Eingestiegen – Ausgestiegen

Damals, es war im Jahr 1968 und ich war sieben Jahre alt, hatten meine Eltern zum ersten Mal Kontakt zu Zeugen Jehovas.

Seinerzeit besuchte uns einmal wöchentlich abends ein älteres Ehepaar, mit dem meine Eltern die Bibel studierten. Wir Kinder, mein zwei Jahre älterer Bruder, meine damals zwei jüngeren Geschwister und ich wurden zu Bett gebracht. Einmal wurde ich kurz darauf wieder wach und schlich mich leise an die Wohnzimmertür. Drinnen wurde gerade „studiert“. Ich sah das Ehepaar L. damals zum ersten Mal, verstand aber nichts davon, was da gerade geredet wurde.

Am nächsten Tag teilte Vater uns Kindern mit, dass Gott einen Namen hätte, er lautet „Jehova“. Was hatten wir uns gefreut, dass wir das endlich wussten, hatten wir doch schon so oft unsere Eltern gefragt, wie denn Gott heiße. Mit dieser Neuigkeit hielten wir natürlich nicht hinter dem Berg und erzählten sie auch unseren Freunden und Nachbarskindern. Die Resonanz war enttäuschend: Keiner freute sich darüber, im Gegenteil, wir wurden angesehen, als wenn wir nicht mehr richtig tickten. Als wir dann keinen Geburtstag und auch kein Weihnachten mehr feiern durften, waren wir es, die dumm aus der Wäsche schauten.

Dafür wurden wir von den Eltern dann gedrillt, dass wir unsere Einstellung zu den „Weltmenschen“ ändern müssten, denn die kommen dann ja in Harmagedon um, und nur wir, die Zeugen Jehovas, bekommen „ewiges Leben“. So wurde uns schon damals eine gewisse Hochnäsigkeit anerzogen, dass wir besser seien als andere. Schon bald hatten wir keine Schulfreunde mehr, und Nachbarskinder wollten auch nichts mit uns zu tun haben. Getröstet wurden wir nur damit, dass dies „böse Weltmenschen“ seien, die in Harmagedon vernichtet werden. Man gewöhnt sich dran, ohne Freunde aufzuwachsen. Der Spott in der Schule war allerdings oft eine Mutprobe. Beim Religionsunterricht musste ich die Klasse verlassen und dann stand ich eine Stunde draußen im Gang. Genannt wurde ich nur „die Jehova“ und keiner wollte neben mir sitzen. Also habe ich damals bei Religion die Klasse verlassen, mit dem Bewusstsein, dass die da drinnen sowieso schon lauter „verlorene Schafe“ seien und bald vernichtet werden – aber ich nicht! So wurde uns schon damals eine gewisse Arroganz anerzogen. Meinen Geschwistern ging es genauso.

Als ich dann nach der vierten Klasse auf das Gymnasium wechseln sollte, wurde das von meinen Eltern, hauptsächlich jedoch von den Ältesten verhindert. Ich bräuchte kein Gymnasium in „der Zeit des Endes“. Das Lernpensum ist recht hoch, die Zeit kann ich besser nutzen, z.B. im Predigtdienst, mit dem Ziel, einmal Sonderpionier zu werden oder es gar ins Bethel zu schaffen. Heute denke ich mir, dass die Zeugen Jehovas ihren Nachwuchs absichtlich eine bessere Bildung verwehren, könnte ja sein, dass diese dann mal ihr eigenes Hirn benutzen und nicht das der Ältesten…

Vorher allerdings sollte ich noch meinen ersten Kongress erleben, 1969 in Nürnberg. Mein Vater ist mit mir für einen Tag dorthin gefahren. Recht viel weiß ich von diesem Kongress nicht mehr, ich war ja erst acht Jahre alt, aber an eines kann ich mich noch recht gut erinnern: An die hohen Tische in der Cafeteria. Die Tische waren so hoch, dass sie mir bis zur Nasenspitze reichten. Die Besucher der Cafeteria haben damals im Stehen von ihren Tabletts gegessen. Ich stand neben meinem Vater und er hat mir von seinem Tablett zu essen gegeben.

