Netzwerk Sektenausstieg e.V.

Im September 2001 entschloss sich B.TV, das Thema Zeugen Jehovas erneut aufzugreifen und dieses Mal vor allem Aussteiger zu Wort kommen zu lassen.

Zu Gast waren dieses Mal Gabriele Stoffel (ehemalige Neuapostolin, Initiative "Wenn Glaube krank macht"), Christoph Bussen (Psychologe und Sektenexperte), Stephan E. Wolf (Aussteiger, Netzwerk ehemaliger Zeugen Jehovas). Ein Gespräch, das authentische Eindrücke vermittelte und deutlich machte, dass auch die Zeugen Jehovas die selben Strukturen aufweisen, wie jede andere Sekte.

Kann Glaube krank machen?

Moderator: Axel Dürr

Gäste:

  • Gabriele Jakob-Stoffel, Selbsthilfegruppe für Aussteiger
  • Christoph Bussen, Sektenbeauftragter der katholischen Kirche
  • Stephan E. Wolf; Netzwerk ehemaliger Zeugen Jehovas

Moderator Axel Dürr:

Wir bleiben dran, hier bei B.TV beim Thema Sekten und Religionsgemeinschaften. Herzlich willkommen zum B.TV-Talk. Ich freue mich, dass sie Zeit haben.

Es gibt zwischen 300 und 600 Religionsgemeinschaften, Sekten, Psychogruppen in Deutschland, weit über eine Million sind Mitglied und wir fragen heute einmal mehr: Wo liegen die Risiken und Nebenwirkungen, wo sind die Gefahren und wir fragen, was ist wenn Religion krank macht?

Hier im Studio Experten und Betroffene. Herzlich willkommen, Christoph Bussen, sie sind Sektenbeauftragter der katholischen Kirche. Sie sind Kenner der regionalen Sektenszene und sie beraten natürlich auch. Sie haben sehr viele Gruppen wo sie über Sekten sprechen, mit Betroffenen sprechen und sehr viele Erfahrungen dadurch haben. Herzlich willkommen, schön dass sie da sind.

Ich heiße herzlich willkommen, Frau Gabriele Jakob-Stoffel. Sie sind ein ehemaliges Mitglied der Neuapostolischen Kirche, die auch zu den Sekten hinzugerechnet wird und sie haben eine Selbsthilfegruppe gegründet, um auch, nicht nur sich selbst, sondern vielen anderen auch zu helfen, wegzukommen von den Sekten und wieder ins normale Leben zurückzufinden. Wir werden gleich darüber mehr erfahren. Schön dass sie da sind.

Und Stephan Wolf, sie sind ein ehemaliges Mitglied der Zeugen Jehovas. Sie sind seit ein paar Jahren draußen, sie haben sich auch wieder in der Welt zurechtfinden müssen. Sie beraten Menschen die von den Zeugen Jehovas wegwollen, bzw. schon weg sind, und auch sie werden über ihre Erfahrungen berichten. Schön, dass sie da sind.

Ja, Frau Stoffel, wie war das denn. Sie sind seit 1996 nicht mehr in der Neuapostolischen Kirche, sie sind aber reingeboren? Das heißt, ihre Eltern waren Mitglieder, das heißt ihre Jugend, ihre Erziehung wurde natürlich durch die Neuapostolische-Kirche sehr stark definiert. Wie war das bei ihnen, wie haben sie ihre Kindheit, ihre Jugend erlebt?

Gabriele Jakob-Stoffel:
Das ist richtig was sie sagen, meine Kindheit wurde total durch die Neuapostolische-Kirche geprägt. Ich erlebte meine Kindheit in einem Verhältnis von ausgegrenzt sein, zu auserwählt sein. Auf der einen Seite durfte ich viele Dinge, die sogenannte Weltmenschen, - also alle Menschen die nicht neuapostolisch waren - , machen durften, nicht mitmachen, dafür hatte ich aber den Trost auserwählt zu sein, etwas ganz besonderes zu sein und gerettet zu werden, wenn Jesus auf die Erde kommt, um dann die linientreuen Neuapostolen zu sich zu nehmen.

Moderator Axel Dürr:
Was heißt ausgegrenzt sein. Was durften sie nicht mitmachen?

Gabriele Jakob-Stoffel:
Erstens mal war man am Wochenende und auch unter der Woche sehr durch kirchliche Aktivitäten eingespannt. Schon als Kind wurde man in jeden Gottesdienst mitgenommen, zu vielen Veranstaltungen und dann gab es eben Dinge die ein Gotteskind tunlichst nicht tun sollte. Zum Beispiel beim Karneval mitmachen, weil Jesus einem nicht erkennen konnte unter der Maske und einem nicht mitnehmen konnte, wenn er kam.

