Die Wachtturmgesellschaft und die Frage der Glaubwürdigkeit

Bei Diskussionen darüber, was richtig und falsch, was wahr und unwahr ist, ist es oft entscheidend, ob man Glaubwürdigkeit bezüglich der eigenen Standpunkte und entsprechenden Mangel an solcher bezüglich der Standpunkte der "Gegenseite" erzielen kann. Weil normalerweise angenommen wird, daß ein Glaubenssystem oder eine Lebensphilosophie eine innere logische Konsistenz haben muß, war es auch üblich, bei der Kritik an der "Gegenseite" die Widersprüche herauszuarbeiten. Dies kennzeichnet auch die Debatte, welche zwischen der Wachtturmgesellschaft und ihren Kritikern verläuft. Ich möchte hier einige Beispiele aus dieser Debatte wiedergeben.

Inkonsequenzen

Bei normalen menschlichen Debatten ist es grundlegend, durch Nachweis von Inkonsequenzen in einer Argumentationsreihe die Glaubwürdigkeit und den Wahrheitsgehalt einer Behauptung, einer philosophischen Betrachtung oder eines Glaubenssystems in Frage stellen zu können. Umgekehrt wird der Nachweis von logischer Konsequenz verschiedener Standpunkte eine Grundlage für Glaubwürdigkeit bilden.

Bezüglich der Wachtturmgesellschaft war es üblich, diese wegen fünf Arten von Inkonsequenz zu kritisieren:

  1. Die Prinzipien werden nicht konsequent verfolgt.
  2. Widersprüche.
  3. Änderung von Lehrsätzen und anderem im Laufe der Zeit.
  4. Daß man an sich selbst andere ethische Forderungen stellt als an andere.
  5. Daß man andere Motive hat als die offiziell bekanntgegebenen.

1. Die Wachtturmgesellschaft begründet oft ihre Standpunkte mit den Hinweis, sie könne diese durch ein allgemeineres Prinzip begründen, von dem sie behauptet, daß sie es konsequent befolgen. Die Gegenargumentation geht dann davon aus, zu zeigen, daß die Wachtturmgesellschaft dieses Prinzip nicht konsequent befolgt und daß in Wirklichkeit "Ersatzmotive" (z.B. Wunsch nach Macht und Einfluß) die Grundlage der Argumentation der Wachtturmgesellschaft bilden. Hier folgen einige Beispiele dieser Art von Diskussion:

  • Hovland (1993) behauptet, die Wachtturmgesellschaft sei inkonsequent, wenn sie einerseits die Bluttransfusion verbietet, aber gleichzeitig die Transfusion einzelner Blutbestandteile erlaubt.
  • Franz (1991, S. 452-453) behauptet, die Wachtturmgesellschaft sei inkonsequent, wenn sie einerseits behauptet, man dürfe keine Lehrsätze annehmen, die nicht ausdrücklich in der Bibel stehen (z.B. daß der Heilige Geist Teil der göttlichen Dreieinigkeit sei), aber gleichzeitig behauptet, Gott habe die Wachtturmgesellschaft als seine Organisation auf Erden errichtet, auch wenn das Wort "Organisation" in der Bibel nicht verwendet wird.
  • Hoekema (1962, S. 327-344) weist darauf hin, daß die Wachtturmgesellschaft behauptet, sie folge dem Auslegungsprinzip, den Zusammenhang bestimmen zu lassen, wie ein griechisches Wort übersetzt werden soll, wenn es mehrere Auslegungsmöglichkeiten gibt. Er behauptet, die Wachtturmgesellschaft breche damit bei entscheidenden Fragen der Lehre, indem sie statt dessen die Auslegung wählt, die zu jenem theologischen Standpunkt paßt, welchen die Wachtturmgesellschaft bereits eingenommen hat.
  • Die Zeitschrift "Comments from the Friends" (1991) behauptet, die Wachtturmgesellschaft sei inkonsequent, wenn sie einerseits vor Götzendienst warne, bei dem Menschen oder menschliche Organisationen ein Ersatz für Gott werden, aber gleichzeitig dies selbst praktiziere, indem sie ihre Organisation zum Sprachrohr Gottes werden läßt.
  • Ein allgemeiner Einwand gegen die Wachtturmgesellschaft war, daß sie einerseits behauptet, die öffentliche Tätigkeit in Staat und Gemeinden sei ein Teil der "teuflischen Welt", aber gleichzeitig sich diesem System verpflichtet (z.B. durch das Bezahlen von Steuern) oder ihre Angebote benützt (z.B. das Schulsystem).
  • Entsprechend behauptet Franz (1991 S. 467), die Wachtturmgesellschaft sei inkonsequent, wenn sie einerseits alles andere organisierte Christentum für einen Teil von Babylon der Großen (abgefallenes Christentum) erklärt, aber dennoch "bei passenden Gelegenheiten" auf anerkannte Theologen (die gerne "Biblical Scholars" genannt werden) hinweist. Z.B. erwähnt Franz den WT vom 15.1991, Seite 10-15, wo man 15 mal darauf hinweist, was "andere Christen" gesagt haben.