Dies ist so ziemlich die einzige Erinnerung, die ich an „Nürnberg“ habe.

Es folgten jedes Jahr große Kongresse, ich weiß noch Anfang der Siebzigerjahre den Kongress in Wien, wo wir auf einem riesigen Campingplatz übernachtet haben. 1973 (meine ich) war ein internationaler Kongress in München im Olympiastadion. Kreis- und Bezirkskongresse habe ich nicht mehr so in Erinnerung. Jedenfalls wurden wir Kinder auf jeden Kongress und in jede Zusammenkunft in den Königreichsaal mitgeschleppt, ob wir wollten oder nicht. Eine in Aussicht gestellte Tracht Prügel bei Widerwillen nahm uns die Entscheidung ab.

Eine Episode spielte sich auf einem dieser großen Kongresse ab und ich habe dies bis heute nicht vergessen: Ein kleines Kind quengelte die Mutter an: „Mama, ich will…“, weiter kam es nicht, da zog die Mutter ihre Hand aus und schlug dem Kind diese mitten ins sein Gesichtchen, mit dem Hinweis: „Ein Kind hat gar nichts zu wollen!“ Wir haben diese Szene mitbekommen und unserer Mutter hat dies scheinbar so imponiert, dass die diesen Spruch „ein Kind hat gar nichts zu wollen“ lange Zeit bei uns anwandte.

Meine Mutter hat sich, glaub ich, 1971 taufen lassen. Mein Vater zwei Jahre später, weil er damals noch bei der Bundeswehr war. Er hatte sich freiwillig verpflichtet und nun war es gar nicht so einfach, schnell raus zukommen. Jedenfalls hat er eine glänzende Karriere einfach über Bord geworfen.

Von uns Kindern wurde bedingungsloser Gehorsam gefordert/verlangt. Genauso wie mein Vater seine Rekruten auf dem Kasernenhof kommandierte, in diesem Ton sprang er auch mit uns Kindern um. Selbst als er nicht mehr beim Barras war. Kleinste Verfehlungen hatten furchtbare Strafen zu Folge, hauptsächlich in Form von Schlägen mit dem Stock. Manchmal überlegte ich, was er wohl machen würde, wenn wir mal was richtig Schlimmes anstellen würden – würde er uns dann etwa totschlagen? Die „Rute der Zucht“ ist inzwischen meines Vaters Lieblingsinstrument geworden. Täglich, wenn er von der Arbeit kam, ließ er sich von Mutter unsere „Missetaten“ berichten und ließ die „Rute der Zucht“ auf unsere Hinterteile klatschen. Oft wurden wir dann auch ohne Abendessen ins Bett geschickt, „damit wir über unsere Fehler nachdenken“.

Je älter wir wurden, desto störrischer wurden wir. Mein älterer Bruder wollte auch irgendwann in der Pubertät nicht mehr in die Zusammenkünfte. Oftmals büchste er kurz vorher aus, damit er nicht mit musste. Die Quittung, die er von Vater bekam, kann man sich ja denken. Einmal bekam er solche Prügel, dass der Rohrstock, die „Rute der Zucht“, dabei entzwei gebrochen ist, und ich musste nun den nächsten Stock holen. Mein Vater hatte ein paar „Ruten der Zucht“ in Reserve, und so suchte ich den kleinsten Stock heraus und brachte ihn zu Vater. Kurz darauf war auch dieser entzwei und mein Vater holte sich selber den nächsten. Mein Gott, dachte ich bei mir, hat mein Bruder denn wirklich so was Schlimmes angestellt, dass es solche Prügel rechtfertigte? Wenn mein Vater nicht bald damit aufhört, schlägt er ihn ja tot…