Moderator Axel Dürr:
Wie haben sie ihre Jugend erlebt? War das eine zerrissene Jugend, die sie gehabt haben? Oder sagen sie im nachhinein, ja das Regelwerk, was man mir gegeben hat, mit dem konnte ich eigentlich ganz gut umgehen?

Gabriele Jakob-Stoffel:
Wenn ich daran zurückdenke, ist es halt ein gewisses Maß an Verbitterung über all die Dinge, die ich versäumt habe. Ich sehe das jetzt an meinen Kindern die heranwachsen und sehe welche Freiheiten sie haben und merke erst jetzt wie eingegrenzt ich eigentlich war.

Moderator Axel Dürr:
Zweites Beispiel, Herr Wolf. Sie sind mit 16 Jahren zu den Zeugen Jehovas gekommen, gerade so Ende der Pubertät. Haben sie auch etwas versäumt in dieser Zeit, ist das auch so ihre Erfahrung die sie haben?

Stephan Wolf:
Ich bin nicht sicher, ob ich etwas versäumt habe, aber mein Leben wäre mit Sicherheit anders verlaufen,wenn ich zu der Zeit damals nicht zu den Zeugen Jehovas beigetreten wäre. Ich bin einfach auf dem klassischen Weg über meine Eltern zu der Gruppe gekommen, die vorher keine Zeugen Jehovas waren und die sich den Zeugen angeschlossen haben. Ich habe in der Versammlung, - Versammlung ist eine Gemeinde - , junge Leute kennengelernt, mit denen ich ganz gut zurecht kam und wollte natürlich auch von denen akzeptiert werden, wie es halt bei jungen Menschen so der Fall ist und bin dann ganz einfach logisch in diese Gruppe hineingewachsen. Ich habe eigentlich die Lehren die sie gelehrt haben nicht weiter so hinterfragt, das stimmt ja alles, so oberflächlich betrachtet, sondern habe das alles akzeptiert und habe mich irgendwann als Zeuge taufen lassen und habe diese Situation etwa zehn Jahre ohne große Probleme durchgehalten.

Moderator Axel Dürr:
Bleiben wir mal bei der Erziehung. Erziehung ist ja, ich präge jemand für meine Gruppe. Gleichzeitig habe ich ja den Staat, die Gesellschaft, ich muß sehr viel erklären, warum diese Gruppe anders ist, im Vergleich jetzt zur Gesellschaft. War auch das ein Eiertanz für sie Beide?

Stephan Wolf:
Ja, das ist natürlich ein Problem. Die Zeugen Jehovas grenzen sich ja, ich habe gemerkt, wenn ich mit anderen Religionen darüber diskutiere, was ich mittlerweile tue, grenzen sich ja sehr stark von der übrigen Gesellschaft ab. Man hat als Zeuge so eine Art Elitebewußtsein. Man sagt sich, wir sind die Auserwählten, wir sind in der Wahrheit, wir sind die Einzigen, die die biblische Wahrheit besitzen und die nach dieser Lehre leben und alle anderen das sind die Weltmenschen. Das führt nach einer gewissen Zeit dazu, mit Weltmenschen darf man keinen Kontakt haben, oder man sollte den Kontakt auf ein Mindestmaß beschränken, dann führt das natürlich dazu, dass man nur noch in einer geistigen Enklave der Zeugen Jehovas lebt und nur noch innerhalb dieser Gruppe Kontakt mit Menschen hat und eigentlich so ein bißchen den Kontakt zur Außenwelt verliert. Man sieht die Welt wie so durch ein Fenster, kann man sagen. Alles was da draußen Negatives passiert, nimmt man als Beispiel oder als Beweis dafür, dass das nahende Ende jetzt unmittelbar bevorsteht und es kann ja nicht mehr allzulange dauern.

Moderator Axel Dürr:
Man ist auserwählt und man grenzt sich gleichzeitig vom Staat und von der anderen Gesellschaft ab. Ist das so ein Kennzeichen für eine Sekte. Wo hört die Religionsgemeinschaft auf und wo beginnt die Sekte? Was sind ihre Erfahrungen Herr Bussen?

