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Frau kämpft jahrelang erfolglos um Infos über Zwangsarbeiter-Entschädigung
Die deutsche Wirtschaft, die endlich die zugesagten fünf Milliarden Mark für den Zwangsarbeiter-Entschädigungsfonds aufgebracht hat, möge doch bitte zügig mit der Auszahlung beginnen.

So lautet die Forderung all derer, die sich seit langem um eine wenn auch eher symbolische Wiedergutmachung für die Opfer des Nationalsozialismus bemühen. Sie befürchten, viele dieser Opfer könnten diese Geste gar nicht mehr erleben.

Ein Beispiel dafür, wie lange einige Leidtragende der Naziherrschaft schon ihre Bürde mit sich tragen und erfolglos um ein Zeichen der Anerkennung kämpfen, ist eine Ludwigshafenerin, die noch nicht einmal bis zum eigentlichen Kampffeld um Entschädigung vorgedrungen ist, weil sie, wie sie sagt, auf ihrem Weg zur richtigen Anlaufstelle bei Behörden und Ämtern in der Region weder Hilfe noch ausreichend Gehör gefunden hat.

Im KZ und im Gefängnis

Christa Lehmann, die in Wittenberg aufwuchs und seit 1956 in der Gartenstadt wohnt, ist heute 65 Jahre alt, und je älter sie wird, desto mehr quält sie die Vergangenheit, die eigentlich die Vergangenheit ihrer Mutter ist. Diese kam, weil sie zu den Zeugen Jehovas gehörte, im Dritten Reich ab 1938 wiederholt in verschiedene Gefängnisse und Konzentrationslager, bis sie 1944 schließlich im KZ Ravensbrück starb. Zuvor war ihre Ehe zwangsgeschieden und Tochter Christa kurzerhand ins Kinderheim verfrachtet worden.

Über ihre Erlebnisse dort möchte sie nicht sprechen, "aber je älter man wird, desto schlimmer kommt alles hoch, was man jahrzehntelang verdrängt hat", sagt sie. Deshalb hat sie sich schon vor einigen Jahren entschlossen, Nachforschungen anzustellen und bei "irgendeiner zuständigen Stelle" auf ihren Fall aufmerksam zu machen. Ohne Erfolg, denn außer Zeugenberichten, nach denen ihre Mutter habe Straßen pflastern müssen, hat sie keine KZ-Unterlagen mehr auftreiben können. Und weder bei ihrem eigenen Rentenversicherer noch beim VdK, den Zeugen Jehovas oder dem Ludwigshafener Sozialamt konnte man ihr einen Hinweis darauf geben, wer für solche Fälle zuständig ist. "Eine einzige Katastrophe", beschreibt Christa Lehmann ihren vergeblichen Weg "von Pontius zu Pilatus".

Mehrfach abgewimmelt

Erst durch eine in der RHEINPFALZ veröffentlichte Pressemitteilung der Kreisverwaltung Ludwigshafen Anfang März 2000 erfuhr sie, dass die Bundesstiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" Informationen zu Entschädigungsleistungen gestreut hat. Die Antragsfrist läuft am 11. August ab.

Von der zuständigen Partnerorganisation in Berlin erfuhr die RHEINPFALZ, dass Christa Lehmann durchaus berechtigt ist, einen Antrag auf Entschädigung zu stellen.

Wie aber kann es sein, dass die Ludwigshafenerin, wie sie sagt, von mehreren Stellen innerhalb der Stadtverwaltung "abgewimmelt" wurde? Darauf hat auch Simone Müller, stellvertretende Pressesprecherin der Stadt, keine Antwort. "Unser Bürgerbüro weiß in solchen Fällen Bescheid, denn wir haben ja auch schon vor Gründung der Bundesstiftung öfter Anfragen von ehemaligen Zwangsarbeitern gehabt", meint sie. "An dieses Büro als zentrale Anlaufstelle hätten unsere Mitarbeiter eigentlich verweisen müssen."

Zahllose Anrufe notwendig

Christa Lehmann hat nun Glück, dass es seit August 2000 das Gesetz zur Errichtung einer Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" gibt, über das Entschädigungsansprüche verwirklicht werden können. Um die Frage zu klären, wer denn vorher zuständig war, bedurfte es zahlloser Anrufe, um schließlich vom Finanzministerium des Landes zu erfahren, dass - abgesehen von einigen Härteregelungen - zwischen dem Ablaufen der Antragsfristen nach dem Bundesentschädigungsgesetz Ende der 60er Jahre und der Einrichtung von Härtefonds auf Länderebene Mitte der 90er Jahre eine große Lücke für Nazi-Opfer klaffte.

Auf Christa Lehmann wartet nun noch eine nicht minder große Herausforderung: der achtseitige, über 120 Fragen enthaltende Antrag der Internationalen Organisation für Migration, die für ihren Fall zuständig ist. Informationen

Das Merkblatt zu Leistungen an ehemalige Zwangsarbeiter ist bei den Kommunalverwaltungen erhältlich oder direkt bei der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft", Markgrafenstraße 12-14, 10969 Berlin, Telefon 030/2592970.

Quelle: Die Rheinpfalz-online, 29.3.2001/P, Autor: Waltraut Werdelis