Prügel, Prügel, Prügel, immer nur Prügel! Jeden Tag! Für jede Kleinigkeit. Irgendwann begannen wir, uns daran zu gewöhnen. Schließlich sind diese Prügel von Jehova angeordnet, denn „wer seinen Sohn liebt, der züchtigt ihn“. Das galt natürlich auch für Töchter. Die Ältesten unserer Versammlung, besonders die, die selber keine Kinder hatten, kontrollierten die Familienväter, ob sie mit der „Rute der Zucht“ auch nicht sparsam umgehen. Ich kann mich noch daran erinnern, dass es bei uns in der Versammlung einen Bruder/Ältesten gab, mit dem mein Vater recht speziell war und der meinem Vater Vorschläge machte, welche Strafen nun für welches Vergehen bei uns Kindern wirksam sein könnten. Hier z.B. waren ein paar Ohrfeigen genug, dort müsste man das Kind „übers Knie legen und versohlen“. Oft genug hörte mein Vater auch auf solche „Empfehlungen eines Ältesten“.

Mich hat das schon immer geärgert, dass die ganze Versammlung über meine Fehler Bescheid wusste. Und auch über mein dazugehöriges Strafmass. Ich dagegen bekam kaum Informationen über die „Verfehlungen anderer und deren Strafmass“. Lediglich von Bert, der Sohn von Bruder F., sickerte was durch. Bert war ziemlich gleich alt wie mein älterer Bruder und hatte ziemlich gleichzeitig seine Ausstiegsphase. Ich bekam ein Gespräch zwischen seiner Mutter und einer anderen Schwester mit, worin sich Berts Mutter dahingehend äußerte, das ihr Mann schon gar nicht mehr wisse, was er tun soll, um den Bert bei den Zeugen Jehovas zu halten. Jetzt hat er ihn schon so viel geschlagen, und es hilft alles nichts. Sie sei schon so verzweifelt und habe nun Angst, dass ihr der Bert bald auf- und davonlaufen wird.

Was er auch kurz darauf getan hat…

Ebenso verschwand mein älterer Bruder in der Nacht, als er volljährig wurde. Mein Vater war sichtbar erleichtert, sich nicht mehr mit ihm herumärgern zu müssen. Außerdem hatte er nun einen Esser weniger zu ernähren, was ihm nicht unbedingt zuwider war. Oft genug hat er uns vorgerechnet, wie teuer wir Kinder ihn jeden Monat kommen. Schon waren sie wieder da, die Schuldgefühle, Schuld, auf der Welt zu sein und meinem Vater zu Last zu fallen. Ich nahm mir vor, es genauso zu machen wie mein Bruder: Sobald ich volljährig bin, bin ich weg.

Im August 1977, ich war sechzehn Jahre, verschwand mein älterer Bruder. Erst Jahre später sollte ich ihn wieder sehen. Nun hatte ich nur noch meine zwei Jahre jüngere Schwester und meinen sechs Jahre jüngeren Bruder. Die beiden fügten sich mehr oder weniger in das Familienleben ein, nicht aus „Liebe zu Jehova“, wie unsere Eltern es gern gehabt hätten, sondern aus Angst vor den Strafen, die sie ja bei mir und meinem älteren Bruder miterlebt hatten. Im Juli vorher bekamen wir einen Pflegesohn vom Jugendamt, den wir zwei Jahre später adoptierten. Im September 1981 bekamen wir einen leiblichen Bruder, „damit unser Adoptivbruder nicht allein aufwächst“, so damals die Aussage meines Vaters.

Im Sommer 1976 beendete ich die Schule und sollte nun in den Pionierdienst. Doch so störrisch, wie ich war, musste ich erst noch „viel an mir arbeiten“. Die Ältesten kamen regelmäßig vorbei, um meine Fortschritte zu sehen, außerdem sollte ich ja vorher noch getauft werden. Es war schon komisch, wie diese Leute meine Zukunft bestimmten und ich hatte nur zu gehorchen. Mein Wille war zu dieser Zeit schon irgendwie angeknackst, die Gehirnwäsche der Zeugen begann dann auch mal bei mir zu wirken, ob ich es wollte oder nicht. Ich hatte halt die Prügel schon so satt, und versuchte, den Tag irgendwie „prügelfrei“ rumzukriegen. Es gelang mir bald immer besser, ich brauchte nur zu allem „ja und amen“ zu sagen. Die Zusammenkünfte kotzten mich an, ebenso das Buchstudium, das bei uns zuhause stattfand. Dann dieses ewige Studieren! Stundenlang, stundenlang! Wachtturm vorstudieren, das Buch, das grade im Buchstudium dran war, das Familienstudium, das persönliche Studium und … Die andere Literatur sollte auch gelesen werden, das „Erwachet“, oder die neuen Bücher, die auf den Kongressen erschienen und ausgegeben worden sind. Von Arroganz war nichts mehr da, im Gegenteil! Ständig war der Kopf gesenkt, sehen so fröhliche Kinder aus? Hier im Dorf, wo ich jetzt wohne, laufen auch drei Geschwister ständig mit gesenktem Kopf und endlos traurigen Augen herum. Ich habe den Verdacht…