Christoph Bussen:
Es ist natürlich immer schwierig so ganz spontan, ganz einfach und in wenigen Worten das Wort Sekte zu definieren, und wo unterscheidet es sich dann von den etablierten Religionsgemeinschaften und der Kirchen. Es ist nicht so einfach, aber ein ganz wichtiges Kriterium ist für mich tatsächlich die Idee von dem was wir gerade gehört haben, wir sind etwas besonderes und nur wir. Alle anderen gehören schon nicht mehr dazu. Wenn wir zwei kleinere Gemeinschaften, wie die Zeugen Jehovas und die Neuapostolische-Kirche sehen, jeder behauptet das ja von sich in dieser Form, da merkt man ja schon, irgendeiner muß zumindest auf der falschen Seite stehen. Nun erleben wir das allerdings immer wieder aus einer weiteren Perspektive, wenn Menschen als Familienangehörige oder Freunde direkt in unsere Beratungsstellen kommen und sagen, bis vor einiger Zeit war das doch alles ganz in Ordnung. Wir konnten ganz normale Kontakte pflegen, wir konnten Abends gemeinsam fortgehen, wir haben gemeinsame Geburtstage gefeiert und auf einmal ist das nicht mehr möglich. Wir erkennen plötzlich, dass Menschen, wie es dann ja auch bei den Zeugen Jehovas typisch ist, selbst Familienfeiern nicht mehr feiern können, wo Familien auseinander gerissen werden, das Familien z. Bsp. ein Weihnachtsfest nicht mehr gemeinsam begehen können, weil Vater, Mutter, eines der Kinder oder andere Angehörige nun bei den Zeugen Jehovas sind und es dort absolut verpönt ist Weihnachten zu feiern.

Moderator Axel Dürr:
Regeln die aufgestellt werden, in den Religionsgemeinschaften, was ist, wenn diese Regeln gebrochen werden? Ist es möglicherweise auch ein Kennzeichen einer Sekte, dass da rigorose Strafen drohen? Wie war das bei den Zeugen Jehovas, was ist wenn Regeln der Zeugen Jehovas gebrochen wurden?

Stephan Wolf:
Wenn man zu erkennen gibt, innerhalb der Zeugen Jehovas, dass man nicht mehr mit ihren Regeln übereinstimmt, dass man die religiösen Dogmen nicht mehr trägt, und auch ganz bestimmte Verhaltensweisen die sich eingeprägt haben nicht mehr verfolgt und das auch offen sagt, also unter seinen geistigen Brüder darüber redet, dann wird man als sogenannter Abtrünniger eingestuft und dann wird man zunächst einmal vorgewarnt. Die Endkonsequenz, wenn man nicht darauf reagiert, ist dass man ausgeschlossen wird von den Zeugen Jehovas. Jetzt muß man natürlich einen Begriff definieren: das Wort "ausschließen", das hört sich zunächst einmal harmlos an, denn wenn ich eine Kirche verlasse, oder aus irgendeinem Grund ausgeschlossen werde dann habe ich ja einen Grund von dieser Gruppe wegzugehen, dann habe ich normalerweise kein Problem damit. Aber wie ich vorhin schon erwähnte, lebt man ja als Zeugen Jehovas in so einer Art Inselwelt. Das heiß, man hat sämtliche Kontakte im Laufe der Zeit, zu der Außenwelt, zu den Kollegen, zu den Freunden, teilweise auch zu den Verwandten abgebrochen, radikal gekappt und jetzt ist man plötzlich in einer Situation, wo man dieser Gruppe gegenüber kritisch geworden ist, wird aber von ihr nicht mehr akzeptiert, wird rausgeworfen, mit der Konsequenz, das kein andererZeugen Jehovas mit einem reden darf. Und das ist natürlich eine ganz große psychische Belastung. Denn man kann sich anderen kaum offenbaren, weil die Menschen diese Zusammenhänge nicht verstehen, man kann mit niemand, dieses Problem das einem belastet reden, man kann aber auch mit den eigenen Brüdern, den ehemaligen nicht mehr reden, weil die schlicht und einfach die Straßenseite wechseln, wenn man ihnen begegnet.

Gabriele Jakob-Stoffel:
Deshalb war die Selbsthilfegruppe so auch wichtig für mich, besonders am Anfang. Als sehr wohltuend habe ich erlebt, dass es keine reine Gruppe für Neuapostolische-Kirche Aussteiger war, sondern eine Gruppe in die auch Menschen aus anderen Gruppierungen kamen, denn ich konnte sehen, dass sich in der ersten Reihe im Himmel, eine ganze Menge Leute drängen...

