27 Jahre Reise in die Freiheit

Ich wurde als zweites Kind einer in 2. Generation bei den Zeugen Jehovas aktiven Familie geboren. Meine Eltern hatten sich sehr ein Mädchen gewünscht und waren bei meiner Ankunft überglücklich.

Meine frühe Kindheit war glücklich, nur getrübt durch häufige Krankheiten meiner Mutter, der es, zumindest in meiner Erinnerung, nie wirklich gut ging. Trotzdem unternahm sie viel mit meinem 5 Jahre älteren Bruder und mir und allgemein wurde in meiner Familie das Bewusstsein für Musik, Reisen, Geschichte und Natur gefördert.

Probleme begannen erst, als ich in der Grundschule merkte, dass an mir irgendwas anders war. Wir wohnten in einem kleinen schwäbischen Dorf und wir waren keine Schwaben – ich sprach Hochdeutsch und hörte Klassische Musik, außerdem feierte ich kein Geburtstag etc. So lernte ich sehr früh zu verleugnen was mir wirklich gefiel und wer ich wirklich war um dazuzugehören. In der Versammlung der Zeugen Jehovas allerdings gab es sehr viele Kinder und somit später Jugendliche, mit denen ich etwas unternehmen konnte. Entsprechend stark war auch der Gruppenzwang. Mit 14 ließ ich mich taufen, weil ich es cool fand die erste zu sein, die getauft war und den anderen als Vorbild hingehalten wurde. Sowieso – da mein Vater Vorsitzführender Aufseher war, wurde mein Verhalten stets als Maßstab für andere herangezogen. Allerdings hatte ich im Bibelstudium mit meinem Vater ihn stundenlang mit Fragen gelöchert und wollte alles ganz genau wissen. Ich erkannte das Gelernte als Wahrheit an, da mir alle Fragen mit einer mir logisch erscheinenden Antwort beantwortet werden konnten.

Ich war grundsätzlich eher rebellisch und ließ mir nicht so einfach was verbieten, dadurch hatte ich viele Diskussionen mit meinen Eltern – die ich bis heute dafür respektiere, dass sie mir, wenn sie keine guten Gegenargumente hatten, viele Freiheiten ließen und diese dann auch gegen den Rest der Versammlung verteidigten.

Leider hatte sich im Laufe der Jahre herausgestellt, dass ich für meine Mutter eher eine Enttäuschung war. Das heißersehnte Mädchen hatte sich so gar nicht nach ihren Vorstellungen entwickelt. Andauernd hörte ich Sätze wie: „ich hatte mir immer vorgestellt mit meiner Tochter mal (jetzt kam irgendwas, was ich nicht gerne tat) zu machen“ … „andere Mütter und Töchter…“. Dadurch war das Verhältnis zwischen meiner Mutter und mir ab der Pubertät und leider auch noch lange danach wirklich nicht das Beste. Ich fasste alles, was sie sagte, sofort als Kritik auf, und sie sah alles, was ich sagte, sofort als Angriff. Mein Vater war mein Fels und mein großer Held und ich sein Augapfel. In der Pubertät bekam ich die übliche Identitätskrise. Unter anderem merkte ich, wenn ich in der Versammlung und auf Kongressen war (wo ich schön vorbildlich an Programmpunkten beteiligt war), dass bei mir irgendwas nicht stimmte. Ich war falsch – denn, es ging mir gar nicht so, wie von der Bühne gesagt wurde. Das ich durch mein Herz gedrängt wurde, in den Dienst zu gehen (da drängte eher meine Mutter) z.B. Ich fühlte gar nicht so, wie ich sollte. Ich war falsch.