Die Zeit verging und im Jahr 1979 wurde ich endlich volljährig. Zu dieser Zeit arbeitete ich in einem Gasthof, einem beliebten Ausflugslokal, das ziemlich entlegen war. So konnten meine Eltern sicher sein, dass ich nach Feierabend nicht in irgendwelchen Diskos rumhänge. Diese Arbeit hat mir mein Vater besorgt, und mit dem Chef ausgemacht, dass er mir kein Weihnachtsgeld bezahlen brauche, da ich zu den Zeugen Jehovas gehöre und diese feierten kein Weihnachten. Also brauche ich auch kein Weihnachtsgeld. Toll! Diesen Job hatte ich sofort! Er allerdings nahm von seinem Arbeitgeber gerne das Weihnachtsgeld an…

Dasselbe ein Jahr später, als ich 1980 endlich eine Lehrstelle bekam. Mein Vater war damals beim Vorstellungsgespräch mit dabei, um sich den Betrieb anzusehen, bei dem ich meine Ausbildung zur Bürokauffrau machen sollte. Es könnte ja sein, dass er irgendwas „unsittliches“ fände, das er dann bemängeln könnte und ich würde dort auf keinen Fall lernen können. Auch bei meinem Lehrherrn schleimte er sich ein, dass ich kein Weihnachtsgeld brauche, weil ich als Zeuge Jehovas nicht Weihnachten feiere und er sich deshalb das Geld sparen könne. Obwohl ich damals noch nicht getauft war! Den Lehrplatz hatte ich auch ziemlich schnell… Und mein Lehrherr ließ keine Gelegenheit aus, sich über die Dummheit der Zeugen Jehovas lustig zu machen.

Mit zwanzig Jahren, 1981 ließ ich mich taufen. Ich war überzeugt, dass dies die „wahre Religion“ ist, obwohl mir einiges „Drumherum“ nicht gefiel. Wenn ich wenigstens so tat, als würde ich meine Freude im Predigtdienst und an den Zusammenkünften haben, hatte ich es doch gleich viel erträglicher zuhause. Was waren meine Eltern stolz auf mich! Dass das alles nur scheinheiliges Getue war, damit es nach außen gut aussieht, war mir damals nicht klar. Denn nun ging der Terror zuhause wieder los! Als „gehorsame Tochter“ ließ mein Vater keine Widerworte meinerseits gelten, erklärte mir, dass ich „Vater und Mutter ehren“ soll, damit ich keine „Schmach auf Jehovas heiligen Namen“ bringe. Prompt untermauerte es dies anhand von Bibeltexten. An Hausarbeit wurde mir so ziemlich alles übertragen in solchen Phasen, manchmal schuftete ich bis in die Nacht. Meine Mutter hatte sich nämlich nach der Geburt unseres jüngsten Bruders nie mehr richtig erholt, sie wäre beinahe dabei gestorben.