Moderator Axel Dürr:
... die alle sagten, wir sind die Auserwählten.

Gabriele Jakob-Stoffel:
... Dies war eine sehr große Befreiung für mich.

Moderator Axel Dürr:
Gibt es da auch, sie leiten ja solche Gruppen und kennen ja auch die Erfahrungen? Gibt es da gewisse Muster, dass man sagt: Die erleben alle das Gleiche, oder ähnliche Dinge?

Christoph Bussen:
Also inhaltlich ist es ja schon unterschiedlich, sind die Lehren der einzelnen Gruppen doch zum Teil sehr konträr zueinander stehend. Wenn man z. Bsp. die Scientologen, die Lehre der Scientology betrachtet und die der Zeugen Jehovas, das paßt überhaupt nicht zueinander. Aber wenn man dann einmal die Außenwirkung und die Wirkung auf die Mitglieder, also die Binnenwirkung, dieser jeweiligen Lehren und der Verhaltensweisen der jeweiligenMitstreiter betrachtet, dann erkennt man schon Gemeinsamkeiten. Und aus dieser Gemeinsamkeit heraus bilden sich ja Gott sei Dank, diese Gruppen, weil die Erfahrungen, des plötzlich in Konflikt tretens mit dieser Gruppe, das plötzliche Gefühl zu haben ausgeschlossen zu sein, nicht mehr die Gesprächspartner in der Gruppe zu finden, obwohl man doch alles hinein investiert hat. Bei Scientology ist es oft eine unglaubliche Menge an Geld, die man investiert, bei den Zeugen Jehovas ist es das gesamte Leben, ganz tief durchdrungen von der Hingabe an Jehova und seine Organisation die WTG. Bei der Neuapostolische-Kirche ist es im groben gesagt nicht anders. Obwohl die Lehren so unterschiedlich sind, sind dann die Probleme fast formal betrachtet, ähnlich und es ist dann wirklich so, dass die Menschen miteinander, obwohl sie unterschiedlicher Herkunft sind, eine gemeinsame Gesprächsbasis haben.

Gabriele Jakob-Stoffel:
Die wichtigste Gemeinsamkeit die ich festgestellt habe, in vielen Gesprächen in den letzten fünf Jahren, ist, dass in solchen Gruppen die natürlichen Ängste der Menschen, die jeder Mensch hat, ungesund verstärkt werden, durch das System. Indem immerzu gedroht wird, dass etwas schreckliches passiert, z. Bsp. die Angst allein zu sein, verlassen zu sein. Ich hatte als Kind schon ganz fürchterliche Angst, wenn meine Eltern bloß mal fünf Minuten zu spät vom Einkaufen kamen, weil ich dann dachte, Jesus ist gekommen und hat die Eltern mitgenommen und mich nicht. Und das ist für ein Kind ganz furchtbar.

Moderator Axel Dürr:
Wir sprechen gleich weiter, über Ängste über Probleme die auch in diesen Selbsthilfegruppen zu Tage treten.

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Moderator Axel Dürr:
Wir sprechen über Sekten und Psychogruppen und wie manmöglicherweise wieder herauskommt. Zeugen Jehovas, wie ist ihre Einschätzung, gibt es eine Möglichkeit herauszukommen? Sie sind herausgekommen, aber es ist unglaublich schwierig. Wann war bei ihnen der Knackpunkt, wann haben sie gesagt, jetzt muß ich heraus? Wann haben sie ihre eigene Lehre, die Ideen, das Weltbild, das sie natürlich jahrelang selber auch vertreten haben, wann haben sie das in Zweifel gezogen?

Stephan Wolf:
Das war eigentlich ein langsamer Prozeß. Ich merkte irgendwann immer mehr Differenzen, zwischen dem was gelehrt wird und was wirklich getan wird. Aber das ist ein langer Prozeß, denn man lebt ja in dieser Gruppe und nimmt Dinge von außerhalb nur unbewußt, oder sehr wenig bewußt wahr. Was bei mir den Ausschlag gegeben hat, war eine ganz harmlose Situation. Ich habe ein Buch gelesen von einer Mormonin, die aus dieser Gruppe ausgestiegen ist und die beschrieb ihr Leben bei den Mormonen und da wurde mir bewußt, Du brauchst eigentlich nur bestimmte Begriffe auszutauschen, eine Erfahrung die ich übrigens später mit den Neuapostolischen auch gemacht habe, man braucht nur bestimmte Begriffe austauschen, man hat genau das gleiche Muster. Und das ist natürlich für einen Zeugen Jehovas eine ganz wichtige Erkenntnis. Der lebt ja in der Vorstellung seine Religion wäre die Auserwählte, wäre ganz besonders und anders als alle Anderen. Es ist ja die Wahrheit. Und das hat meine Neugier geweckt, dann habe ich versucht mehr Literatur zu dem Thema zu lesen, habe einige Bücher, damals gab es diese vor allem im amerikanischen Sprachraum, Bücher von ehemaligen Zeugen gelesen, habe erkannt, das was dort berichtet wird, deckt sich ja mit meinen eigenen Erfahrungen und dann war eigentlich der Ausstieg, der Weg zum Ausstieg schon vorprogrammiert.

