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Viele Zeugen Jehovas staunten nicht schlecht, als sie den Wachtturm vom 1. November 1999 aufschlugen. War doch da tatsächlich zu lesen:

Jeder Zeuge Jehovas entscheidet selbst auf der Grundlage seines durch die Bibel geschulten Gewissens... ob er einem zur Wahl stehenden Kandidaten seine Stimme gibt oder nicht.

Eine Aussage, die das genaue Gegenteil von dem auszudrücken schien, was die Wachtturm-Gesellschaft (WTG) bisher gepredigt hatte. Schließlich ging es hier ausdrücklich um politische Wahlen und jeder Zeuge Jehovas weiß, dass diese für einen „wahren Christen“ absolut tabu sind.

Dass die WTG offensichtlich an einem neuen Bild der Zeugen Jehovas in der Öffentlichkeit arbeitet, ist schon in den einleitenden Worten des Artikels zu erkennen:

Es scheint allerdings keinen Grundsatz zu geben, der dem Wählen an sich widerspricht. Zeugen Jehovas treffen oftmals Entscheidungen..., indem die einzelnen ihre Stimme durch Handerheben abgeben.

Das sind völlig neue Töne aus der Feder einer Organisation, die sich selbst gerne als „theokratisch“ bezeichnet und wichtige Entscheidungen grundsätzlich von oben herab trifft.

Doch die ungewohnt liberalen Töne sind schon nach wenigen Sätzen zu Ende. Schnell wird nämlich dem Zeugen Jehovas klar gemacht, wie das mit dem seinem „biblisch geschulten Gewissen“ auszusehen hat:

Wenn die Zeugen Jehovas diese persönliche Entscheidung treffen, berücksichtigen sie mehrere Faktoren.

Es folgen die alten Argumente, dass Zeugen Jehovas „kein Teil dieser Welt“ seien (Joh. 17:14) und sich daher „in den politischen Angelegenheiten dieser Welt neutral“ verhalten. Sie werden sogar als „Repräsentanten des himmlischen Königreichs Gottes“ bezeichnet, die dazu verpflichtet sind, „sich nicht in die Politik der Länder einzumischen, in denen sie leben“.

Mit anderen Worten: Ein deutscher Zeuge Jehovas mag zwar die Vorteile der hiesigen Gesellschaft schätzen und nutzen, dennoch soll er sich nicht als deutscher Staatsbürger fühlen, sondern einzig und allein als ein Bürger des Wachtturms, der lediglich als Gesandter in Deutschland lebt.

Das ganze gipfelt in der Schlussfolgerung, „dass diejenigen, die jemand in ein Amt wählen, dafür verantwortlich gemacht werden können, was er tut. Christen (gemeint sind natürlich Zeugen Jehovas) müssen gewissenhaft erwägen, ob sie diese Verantwortung auf sich nehmen wollen.“ Eine Rhetorik, die zwar äußerst dümmlich ist, aber bei den einfacheren Gemütern unter den Zeugen Jehovas ihre Wirkung nicht verfehlen dürfte.

Damit sich auch kein Zeuge Jehovas von den einleitenden Worten zu voreiligen Schlussfolgerungen hinreißen lässt, wird anschließend noch einmal Klartext gesprochen:

Im Hinblick auf die erwähnten biblischen Grundsätze treffen Zeugen Jehovas in vielen Ländern die persönliche Entscheidung, an politischen Wahlen nicht teilzunehmen.

Es bleibt also alles beim alten: Zeugen Jehovas beteiligen sich nicht an politischen Wahlen. In Ländern mit Wahlpflicht dürfen sie zwar zur Wahlkabine gehen. Doch dort ist „in Gottes Gegenwart der Ort, wo seine Zeugen im Einklang mit seinen Geboten und in Übereinstimmung mit ihrem Glauben handeln müssen.“ Mit anderen Worten: Ein politisch neutraler Gesandter aus dem Staate Wachtturm hat eine ungültige Stimme abzugeben. Eine Anweisung, mit der die nach wie vor unveränderte Haltung der WTG bekräftigt wird, denn das Zitat stammt aus einem uralten Wachtturm vom 15. Januar 1951.

Allerdings scheint man in Brooklyn jetzt niemand mehr verurteilen zu wollen, der ohne gesetzliche Verpflichtung zur Wahl geht, denn dazu heißt es:

In diesen oder ähnlichen Situationen muss ein Christ selbst die Entscheidung treffen.

