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Ein wesentlicher Glaubensinhalt der Zeugen Jehovas besteht bekanntlich darin, von Haus zu Haus zu gehen, um den Menschen die "Wahrheit" zu verkünden. Doch wie verhält sich mancher Hardcore-Zeuge Jehovas, wenn er mit den Glaubensinhalten anderer konfrontiert wird? Hier das Beispiel eines solchen Zeugen der besonders unangenehmen Art im bayerischen Mühlried.

Segenswunsch der Sternsinger stößt auf Widerstand

Hausbesitzer in Mühlried droht den Heiligen Drei Königen mit Anzeige wegen Sachbeschädigung

Sie kommen nur in bester Absicht. Und eigentlich sind sie auch überall willkommen. Fast überall jedenfalls. Doch was einer Sternsingergruppe aus der Pfarrei Heilig Geist, Mühlried, die dieser Tage als Heilige Drei Könige von Tür zu Tür zog, jetzt widerfuhr, das haben die Buben unter Führung von Oberministrant Thomas Kratzer bisher nicht erlebt: Anstatt sich über den Segenswunsch, den die "Weisen aus dem Morgenland" an jede Haustür schreiben, zu freuen, drohte ein Hausbesitzer vielmehr mit einer Anzeige wegen Sachbeschädigung. Die Buben haben sich dadurch allerdings nicht entmutigen lassen und wünschen zum heutigen Fest der Heiligen Drei Könige "allen Menschen Gottes Segen und ein gutes neues Jahr 2001".

Was ist genau passiert? Thomas Kratzer erzählt: "Die Sternsinger schrieben den Segensspruch 20 C+M+B 01 an die Haustür, nachdem sie ein Mal geklingelt hatten. Sie läuteten ein zweites Mal, und es öffnete ein Mann die Haustür." Große Freude bei den Sternsingern, wie immer, wenn sich eine Tür öffnet. Doch als die Sternsinger gerade mit dem Vortragen ihrer Gedichte anfangen wollten, wurden sie auch schon von der polternden Stimme des Hausherrn daran gehindert. Der Mann, so Thomas Kratzer, habe sie angefahren und dazu aufgefordert, den Schriftzug sofort zu entfernen. Wörtlich habe er gesagt: "Entfernt sofort diesen Schriftzug, oder ich zeige euch wegen Sachbeschädigung an. Ich habe nicht erlaubt, dass ihr auf meine Tür schreiben dürft!"

Frustriert, aber höflich, so der weitere Bericht von Thomas Kratzer, hätten sie den Mann dann um einen Lappen gebeten, mit dem sie die Schrift entfernen könnten. Daraufhin der Mann: "Von mir bekommt ihr keinen Lappen. Ihr wischt das sofort wieder weg. Wie, ist mir egal." Daraufhin habe ein Sternsinger mit der Hand den Segensspruch wieder weggewischt.

Damit hätte man meinen können, dass die Geschichte eigentlich erledigt war. Aus Sicht der Sternsinger allemal. Abgesehen einmal von dem barschen Ton, so Thomas Kratzer, hätten sie die Entscheidung des Mannes, dass er den Schriftzug - aus welchen Gründen auch immer - nicht auf seiner Tür stehen haben wollte, einfach respektiert. Doch für den Mann sei die Angelegenheit nicht erledigt gewesen. "Ihr wisst ja nicht einmal, was dieser Schriftzug bedeutet", habe er den Sternsingern vorgeworfen. Die Buben allerdings belehrten ihn eines Besseren und erklärten ihm, dass die ersten und die letzten zwei Zahlen für die Jahreszahl stünden und C+M+B für "Christus Mansionem Benedicat" (Christus segne dieses Haus). Das allerdings, so Thomas Kratzer, habe den Mann noch viel mehr in Rage gebracht, und er habe gekontert: "Ich bin Zeuge Jehovas. Ich weiß, was in der Bibel steht. Und eure Erklärung ist falsch. Ihr seid Heuchler, und das, was ihr da tut, ist Gotteslästerung."

Zeit, zu gehen, für die Sternsinger. Mit einem höflichen "Pfüa Gott" verabschiedeten sie sich. Aber das unangenehme Erlebnis musste dennoch erst verdaut werden. Thomas Kratzer: "Meiner Meinung nach ist es völlig gleichgültig, welcher Glaubensgemeinschaft man angehört, aber man sollte auch andere respektieren." Den Sternsingern, erklärt er weiter, sei es vollkommen egal, wer hinter der offenen Tür stehe. Es gebe Menschen anderer Nationalitäten, die öffneten und ein paar Mark spendeten. Andere würden höflich abwinken. Auch das sei für die Sternsinger akzeptabel. Wichtig für sie sei allerdings, dass durch die Sternsinger-Aktion ein großer Betrag zusammenkomme, der in den Not leidenden Regionen dieser Erde große Hilfe ermögliche. Da frage man sich dann schon, so Thomas Kratzer: "Ist es Gotteslästerung oder Heuchelei, wenn Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bei winterlichen Temperaturen von Haus zu Haus ziehen, die Botschaft von Christi Geburt verkünden und dabei Geld für einen guten Zweck sammeln?"

Quelle: Donaukurier, 5.1.2001