Moderator Axel Dürr:
Sie haben vorhin von der Innenwelt und der Außenwelt gesprochen. Habensie dann auch gemerkt, dass da plötzlich etwas nicht mehr übereinstimmt, die Außenwelt und die Innenwelt? Das was ihnen gepredigt wurde und gesagt wurde, das Weltbild und plötzlich merkten sie, das existiert ja gar nicht, so wie ich das zumindest gesagt bekommen habe.

Gabriele Jakob-Stoffel:
Ja, man mußte alles ganz neu entdecken und Schritte in die Welt hinaus machen, die einem ja immer als böse und bedrohlich geschildert worden waren und stellte dann fest, so böse wie die Menschen dargestellt worden sind, sind sie gar nicht.

Christoph Bussen:
Auf der anderen Seite kann dies aber für manche in einer tiefen Depression enden. Ich erlebe immer wieder Menschen, die gerade diesen befreienden Schritt, diese Neugierde dann nicht entwickeln können, weil ja auch oft, und das ist wahrscheinlich auch das eigentlich tragende Element, die Angst, weil oft die Angst noch im Hintergrund immer mit schwingt; was ist wenn doch etwas dran gewesen ist? Bin ich dann auf ewig verloren, werde ich grausamst hingerichtet? Und dieses ständige hin und her, das beginnt ja schon in der frühesten Kindheit. Wir haben eine Aussteigerin kennengelernt, die von ihrer Kindheit berichtete, in ihrem Kindergarten, die Freundinnen, davon war sie dann überzeugt, auch die müssen sterben, wenn jetzt Harmagedon kommt. Aber warum müssen die denn sterben, die sind doch meine Freundinnen, die haben mir doch gar nichts und keinem anderen auf der Welt etwas getan? Das also schon Kinder im Kindergarten mit dieser Angst überschüttet werden, die grausame Endzeitschlacht wird alle dahinraffen, die nicht im hohen Ansehen dieser Organisation stehen.

Moderator Axel Dürr:
Das ist jetzt Zeugen Jehovas?

Gabriele Jakob-Stoffel:
Die Angst ist bei den Neuapostolen genau so da. Es wird also mit Bildern aus der Apokalypse gearbeitet, schon mit kleinen Kindern: 'Das Blut wird stehen bis an die Zäume der Pferde' und kein Kind möchte so gerne in einem Verderben sterben. Man hat schon große Angst, die hatte ich auch. Ich denke es ist wirklich das ist das wichtigste Merkmal, die Angst.

Moderator Axel Dürr:
Wir haben schon einmal ein Talk über dieses Thema gemacht, da war auch ein Religionswissenschaftler da, der Universität Heidelberg, der gesagt hat, wir müssen einfach ein bißchen toleranter sein. Da gibt es eben etwas rechts und links neben den christlichen Religionen und wir dürfen alles nicht so aus der Brille der christlichen Religionen sehen und darüber Urteilen. Toleranz, wie weit darf diese Toleranz gehen, ihrer Ansicht nach?