2. Eine andere Art von Inkonsequenz betrifft direkte Widersprüche. Ein Beispiel dafür erwähnt Franz (1991 S. 421-422), der darauf hinweist, daß die Wachtturmgesellschaft behauptet, sie meine, daß sie nicht von Gott inspiriert sei (da die Wachtturmgesellschaft in einigen Fällen ihre Ansichten justieren mußte), daß sie aber gleichzeitig behauptet, sie sei Gottes Sprachrohr und würde Gottes Wahrheiten offenbaren. Die Wachtturmgesellschaft meint, hier sei von zwei verschiedenen Begriffen die Rede, während Franz behauptet, es drehe sich um einen Widerspruch und die Argumentation der Wachtturmgesellschaft sei reine Rhetorik.

3. Eine dritte Art von Inkonsequenz betrifft die Änderungen im Laufe der Zeit: Ein kritischer Einwand gegen die Wachtturmgesellschaft war z.B. der, daß sie im Laufe der Zeit lehrmäßige Standpunkte geändert habe und gleichzeitig meine, Gottes Sprachrohr zusein. Die Gegenargumentation der Wachtturmgesellschaft war ja, solche Änderungen zeigten, daß sie offen dafür sei, ihre Gesichtspunkte zu justieren, wenn neue Tatsachen auf dem Tisch lägen. Das Argument dagegen war wieder, solche Änderungen seien nicht Ausdruck von Offenheit, sondern die Wachtturmgesellschaft mußte dies ändern, um nicht ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren (z.B. der Zeitpunkt von Harmagedon, der mehrmals verschoben wurde). Die Wachtturmgesellschaft weist auch darauf hin, daß sie einen Teil ihrer Ansichten bezüglich der für Zeugen Jehovas verbindlichen Normen, z.B. ihre Ansicht über Plasmaprodukte und die Zusammenarbeit mit Psychiatern und Psychologen, geändert habe. Das Gegenargument war wiederum, daß solche Änderungen durch die Furcht, die Anhängerschaft zu verlieren, erzwungen wurden, und daß es nur eine Illusion sei, solche Änderungen seien die Folge von "neuem Durchdenken" und "gewissenhaften Bibelstudien". Aber man kann nicht ausschließen, daß solche Änderungen die Folge von gewissenhaften Durchdenken sein können (z.B. daß die Wachtturmgesellschaft sich nun dazu durchgerungen habe, man könne den Zeitpunkt von Harmagedon nicht mehr festlegen). Ein anderes Argument der Wachtturmgesellschaft war, man könne nicht erwarten, daß die Organisation alles auf einmal "sehen" könne, sondern daß sie die Dinge schrittweise klarer und klarer sehe (hier bezieht sie sich auf Spr 4.18: "Doch der Pfad der Gerechten ist wie das Licht am Morgen; es wird immer heller bis zum vollen Tag"). Andere Argumente der Wachtturmgesellschaft waren Franz (1991 S. 472-488) zufolge:

  • Die Zeugen Jehovas entwickeln sich wie ein Segelboot, das gegen den Wind zu einem Ziel steuert: Der Kurs geht nicht geradeaus, das Boot kreuzt hin und her, aber es nähert sich die ganze Zeit dem Ziel.
  • Auch die Jünger waren ein Prozeß. Es dauerte lange Zeit, bis sie verstanden, daß es eine Konsequenz der christlichen Botschaft war, die Beschneidung sei für das Heil nicht notwendig. Der Kommentar von Franz dazu ist, daß das Problem für die Christen zur Zeit Jesu war, daß sie "träge" waren und Zeit benötigten, um aus einer Tradition, die mehrere tausend Jahre alt war, herauszukommen. Für die Wachtturmgesellschaft ist dies anders: Es dreht sich darum, von einem Standpunkt zum anderen zu "springen".

