vor dem Überschlag des Fahrzeugs auf dem Sitz zusammenrollte, hat mir das Leben gerettet. Ich habe zwar überlebt, doch was war es wert? Aufgrund der Umstände, insbesondere des psychischen Druckes, dem ich ausgesetzt war, erlitt ich im Frühling 1996 eine Fehlgeburt, noch bevor ich wusste, dass ich schwanger war. Mein Ex bedrohte meine Geschwister, indem er meinen Schwestern in der Stadt auflauerte und meinem Bruder Totenköpfe aufs Auto schmierte. Ich fing an zu trinken; ging sogar manchmal betrunken zur Versammlung. Entweder merkte es wirklich niemand oder es interessierte keinen.

Der Druck, den meine Mutter auf mich ausübte, war unbeschreiblich. Ich war mittellos. Habe durch den Unfall die Arbeit verloren und das Arbeitslosengeld reichte knapp, um die Miete für die große Wohnung zu bezahlen. So ließ mich meine Mutter jede Woche einmal bei ihr antanzen und putzen. Dafür bekam ich dann Geld. Ich brauchte es so dringend, denn ohne diese Zuwendung hätte ich mich nicht ernähren können. Aber andererseits hielt sie mich wieder abhängig von sich. Ich war nicht in der Lage, ihr zu sagen, sie soll sich aus meinem Leben heraushalten. Irgendwann, inzwischen hatte ich wieder Arbeit, hielt ich es nicht mehr aus und dachte, wenn ich erst ausgeschlossen wäre, dürfte sie keinen Kontakt mehr mit mir haben. Also suchte ich mir einen Liebhaber und ließ mich ausschließen. Natürlich war die Komiteesitzung dennoch demütigend und ich hätte sie mir eigentlich nicht gefallen lassen müssen, obwohl ich die Situation, dass ich ausgeschlossen werden wollte, selbst herbeigeführt hatte. Allerdings ließ sich meine Mutter auch nicht durch einen Ausschluss davon beeindrucken, dass sie nun keinen Kontakt mehr mit mir haben dürfte, so dass ich mal wieder floh. Ich lernte einen jungen Mann ausgerechnet in der Kleinstadt kennen, in der wir als Familie gut 10 Jahre zuvor Urlaub an der Ostsee gemacht hatten. Ich erklärte ihm meine Situation und es erschreckte ihn nicht. Ich kündigte meine Wohnung und Arbeit und zog zu ihm. Auch jetzt konnte meine Mutter sich nicht damit abfinden, dass ich schon wieder getürmt war und ließ mich wieder von der Polizei suchen. Dazu hatte sie meine ehemaligen Arbeitskollegen ausgehorcht, denen wohl irgendeine Horrornachricht überbracht und eines Tages, als ich schwer krank mit 40°C Fieber und einer schweren Streptokokkeninfektion dem Tod näher war, als dem Leben, klingelte das Telefon und die Polizei meines letzten Wohnsitzes meldete sich. Der Polizist wollte auf mich einreden, ich könne doch nicht von zu Hause weglaufen, doch ich schaffte irgendwie ihm zu erzählen, dass ich - immerhin 24 Jahre alt - ausgeschlossene Zeugin Jehovas sei und dass vielleicht dieser Umstand meine Mutter dazu brachte, mich so penetrant zu suchen. Er wurde sehr freundlich, entschuldigte sich für die Störung und sagte leise etwas, dass er versucht, meine Mutter abzuwimmeln.

Irgendwie bekam ich dann Nachricht, dass die Ältesten mich besuchen wollten, und so standen zwei, die ich noch von früher kannte, in unserer Wohnung. Es hieß, wir müssen heiraten, damit ich wieder aufgenommen werden konnte und das taten wir dann auch. Die ganze Prozedur war übrigens tatsächlich so nüchtern, wie es jetzt klingt. Zeitgleich zu dem Besuch begann mein "Mann", mit einem der Ältesten, die mich zu Hause aufsuchten, zu studieren. Wir waren schon ein skurriles Pärchen. Er saß nehmen seinem "geistigen Vater" in der ersten Reihe und ich auf der Sünderbank ganz hinten. Während er vorzog, immer sehr früh anwesend zu sein und lange nach Programmschluss zu bleiben, musste ich diese Zeit im Auto warten. Kurz vor seiner Taufe wurde meine Aufnahme bekannt gegeben. Das nenne ich Timing.

Trotz Heirat und Taufe hörte mein "Mann" nicht auf, auf teuren Hotlines die Hostessen anzurufen. Bald blieb es nicht beim Telefonsex, sondern es kam zu realen Kontakten. Alles das war für die Ältesten der Versammlung dort kein Scheidungsgrund und schon gar keiner, ihn auszuschließen. Ob es daran lag, dass er in der selben Bank beschäftigt war, bei der die Versammlung ihr Konto hatte, ist eine bloße Vermutung von mir.