Christoph Bussen:
Grundsätzlich hat er Recht. Die Überzeugung der Religionsfreiheit für alle Menschen ist ein Menschenrecht und das haben wir auch zu akzeptieren und nicht nur zu akzeptieren, sondern wir müssen es leben und müssen wirklich in Hochachtung anderen Überzeugungen gegenübertreten. Etwas anderes ist es, wenn im Namen dieser anderen Überzeugung, möglicherweise Menschenrechte verletzt werden. Wenn wirklich etwas schlimmes geschieht, auch wenn es z. Bsp. nicht an die Öffentlichkeit dringt. Ich habe hier z. Bsp. einen Satz über die Kindererziehung, bei den Zeugen Jehovas. Da wurde ja der Eindruck vermittelt, wir wollen liebevolle Eltern in den Familien, so wird das ja auch immer wieder nach Außen dargestellt. Aber das wird oft mit einer Art und Weise eingekauft, da heiß es z. Bsp. in einer Schrift, die heißt dann auch noch: 'Das Familienleben glücklich gestalten.', "bei Kindern kann der vorübergehende Familienausschluß wirkungsvoller sein, als Schläge." Die Frage ist, gegenüber solch einer Äußerung kann ich nicht mehr tolerant sein. Ich kann wohl dem Zeugen Jehovas gegenüber tolerant sein der sagt, 'ich liebe doch meinen Gott und will ein frommer Mensch sein.' Aber die Organisation, die so etwas verlangt und so etwas in die Welt setzt, der kann ich gegenüber in dieser Form, an diesem Punkt nicht mehr tolerant sein. Hier muß ich Widerspruch erheben, hier muß ich im Namen der Kinder etwas deutlich werden lassen, dass das so nicht geht.

Stephan Wolf:
Die Zeugen Jehovas betonen auch gerne, dass sie anderen Religionen gegenüber tolerant sind und sie verlangen, dass andere ihnen gegenüber tolerant sind. Toleranz ist immer nur einseitig. Ich möchte das einmal am Beispiel dieser sogenannten Abtrünnigen zitieren. Da gibt es eine Aussage aus einem Wachtturm aus dem Jahr 1993, dort steht: 'Wahre Christen', dieser Begriff steht dort immer für Zeugen Jehovas, 'teilen Jehovas Empfindungen gegenüber Abtrünnigen. Sie empfinden Ekel gegenüber denjenigen, die sich zu Gottes Feinden gemacht haben.' Also, ich kann noch ein paar solcher Zitate vorlesen. Toleranz zeigen die auf keinen Fall. In dem Augenblick, in dem ein Mensch sich nicht mehr mit den Regeln dieser Organisation einverstanden erklärt, ist er praktisch so eine Art Freiwild. Man kann das Böseste über ihn behaupten: Es wird von ihm gesagt, dass er nur Haßgefühle hat. Aus einem inneren Drang heraus sich zu rechtfertigen, verbreiten sie die übelsten Dinge über einen Menschen und so einem Menschen braucht man natürlich nicht mehr zuzuhören. Soweit zum Thema Toleranz.

Gabriele Jakob-Stoffel:
Das ist wie in der Neuapostolische-Kirche, wo die Kritiker verglichen wurden mit faulen Äpfeln, an denen man sich anstecken könnte. Ich denke, das ist ein ähnlicher Jargon.

Moderator Axel Dürr:
Es wurde aber gesagt: 'Wir sind offen, wirdiskutieren', was ist von dieser Diskussion zu halten, oder über diese Diskussion zu sagen?

Gabriele Jakob-Stoffel:
Ich wollte zu der Toleranz und Religion von vorhin noch etwas sagen. Es ist doch so das jeder Mensch religiöse Bedürfnisse hat und wo diese Bedürfnisse mißbraucht werden, da ist für mich das Problem. Da kommt es eigentlich nicht auf die Gemeinschaft an. Es gibt durchaus auch, evangelikale Gruppen, pietistische Gruppen, wo so etwas passiert, wo wir auch Leute haben die zu uns in die Selbsthilfegruppe kommen und die haben dann die gleichen Probleme. Um es mal zu vergleichen, es ist wie mit dem Durst, jeder Mensch hat Durst, aber es ist ein Unterschied ob ich ihn mit Wasser oder mit Schnaps stille. Und so ist es mit der Religion auch.

Moderator Axel Dürr:
Vielleicht zur Öffnung. Viele sagen ja, wir haben nichts zu verbergen. Auch die Zeugen Jehovas sagen wahrscheinlich, auch die Neuapostolische-Kirche sagt, wir haben nichts zu verbergen, wir sind offen. Wir sind eine Religionsgemeinschaft wie jede andere und da gibt es eben ein paar christliche Kirchen die uns nicht wollen. Warum wollen die christlichen Kirchen die Zeugen Jehovas nicht und auch die Neuapostolische-Kirche?

Gabriele Jakob-Stoffel:
Es ist z.B. so, dass die Neuapostolische-Kirche nicht im Arbeitskreis der christlichen Kirchen ist. das liegt einfach daran, dass sie behaupten, dass der heilige Geist nur bei ihnen wirkt und dass sie die absolute Wahrheit für sich gepachtet haben. Außerdem vertreten sie außerbiblische Sonderlehren. Das lebendige Apostelwort steht über den toten Buchstaben der heiligen Schrift. Das ist der Grund, warum die christlichen Kirchen sich da nicht unbedingt anfreunden können.