Das klarste Beispiel (Franz zufolge) für Mangel an lehrmäßiger Glaubwürdigkeit ist, daß es möglich ist zu zeigen, daß die Wachtturmgesellschaft zuerst den einen Standpunkt vertrat, später etwas ganz anderes behauptete, um noch später wieder zum ursprünglichen Standpunkt zurückzukehren, ohne darüber zu informieren oder zu sagen, daß die gleiche Ansicht auch bei "anderen Christen" üblich sei. Konkret dreht es sich um die Ansicht über die "Obrigkeit" (Röm 13.1), der sich unterzuordnen die Christen aufgefordert werden. Der Gründer der Zeugen Jehovas (Russell) meinte, dies müsse sich auf die Behörden beziehen (WT 1.1.15), ein späterer Leiter (Rutherford-1929) meinte, dies beziehe sich auf die Zeugen Jehovas (siehe auch Jehovah's Witnesses in the Divine Purpose (1959), S. 91 und 124). Sowohl Russell als auch die heutige Wachtturmgesellschaft setzen z.B. die selben Grenzen für diese Unterordnung, nämlich daß das Prinzip nicht gilt, wenn es sich darum handelt, die Gesetze Gottes zu brechen. Die Wachtturmgesellschaft versucht jedoch (Franz zufolge), den Eindruck zu erwecken, sie habe eine andere Ansicht als Russell. Franz kommentiert auch, daß die gegenwärtige Auslegung bei der Wachtturmgesellschaft sogar vor der Zeit Russells lanciert wurde, während die Wachtturmgesellschaft den Eindruck erwecken möchte, ihr Standpunkt sei das Ergebnis eines "gründlichen und gewissenhaften Studiums der Schriften".

4. Eine vierte Art von Inkonsequenz geht darauf hinaus, daß man an sich selbst nicht die selben Anforderungen stellt wie an andere. Ein Beispiel dafür ist Franz (1991, S. 409-415) zufolge, daß die Wachtturmgesellschaft erwartet, daß Menschen sich allgemein dem gegenüber, wo sie selbst dabei sind, als kritisch erweisen sollten, aber von den Zeugen Jehovas Unterordnung und Loyalität erwartet. Es ist auf jeden Fall klar, daß die Wachtturmgesellschaft bis zum heutigen Tag die Zeugen Jehovas niemals aufgefordert hat, sich ihrer eigenen Tätigkeit gegenüber kritisch zu verhalten. Dies wird ganz im Gegenteil als "unabhängiges Denken" negativ definiert (VT 1.6.83 S. 18).

Andererseits hat auch die Wachtturmgesellschaft rechtgläubige Christen wegen logischer Widersprüche in ihrem Glaubenssystem und wegen des Fehlens von vernünftigen Antworten auf zentrale Fragen kritisiert. Beispiele von logischen Widersprüchen im rechtgläubigen christlichen Glauben sind:

  1. Der menschliche freie Wille und Gottes Allmacht.
  2. Ob es der Mensch ist, der das Heil bei Gott sucht, oder ob es Gott ist, der "zieht".
  3. Ob man durch eigene gute Werke oder durch den Glauben gerettet wird.
  4. Wie man den Gedanken an Gottes Güte mit dem Vorhandensein des Bösen in der Welt und der Lehre von Verdammnis und Hölle vereinbaren kann (auf diesen Widerspruch hat sich die Wachtturmgesellschaft am meisten konzentriert).

Einige rechtgläubige Christen haben versucht zu erklären, wie man solche logische Widersprüche vereinbaren kann, während andere meinen, nur Gott habe darauf die Antwort.