Was war ich glücklich, als ich in dem Ort, in dem ich meine Lehre machte, ein kleines Zimmer bei einer älteren Frau in Untermiete fand! Es waren damals immerhin rund zwanzig Kilometer einfache Fahrt zwischen meinem Elternhaus und meiner Lehrstelle. Nun war ich nicht mehr jeden Abend zuhause, sondern nur noch am Wochenende. Allerdings, die Brüder dort wurden schon informiert, dass sie mich zur Zusammenkunft abholten und auch zum Buchstudium. Meistens bin ich an solchen Tagen erst später als geplant nach Hause gekommen, damit ich dem entgehen kann. Ich wollte meine neue Freiheit erst mal kennen lernen und auch mein eigenes kleines „Reich“ genießen. Außerdem ging mir die Heuchelei gewisser „Brüder und Schwestern“ meiner Heimatversammlung allgewaltig gegen den Strich.

Zum Beispiel beschwerte sich einmal Schwester H. nach einer Zusammenkunft bei meinem Vater, ich hätte ihr „an den Busen gefasst“. Zuhause angekommen, gab mir mein Vater eine solche Ohrfeige, dass ich von der Küchentür bis zur Spüle flog. Das waren etwa vier bis fünf Meter. An der Spüle schlug ich mir den Kopf am Boiler an und meine Lippen bluteten. Ich muss dreingeschaut haben wie das berühmte Kalb und fragte, was ich denn jetzt schon wieder verbrochen habe. Darauf erklärte mir mein Vater, dass sich die Schwester H. bei ihm über mich beschwert habe, ich hätte „ihr an den Busen gefasst“. Sie fordere eine Entschuldigung von mir. Ich habe geschworen, dass ich ihr nicht an den Busen gefasst habe, aber es half alles nichts. Keiner hat mir geglaubt! Bevor mich nun mein Vater endgültig erschlug, musste ich bei der nächsten Zusammenkunft zur Schwester H. hingehen und mich bei ihr entschuldigen – für etwas, das ich nicht getan habe. Diesen gönnerhaft-abschätzigen Blick, mit dem sie mich dabei bedachte, werde ich nie vergessen… Schwester H. war/ist die Frau eines Ältesten und damaligen VAs!

An eben genannte Schwester H. habe ich noch eine „bemerkenswert schöne“ Erinnerung: Mein Vater wollte Familie H., damals hatten sie nur einen Sohn, zum Mittagessen zu uns nach Hause einladen. Schwester H. hatte dann sofort Panik, dass die dann ja auch eine Gegeneinladung aussprechen müssten, und „dann das – so wörtlich - Fressen(!) für so viele Leute auf den Tisch stellen – nein!“ Wir waren damals eine sechsköpfige Familie und weil unserer Haus ziemlich groß war und sehr zentral lag, gingen andauernd die Brüder und Schwestern bei uns ein und aus. Die meisten haben sich dann auch selber zum Essen oder zum Kaffee eingeladen, einige wollten nur die Toilette benutzen. Pioniere, Sonderpioniere, Kreis- und Bezirksaufseher waren regelmäßige Essens- und Langzeitgäste bei uns. Keiner ist hungrig von uns wieder weggegangen, unser Haus war für seine Gastfreundschaft weit bekannt. Und dann die Aussage von Schwester H.! Ihr Mann stand ergeben neben ihr.

Die Sache mit dem angeblichen „an den Busen gefasst“ passierte einige Jahre später. Seither habe ich diese Schwester regelrecht gehasst. Obwohl ich sie lieben sollte, wie „Jesus seine Feinde geliebt“ hatte. Ich konnte es nicht, mein Hass war größer.

In unserer Versammlung war es genauso wie in vielen anderen Versammlungen auch, es gab eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Die einen, die recht vornehm waren und sich für was Besseres hielten, sowie die anderen, die schon alt oder nicht so hübsch oder gesellschaftlich nicht so gehoben waren. Die Frauen der Ältesten waren eine Clique für sich, da kam keiner rein. Auch im Predigtdienst waren diese Damen immer untereinander verabredet. Mit welchen Tricks die dabei gearbeitet haben, um auf ihre Stunden zu kommen, ist schier unglaublich… Mir fiel der Spruch ein: „Jehova sieht alles, auch das Herz“ und dachte mir dabei: „aber er interessiert ihn wohl nicht sonderlich“. Diese Damen wurden auch nie von den Ältesten kritisiert, wenn sie geschminkt waren, „normale Frauen“ dagegen wurden schon „liebevoll ermuntert“, so was sein zu lassen, weil es zu weltlich ist.