Wozu also die vielen Worte, wenn doch nur wieder einmal die alten Positionen bekräftigt werden? Warum die auffallend positiven Töne zum demokratischen Prinzip? Und weshalb der dicke Hinweis, dass die Beteiligung an politischen Wahlen eine rein persönliche Gewissensfrage jedes einzelnen Zeugen Jehovas sei?

Der liberale Anstrich des Artikels auf der einen und das Festhalten an den alten Positionen auf der anderen Seite legen die Schlussfolgerung nahe, dass hier nicht die Zeugen Jehovas angesprochen werden sollen, sondern die Außenwelt. Denn die wortreichen religiösen Begründungen werden wohl allein die Zeugen Jehovas unter den Lesern richtig interpretieren, während der Außenstehende zumindest den Eindruck erhält, dass es keinem Zeugen Jehovas verboten ist, sich an politischen Wahlen zu beteiligen.

Das ganze Vorgehen passt nahtlos zur aktuellen Situation in Europa:

In Frankreich fordert man die Zeugen Jehovas schon seit einiger Zeit von der Bühne herab auf, zur Wahlurne zu gehen. Dort kämpft die WTG gegen ein denkbar schlechtes Image und Steuerforderungen in 3stelliger Millionenhöhe. Führende Mitglieder der Sekte bekräftigten daher Anfang 1999 im französischen Fernsehen, dass sie selbstverständlich ihrer Staatsbürgerpflicht nachkommen und wählen würden. In Deutschland hingegen sind die Zeugen Jehovas dafür bekannt, dass sie sich ganz bewusst nicht an politischen Wahlen beteiligen. Doch die WTG weiß, dass ihr genau diese strikte Politikverweigerung im Weg steht, wenn sie in den Rang der staatsnahen Religionen aufrücken und Körperschaft des öffentlichen Rechts werden will.

Man kann also davon ausgehen, dass die Rechtsanwälte der WTG in Kürze vor Gericht aus dem Wachtturm vom 1. November 1999 zitieren werden, um zu „beweisen“, dass es den Zeugen Jehovas keinesfalls verboten ist, zu wählen. Vielleicht folgt man auch schon bald dem Beispiel Frankreichs und fordert auch die deutschen Zeugen Jehovas auf, bei politischen Wahlen künftig das Wahllokal aufzusuchen. Damit nach außen ein Verhalten demonstriert wird, das nach innen weiterhin als „unchristlich“ gilt.


Zitate aus der Wachtturm-Literatur zum Thema Wahlen:

Die Angelegenheit wäre möglicherweise anders ausgegangen, wenn sich Jehovas Zeugen an politischen Wahlen beteiligen würden, aber sie lassen sich von ihrer neutralen Haltung in politischen Fragen nicht abbringen — ganz gleich, wie hoch der Preis dafür sein mag. Die Stellung wahrer Christen ist eindeutig. Jesus sagte: „Sie sind kein Teil der Welt, so wie ich kein Teil der Welt bin“ (Johannes 17:16).

Der Wachtturm vom 15.02.1989

In Verbindung mit den Wahlen vom 2. Dezember 1946 wurde der Wahlzwang eingeführt. Wer es wagte fernzubleiben, galt als Staatsfeind. Die Angehörigen unserer Versammlung in Përmet fragten: „Was sollen wir tun?“ „Wenn ihr auf Jehova vertraut“, antwortete ich, „braucht ihr mich nicht zu fragen. Ihr wißt bereits, daß Jehovas Volk neutral ist. Es ist kein Teil der Welt“ (Johannes 17:16). Der Wahltag kam, und Regierungsvertreter besuchten uns zu Hause. Sie begannen ein zwangloses Gespräch: „Wollen wir erst einmal eine Tasse Kaffee trinken und etwas plaudern. Wissen Sie, was heute für ein Tag ist?“ „Ja, heute wird gewählt“, gab ich zur Antwort. „Dann sollten Sie sich beeilen, denn sonst kommen Sie zu spät“, sagte einer der Beamten. „Nein, ich habe nicht vor hinzugehen. Wir haben Jehova gewählt“, erwiderte ich. „Gut, dann kommen Sie, und stimmen Sie für die Opposition.“ Ich erklärte ihm, daß Jehovas Zeugen völlig neutral sind. Als unsere Einstellung allgemein bekannt wurde, übte man größeren Druck auf uns aus. Man verbot uns, Zusammenkünfte abzuhalten, weshalb wir uns nur noch heimlich versammelten.