Die Wachtturmgesellschaft behauptet ihrerseits, man könne alle diese Ansichten logisch aus gesunder Vernunft heraus erklären, und Gott bestätige dadurch, daß sie die richtigen Erklärungen hätte, daß er durch die Zeugen Jehovas wirksam sei. Das Gegenargument von Seiten der rechtgläubigen Christen war, das Vorhandensein von logischen Widersprüchen sei für sich selbst ein Anzeichen, daß der rechtgläubige christliche Glaube kein menschliches Produkt sein könne, und der Versuch der Wachtturmgesellschaft, "alles" zu erklären, eigentlich Grund zu Frage gebe, ob Gott wirklich hinter dem stehe, was die Wachtturmgesellschaft glaube. Dies ist jedoch eine zweifelhafte Methode der Argumentation: Man nimmt zuerst an, daß Gott existiert und daß er für die Menschen nicht völlig begreifbar ist, um hernach das selbe zu beweisen, in dem man auf das Unverständliche im christlichen Glaubenssystem hinweist.

5. Eine fünfte Art von Inkonsequenz dreht sich um verborgene Motive. Die Wachtturmgesellschaft selbst definiert sich und die Zeugen Jehovas als ein "kluger und treuer Knecht", der nur die Aufgaben ausführt, die Gott (Jehova) ihnen aufgetragen hat, indem sie die Konsequenzen aus den Visionen ziehen, die er ihnen geoffenbart hat. Unter den Gegnern ist es nicht unüblich zu behaupten, die Organisation sei mehr oder weniger korrupt und die Leitung sei nur nach Geld, Macht, Position, Ehre und Berühmtheit aus. So wie ich es sehe, ist es möglich, daß beide Ansichten etwas von der Wirklichkeit widerspiegeln könnten. Einerseits glaube ich persönlich, daß eine Reihe von Zeugen Jehovas (wahrscheinlich die meisten) in der Tat edle und ideelle Motive haben und durch ein starkes Pflichtgefühl motiviert sind. Die Organisation hat, verglichen mit anderen neureligiösen Bewegungen, wenige "Verlockungen". Die Leitung ist für ihren einfachen und nüchternen Lebensstil bekannt. Wenn z.B. Mitglieder der leitenden Körperschaft örtliche Abteilungen im "Königreichssaal" besuchen, dann ist keine Rede von Personenkult, sondern sie treten dort wie gewöhnliche Mitglieder auf. Eingenommene Gelder werden streng reguliert, um die derzeitige Tätigkeit zu konsolidieren, auf neue Bereiche auszudehnen, Material zu drucken und andere Maßnahmen, welche der Gemeinschaft zugute kommen. Was man vom "Guten" zu beanspruchen hat, liegt in der Zukunft. Man kann vielleicht sagen, die Zeugen Jehovas hätten Ersatzmotive in dem Sinn, daß z.B. der Bedarf an Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Sicherheit starke Triebkräfte für die Mitgliedschaft und für einen Teil der Mitglieder solche Triebkräfte stärker als die "offiziellen" Motive sein können. Aber das ist etwas Natürliches und eine Erscheinung, die in allen sozialen Systemen zu finden ist, und kann wohl nicht als Argument dafür benützt werden, die Glaubwürdigkeit der Zeugen Jehovas in Frage zu stellen.

Logische Manipulation

Franz (1991, S. 432-489) behauptet, man könne die Glaubwürdigkeit der Wachtturmgesellschaft in Frage stellen, weil sie mit einer Reihe logisch-ethischer Prinzipien breche, indem sie eine Anzahl von manipulierenden Techniken in ihren Argumenten für ihre Ansicht verwende. Hier ist die Liste von Franz über solche Techniken:

  1. Präsentation eines einseitigen Standpunktes, der andere Ansichten mißachtet,bagatellisiert oder falsch interpretiert.
  2. Lächerlichmachen und Ironisierung der Ansichten des Gegners mit Hinweis auf die eigene Weisheit und die sogenannte "gesunde Vernunft".
  3. Zirkelschlüsse, in denen man zuerst etwas als gegeben nimmt (Axiom), damit man später, nach einer längeren Argumentationsreihe, dadurch beweisen kann, daß das Axiom wahr war (tautologische Erklärung).
  4. Gebrauch von Analogien, die eigentlich keine Relevanz haben.
  5. Erzeugung eines "falschen Dilemmas", indem man den Eindruck erweckt, es gebe nur zwei (extreme) Alternativen, und dann sein eigenes "Recht" dadurch beweist, indem man gegen den anderen extremen Standpunkt argumentiert.
  6. Hineinbringen von nicht relevanten Aussagen in einen Argumentationsprozeß, um die Schwäche in einer Argumentationsreihe zu verdecken (vgl. den folgenden handgeschriebenen Vermerk eines Predigers: "Schwache Argumentation. Sprich lauter.").
  7. Das Richten der Kritik gegen eine Person statt gegen die Argumente der Person.
  8. Appell an die Loyalität und andere Haltungen, die bewirken, daß man einen Standpunkt akzeptiert, auch wenn dieser nicht ordentlich begründet ist.
  9. Voreilige Verallgemeinerungen:
  •  Bildung eines künstlichen Prinzips durch Zusammenziehen einiger "zufälliger" Beispiele
  •  Versuch, auf einer zu dünnen Grundlage voreilige Schlüsse über die allgemeine Gültigkeit eines Prinzips zu ziehen (z.B. "dieses Prinzip gilt für alle Menschen" oder "dieses Prinzip ist heute ebenso gültig wie zur Zeit Jesu").

Andererseits wird auch die Wachtturmgesellschaft behaupten, daß ihre Kritiker gerade solche Techniken in ihrer Argumentation benützen. Ich habe nicht die Absicht, tiefer in diese Diskussion einzusteigen, sondern begnüge mich mit einigen Beispielen von den beiden Seiten:

  • Die Wachtturmgesellschaft behauptet, Kritik gegen sie sei zu einem Großteil auf Aussagen von Aussteigern begründet, die aus natürlichen Gründen negativ, einseitig und daher voreingenommen sind. Dies sei ein Beispiel für voreilige Verallgemeinerung.
  • Die Wachtturmgesellschaft behauptet auch, Kritiker seien von vornherein negativ, denn sie definierten die Zeugen Jehovas von Vornherein als Sekte und plazierten sie deshalb in eine "Box", in der sie selbst sich nicht daheim fühlten: Dies sei ein Beispiel für ein falsches Dilemma: Entweder sei man eine Sekte oder sei man "gewöhnliche Christen".
  • Die Wachtturmgesellschaft behauptet, Kritiker beriefen sich auf ältere Bücher und Schriften, welche die Wachtturmgesellschaft später revidiert habe, oder sie zögen Schlüsse auf der Grundlage einer Reihe losgerissener Zitate ohne Rücksicht auf den Zusammenhang.

Franz (1991) hat auch Beispiele gegen die Wachtturmgesellschaft:

  • Seite 458: Die Wachtturmgesellschaft behauptet, Gott müsse eine Organisation haben, weil Satan eine Organisation habe (WT 15.5.81.S. 7). Dies ist nach Meinung von Franz ein Beispiel für voreilige Verallgemeinerung.
  • Seite 467: Die Wachtturmgesellschaft behauptet, die "Christenheit" vertrete die Ansicht, die "anderen Schafe" (Joh 10,16) seien Heiden (d.h. Nichtjuden), während die Wachtturmgesellschaft meint, es sei die Rede von der Gruppe unter den Zeugen Jehovas, die nicht unter den 144.000 Auserwählten sind (natürlich ist es wichtig für die Wachtturmgesellschaft, Bibelstellen zu finden, die ihre Ansicht stützen können). Dies ist nach Meinung von Franz ein Beispiel für eine Analogie, die keine Relevanz hat, und für ein falsches Dilemma. Die Wachtturmgesellschaft vermittelt den Eindruck, in erster Linie sei das etablierte Christentum ein Gegner ihrer Ansicht, und da "gewöhnliche Christen" als Abgefallene aufgefaßt werden, erhält der Leser den Eindruck, man müsse entweder den Standpunkt der Wachtturmgesellschaft akzeptieren oder man müsse damit rechnen, zu den Abgefallenen gezählt zu werden.
  • Seite 455: Die Wachtturmgesellschaft verwendet Worte wie "geoffenbart", um den Leser zu bewegen, eine Aussage zu akzeptieren, die nicht begründet ist. Dies kann man auch mit anderen Formulierungen tun, wie z.B. "Alle Forschung weist nach", "es wird allgemein akzeptiert, daß", "Experten zufolge", "es kann wohl keinen Zweifel darüber geben" usw., wo man entweder auf die eine oder andere "Autorität" hinweist oder auf die sogenannte "gesunde Vernunft", oder auf "das wissen doch alle (anderen)." Dies sind nach der Meinung von Franz Beispiele dafür, nichtrelevante Aussagen in einen Argumentationsprozeß hineinzuziehen.

