Vom Sinn und Unsinn einer Organisation

Das Individuelle spielt in der außermenschlichen Natur keine bedeutende Rolle. Menschlich gesprochen ist die Natur dem einzelnen Lebewesen gegenüber recht grausam. Dennoch bin ich nicht der Meinung, daß dort grundsätzlich nur der Stärkere auf Kosten der Schwächeren existiert.

Betrachtet man die dynamische Komplexität der Natur einmal von einem anderen Standpunkt aus, so wird man nicht umhin können, festzustellen, daß Starkes und (vermeintlich!) Schwaches schon immer nebeneinander existiert haben. Das Gesamtgefüge der Schöpfung ist dermaßen flexibel angelegt, daß sich für jedes ihrer Produkte eine adäquate Lebensnische finden läßt. Wenn dem nicht so wäre, dann dürfte es in den Revieren von sogenannten Raubtieren kein Kleinvieh mehr geben und der gesamte Waldbestand würde nur aus Mammutbäumen bestehen. Alles, was Leben in sich birgt und gesund ist, wächst natürlicherweise. Die Grenzen für dieses Wachstum sind zum einen genetisch festgelegt und werden zum anderen durch das ökologische Umfeld bedingt. Dadurch ist so etwas wie Koexistenz ohne die Unterdrückung einer anderen Art überhaupt möglich. Bei einer Symbiose kommt jeder Partner auf seine Kosten. Was in der Natur allerdings recht radikal ausgemerzt wird, sind krankhafte Organismen. Instinktgeleitet organisiert sich die Natur im Gegensatz zum menschlichen Zusammenleben selbst.

Aufgrund dieser Betrachtung ist es sehr schwierig, Organisationen und Institutionen wie die der Zeugen Jehovas mit Prozessen in der Natur zu vergleichen.

Organisationen halte ich für Konstrukte, die aus dem menschlichen Bedürfnis heraus entstanden sind, sich zu organisieren. Dieses Bedürfnis ist sicherlich völlig normal und auch prinzipiell notwendig. Der Mensch ist das einzige Wesen in der Natur, das bewußt organisiert, und darin liegt auch schon die Stärke und Schwäche von dem, was er konstruiert.

Wir Menschen sind eben beides: Einzel- und Gemeinschaftswesen. Gesund bleiben wir, wenn wir beide in uns wohnende Tendenzen miteinander verbinden können und unsere Persönlichkeitsentwicklung nicht blockieren, indem wir vornehmlich ein Extrem (Guruverherrlichung versus Egotrip) ausleben.

Leider dienen Organisationen und Institutionen meist nur in ihrer Entstehungsphase dem Leben und schützen es dementsprechend. Organisation sollte sich eigentlich immer wieder dem Leben anpassen und nicht umgekehrt. Anfangs, wie es auch bei den Zeugen Jehovas sicherlich der Fall war, dient die Ordnung durch Organisation der Lebendigkeit der Gruppe, aber in einem schleichenden Umkehrprozess verändert sich die reine Dienstfunktion der Ordnung in eine rigide Machtstruktur.

In dieser Phase ist die einst so lebendige Organisation eigentlich schon dem Tod geweiht. Liebe wird dann zunehmend durch Furcht ersetzt; Freiwilligkeit kehrt sich um zur Verpflichtung; Vertrauen macht dem Verantwortungsgefühl Platz; dem persönlichen Gewissen wird Kontrolle entgegengehalten; Lebendigkeit und Spontanität weichen stumpfer Regelmäßigkeit; Persönlichkeit und Charakterstärke lösen sich auf in falsche Demut und blinden Gehorsam, Selbstfindungprozesse werden kategorisch abgelehnt und vieles mehr. Innerhalb einer gesunden Organisation ist jeder einzelne in seiner Individualität von Bedeutung, innerhalb einer Machtstruktur degeneriert er zum rein funktionalen Verbrauchsartikel.

Hat so eine Machtstruktur einmal Fuß gefaßt, dann wird sie sich nicht mehr so leicht von ihrem Sockel der Selbstverherrlichung stürzen lassen. Ab diesem Punkt hört das Leben auf, die Regeln zu bestimmen und Menschen werden mehr und mehr Abhängige ihrer eigenen Konstruktionen. Damit hat die Organisation aber definitiv ihren Gebrauchswert (einen höheren Wert hat sie sowieso nicht!) verloren und für den einzelnen gibt es nur noch zwei Möglichkeiten:

Mit allen Konsequenzen zu bleiben oder eben zu gehen.

Derjenige, der noch spirituell wachsen möchte und auf sein Gewissen hört, der seine Ängste überwindet und den Mut besitzt, eine erstarrte Organisation zu verlassen, wird in dem folgenden Lebensabschnitt lernen müssen, was es bedeutet, Organisationen und Institutionen zu benutzen und sich nicht von ihnen benutzen zu lassen.

Die Organisation der Zeugen Jehovas ist bereits erstarrt und zu einer Karikatur ihrer selbst geworden. Jeder muß für sich selbst entscheiden, wann es an der Zeit ist, eine derart erkrankte Organisation zu verlassen, um nicht selbst krank zu werden beziehungsweise wann das persönliche Nutzenmaximum erreicht ist.

Der Weg durch die Wüste ist kein Umweg. Wer nicht das Leere erlitt, bändigt auch nicht die Fülle; wer nie die Straße verlor,  würdigt den Wegweiser nicht.
Friedrich Schwanecke