Christoph Bussen:
Ich glaube auch nicht, dass das unbedingt in dieser Konfrontation liegt, es sind Andere und deshalb nicht,...

Moderator Axel Dürr:
So wird ja auch immer argumentiert. Wir sind die Märtyrer, wir sind da ausgeschlossen...

Christoph Bussen:
... ich könnte mir gar nicht vorstellen, dass die WTG den Versuch unternehmen würde mit anderen christlichen Kirchen oder Gemeinschaften aktiven Kontakt zu pflegen. Die Welt wird aus Sicht der Organisation der Zeugen Jehovas, als etwas betrachtet, wir sind die Heiligen, wir sind diejenigen die gerettet werden und die Anderen stehen unter der Herrschaft Satans, egal wo sie hingehören, ob sie Juden sind, ob sie Moslems sind, ob sie Christen sind, ob sie Hindus sind spielt hier überhaupt keine Rolle. Das Einzige was wir machen können, wir können versuchen, diese Menschen vom Irrweg wegzuholen und zu uns zu ziehen. Nur dann hat das ganze Leben überhaupt einen Sinn. Also, unter dieser Perspektive findet das ganze statt. Und deshalb ist die Frage nicht so zu stellen, die Kirchen schließen die aus, sondern die Frage ist doch, gibt es überhaupt die Möglichkeit von seiten der jeweiligen Organisation aus einen konstruktiven Dialog zu unternehmen und zu wagen? Das ist ja auch ganz wichtig.

Gabriele Jakob-Stoffel:
Wer einen Exklusivitäts- und Absolutheitsanspruch hat und daran festhält hat da eigentlich keine Chance, also das verbietet sich von selbst.

Stephan Wolf:
Die Zeugen Jehovas machen ja auch keinen Hehl daraus, sie sagen zum Beispiel: 'Wir können logischerweise schlußfolgern, dass das wilde Tier aus der Offenbarung, menschliche Regierungen darstellt, da sich diese Regierungen dem Königreich Gottes widersetzen, bilden sie einen Teil des Antichristen." das heißt, alle anderen Religionen, außer die Zeugen Jehovas natürlich, gehören zum Antichristen und das sagt eine Religion, die gleichzeitig den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts möchte.

Moderator Axel Dürr:
Ist dies nicht auch ein Zeichen für Sekte, dass diese Gruppe sich zum Absoluten macht, wir müssen die Gruppe schützen, aber der Einzelne dieser Gruppe spielt eigentlich keine so große Rolle? Also um den Einzelnen geht es mir nicht, sondern um die Festigung der Gemeinschaft.

Christoph Bussen:
Das wird aber bei manchen Gruppen, ganz besonders bei den Zeugen Jehovas, auf eine sehr unmenschliche Art noch einmal zu Tage gefördert, durch das sogenannte Blutgenußverbot. Also einerseits gibt es diesen Befehl, auf Blut zu verzichten in einer auch lebensbedrohlichen Situation, sei es eine Operation oder nach einem schweren Autounfall, gleichzeitig wird aber der Tod dieses einzelnen Menschen bewußt in Kauf genommen. Wir kennen eine ganze Reihe von Fällen, wo Menschen tatsächlich dann auch noch Besuch von besonders standhaften Zeugen Jehovas bekamen, am Krankenbett, damit also eine Bluttransfusion ausgeschlossen werden konnte. Sie tragen einen entsprechenden Blutpaß bei sich und es wird behauptet es sei ein Befehl Jehovas. Für mich ist es nichts anderes als die Überprüfung der jeweiligen Loyalität. Wie Loyal verhält sich der einzelne Zeuge gegenüber der Organisation, auch, und mit dem Risiko: Ich nehme seinen Tod in Kauf. Dieses Risiko trifft nicht nur Erwachsene, sondern es trifft natürlich auch die Kinder. Wir hatten in unserer Gruppe eine junge Mutter, die anschließend fassungslos über sich selbst sagte: 'Ich war bereit mein Kind sterben zu lassen.' Sie kam in eine solche extreme Situation, das ein Kind eine lebensnotwendige Bluttransfusion brauchte und sie hat alles versucht zu unternehmen, was ihr möglich war und hat auch entsprechende Zeugen Jehovas angerufen, die sie dann unterstützen sollten, dass das Kind keine Bluttransfusion enthält.