In dieser Zeit wurde ich zum ersten Mal richtig depressiv. Natürlich konnte ich das damals nicht einordnen und wurde nach außen nur noch kratzbürstiger und unnahbarer. Ich hatte das Gefühl hinter einer großen Panzerglasscheibe von meinen eigenen Gefühlen und vom Rest der Welt getrennt zu sein. Ich hatte massive Selbstmordgedanken. Irgendwie entwickelte dann mein Gehirn ein Überlebensprojekt: ich plante, sofort mit 18 auf Weltreise zu gehen. Um zu sehen, was übrig bleibt wenn ich aus dem Korsett der heimatlichen Gewohnheiten rauskomme. Um herauszufinden wer ich bin. Mit 15 lachten mich alle aus, als ich ihnen von meinem Plan erzählte, aber unbeirrt fing ich an, darauf hinzuarbeiten. Nach der Realschule machte ich eine 2 Jährige Ausbildung, jobbte 6 Wochen um das Startkapital zu verdienen und ging dann wirklich los. Als meine Mutter mich an dem Tag, als ich meinen Rucksack kaufte damit nach Hause kommen sah, sagte sie: „du gehst ja wirklich“. Dies war 2 Wochen vor meiner Abreise. Meine Eltern ließen mich ohne großes Theater gehen – ich hätte mich eh nicht zurückhalten lassen und außerdem hatten auch meine Eltern jahrelang im Ausland gelebt, unter anderem in Afghanistan. Diese Erzählungen hatten ja erst die Reiselust in mir geweckt.

1½ Jahre verbrachte ich in Großbritannien, erst in London, dann in Schottland. Es war eine schöne, wilde Zeit. Ich log meine Eltern an, dass ich in die Versammlung ging, tat dies aber nicht. Allerdings tat ich auch nicht Ausschlusswürdiges in der Zeit. Ich probierte mal das Rauchen, trank etwas zu viel und knutschte gelegentlich mit irgendwelchen Männern, aber all dies konnte ich mit meinem Gewissen vereinbaren. Ich hatte so eine Art Deal mit Jehova geschlossen: er solle mich nicht aufgeben. Er solle bitte Geduld mit mir haben, vielleicht würde ich irgendwann doch noch die Kurve bekommen. So geschah es auch eines Tages. Mitten in einer wilden Clubnacht in Schottland taumelte ich von der Tanzfläche, schaute mich um und dachte: was tue ich hier? Inmitten dieser Menschen, die sich zudröhnen und ablenken, weil es nicht Echtes, Sinnvolles in ihrem Leben gibt. Daraufhin fing ich an nachzudenken und konnte das Problem identifizieren: ich liebte Jehova nicht. Ich hatte bisher alles bei den Zeugen deshalb getan, weil ich vom Kopf her der Überzeugung war, dass es richtig ist. Aber Liebe fühlte ich nicht. Ich fing wieder an zu Beten und Jehova um Hilfe zu bitten. Kurz darauf verließ ich Schottland und nach einigen Monaten in Ostengland und Spanien kehrte ich nach Deutschland zurück.

Es muss zum Sommer 1998 gewesen sein. Der Kongress in diesem Jahr bewegte mich wie nichts zuvor. Erstmals spürte ich die Liebe zu Jehova und ich war Feuer und Flamme.

Da ich dachte, es sei für mein geistiges Wohl gut etwas in Deutschland zu bleiben zog ich zu einer befreundeten Familie nach Bayern in eine WG. Meine Reiselust war aber ungebrochen, daher war ich andauern unterwegs, so kam es auch, dass ich im Herbst desselben Jahres in Californien war und mich unsterblich verliebte.

