Die Droge Gott

Glauben kann süchtig machen. Der Entzug ist schmerzhaft und dauert Jahrzehnte. Wer sich von Fundamentalisten wie der Neuapostolischen Kirche oder den Zeugen Jehovas lossagt, lebt in ständiger Angst vor der Strafe.

Drei Aussteiger erzählen.

Gott ist tot. Seit 4 Jahren.

So lange ist es her, dass Olaf Stoffel seiner Gemeinde den Rücken kehrte, mit der neuapostolischen Kirche brach und sich nichts so sehr wünschte als an Gott, den er so lange zu lieben versucht hatte, Rache zu nehmen. An einem Gott, der immer von Liebe sprach, seine Liebe aber an Bedingungen knüpfte.

  1. Du sollst nicht tanzen.
  2. Du sollst nicht lachen.
  3. Du sollst nicht feiern.

Ein Gott, der das Heil versprach, aber nur für sehr wenige, nur für die, die gehorsam waren, keine Fragen stellten und niemals zweifelten. Für die, die kindlich im Geiste waren.

Irgendwann wollte Olaf Stoffel aber kein Kind Gottes mehr sein. Da hatte er dem kleinlichen Gott neun Jahre als Priester gedient. Neun Jahre hatte er die Botschaft verkündigt und von den Gläubigen den gleichen Gottesgehorsam gefordert, den er sich selbst auferlegt hatte. Dann war es genug. Er sagte sich los von der neuapostolischen Kirche und von ihrem Gott, und mit dem Glauben an den grausamen Weltenrichter verlor er die Fähigkeit zu glauben überhaupt. "Für mich liegt der Lebenssinn nur noch im Kontakt zu Menschen" sagt er heute. Und darin, anderen zu helfen, aus Sekten auszusteigen.

Darum hat Olaf Stoffel nach seinem Ausstieg in Heidelberg eine Selbsthilfegruppe gegründet: "Wenn Glaube krank macht" Und er hat ein Buch über die Strukturen der Neuapostolischen Kirche geschrieben und gezeigt, dass die fundamentalistische Kirche keineswegs harmlos ist. Seitdem gehören anonyme Drohungen zu seinem Alltag. Aber seitdem rufen ihn eben auch jährlich hunderte von Menschen an, die in der NAK geschädigt wurden. So sehr geschädigt, sagt Stoffel, dass ihr Alltag manchmal noch Jahrzehnte nach dem Ausstieg von der Angst bestimmt ist, Gott werde sie für ihre Untreue strafen. Irgendwann. Spätestens am jüngsten Tag.

"Um Mitglied einer Schafherde zu sein, muss man vor allem eines sein, ein Schaf", hat Albert Einstein gesagt. Doch von innen sieht so eine Herde ganz anders aus. Da ist das Beten, ist das Befolgen der Gebote, ist die Arbeit in der Gemeinde eine Lust. Was wohl könnte erfüllender sein, als Gottes Willen zu tun und zu einer Elite zu gehören? Bis hin zum Größenwahn: Schon als Kind zu wissen, ich werde errettet, wenn die Welt untergeht, und meine Spielkameraden werden sterben. "Man denkt wirklich, man ist was Besseres," sagt Claudia, die vor 20 Jahren aus der NAK ausstieg." Und das ist als Kind wirklich die einzige Möglichkeit, mit der Ausgrenzung zu leben." Eingeweiht sein in Gottes Pläne, sein Komplize sein bei ihrer Verwirklichung, mal ganz abgesehen von der Wirkung ständig wiederholter Glaubensformeln: In einer solchen Sekte entsteht Abhängigkeit, wird Religion zur Sucht. Und der Ausstieg bedeutet auch Entzug.

Im Unterschied zu neureligiösen Gruppen, zu denen suchende und enttäuschte Menschen erst im Erwachsenenalter stoßen, sind die Mitglieder der NAK zumeist in diese Kirche hineingeboren. Als Kind indoktriniert, können sie sich nur schwer von dem einmal Geglaubten trennen. Das macht die NAK gefährlich. Erwachsene, die in die Fänge einer Sekte geraten, verlassen die Gruppe zu 80% nach 3 bis 5 Jahren. Wer als Kind in die NAK gerät, hat jahrzehntelang am ererbten Gottesbild zu leiden.