Diese Technik kann man mit dem vergleichen, was im Märchen "Des Kaisers neue Kleider" geschah. Es wurde klar und deutlich verkündet, der Kaiser würde seine neuen Kleider zeigen. Und die Leute vermochten oder wagten nicht, die inquisitorische Frage zu stellen: "Ja, aber hat er eigentlich Kleider an?" Es bedurfte eines Kindes, damit die Leute sich darauf verließen, was sie faktisch mit ihren eigenen Augen sahen, und sich davon befreiten, was die "Obrigkeit" behauptete und was man glaubte, daß die anderen sahen.

Oder wenn du in ein Geschäft gehst, um etwas zu kaufen, und die Verkäuferin sagt, "das paßt Ihnen" (Autoritätsdruck) oder "das haben wir viele Male verkauft" (Normdruck). Der springende Punkt ist, den anderen zu beeinflussen zu kaufen, weil die Verkäuferin es am besten weiß, oder eine Illusion darüber zu erzeugen, "alle anderen mögen dies".

Ein anderes Beispiel einer logisch gesehen zweifelhaften Begründung bei den Zeugen Jehovas ist die folgende: Dem Neuen Testament zufolge sollen "alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebt" (Joh 13, 35). Durch den Erweis der Liebe in der Praxis bestätigen also die Zeugen Jehovas, daß sie Jesu wahre Jünger seien (Kenntnis, die zum ewigen Leben führt, S. 167, Ringnes (1997), S. 78).

Abschluß

Diese Darstellung hat wohl den Charakter einer Kritik, die gegen die Wachtturmgesellschaft gerichtet ist. Dies, das muß ich zugeben, hängt mit meiner eigenen kritischen Haltung gegenüber vielem zusammen, was die Wachtturmgesellschaft vertritt. Es hängt aber auch damit zusammen, daß die Wachtturmgesellschaft es aus prinzipiellen Gründen nicht wünscht, sich in polemische Debatten einzulassen. Dies bedeutet, daß die Wachtturmgesellschaft in der Tat eine Anzahl von sachlichen Argumenten haben kann, die sie nicht benützen wollen, weil sie sich bewußt dafür entscheiden, mit unwidersprochener Kritik zu leben (eine solche Haltung kann man auch von der Bibel aus begründen). Übrigens ist es Sache des einzelnen Lesers, selbständige Beurteilungen vorzunehmen und seine eigene gesunde Vernunft zu gebrauchen, wenn er die Glaubwürdigkeit bezüglich der logischen Prinzipien und der Beispiele, die ich hier vorgestellt habe, beurteilen will. Übrigens sieht es so aus, als ob es schwierig sei, in dieser "Hin-und-her-Argumentation" zwischen der Wachtturmgesellschaft und ihren Gegnern auf den Grund zu kommen, und es wird eine Unmöglichkeit, z.B. zu einem Ziel zu kommen, wenn man auf rein logischer Grundlage beweisen können sollte, daß der Standpunkt der Wachtturmgesellschaft glaubwürdig ist oder daß das Gegenteil der Fall ist, auf eine solche Weise, daß man "alle vernünftigen Menschen" um eine Argumentationskette mit darauffolgender Schlußfolgerung vereinen könnte. Was logisch und vernünftig ist, variiert von Person zu Person. Viele Gefühle, Sicherheitsbedürfnisse und andere "irrationale Bedingungen" erschweren auch einen solchen Prozeß. Besonders kompliziert wird es, wenn die selbe Art von Beobachtung aus der Sicht beider Seiten beansprucht wird. Z.B. spricht die Wachtturmgesellschaft heute offener darüber, daß die Zeugen Jehovas ebenso viele psychische Probleme wie der Durchschnitt der Bevölkerung haben, und sie haben eine positivere Einstellung zu akademischer Ausbildung. Die Wachtturmgesellschaft meint, es zeige sich, daß sie imstande seien, ihre Auffassungen in Übereinstimmung mit den Tatsachen zu revidieren, während die Gegner der Wachtturmgesellschaft behaupten können werden, dies zeige, daß die Wachtturmgesellschaft die ganze Zeit über ihre Ansichten anpasse, um nicht die Gefolgschaft der Zeugen Jehovas zu verlieren, und daß die Änderungen auf "Druck" von diesen zurückzuführen seien.