Der Wachtturm vom 01.01.1996

Gleichgültig, wer regiert, der Betreffende ist stets ein Teil dieser Welt, die in der Macht Satans liegt (1. Joh. 5:19).

Unterredungs-Buch, 1990

Definition des Begriffes Neutralität im selben Buch:

Die Haltung von Personen, die einem Streit zwischen zwei oder mehr Parteien fernbleiben bzw. keine der streitenden Parteien unterstützen. Sowohl die alte als auch die neuere Geschichte zeigt, daß wahre Christen überall und unter allen Umständen bemüht waren, sich gegenüber den Auseinandersetzungen zwischen Parteien dieser Welt absolut neutral zu verhalten. Sie hindern andere nicht, an patriotischen Zeremonien teilzunehmen, Kriegsdienst zu leisten, einer politischen Partei beizutreten, für ein politisches Amt zu kandidieren oder zur Wahl zu gehen. Sie selbst jedoch beten allein Jehova, den Gott der Bibel, an; sie haben sich ihm rückhaltlos hingegeben und unterstützen sein Königreich voll und ganz.

Häufig entscheiden sich diejenigen, die eine genaue Erkenntnis der Wahrheit verwerfen, für den Weg des Eigennutzes. Sie kommen nicht mehr der Verpflichtung nach, regelmäßig die christlichen Zusammenkünfte zu besuchen oder sich am Haus-zu-Haus-Dienst zu beteiligen. Einige fangen sogar wieder an zu rauchen. Andere freuen sich, daß sie sich in der Frage der christlichen Neutralität und des Blutmißbrauchs nicht mehr von anderen unterscheiden müssen. O welch eine Freiheit! Jetzt können sie sogar einen Vertreter der politischen Parteien des „wilden Tieres“ wählen (Offenbarung 13:1, 7).

Der Wachtturm vom 01.12.1989

Zeigen die geschichtlichen Tatsachen, daß in der „Zeit des Endes“ seit 1914 u. Z. irgendeine Gruppe das Beispiel dieser ersten Christen nachgeahmt und den Weg der christlichen Neutralität eingeschlagen hat? Ja, Jehovas Zeugen haben das getan. Sie haben weltweit eifrig gepredigt, daß Gottes Königreich das einzige Mittel ist, durch das gerechtigkeitsliebende Menschen auf der ganzen Erde Frieden, Wohlfahrt und bleibendes Glück erlangen können (Mat. 24:14). Doch in den Kontroversen der Nationen haben sie strikte Neutralität bewahrt.

In krassem Gegensatz dazu ist die Geistlichkeit der Christenheit an den politischen Angelegenheiten der Welt stark beteiligt. In einigen Ländern setzt sie sich aktiv für oder gegen Amtsbewerber ein. Einige Geistliche bekleiden selbst ein politisches Amt. Andere üben auf Politiker großen Druck aus, um bestimmte von der Geistlichkeit gutgeheißene Programme durchzusetzen. Anderswo sind die „konservativen“ Geistlichen enge Verbündete der Machthaber, während „progressive“ Priester und Prediger Guerillabewegungen unterstützen mögen, die auf den Umsturz der gegenwärtigen Regierung hinarbeiten. Jehovas Zeugen mischen sich jedoch nicht in Politik ein, ganz gleich, in welchem Land sie leben. Sie halten andere nicht davon ab, einer politischen Partei beizutreten, sich um ein Amt zu bewerben oder an einer Wahl teilzunehmen. Aber da Jesus von seinen Jüngern sagte, sie seien „kein Teil der Welt“, beteiligen sich Jehovas Zeugen in keiner Weise an politischen Aktivitäten.

Anbetungs-Buch, 1983

Das Bild des wilden Tieres

Außer bei linkshändigen Personen ist die „rechte Hand“ diejenige, die am meisten gebraucht wird. Bestimmt wird jemand, der das „wilde Tier“ anbetet, das Satans sichtbare weltumfassende politische Organisation symbolisiert, dieser politischen Organisation eine helfende Hand bieten und mit ihr zusammenarbeiten. Er wird aktiv teilnehmen an ihren politischen Kontroversen, Kampagnen, Wahlen und nationalistischen Plänen und Projekten. Indem er das tut, empfängt er das symbolische „Kennzeichen“ an seiner „rechten Hand“.

Geheimnis-Buch, 1970