Claudia war 24 Jahre alt, als sie die neuapostolische Kirche verließ und mit ihren Eltern brach. Die hätten es lieber gesehen, ihre Tochter wäre am Tag, bevor sie ihren Glauben verlor, überfahren-und somit gerettet-worden. Und sie warten bis heute noch darauf, dass ihrer Tochter ein Unheil zustösst, als ein göttlicher Beweis, dass Jesus die bestraft, die die Gebote nicht halten. Sie warten seit 20 Jahren und verzeihen der Tochter kein Stück. Und Claudia hat erst jetzt, 2 Jahrzehnte nach dem Ausstieg, das Gefühl, dass die krankmachende religiöse Erziehung die Macht über sie verloren hat."Ich könnte heulen vor Glück, dass ich langsam über dem Berg bin." Aber sie weint nicht und zuckt nicht einmal mit den Mundwinkeln. Sie sagt diesen Satz, als ob sie von einer anderen Person spräche. Und den nächsten auch:" Ich habe in meinem Leben noch keinen einzigen glücklichen Tag erlebt."

Ein glücklicher Tag, das wäre einer ohne Angst. Ohne Angst, dass der Tag des Herrn da ist, dass Jesus kommt und alle gläubigen Menschen mitnimmt in sein Reich. Und sie bleibt allein zurück. So wie es ihr die neuapostolischen Eltern permanent angedroht hatten:"Wenn du nicht artig bist, wird Jesus dich nicht mitnehmen, wenn er kommt." Das war die Grundmelodie in Claudias Kindheit. Wenn die Eltern einmal später als angekündigt nach Hause kamen, hatte das Mädchen panische Angst, Jesus sei gekommen und hätte die Eltern zu sich in den Himmel mitgenommen. Nur sie, die böse Tochter hätte er zurückgelassen.

Ein Gotteskind zu sein, darauf kam alles an in ihrer Kindheit. Denn daran hing viel. Und darum erzählt man in der Vorsonntagsschule der NAK den Kindern Geschichten wie diese: "Martin war kein Gotteskind. Er ist nie in die Kirche. Stellt euch vor, er hat auch nie gebetet! An einem schönen Sommertag hat er mit seinen Freunden draußen Fußball gespielt. Plötzlich ist der Ball auf die Straße gerollt (...) Ein Auto hat nicht mehr bremsen können und hat ihn überfahren. Martin war tot. Seine Seele-das Innere- ist an einen ganz dunklen Ort gekommen. Da war es nicht schön. Martin hat dort nie heraus können," Eine seltsame Verquickung von Drohbotschaft und Frohbotschaft. Du wirst gerettet, wenn Gott dich liebt. Aber er liebt dich nur, wenn Du brav bist. Claudia bringt die Gefühlswelt ihrer Kindheit auf eine ernüchternde Formel:" Es wurde immer von Liebe geredet, und ich habe immer nur Angst gehabt."

Der Glaube ist tot, und das Gebet hilft nicht mehr. Auch wenn sich Claudia bei paradoxen Stoßgebeten ertappt: Gott, lass mich doch von Dir loskommen! Was bleibt, ist nur noch das Gespräch mit anderen Menschen, die Ähnliches erlebt haben. Mit der Frage, ob sie noch glauben können, gehen die Mitglieder der Selbsthilfegruppe behutsam um. " Ob ich noch glaube, nein, da ist nichts mehr", sagt Eva. Nicht gerade froh über die Erkenntnis. Und Annemarie gerät beinahe ins Stottern: "Wie? Ohne Gott?? Nein, nein, das wäre ja schrecklich!"

Außerhalb der Gruppe versteht ohnehin kaum einer, was für ein Verlust das ist, ohne Gott weiterleben zu müssen. Und ihn doch nicht ganz loszuwerden, seine Verbote, seine Lockungen. Wie erklären, dass man froh ist, Gott los zu sein und sich doch über sein Verschwinden nicht freuen kann. An einer Frage zu verzweifeln, die sonst doch noch kaum einen interessiert. Gott?

Nur noch das halbe Leben vor sich zu haben und ein ganzes nachholen zu müssen: Mit 44 Jahren hat Olaf Stoffel seinen ersten Tanzkurs begonnen. "Was andere in der Pubertät erleben, das erlebe ich jetzt," sagt er. Und der Zorn steigt in ihm hoch über all die verschenkten Jahre, die ihm keiner mehr zurückgeben kann. "Dieses schreckliche Gefühl, das Leben verplembert zu haben,"für eine menschenverachtende Lehre. Das Gefühl, dass es sich jetzt gar nicht mehr lohnt, jetzt noch mit dem Leben anzufangen. Mit einem neuen Leben. Doch dazu muss erst das alte abgeschüttelt werden. Irgendwann muss es doch einmal aufhören.

