Netzwerk Sektenausstieg e.V.

Es genügt nicht, die Organisation zu verlassen, um dann hinterher von Zweifeln und Ängsten geplagt zu werden, ob nicht „doch was Wahres“ an dieser Organisation und ihren Lehren dran war.

Diese Zweifel können nur durch intensives Studium beseitigt werden, um frei zu sein für eine Neuorientierung, sei es um Christus noch intensiver zu folgen, einer anderen Religion beizutreten oder um den entgegengesetzten Weg – und zwar den des Atheismus - einzuschlagen. Dies muss freilich jeder für sich selbst entscheiden, und niemand sollte für seine persönliche Entscheidung kritisiert werden. Solche Entscheidungen sind aber nur möglich, wenn man sich von den Fesseln der Organisation gelöst und auch ihre Lehren soweit hinterfragt und eingehend untersucht hat, dass die Gedanken schließlich frei sind für eine Neubesinnung und auch für eine neue Sinnfindung.

Ein wesentlicher Punkt und geradezu eine Säule der ganzen Organisationsstruktur der Zeugen Jehovas ist dabei die Legitimation des so genannten „treuen und verständigen Sklaven“. Die „leitende Körperschaft“ stützt ihre Legitimation auf eine der wichtigsten Schriftstellen in ihren Lehren, und zwar das Wachsamkeitsgleichnis aus Matthäus 24:45. Dieses soll die „Daseinsberechtigung“ eines „neuzeitlichen“ ‚treuen und verständigen’ Sklaven“ liefern. Um diesen abstrakten Sklaven zu „entmystifizieren“, folgt daher eine Abhandlung über den Hintergrund des Gleichnisses und von welcher Bedeutung es für uns heute ist. Gleichzeitig soll mit dieser Abhandlung dem neuzeitlichen „treuen und verständigen Sklaven“ die Legitimation seiner Rolle als „Sklave“, der über seine „Mitknechte“ gesetzt ist, um ihnen „geistige Speise“ auszuteilen, entzogen werden.

Mit dem Gleichnis (oder der „Parabel“) aus Matthäus 24:45 wird die Existenz eines so genannten „neuzeitlichen ‚treuen und verständigen Sklaven’“ legitimiert. Allerdings wird bei genauerer Betrachtung von Mat. 24:45 diese Auffassung schnell über den Haufen geworfen, da sie schon theologisch und sprachwissenschaftlich nicht haltbar ist. Bei einem derartigen Herangehen an diesen Schrifttext ergeben sich zwangsläufig Konsequenzen in Bezug auf die anderen Gleichnisse, die Jesus in den Evangelien erwähnt, denn alle Gleichnisse in diesem Kapitel haben den gleichen Zweck und fordern jeden Christen zu einer angemessenen Lebensweise auf, um allezeit bereit zu sein für den Herrn. Aber was sind Gleichnisse oder Parabeln? In dem Werk Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG4 Mohr-Siebeck Verlag, Tübingen 2000) wird uns im dritten Band, S. 1003, 1004 ein genaues Verständnis darüber geliefert (Unterstreichungen von mir):

Ein Gleichnis ist ein erzählender Text, in dem das Transzendente in bildhafter Umschreibung mit dem Ziel einer bestimmten ethischen, spirituellen oder religiösen Aussage zur Sprache gebracht wird. Gleichnisse können nicht nur die Vorstellung einer die empirische Welt und das gewöhnliche Leben gleichermaßen in sich schließenden wie transzendierenden Wirklichkeit wachrufen, sondern auch zum Handeln mahnen und aufrufen ... Die Gleichnisse sind von Anfang an "Anrede", die im Licht des Reiches Gottes Menschen verwandeln, ermutigen, Gewissheit schaffen, Freiheit zusprechen, ja bewirken möchte. Unterricht und Predigt haben deshalb nicht die Aufgabe, den damaligen Text zu konservieren oder referierend zu erläutern, sondern im Gegenüber neuer Fragen und Gebundenheiten darauf aufmerksam zu machen, wer und was wir sind, was es zu tun gibt und wo Freiheit ist, die sich in der Liebe bewährt.

Matt. 42:45 lässt sich angesichts dessen nicht auf eine neuzeitliche Gruppe von gesalbten Christen anwenden, von denen es heißt, sie würden von Brooklyn (New York) aus das gesamte weltweite Werk beaufsichtigen und leiten, eine Gruppe, der sich alle Anhänger unterordnen müssen und von der diese die regelmäßige geistige Speise erhalten. Bemerkenswerterweise sind Zeugen Jehovas nicht die ersten, die diese Bibelstelle auf Geistliche und Führer angewandt haben. Schon in der alten Kirche wurde dieser Schrifttext stets auf die Bischöfe und Priester übertragen. In dem Werk EKK (Ulrich Luz, Evangelisch-katholischer Kommentar zum Neuen Testament) wird beschrieben, wie dieser Text damals schon missverstanden wurde:

Die kirchliche Deutung hat diesen Text fast durchgehend auf die Amtsträger der Kirche bezogen, vornehmlich auf ihre Bischöfe und Lehrer, die von Gott über die "Mitknechte" gesetzt waren und ihnen geistliche Speise zu geben hatten. (Bd. 1/3, S. 464)

Hatte schon die damalige Watch Tower Society etwa ein „babylonisches“ Erbe übernommen?

Nun, schauen wir weiter und versuchen festzustellen, was es sowohl in Vers 45 als auch in Vers 48 von Matt. Kapitel 24 mit dem vermeintlichen Sklaven auf sich hat.