Des Öfteren habe ich schon bemerkt, dass hier bei den Zeugen Jehovas, in dieser ach so reinen Organisation, mit zweierlei Maß gemessen wird. Und dass dies keine Ausnahmen sind, wie es uns immer vorgemacht wurde. Was für die einen gilt, gilt für die anderen noch lange nicht, weil…

Die Maßstäbe werden so angewandt, wie man sie grade braucht. Und damit ja keiner zuviel darüber nachdachte, wurde man mit Aufgaben eingedeckt. Ich weiß noch, wie ich einmal nachmittags bei Familie G. war. Sie hatten eine Tochter, ein paar Jahre jünger als ich und waren in unserem Ort angesehene Geschäftsleute mit einem Handwerksbetrieb. Nebenbei hatten sie noch eine Landwirtschaft. Ich kam da gleich nach der Schule hin und sollte bei der Heuernte helfen. Die Familie hatte gerade zu Mittag gegessen und Schwester G. war eben mit dem Spülen fertig. Ich bekam also nichts, weil nichts mehr da war. Die kleine Tochter, sie wird damals so etwa zehn Jahre alt gewesen sein, wurde von ihrer Mutter gefragt, ob sie denn eine Banane möchte. Sie lehnte ungnädig ab. Ich wurde nicht gefragt…

Also ging es an die Arbeit nach draußen. Die Tochter wurde von ihrer Mutter gefragt, ob sie auch mithelfen möchte. Wieder eine Absage, sie möchte lieber im Schatten mit ihren Barbies spielen. (Ich wurde nie von den Eltern gefragt, ob ich da oder dort mithelfen „möchte“. Es wurde einfach angeordnet!) Also machten wir die Arbeit alleine. Ich bekam kein Geld dafür. Nach der Arbeit bekam ich ein Glas Johannisbeersaft, welches ich in einem Zug leerte, da es ein besonders heißer Tag war und weg war ich. Später einmal habe ich Bruder G. gefragt, ob ich in seinem Betrieb eine Lehre machen könne. Damals war gerade der ganze Trouble mit meinem älteren Bruder, also wurde mir mitgeteilt, dass er „mich dafür nicht brauchen könne“. Aha, zur Heuernte könne ich mich schon brauchen! Er hätte auch Erntehelfer bestellen und bezahlen können, aber ich war halt billiger, eigentlich kostenlos. Vermittelt hat mir das Ganze wieder mal mein Vater. Er hat das alles mit Bruder G. abgemacht. Ich kam mir so verkauft vor! Hab ich schon erwähnt, dass Bruder G. Ältester ist?

Immer öfter kam ich mir ausgenutzt vor. Meine Eltern brachten mich und meine Schwester einmal pro Woche zu zwei alten Zeuginnen, die nicht mehr in den Predigtdienst konnten, weil sie „dafür viel zu krank“ seien. Diese beiden Damen „durften“ dann mit uns den ganzen Nachmittag studieren, so dass sie, wenn sie dann ihre Berichtszettel abgaben, auch einige Stunden angeben konnten. Was hatten wir Kinder davon? Wäre ich nicht mal lieber ins Freibad gegangen, oder was anderes? Irgendwann haben wir sie dann mit unserer kindlichen Lebhaftigkeit überfordert und wir kamen zu anderen Zeugen, die ähnliche Probleme hatten mit ihren Defiziten auf ihren Berichtszetteln.