Doch es hört nicht auf. Wolfgang war 43 Jahre in der NAK und ist seit 5 Jahren draußen. Ein souveräner Mann, mit fester Stimme und klarem Blick. Einer, der von seiner Religion überzeugt war bis ins winzigste Detail. Der seinen Kindern verbot, sich zu Karneval zu schminken, weil Jesus sie sonst nicht erkennen könne, wenn er kommt. "Das habe ich meinen Kindern gesagt und dafür schäme ich mich heute noch. Aber ich habe geglaubt, dass das Sünde ist. Für mich war das der 100% der richtige Glaube." Jahrelang hat er die Treffen der Gruppe besucht, hat an sich gearbeitet und lange keine Angstattacken mehr gehabt. Fünf Jahre auf Entzug von der Droge Gott."Ich dachte, ich bin clean." Doch vor ein paar Tagen, erzählt er, hatte er wieder starke Ängste. "Ich werde es nicht los.

Die Trennung von der Sekte ist auch ein Abschied von einem sicheren Weltbild. Wer soll künftig die Stelle Gottes und seiner Stellvertreter einnehmen, sagen, was richtig und falsch ist, was gut und böse? "Ein Mann mit einer Uhr weiß immer, wie spät es ist. Einer mit 2 Uhren ist sich nie sicher." Sagt der Psychologe Werner Gross, der sich seit Jahren mit religiösen Sondergruppen und Psychokulten beschäftigt. Er beschreibt Religiosität etwa dann als pathologisch, wenn das drohende Unheil weit mehr Raum einnimmt als das verheißene Heil, wenn die Gruppe sich nach außen abschottet und in Schwarz-Weiß-Mustern denkt.

Ob jemand an Gott krank wird, hängt jedoch stark von seiner Lebensgeschichte und seiner augenblicklichen Situation ab. Glauben kann auch in der katholischen und lutherischen Kirche krank machen. Allerdings sind dort die religiöse Botschaft und die Strukturen weniger darauf ausgerichtet, Menschen in totale Abhängigkeit zu bringen. Aber auch die Verführungskünste extremer Sekten sollte man nicht überschätzen, meint Gross. " Nicht jede Sekte kann jeden beliebigen Menschen in íhre Fänge bringen." Aber in bestimmten Menschen lösen die Versprechungen einer bestimmten Gruppe ein starkes Echo aus. Und wenn solch ein Mensch in der religiösen Lehre nicht mehr ein Bild für die Welt sieht, sondern die Welt selbst, dann verliert der Glaube die heilende Kraft, die er eigentlich hat.

Die Zeugen Jehovas sind es, die Ingrids Welt durcheinander brachten. Bis vor einem Jahr hätte Ingrid nicht gedacht, dass sie das einmal betreffen würde. Gott-gleich welcher Auffassung spielte in ihrem Leben bisher nur eine Nebenrolle, und über die Zeugen Jehovas hat sie nicht einmal gelacht. Das war alles so außerhalb ihrer Welt, in der es leidlich vernünftig zugeht, wo sich alles dreht um Beruf, Freunde und Familie. Mit 2 Kindern, 6 und 10 Jahre alt, hat sie andere Sorgen als den jüngsten Tag und die Ewigkeit. Und nun sitzt sie da, in der Heidelberger Selbsthilfegruppe, und muss berichten, dass ihr Mann bei den Zeugen Jehovas einen neuen Lebenssinn entdeckt hat. Dass für ihn nichts anderes mehr zählt. Total fromm, von null auf hundertfünfzig in nicht einmal 10 Monaten.

19 Jahre war sie mit dem Mann verheiratet, und nun hat sie einen völlig Fremden in ihrem Haus. Einer, der den Wachturm liest und dem Bibelstunden und Seelenheil wichtiger sind als die eigenen Kinder. Erst hielt sie das alles für harmlos, für eine vorübergehende religiöse Umnachtung gewissermaßen, ließ ihn gewähren und akzeptierte, dass er nichts darüber erzählen wollte."Und dann lag plötzlich der Wachturm in der Küche", sagt sie, wie jemand, der einen schlechten Traum erzählt, einen, der einfach nicht wahr sein kann.

Doch wie überzeugt man einen Süchtigen, dass er gerade dabei ist, sich selbst zu schaden? In dieser Phase überhaupt nicht, meint der Aussteiger Olaf Stoffel: "Die Zeugen Jehovas sind jetzt seine Brüder. Die verstehen ihn. Und zu Hause versteht man ihn nicht mehr." Bei Argumenten wird sich der neue Zeuge Jehovas verschließen. Je mehr Argumente auf ihn einstürmen, desto mehr verweigert er sich.

"Ich kann das alles nicht begreifen", sagt Ingrid über die Wandlung ihres Ehemannes. Wenn man als Kind da hineingerate, nun gut. Aber als erwachsener Mann? "Mir könnte das nicht passieren, dass ich eines Tages mit dem Wachturm in der Hand in der Fußgängerzone stehe. "Doch irgendetwas muss ihren Mann, diesem erwachsenen Menschen , Mitte vierzig, heinein gezogen haben in die Sekte." Er ist sehr religiös erzogen worden, vielleicht hat ihm da etwas gefehlt in unserer Ehe," sagt Ingrid.