Bis vor Kurzem habe ich diesen Mann immer noch als die Liebe meines Lebens bezeichnet. Ein zweijähriges Hin- und Her begann. Ich weiß nicht mehr wie oft ich zu ihm fuhr und wie oft ich ihn verließ. Wie oft ich ihm und mir das Herz brach, weil es doch nicht sein durfte. Allerdings war ich brav und schlief nicht mit ihm. Ich brachte meine Liebe Jehova als Opfer dar. Wieder wurde ich depressiv. Aber eines ließ mich durchhalten: mein großer Traum Südamerika. In den zwei Jahren in Bayern bereitete ich mich auf meine Südamerikareise vor. Ich lernte nette Brüder aus Columbien kennen, so entstand der Plan dort mit der Reise zu beginnen. Die Zeit in Südamerika war unglaublich. So viel Herzlichkeit hatte ich noch nie erlebt. Ich war im Dienst super aktiv, der wirklich viel Spaß machte: in Südamerika, so sagt man, glauben selbst die Atheisten an Gott. Nach Columbien reiste ich nach Ecuador, wo ich bei lieben Pionierschwestern wohnte und dann in Quito Weisenkinder unterrichtete, nach ein paar Monaten dort reiste ich nach Peru um etwas Sightseeing zu machen und erreichte schließlich mein Ziel: Bolivien. Auch hier war der Empfang der Brüder toll und direkt nach meiner Ankunft gab es einen mehrwöchigen Generalstreik, in dem das Essen knapp wurde und alle eng zusammenrückten. Und trotzdem – trotzdem, ließ ich mich dort mit einem Mann ein.

Meine größte Gefahr war schon immer die Langeweile gewesen und ich fühlte mich häufig zu den „Dingen der Welt“ hingezogen. Eine Schwester in Bolivien ist nach Einbruch der Dunkelheit zuhause. Sie trinkt kein Alkohol und geht nicht alleine weg. Nun hatte ich ein Zimmer ohne Fernseher, die Bücherei des Goetheinstitutes war auch sehr beschränkt und das sehr nette Barviertel der Stadt nur zwei Blocks von meiner Unterkunft entfernt. Als mich also eines Tages ein junger Mann, den ich in einem Laden kennengelernt hatte, abends auf einen Drink einlud, sagte ich gerne zu. Es kam, wie es kommen musste – wir verliebten uns. Vor allem er sah nach einiger Zeit die Frau seines Lebens in mir – was wohl vor allem daran lag, dass ich die erste Frau war, die ihm auch mal Paroli bot. Es war eine sehr aufreibende Beziehung – wir stritten uns ständig und zwar so arg, dass er Gläser gegen die Wand schleuderte (Latino eben… als ich abfuhr gab es für 4 Bewohner des Hauses nur noch 1 Glas…). Es war ein ständiges Austesten, wer hat den stärkeren Willen. Das war spannend – gleichzeitig war mir aber klar, dass ich kein Leben im andauernden Krieg verbringen wollte. Irgendwann hätte ich um des lieben Friedens willen nachgegeben und dann hätte ich verloren gehabt. Mit ihm schlief ich auch. Und war total entsetzt über mich selbst. Wie konnte ich nur? Allerdings war mir sofort klar, was ich tun würde – sobald ich wieder in Deutschland war, würde ich bei den Ältesten alles beichten und wieder brav sein. In Bolivien gelang es mir gut, dies zu verdrängen. Ich predigte bei den Mennoniten und war weiter super fleißig.

Dann geschah, was mein weiteres Leben verändern sollte. Mit meinem Freund war ich auf einer Geburtstagsfeier eines seiner Freunde. Wir waren mit einem Taxi in einen Vorort gefahren, ich hatte keine Ahnung, wo wir waren, ich hatte kein Geld dabei und ich kannte außer ihm nur noch einen Freund von ihm dort. Im Laufe des Abends bildete sich mein Freund ein, ich würde mit anderen Männern flirten und verließ wutentbrand die Feier und ließ mich mitten in der Nacht alleine zurück. Ich war super wütend auf ihn. Irgendwann verließ ich die Feier und versuchte meinen Weg alleine zurück zu finden.

Drei Männer von der Feier müssen dies beobachtet haben. Sie folgten mir und vergewaltigten mich. Ich wurde am nächsten Morgen halbtot gefunden, ich erinnere mich an wenig. Ich zeigte sie nicht an, das bringt in so einem Land wenig, aber ich war Gast in einem Bolivianischen Haus gewesen und stand somit unter deren Schutz und die Männer dort regeln das auf ihre Weise.

