Netzwerk Sektenausstieg e.V.

Sie stehen unter dem ständigen Zwang zum Predigtdienst. Schließlich muß am Monatsende ein Bericht abgegeben werden, auf dem die erwartete Anzahl Stunden steht.

Und da will man nicht als "geistig schwach" oder gar "untätig" dastehen. Doch manchmal ergeben sich Umstände, die das Predigen von Haus zu Haus einfach unmöglich machen. Krankheit zum Beispiel. Oder ganz einfach fortgeschrittenes Alter. Gut wenn man sich da hinsetzen kann und ein par Briefe schreiben. Zum Beispiel an Leute, die in einer Zeitungsanzeige zum Ausdruck gebracht haben, daß sie gerade um einen Angehörigen trauern.

Wenige Tage nachdem ihr Mann Karl gestorben war, erhielt Ingeborg W. mit der Post drei seltsame Briefe. Die Absender kannte sie nicht, die Schreiben selbst waren von Hand abgefaßt und darin drückten die Schreiber ihr Beileid aus. Nach wenigen Zeilen wurde schließlich deutlich, daß es sich um Mitglieder der Zeugen Jehovas handelte.

Ingeborg W. fühlt sich durch die unaufgeforderten Zuschriften belästigt und wandte sich an den Münchner Merkur: "Ich habe mich sehr über die Briefe geärgert, es ist eine Unverschämtheit."

Die Zuschriften sind alle nach dem gleichen Muster abgefaßt. Nach einleitenden Trostworten zu dem schmerzlichen Verlust verweisen die Verfasser auf die heilige Schrift. Mit zahlreichen Bibelzitaten wird die Hoffnung auf Auferstehung des Verstorbenen geweckt. Die Briefe enden mit der Bitte, die Hilfe der Zeugen Jehovas in Anspruch zu nehmen.

Alle Zuschriften wirkten standardisiert. Zeugen-Jehova-Mitglied Magda H. (85): "Ich hab einen Musterbrief, den ich so zwei- bis dreimal die Woche abschreibe, nur Anrede und die Adresse ändere ich."

Ein Vergleich des Briefes an Ingeborg W. mit dem Musterbrief bestätigt ihre Aussage. Weitere Beileidszeilen schickte Mitglied Johann G. (56). Auch er durchsucht regelmäßig Todesanzeigen. "Ich schreibe im Jahr rund 500 Briefe. Da ich gehbehindert bin und nicht mehr von Haus zu Haus gehen kann, gebe ich so unsere Hoffnung weiter." Bei positiver Resonanz bietet Johann G. den Interessierten eine persönliche Bibelstunde an.

Das Wort Mitgliederwerbung hört man bei den Zeugen Jehovas nicht gern: "Es ist keine Werbung, wir wollen nur unsere Hoffnung weitergeben. Niemand wird dazu verpflichtet" so Zeuge Volker Ponradl.

Der Sektenbeauftragte der katholischen Kirche, Johann Liebel, sieht das anders: "Die Kontaktaufnahme über Todesanzeigen läuft schließlich auf Mitgliederwerbung raus."

Eine Verpflichtung zum Briefeschreiben besteht nach Aussagen von Zeugen Jehovas nicht. Doch ist bekannt, daß die Sektenmitglieder Leistungsnachweise erbringen müssen. Diplom-Theologe Klaus-Dieter Pape, Vorsitzender des Vereins für Information und Aufklärung über Zeugen Jehovas: "Es gibt einen Predigtdienstbericht, der von jedem Zeugen monatlich ausgefüllt und den Ältesten übergeben wird."

Auch Haus-zu-Haus-Notizen geben Aufschluß über die Dienste der Mitglieder. Die Sekte kann nun bei jedem Mitglied feststellen, was er geleistet hat [...] und ob sein Platz im Himmel schon sicher ist.

Quelle: Münchner Merkur, 12.02.97

Kommentar

In neuerer Zeit wird bei Zeugen Jehovas eine neue Version für den Predigtdienst gepuscht: Spreche die Menschen überall da an wo du sie triffst.

Daß Zeugen Jehovas von Haus zu Haus gehen, ist eine altbekannte Tatsache, so wie es die Amerikaner und Angelsachsen so schön auszudrücken wissen: "since Adam was a boy". Dieser Haus-zu-Haus-Dienst, der sozusagen das Rückgrad des Predigtdienstes der ZJ bildet, hat jedoch einen Nachteil, gerade auch in Deutschland: vielfach werden die Menschen zuhause nicht (mehr) angetroffen. Das hat seine Gründe.