Da ich an meiner Arbeitsstelle perfidem Mobbing ausgesetzt war, suchte ich mir wieder Richtung meiner Heimat Wohnung und Arbeit. In der Zeit um meinen Umzug traf ich den Sohn des anderen Ältesten, der mich nach meinem Ausschluss als erstes besuchte wieder; auch ihn kannte ich noch von früher. Inzwischen war seine Frau gestorben und er war ebenso allein, wie ich. Aber durch meinen Umzug verloren wir uns aus den Augen. Ich ließ mich auf eine kurze Affäre mit einem jungen Mann ein. Ich fühlte zwar das schlechte Gewissen auf der einen Seite, andererseits genoss ich es, das erste Mal wirklich als Frau behandelt zu werden.

Dann trat besagter Bruder wieder in mein Leben. Wir telefonierten oft und irgendwann sagte er mir, er habe sich in mich verliebt. Ich fühlte mich gebraucht und geliebt und hoffte so, meine Affäre vergessen zu machen. Ich half ihm, seine Ehewohnung aufzulösen und ebenfalls in meine Nähe zu ziehen. Man sah uns oft, dennoch verhielten wir uns stets anständig, auch wenn wir alleine waren. Wir teilten oft die Wohnung zusammen, weil es sich so ergab. Aber es passierte nie etwas. Natürlich war er wieder nicht gut genug in den Augen meiner Eltern. Außerdem war mein zweites Scheidungsverfahren zu dem Zeitpunkt noch in vollem Gange. Und weil ich den Fehler gemacht hatte zu glauben, dass die Vergangenheit nicht nur mich, sondern auch sie etwas gelehrt hatte, ging der Zugriff meiner Mutter auf mein Leben weiter. Es wurde so heftig, dass ich Angst hatte, an die Tür oder ans Telefon zu gehen. Einmal, als alles zuviel wurde, schleuderte ich mein Telefon gegen die Wand, weil es nicht aufhörte zu klingeln. Das war für meinen Freund das Signal, mich da raus zu holen. Er rettete mir wohl das Leben, in dem er mich gänzlich aus dem Einflussbereich meiner Mutter entfernte. Dennoch ließ ich kurz vorher noch einmal eine Komiteesitzung über mich ergehen, denn ich hatte Angst, dass mein Freund nachträglich von meiner Affäre Wind bekommt und mich fallen lässt. Ich glaubte, wenn ich vorher dafür meine Zurechtweisung abgeholt habe und er es nachträglich herausbekommt, sei es nicht so schlimm.

Wir kündigten unsere Wohnungen und zogen gut 400 km weg. Zuerst wollten wir eine große Wohnung nehmen, denn noch immer sprach er davon, mich heiraten zu wollen. Irgendwie hatte ich so eine Ahnung und schließlich fanden wir zwei Wohnungen nebeneinander, die wir dann bezogen. Irgendwie tief drinnen war ich einsam. Ich wusste, dass ich ihn nicht genug liebte, um ihn zu heiraten. Ich liebe ihn, wie einen Bruder. Und er? Ich weiß nicht. Er machte mir Komplimente und küsste mich und sprach von der Zeit, wenn wir erst verheiratet wären. Doch er machte es von äußeren Umständen abhängig. Wenn er erst Arbeit hätte, dann können wir heiraten, schließlich würde seine Witwerrente bei einer Heirat wegfallen. Ich konnte es nicht mehr hören. Ich war verletzt, weil er mich nicht heiraten wollte, aber ich fühlte mich trotzdem nicht genug zu ihm hingezogen, mir ein Eheleben mit ihm vorstellen zu können. Und so sagte ich ihm dann im Frühling 2003, dass aus uns nie ein Paar wird. Es tat mir sehr weh, in so verletzen zu müssen, doch ich hatte das Gefühl zu ersticken, wenn ich es nicht mache. Es hat ihn verletzt. Sehr sogar. Aber er ist so anständig, es mir nicht anzukreiden. Wir haben ein gutes freundschaftliches Verhältnis und wir stehen füreinander ein. So einen Bruder zu haben kann ich nur jedem wünschen.

Seit meinem Wegzug aus meiner Heimat hatte ich bis dahin keinen Kontakt mehr zu einer Versammlung. Einzig das Gedächtnismahl hatte ich besucht, doch die "lieben Brüder und Schwestern" kamen erst gar nicht auf die Idee, sich um die Fremde, die ich ja für sie war, zu kümmern. Inzwischen fing mein Freund wieder an, seine alte Versammlung zu kontaktieren und wohnt mittlerweile auch wieder in seinem alten Versammlungsgebiet, das er Ende 2001 nach dem Tod seiner Frau verlassen hatte. Ich war zwar einsam, aber hatte von Männern erst mal genug und suchte einfach nur Abwechslung und Kurzweil. Und ganz ohne Zwang lernte ich zufällig in einem Online-Forum den für mich besten aller Männer kennen. Um es abzukürzen: wir sind seid August 2003 ein Paar.

Endlich schaffte ich auch die endgültige Loslösung von der Wachtturm-Gesellschaft. Obwohl ich seit 3 Jahren untätig bin, war es trotzdem noch ein Stück Arbeit, auch den letzten Schritt zu gehen. Aber ich bin meinem Liebsten und Infolink dankbar, dass ich den Schritt nicht alleine machen musste und auch den weiteren Weg nicht alleine gehen muss.