Nach meiner Ausbildung wurde ich nicht übernommen, da mein Lehrherr in den Ruhestand ging und den Betrieb aufgab. Also zog ich wieder zurück in mein Elternhaus. Ich wollte mir so schnell es ging, neue Arbeit suchen und dann weg von zuhause. Das Verhältnis zu meinem Vater war mittelmäßig, was aber nicht lange so blieb. Es begann wieder dieses Ausnutzen! Und dann dieser Spruch: „Solange ich meine Füße unter seinem Tisch habe …!“

Irgendwann streikte mein Körper, ich wurde krank und bekam einen Nervenzusammenbruch. Meine Mutter meinte, „…dann müssten sie mich in die Psychiatrie einweisen“. Ich riss mich zusammen und hatte nun auch wenigstens kurzfristig von meinem Vater mehr Ruhe, da ich wie ein verprügelter Hund herum schlich. Trotzdem wurde ich jetzt auch körperlich krank. Ich verbrachte fast neun Monate im Krankenhaus und lernte dort einen Mann, ebenfalls Patient, kennen, der sich rührend um mich kümmerte. Er ging so liebevoll mit mir um, wie ich es bisher nie kannte. Nach meiner Entlassung trafen wir uns heimlich weiter, bis mein Vater dann doch dahinter kam. Seine einzige Sorge war, dass ich mit F. Hurerei treibe, was ich wahrheitsgemäß dementierte. Wieder mal glaubte er mir nicht. Er unterbrach eigens eine Geschäftsreise, fuhr hunderte von Kilometer nach Hause, damit er mich noch mitten in der Nacht vor die Tür setzen konnte. Ich ging mit F. mit und wir fuhren zu seinem Haus, cirka zwanzig Kilometer entfernt. F. kümmerte sich um mein Seelenwohl, bei ihm fühlte ich mich seit langen so richtig wohl.

Zum Glück hatte ich einen neuen Arbeitsplatz und eine eigene Wohnung, weit weg von meinem Elternhaus und war nicht mehr auf die Gunst meines Vaters angewiesen. Auf ein „ewiges Leben“, das vielleicht so aussah, wie ich es in den letzten Jahren erlebte, wollte ich verzichten.

Es dauerte nicht lange, da „besuchten“ mich zwei Älteste an meinem Arbeitsplatz, während der Arbeitszeit. Mein Chef war ziemlich sauer, als er mitbekam, wer die beiden sind. Die beiden Ältesten warfen mir Hurerei vor, ich dementierte dies entschieden. Nur – es wurde mir wieder mal nicht geglaubt. Ich sollte „Reue zeigen“, dann könnte ich eventuell mit einer „Zurechtweisung“ davonkommen. Was sollte ich bereuen? Das ich zeitweise mit F. zusammen wohne? Meine Freizeit mit ihm verbringe?

Die Ältesten informierten meinen Vater, sie „hätten Beweise“ für „meine Hurerei“. Damit war ich bei meinen Eltern endgültig unten durch. Mein Vater hat den Ältesten ungeprüft jedes Wort geglaubt, er hat sich nicht mal für die „Beweise“ interessiert, welche dies sein könnten.

Diese nicht vorhandenen Beweise waren überzeugender, als wenn ich ein Geständnis abgelegt hätte! (Normalerweise hätte ich diese Ältesten wegen Rufschädigung anzeigen sollen!)

Meine Komiteeverhandlung hatte ich kurze Zeit darauf, als mein Vater erfuhr, dass ich mit F. zusammen wohne. Ich wurde in den kleinen Nebenraum zitiert, damit ich mich erkläre und ein Geständnis ablege. Mit mir im Raum waren drei Älteste, jeder so um die drei Zentner schwer. Dieser kleine Raum war schlagartig überfüllt und ich sollte da auch noch Platz nehmen. Zu dieser Zeit war ich gesundheitlich auch noch nicht auf der Höhe und hatte nur noch Angst. Gezittert habe ich am ganzen Körper und konnte nicht verstehen, wozu ich eigentlich da war, ich hatte doch nichts getan. Also, ein Geständnis soll her, und das Ganze ein bisschen flott.

Ich hatte aber nichts zu gestehen und beteuerte immer wieder meine Unschuld. Nach etwa einer Stunde durfte ich dann wieder gehen und die drei Ältesten blieben zur Beratung im Nebenraum. Kurze Zeit später „besuchten“ mich dann zwei Älteste am Arbeitsplatz. Sie bombardierten mich mit den gleichen Vorwürfen und ich soll doch besser ein Geständnis ablegen, damit ich bereuen kann, damit mir vergeben wird und damit ich mit Jehova wieder ins Reine kam. Ich blieb dabei, ich hatte keine „Hurerei getrieben“.