Moderator Axel Dürr:
Die Sendezeit ist schon fast zu Ende. Manch einer denkt auch, ich habe in der Verwandtschaft, ich habe bei Freunden jemand der auch in der Sekte drin ist, der möglicherweise den Schritt braucht, den Push, oder den Druck, oder auch nur möglicherweise die helfende Hand braucht um da rauszukommen. Was kann man tun, und was bieten sie an?

Stephan Wolf:
Ich glaube es ist sehr wichtig, dass Aussteiger von Sekten, egal welche Sekte das ist, mit anderen Menschen in Kontakt kommen, die die gleichen Erfahrungen gemacht haben. Deswegen gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Selbsthilfegruppen, die zum großen Teil sich nicht auf eine Sekte festlegen, sondern die verschiedene Gruppierungen umfassen, weil ja die Strukturen, wie gesagt gleich sind. Es ist ganz wichtig, dass man versucht mit einer solchen Gruppe in Kontakt zu kommen. Oft geschieht das über die Sektenbeauftragten oder Weltanschauungsbeauftragten der Kirchen. Die haben in der Regel diese Kontaktadressen. Das ist, glaube ich, der beste Weg um innerlich auch diese ganze Situation zu verkraften. Denn wenn man unter Gleichgesinnten, über das Thema, das einem selbst ja belastet, reden kann, dann hat man auch eine größere Chance, die Sache selbst für sich zu verarbeiten.

Moderator Axel Dürr:
Ihre Erfahrung: Zurück ins Leben, ist das auch das zurück ins Leben?

Gabriele Jakob-Stoffel:
Ja, man muß sehr sensibel vorgehen mit diesen Menschen. Man darf sie gerne mit Informationen versorgen, das ist oft der erste Schritt, dass Menschen Informationen bekommen, über das was in ihren Gemeinschaften wirklich vorgeht. Und man darf auf keinen Fall, nach meiner Erfahrung, das Weltbild das ihnen dort vermittelt wurde, bestätigen, indem man auf die sogenannte Sekte schimpft, wettert, alles verteufelt was da ist, sondern man muß sehr sensibel sein und Verständnis zeigen. Denn sonst denkt der Mensch; 'die Draußen verstehen uns nicht, das ist das was man mir in meiner Sekte immer sagt. Das bestätigt das wieder was ich da gehört habe, ich muß da bleiben'. dann erreicht man gerade das Gegenteil.

Moderator Axel Dürr:
Was kann eine Mutter tun, wenn sie merkt mein Sohn ist in einer Sekte drin, der kommt da nicht mehr raus? Wie kann ich helfen, kann er sich nur selbst helfen oder kann man von außen helfen?

Christoph Bussen:
Der letzte Schritt ist sicherlich der Schritt, den derjenige der drin ist freiwillig und in freier Selbstbestimmung allein gehen muß. Wichtig ist aber, viele die jetzt in der Familie so etwas erleben, als Angehörige oder Freunde auch, mit der Situation zunächst nicht umgehen können, weil sie auch die Situation zum ersten mal erleben. Sie erleben einen völlig veränderten Menschen, sie erleben möglicherweise eine sehr spannungsreiche Situation in der Familie, in der möglicherweise gar nicht mehr miteinander gesprochen wird. Nun kommt es auch für mich als Berater darauf an, überhaupt erst einmal zu ermöglichen in welcher Position befindet sich jetzt nun derjenige der innerhalb einer solchen Gruppe lebt? Unter welchen Bedingungen kann man denn den abgerissenen Gesprächsfaden wieder aufbauen. Und wichtig ist auch, es lohnt nicht mit dem erhobenen moralischen Zeigefinger da zu sein, sondern wirklich den Anderen und zwar ehrlicherweise anzunehmen, so wie er ist. Auch als Mitglied einer solchen Gruppe. Nicht nur um ein gewisses Ziel zu verfolgen, sondern dass man Menschenliebe auch wirklich zeigt. Und oft ergeben sich daraus wieder ganz neue Kontakte, auch innerhalb der Familie, so dass am Ende vielleicht auch der Ausstieg stehen kann.

Moderator Axel Dürr:
Herzlichen Dank, dass sie da waren. Das war der B.TV-Talk zum Thema: Kann Glauben krank machen? Wir wissen er kann krank machen, herzlichen Dank dass sie zu Hause mit dabei waren.

B.TV (regionaler Fernsehsender in Baden-Württemberg, Deutschland), September 2001