  • Erstens gibt es in der Zwischenzeit viele Singlehaushalte, in welchen vor allem die Jüngeren nur noch zum Schlafen und Umkleiden nach Hause kommen.
  • Zweitens sind auch die anderen, die Familien zumeist am Wochenende, also gerade dann, wann ZJ am meisten vor den Türen stehen, irgendwo unterwegs  und
  • drittens gibt es auch in Deutschland in der Zwischenzeit immer mehr Personen/ Familien die eine Zweitwohnung besitzen, weshalb die "Prediger der guten Botschaft" ins Leere laufen.

Klar, daß sowas nervt. Schlimmer noch: schlecht für die Statistik der Rückbesuche, Gespräche, Literaturabgaben und letztendlich der Bibelstudien, die somit mangels Masse nicht durchgeführt werden können. Die berühmten’NHs‘ (Erklärung für Nicht-ZJ: ‚NH‘ bedeutet ‚Nicht zuHause‘ auf dem Notizzettel, den jeder ZJ beim Predigtdienstdabei hat um fein säuberliche Notizen zu machen) mehren und mehren sich.

Was tun?

Die Lösung heißt: "Informelles Zeugnisgeben".

Es ist dies eine eher unkonventionelle Art, in der man – je nach Situation – auch nicht unbedingt mit Anzug und Krawatte bzw. mit Rock bekleidet sein muß. Am Badestrand wird mit dem Nachbarn ein Gespräch begonnen, daß dann irgendwie zu dem Thema "Jehovas neue Ordnung" führt, genauso wie die Hausfrau im Supermarkt mit der Nachbarin spricht, oder der ZJ im Park mit einem Spaziergänger (mit oder ohne Hund) ein Gespräch beginnt. Einen Grund zum Ansprechen findet man immer.

Was machen jedoch der alte Glaubensbruder und die alte Glaubensschwester, die nicht mehr so viel im Park spazieren gehen können?

Nicht immer gehen sie in den Tante-Emma-Laden um die Ecke, nicht immer können sie nur mit  ihren Verwandten telefonieren, nicht immer liegen sie im Krankenhaus um dort Arzt- und Pflegepersonal "Zeugnis geben" zu können, nein, es muß auch noch andere Möglichkeiten geben, will man nicht immer nur einen "schlechten", sprich niedrigen Monatsbericht abgeben können in der Versammlung. Schließlich und endlich will man ja auch im hohen Alter noch Vorbild sein, sollen die anderen sagen können: "Schau mal, der/ die ist schon alt und gebrechlich und trotzdem...".

Selbst wer im Bett liegt, kann häufig noch lesen und schreiben. In jeder Tageszeitung gibt es Todesanzeigen. Ein "Zeugnisbrief" kann da Wunder bewirken. Und wenn nicht, tut es auch nichts zur Sache, denn auch an den Türen wird ja die "gute Botschaft" zumeist abgelehnt. Auf jeden Fall hat man aber dem Satan wieder eine Stunde oder zwei weggenommen, denn so lange hat es gedauert bis der Brief geschrieben war. Und berichten kann man die Stunde oder die zwei auch. Man war nicht untätig, man hat etwas für Jehova und seine Organisation getan. Selbstverständlich ist nicht jeder kranke und alte Mensch noch in der Lage, so einen eigenen Brief zu formulieren. Dafür gibt es dann vorgefertigte, die man nur noch mit der eigenen Handschrift abzuschreiben braucht, das wirkt dann beim Empfänger persönlicher und nicht nur so nach Wurfpost und Reklame.

Aus der Sicht desjenigen der ansprechen will, ist das natürlich eine gute und auch legitime Art und Weise. Ich persönlich z.B. bin vollends dagegen, daß man so etwas verbieten würde. Nur, einen kleinen Wehrmutstropfen empfinde ich schon bei der ganzen Sache. Wenn nämlich umgekehrt, ZJ diejenigen sind, die angesprochen werden, reagieren sie häufig äußerst empfindlich.

So geschehen im Internet, das in der Zwischenzeit genauso ein Kommunikationsmittel darstellt wie eine Tageszeitung. Als einige ZJ von anderen elektronische Post bekamen, die das Thema Religion und Bibel beinhaltete, gab es einige böse Reaktionen. Es wurde sogar versucht, die Netz- und Servicebetreiber unter Druck zu setzen - so unter dem Motto: "Schaff mir diese ungebetenen eMails vom Halse oder ich suche mir einen anderen Anbieter", als wenn der Serviceprovider etwas dafür könnte.

Fazit: Wenn zwei das Gleiche tun, ist das lange noch nicht dasselbe. Wer ZJ gestatten will (und ich will es ihnen auch gestatten), anderen Menschen unaufgeforderte Post zuzuschicken, ganz gleich, wie immer auch die aussehen mag, der muß es natürlich und selbstverständlich auch in die umgekehrte Richtung erlauben. Denn wo bliebe sonst die Ausgewogenheit, wo die Gerechtigkeit?

E. Groß