Der Sekten - Gott ist nicht tot, er ist zu neuem Leben erwacht. Der Gott der NAK hat schon einen Nachfolger, ähnlich klein und klein machend. Wieder einer, der nur ein paar Getreuen rettet und die restliche Menschheit in die Kelter schickt, wo sie dann zerquetscht werden. Ein Gott, der wieder nur eine Fratze ist. Ein Zerrbild des Christlichen. Ein Dämon. Von außen betrachtet.

Markus Brauck

Supermarkt der Sekten

Vielleicht gibt es in Deutschland bald einen eigenen Religionsunterricht für die Zeugen Jehovas an staatlichen Schulen, und womöglich sitzen Vertreter der Sekte bald in den Rundfunkräten: Noch vor Weihnachten wird das Bundesverfassungsgericht entscheiden, ob die Zeugen Jehovas den Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts einfordern können, Das Urteil hat dann weitreichende Bedeutung. Siegt die Sekte vor Gericht, stehen am nächsten Tag vermutlich Scientology, das Universelle Leben, die Transzendentale Meditation und Vertreter anderer Kulte auf der Matte, um die gleichen Privilegien einzufordern.

Der Markt der Sekten, Psychokulte und Sondergemeinschaften ist schier unübersehbar und außerordentlich wechselhaft, sagt Lutz Lemhöfer, Weltanschauungsbeauftragter des Bistums Limburg. Rund 300 solcher Gruppen sind in Deutschland aktiv. Nach Schätzungen von Experten sind 1,2 bis 1,5 Millionen Deutsche Anhänger einer Sekte oder eines Psychokults.

Der Sektenbegriff hat sich dabei in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Wer heute über die Gefahren von Sekten spricht, meint in der Regel eine Gruppe mit einer autoritären Binnenstruktur, einer scharfen Abgrenzung nach außen und einem weit bis ins Private reichenden Zugriff auf die Mitglieder. Lemhöfer spricht daher von einem ethischen Sektenbegriff: "Die öffentliche Angst vor Sekten ist die Sorge vor Ausbeutung, Abhängigkeit und totalitärer Kontrolle."

Die meisten Mitglieder haben immer noch die Sekten mit christlich-fundamentalistischer Lehre und eigener Offenbarung, die gegen Ende des 19.Jh. entstanden sind. Am bekanntesten sind die Zeugen Jehovas (in Deutschland 168.000 Mitglieder), die sich als das wahre Volk Gottes sehen und glauben, als einzige die apokalyptische Endschlacht (Harmagedon) zu überleben. Die größte Gruppierung ist die Neuapostolische Kirche, die bereits als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt ist. Sie tritt nach außen als harmlose Freikirche auf. Aussteiger klagen jedoch über außerordentliche autoritäre, krank machende Strukturen. Weiter gehören zu diesem Spektrum die Mormonen (39.000 Mitglieder) und einige - keineswegs alle - Pfingstler.

Neugründungen dieses Typs gibt es auch heute: Die Vereinigungskirche des Koreaners Sun Myung Moon (2000 Mitglieder) und die Sekte Universelles Leben (40.000 Anhänger) entstanden in den 70-er Jahren.

Eine 2. Gruppe bilden Guru Sekten, die sich aus hinduistischen und buddhistischen Strömungen speisen. Am bekanntesten ist immer noch die Internationale Gesellschaft für Krishna Bewusstsein (2.000 Anhänger) Viele solcher Bewegungen wie die Transzendentale Meditation des Maharishi Manesh Yogi treten heute nicht mehr als geschlossene Sekte in Erscheinung, sondern eher mit Seminarangeboten auf dem Psychomarkt. Der Verbreitung der TM-Lehre dient auch die Naturgesetz-Partei. Eine säkularisierte Spielart der Erlösung bieten Psychokulte an, die versprechen das Mängelexemplar Mensch zu einem vollkommenen Wesen zu entwickeln. Der aggressivste Anbieter: Scientology. Weiter gehört zu dieser Palette im religiösen Supermarkt Landmark Education, die den Durchbruch zu einem neuen Menschen offeriert; das Avatar Training, das grenzenloses Bewusstsein hervorbringen soll. Und das Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung verspricht befreites Menschsein durch befreite Sexualität.

Zur Zeit nehmen auf dem Psychomarkt Einflüsse aus dem Spiritismus zu. UFO-Gruppen bieten Kontakte zu Außerirdischen an; neuheidnische Gruppen wollen die germanische Naturreligion wieder beleben. Hexentreffen und Runenkunde inklusive

Quelle: Frankfurter Rundschau Magazin, 25.11.2000,