Sobald ich körperlich dazu in der Lage war, nahm ich den nächsten Flug nach Hause. Nur so konnte ich überleben. Der Kauf dieses Fluges startete eine Schuldenspirale in der ich noch heute stecke. Ich erinnere mich nicht an den Rückflug. Nur daran, wie sehr sich meine Familie freute mich zu sehen und an das Nichts in mir. Meine Hülle war da, ich versuchte freundlich zu sein, aber ich war verschwunden. Eine ganze Weile existierte ich so. Funktionierte nach außen. Doch wer mich gut kannte, sah, dass mein Feuer weg war. Ich hatte mich verändert. Meine Energie, meine Leidenschaftlichkeit, war weg, ich war immer nur müde. Ich erklärte es damit, dass ich in Südamerika so viel erlebt hatte etc. und da ich ja auch zuvor jahrelang wo anders gelebt hatte, nahmen es mir die anderen ab.

Irgendwann ging ich zu den Ältesten und erzählte von dem Südamerikaner und bekam eine stille Zurechtweisung. Meine Eltern hatten damit auch die Erklärung dafür, warum ich so seltsam war. Im Allgemeinen hängte ich mir mein Superwomanunverwundbarkeitscape um und lebte einige Jahre ganz gut damit. Theokratisch kam ich wieder gut ins Laufen und lebte die nächsten 1½ Jahre ziemlich ruhig, erholte mich etwas und sprach wieder öfter davon, wieder wegzugehen. Allerdings hatte ich die Kraft nicht mehr und ich erkannte dass es Zeit war zu bleiben.

An dem Abend, als ich diese Entscheidung traft, lernte ich einen Bruder kennen. Er schien die Antwort auf alle meine Wünsche zu sein. Er war perfekt. Mein Traummann, meine Chance es in einem Theokratischen Leben zu schaffen. Aber irgendwas war komisch. Zwar sah man deutlich (zumindest in dieser Anfangsphase), dass er ebenso von mir begeistert war wie ich von ihm, aber irgendwas stimmte nicht. Er machte immer einen Schritt vor und dann 2 zurück. Schließlich gestand er mir, dass er eine Beziehung zu einer weltlichen Arbeitskollegin gehabt hatte und dies noch den Ältesten beichten müsste. Er hatte über die nächsten Monate 1000 Ausreden, warum er dies noch nicht getan hatte. Verliebt wie ich war, nahm ich das hin und wir wurden ein Paar. Wir hatten ein paar wunderschöne Monate und dann die Hölle auf Erden. Bei ihm wurden Zweifel an der „Wahrheit“ laut, er hatte Angstzustände und massive Selbstmordgedanken, war tief depressiv. Mein Handy wurde mein Folterinstrument, weil ich andauernd befürchtete, jetzt hat er sich was angetan. 6 Monate ging ich nur mit Beruhigungstabletten aus dem Haus und schlief mit Schlaftabletten ein. Er konnte nicht ertragen, dass ich stark war während er so schwach war und daher saugte er mich systematisch aus. Ich kämpfte um ihn und kämpfte und verlor mehr und mehr an Kraft. Ich wusste auch unterbewusst, dass er mich betrog (ich konnte ihm hinterher genau den Tag sagen) aber ich wollte es nicht sehen. Er stellte mir Fragen, wie 'woher ich weiß dass die Leitende Körperschaft von Jehova geleitet ist', die mir die Luft wegnahmen (aber die ich nie vergessen habe…). Ich wusste, es war vorbei, doch ich konnte ihn nicht loslassen. Vor allem auch nicht, weil er ja drohte von der Wahrheit abzurutschen. Er kannte mich gut und wusste genau, wie er mich fertig machen konnte. Es war die Hölle. Das Schlimmste war, dass ich meinen Optimismus verlor. Bis dahin hatte ich immer unverbrüchlich geglaubt, egal was passiert, es wird wieder besser werden. „Morgen wird ein besserer Tag“ war mein Motto gewesen, aber das „Morgen“ war immer noch schlimmer als heute und übermorgen noch schlimmer. Ich glaubte nicht mehr, dass es je wieder wird. Als wir uns schließlich trennten, war ich zerstört. Ich hatte keine Kraft mehr und am schlimmsten – ich hatte kein Ziel mehr. Ich kam nicht darüber hinweg, dass mein wunderschöner Traum kaputt war.