Man kann ja auch fragen, wieweit es sinnvoll ist, die Glaubwürdigkeit der Wachtturmgesellschaft in Frage zu stellen. Für einen Forscher ist dies eigentlich uninteressant. Das Ziel eines Forschers ist, Hypothesen zu überprüfen, Phänomene zu beschreiben und die Phänomene in verschiedene Zusammenhänge zu stellen. Für andere ist es hingegen wichtig zu beweisen, daß Phänomene, Lehrsätze und Systeme echt oder unecht, wahr oder falsch sind. Dies ist eine Gruppe von Menschen, die damit beschäftigt sind, was auf dem Markt der Weltanschauungen wahr oder unwahr und echt oder falsch ist und die nicht von der Objektivität und Neutralität des Forschers, sondern von ihrem eigenen weltanschaulichen Engagement geleitet werden. Mein allgemeiner Eindruck ist der, daß diese beiden Gruppen Probleme haben können, einander zu respektieren: Der Forscher meint, die "Weltanschauungsperson" sei von vornherein voreingenommen, es fehle ihr die notwendige Objektivität und sie sei am meisten auf der Jagd nach Argumenten, um die Zeugen Jehovas anzuschwärzen. Die "Weltanschauungsperson" meint ihrerseits, der Forscher sei zu naiv und könne oder wolle nicht das Problematische (oder Destruktive) bei den Zeugen Jehovas sehen. Mein Wunsch ist, daß beide "Lager" einen vermehrten Respekt für den Standpunkt des jeweils anderen haben und vielleicht weniger Zeit aufwenden sollten, um aneinander Kritik zu üben, und daß sie vielleicht sogar eine fruchtbare Zusammenarbeit entwickeln könnten.


Referenzen:

Comments from the Friends, P.O. Box 840, Stoughton, MA 02072, USA

Franz, R. (1991): In search of Christian Freedom. Commentary Press, Atlanta

Hoekema, A.A. (1992): The Four Major Cults. Eerdemans Publishing Co., Grand Rapids, Michigan.

Hovland, N: (1993): Blodforbudet for Jehovas vitner. Tidskrift for Norsk Lægeforening, Nr. 1, 113, 77-78 (se også redaksjonell kommentar s. 16). (Das Blutverbot für die Zeugen Jehovas. Zeitschrift der Norwegischen Ärztegesellschaft, Nr. 1, 113, 77-78 (siehe auch redaktioneller Kommentar S. 16))

Ringnes. H.K. (1997): Hvordan kom du i sannheten? Enstudie av omvendelse til Jehovas vitner. Hovedoppgave i Psykologie. Psykologisk Institutt. Norges teknisk-vitenskaplige universitet (Wie kamst du in die Wahrheit? Eine Studie der Bekehrung zu den Zeugen Jehovas. Diplomarbeit aus Psychologie. Psychologisches Institut. Norwegens technisch-wissenschaftliche Universität).

Wachtturmgesellschaft (1995): Kunnskap som fører til evig liv (Erkenntnis, die zu ewigem Leben führt). Enebakk.

The Watchtower and Tract Society: Watchtower (WT) (auf norwegisch: "Vakttårnet" (VT))

Copyright © 1999 Kjell Totland, Übersetzung: Friedrich Griess