Mit diesem Stand der Dinge sind die Ältesten wieder an meine Eltern herangetreten. Für sie war es Beweis genug, dass ich bei F. wohne. Also hure ich auch mit ihm herum…

Meine Mutter nahm mich ins Gebet: „Kind, sie haben Beweise!“ Wieder beteuerte ich meine Unschuld. Am Freitag drauf wurde dann nach der Dienstzusammenkunft mein Ausschluss bekannt gegeben. Ich war damals nicht mehr in der Zusammenkunft und mein Vater erklärte mir, das sei ein Rauswurf gewesen.

Zu meinen Eltern hatte ich dann fünf Jahre lang keinerlei Kontakt.

F. lenkte mich ab, indem er schöne Ausflüge mit mir machte und wir genossen unserer Leben in vollen Zügen. Meinen Wunsch, keinen vorehelichen Sex zu haben, hat F. von Anfang an respektiert. Leider sollte unser Glück nicht lange dauern. Ein paar Monate später, wir hatten uns gerade verlobt, erlag F. einem tödlichen Herzinfarkt. Die „Beweise“, die die beiden Ältesten damals für meine Hurerei hatten, würden mich noch heute interessieren…

Inzwischen sind fast dreiundzwanzig Jahre vergangen. Siebzehn Jahre meines Lebens sind für mich die „große Drangsal“ gewesen. Rückblickend stelle ich fest, dass ich die religiöse Erziehung nicht einfach so ablegen kann, wie ich es gerne wollte. Mit meinen Eltern habe ich wieder Kontakt, inzwischen glaubt mir sogar mein Vater, dass ich damals nicht „Hurerei getrieben“ habe und dass ich damals der Schwester H. nicht „an den Busen gefasst“ habe…

Seit Jahren ist mein Vater ein Pflegefall der Stufe drei. Meine Mutter pflegt ihn, so gut sie kann, ein Pflegedienst unterstützt sie dabei. Mein Vater wird wohl nie mehr auf seine Beine kommen, liegt den ganzen Tag im Bett und muss dreimal pro Woche zur Dialyse. Dazu wird er mit einem Krankenwagen abgeholt und anschließend wieder heimgebracht. Schon oft hat er sich gewünscht, lieber sterben zu können als jetzt „so ein Leben“ zu führen. Ein Arzt hat ihm vor etwa einem Jahr ein Schlaganfall vorausgesagt, er befinde sich kurz davor. Ob er diesen allerdings überleben wird, ist unklar. Mein Vater hofft so sehr, dass dies nicht der Fall sein wird. Er möchte nur noch sterben. Ist das jetzt seine Strafe von Jehova?

Der Kontakt zu meinem Vater war jahrelang unterbrochen, ab und zu telefonierte ich mit meiner Mutter. Zu meinen Geschwistern hatte ich mehr Kontakt, wenigstens zu den „größeren“. Von ihnen erfuhren meine Eltern jeweils meinen Aufenthaltsort und was ich so mache. Auf der Hochzeit meines älteren Bruders sah ich erstmals meinen Vater wieder, bin ihm aber großzügig aus dem Weg gegangen. Ebenso auf der Hochzeit meines jüngeren Bruders und auf der Hochzeit meiner Schwester. Ich traute dem Frieden nicht. Bevor ich selber geheiratet habe, kam ein vorsichtiges Gespräch zustande. Später – erst vor ein paar Jahren - haben wir über die ganze Sch… gesprochen. Mein Vater glaubt mir inzwischen, dass ich keine Hurerei getrieben habe. Nur – er hätte mir eher glauben sollen, jetzt ist es zu spät. Von den Prügeln will er heute nichts mehr wissen, angeblich hat er Gedächtnislücken von seinen Medikamenten, die er nehmen muss. Jetzt, wo er daliegt und das Bett nicht mehr verlassen kann, klammert er sich an seine Kinder. Am liebsten hätte er alle zuhause um sich herum.