Die nächsten 1½ Jahre waren ein konstanter Versuch von mir, mich wieder aufzurappeln und Rückschlägen, die mich noch weiter nach unten warfen. Mein Exfreund verließ schließlich die Zeugen nur um wenige Wochen später wieder als Aufnahmeanwärter aufzutauchen. Mein heißgeliebter Opa erkrankte an Darmkrebs. Alles was ich noch hatte war meine Arbeit in der ich mich vergrub. Was zur Folge hatte, dass ich einen faszinierenden Kollegen kennenlernte und schlussendlich eine Affäre mit ihm begann. Wir waren beide in Positionen, dass es uns beiden oder zumindest mir den Job gekostet hätte, hätte dies jemand erfahren. Also noch mehr Druck. Und das schlechte Gewissen. Mein Großvater starb. Die Beziehung zu dem Kollegen ging durch unsere Feigheit und mein Anklammern an die Zeugen in die Brüche. Und ich war am Ende. Ich war völlig zerstört. Dieses Mal schaffte ich es nicht mehr alleine wieder aufzustehen. Ich ging zum Arzt und ließ mir Psychopharmaka geben und 7 Tage später konnte ich zumindest wieder wie ein normaler Mensch funktionieren.

Die Ältesten kündigten mir ihren Besuch an. Das sah ich als Zeichen. Als sie kamen erzählte ich ihnen ungeplant von der Affäre. Sagte aber gleichzeitig – das ist mein geringstes Problem, ich habe massive Depressionen und weiß nicht, wie ich weitermachen soll. Auch sagte ich: wenn ich ohne die Wahrheit leben könnte, würde ich es tun, was sie sehr aufhorchen ließ. Und das war zutreffend. Schon ein paar Mal war ich an der Kreuzung gestanden und hatte mir überlegt: gehe doch ohne die Zeugen weiter. Ich überlegte es mir zu diesem Zeitpunkt ernsthaft – ich wusste, ich hätte die Beziehung zu dem Kollegen retten, hier alles aufgeben und zu ihm ins Ausland ziehen können. Mir war aber klar, dass ich das alleine nicht schaffen könnte. Daher suchte ich im Internet nach Menschen, denen es auch so ergangen war: ich traf auf eine Website namens Infolink. Da las ich einen Tag lang im Forum um zu erfahren, mit welchen Strategien andere den Ausstieg überlebt haben.

Aber es gab zwei Faktoren (neben der Tatsache, dass ich es definitiv für die Wahrheit hielt, aber mein persönliches Überleben in Harmagedon war mir nie sehr wichtig gewesen), die mich zurückhielten: meine Mutter und meine Schwägerin. Meine Mutter ist absolute Vollblutzeugin und schon als ich ein Kind war hatte sie zu mir gesagt: lieber ein Kind tot als nicht mehr in der Wahrheit. Das vergisst man nicht. Ich dachte, dass kann ich ihr nicht antun. Und meine Schwägerin hatte bereits 2 leibliche Schwestern an die Welt verloren, und ich liebe meine Neffen sehr. Zu meinem Bruder hatte ich nie ein gutes Verhältnis aber um meine Schwägerin hatte ich mich immer sehr bemüht. Durch meinen Job kam ich öfters an Karten für tolle Events oder Gutschein und ich versuchte immer sie mit einzubeziehen. Ich konnte es ihr nicht antun, wegzugehen. Mein letztes Aufbäumen in der Theokratie begann. Irgendwie überstand ich das Rechtskomiteeverfahren und die öffentliche Zurechtweisung. Ich bemühte mich sehr, dass Richtige zu tun, aber ich hatte so wenig Kraft und wurde immer unglücklicher. Mein Exfreund wurde wieder aufgenommen und damit begann bei mir das Ende. Er heiratete 8 Wochen nach seiner Wiederaufnahme eine Schwester und zog mit ihr in meine Heimatversammlung. Die Ältesten wählten ganz klar sein Wohl über das Meine. Heute bin ich dafür dankbar, waren es doch die Umstände um diese Hochzeit die mich frei gemacht haben:

1. Er bekam eine Hochzeitsansprache im Saal (in der Versammlung der Braut da Papa prominent). Da lief ich beinahe Amok, denn was mir an meiner Religion immer gefiel war die Verlässlichkeit: es gab klare Regeln und wer sie bricht ist raus. Aber das jemand, der noch vor 2 Monaten ausgeschlossen war eine Ansprache in einem Königreichsaal bekommen kann und unsere Ältesten nur mit der Schulter zuckten und sagten: 'ist nicht unsere Baustelle', erschütterte meinen Glauben in die verlässliche Gerechtigkeit bei den Zeugen abgrundtief.

2. Meine Familie hatte kein Problem damit, mich zu verraten. Meine Schwägerin hatte schon während unserer Beziehung extrem unangebrachtes Interesse an meinem Exfreund gezeigt. Sie lief ihm richtig hinterher, er stellte aber mal klar, dass er das nicht will. Als sie mich also 2 Wochen vor seiner Hochzeit anrief (6 Wochen nach seiner Wiederaufnahme…) um mir zu sagen, dass sie auf die Hochzeit eingeladen sei und hinging, fiel ich aus allen Wolken. Woher bitte hatte sie innerhalb von 6 Wochen ein so enges Verhältnis zu ihm entwickelt, dass er sie zu seiner Hochzeit einlädt? Und ich bin wirklich nicht nachtragend, aber dieser Mann hatte mich belogen und betrogen und mir alle Kraft ausgesaugt – und mit so jemandem bändelt sie freundschaftlich an? Sie sagte mir ganz klar, dass sie trotzdem gehen würde.

Meine Mutter sagte mir dann, 'ja, sie wisse davon, sie passe ja auf die Kinder auf, während sie dort wären!' Es ist vielleicht nicht gut nachvollziehbar, aber für mich war das eine Erdolchung von hinten. Ich bekam eine so aggressive Wut auf meine Schwägerin, dass es mich selbst erschreckte. Meine Mutter warf mir vor, ich mache die Familie kaputt, weil ich das meiner Schwägerin echt übel nahm. Warum also sollte ich etwas aus Rücksicht einer Familie gegenüber tun oder nicht tun, die keinerlei Rücksicht auf meine Gefühle nahm? Zwar gingen mein Bruder und seine Frau schließlich nicht zu der Hochzeit, aber nur weil mein Bruder unter dem Druck meiner Eltern schließlich dazu bereit war, meine Schwägerin machte deshalb total Theater.

Ich weigerte mich weiter in meine Heimatversammlung zu gehen (wo mein Exfreund ganz einfach meinen Platz einnahm – meine Freunde, meine Versammlung, meine Neffen auf dem Schoß). Ich behauptete, eine benachbarte Versammlung zu besuchen und machte einige Monate einfach gar nichts. Nichts Gutes, nichts Schlechtes, einfach nichts. Ich wusste, irgendwann wird etwas passieren, was die Entscheidung herbeiführt, aber ich war jetzt frei in meiner Entscheidung und konzentrierte mich darauf, mich zu erholen.

Schließlich lernte ich auf der Weihnachtsfeier der Abendschule, die ich inzwischen besuchte, einen netten jungen Mann kennen. Wir verbrachten viel Zeit miteinander, gingen Skifahren und aus, er involvierte mich sofort in seine Familie und Freundeskreis.Das Leben, dass ich hier kennenlernte war so anders als jenes, welches ich bisher geführt hatte. Und mit der Zeit wurde mir klar: so will ich auch leben. Was gleichzeitig bedeutete, dass ich keine Zeugin mehr sein wollte. Eine Zeitlang lebte ich weiter so dahin, bis schließlich eines Montags meine Mutter mich anrief. In dem halbstündigen Telefonat log ich sie in jedem einzelnen Satz an – und ich wusste es war an der Zeit Farbe zu bekennen. Ich legte den Hörer auf, schrieb meinen Ausstiegsbrief und einige Abschiedsbriefe und meldete mich bei Infolink an. Ich war nach wie vor überzeugt, dass es die Wahrheit ist – aber ich konnte und wollte so nicht mehr leben. Bei meinem Ausstieg fühlte ich Erleichterung. Das ich mich endlich entschieden hatte. Das ich frei war, eine Tonnenlast von mir fiel von der ich nicht wusste, dass ich sie trug. Da ich noch dachte, die Zeugen Jehovas hätten die Wahrheit, ich aber einfach nicht so leben konnte, dachte ich schon ich hätte unrecht. Ich fühlte mich aber nicht im Unrecht. Und um so mehr ich gelernt und um so mehr ich realisiert hatte, dass die Zeugen nicht recht hatten um so freier fühlte ich mich. Manchmal sprach ich mit Jehova, wenn ich etwas Schönes erlebte, und fragte ihn: kannst du es nicht verstehen? Ich habe so lange versucht das Richtige zu tun und war so unglücklich, und jetzt bin ich so glücklich, kannst du das nicht verstehen.

Die erste Zeit nach dem Ausstieg war sehr hart. Mit meinen Eltern hat es 2 Jahre gedauert, bis der Kontakt wieder etwas konfliktfreier geworden ist, wir schreiben uns immerhin Emails. Es hat auch ca. 2 Jahre gedauert, bis die Trauerphase um die verlorenen Freunde vorbei war und ich bereit für Neue war. Das Gute war, dass ich mit meinem Ausstieg eine Chance auf einen Neuanfang hatte. Ich war ganz kaputt, zu Staub zermahlen und das gab mir die Chance, daraus etwas Neues zu formen. Damit konnte ich auch meinen Schmerz um die freie, verrückte Wilde, die ich in Bolivien verloren habe begraben. Vor ca. 1 Jahr habe ich in den Spiegel geschaut und da einen bestimmten Glanz in den Augen gesehen und dachte: hey, ich kenne dich…

Ich bin heute freier, glücklicher und geheilter als je zuvor. Ja, es gibt auch schlechte Tage. Aber ich glaube wieder, dass es irgendwann gut wird. Vielleicht nicht gleich morgen, aber irgendwann sicher. Die Beziehung zu meinem Exverlobten ist nach fast 3 Jahren recht hässlich in die Brüche gegangen, aber dies hat mich ein sehr grosses Stück persönlich weitergebracht. Ich habe festgestellt, ich schaffe es alleine. Ohne Zeugen, ohne Familie, ohne Partner und dessen Familie. Denn ganz alleine habe ich mir wieder ein kleines Netzwerk aufgebaut.

Als mein Arbeitgeber mir anbot, für einige Jahre nach Singapur zu gehen und eine neue Niederlassung aufzubauen, konnte ich annehmen, da ich weiß, ich kann auch wieder heimkommen, ohne dass ich mich verbiegen muss. Und ich hab es endlich wonach ich immer gesucht habe – die innere Mitte, den innere Frieden mit mir selbst. Und selbst meine Familie ist aufgrund der Tatsache, dass ich so weit weg lebe, mir wieder näher gekommen. Wenn ich in Deutschland bin sehen wir uns und es ist fast ganz normal.

Ich bin nun 30 Jahre alt. Und ich bin gespannt, wo das Leben mich noch hinträgt.

Und was Gott und mich angeht - an die Lehren der Zeugen und an den Gott der Bibel glaube ich nicht mehr. Ob es Gott gibt oder nicht, weiß ich nicht. Aber ich bin mir sicher, dass Gott, sollte es ihn geben, nach allem was ich mit ihm erlebt habe für meine Zweifel Verständnis hat.