Wenn nun das Gleichnis vom „treuen und verständigen Sklaven“ eine größere Erfüllung in Form einer neuzeitlichen „leitenden Körperschaft“ haben soll, dann muss man sich fragen, welche größere Erfüllung beispielsweise das Gleichnis vom „Weizen“ und vom „Unkraut“ in Matthäus 13:24-30 haben soll. Oder lässt sich z.B. das Gleichnis aus Matthäus 7:24-27 vom „verständigen Mann“, der sein Haus auf den Felsen baute ebenfalls auf eine neuzeitliche Gruppe oder Klasse anwenden? Wenn sich also Matthäus 24:45ff. so allegorisch auslegen lässt, dass es auf irgendeine Gruppe von Christen in der Gegenwart passt, dann müssen konsequenterweise auch die anderen Gleichnisse allegorisch auf eine bestimmte Gruppe von Christen gedeutet werden. Dies kann jedoch nicht der Sinn von Gleichnissen sein, da diese bereits für die damaligen Adressaten verständlich sein sollten und nicht erst 1900 Jahre später nur für künftige Hörer und Leser (wenn auch Gleichnisse immer wieder im neuen Kontext gedeutet werden müssen). Das zeigt, dass Gleichnisse eigentlich zeigen sollen, was ein Christ tun bzw. wie er sich verhalten muss, um „wach“ zu bleiben. So haben das die damaligen Christen zur Zeit Jesu und auch die heutigen ganz bestimmt verstanden.

Exkurs: Was ist mit „wach bleiben“ bzw. „Wachsamkeit“ gemeint?

Da es sowohl bei dem Gleichnis in Mat. 24:45 als auch bei den übrigen Gleichnissen um Wachsamkeit geht, scheint es mir vor meinen weiteren Ausführungen zum Thema „treuer und verständiger Sklave“ zunächst sehr wichtig zu klären, was mit „Wachsamkeit“ eigentlich gemeint ist. Zu dem Gleichnis über die zehn Jungfrauen gibt es passenderweise einen interessanten Kommentar im bereits oben zitierten EKK:

Es geht Matthäus nicht in dem Sinn um "Wachsein". "Wachsein" heißt vielmehr, den Auftrag Christi in so andauerndem, ganzheitlichem und ungeteiltem Gehorsam zu befolgen, dass man – wie die Parabel plastisch formuliert – den Zeitpunkt der Parusie ohne weiteres verschlafen kann, weil man jederzeit bereit ist und sich nicht in letzter Minute noch umstellen muß. Zugespitzt formuliert: Der ungewisse Zeitpunkt der Parusie wird für die, die jederzeit den Willen des Vaters tun, hinterher völlig gleichgültig. [Zu diesem Kommentar heißt es noch weiter in der Fußnote]:

Sehr klar sieht dies J.C. Blumhardt, Schriftauslegung, Zürich 1947, 152: "Wir aber wissen nichts von einem Tag oder einer Stunde ... Hieraus folgt, dass es sich mit der Stimmung der [unnötigen] Eile wohl verträgt, in allem gewöhnlichen fortzufahren, wie wenn es nicht nahe bevorstünde". Mit Matthäus gesprochen: Bereit sein heißt, den Willen des Vaters zu tun und den Weg der Liebe zu gehen, völlig unabhängig davon, ob die Parusie heute oder morgen stattfinden wird“.) (Ebd., Bd. 1/3, S. 485-486, Zusatz in eckigen Klammern von mir.)

Die Wachtturm-Organisation dagegen setzt „Wachsein“ vielmehr mit einer vom christlichen Standpunkt aus ungesunden, andauernden, angespannten, heißen Naherwartung gleich, so als müsse man befürchten, den Zeitpunkt zu verschlafen. Im Wachtturm v. 1. Januar 2003 wird im Absatz 7 der Sinn von „wach bleiben“ näher definiert. Auf der S. 22 heißt es:

Ja, fast jedes Mal, wenn in der Bibel vom Ende des gegenwärtigen Systems der Dinge die Rede ist, finden wir die Aufforderung, wach zu bleiben oder beharrlich zu wachen (Lukas 12:38, 40; Offenbarung 3:2; 16:14-16).* Offensichtlich ist geistige Schläfrigkeit eine sehr reale Gefahr.

Das griechische Wort, dass in Lukas 12:38 mit „Wache“ wiedergegeben wird, lautet phulaké und wird im Neuen Testament unter anderem mit „Wachdienst“, „Wachtposten“, „Wachlokal“ und „Gefängnis“ wiedergegeben. In Matt. 14:25 usw. ist dies die „Nachtwache“ im Sinne der Zeitbestimmung (Friedrich Rehkopf, Griechisch-deutsches Wörterbuch zum Neuen Testament, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 2000, S. 135). In Offenbarung 3:2 und 16:15 wird „wach bleiben“ mit der deklinierten Form von grégoréo übersetzt (daher auch der uns in der Liturgie bekannte Ausdruck „gregorianischer Gesang“) und drückt nach Vine „geistige Wachsamkeit“ aus. In der Fußnote neben den Schriftstellen wird auf den Lexikograph W.E. Vine Bezug genommen, dort heißt dann im Wachtturm weiter:

* Der Lexikograph W.E. Vine erklärt zu dem mit „wach bleiben“ wiedergegebenen griechischen Verb, es bedeute wörtlich „den Schlaf vertreiben“ und bezeichne „nicht lediglich Schlaflosigkeit, sondern die Wachsamkeit von Personen, die nach etwas trachten“.

Das griechische Wort, auf das sich Vine hier bezieht, lautet agrupneó und kommt in den vom Wachtturm angegebenen Bibelstellen nicht vor. Vielleicht ist dies nur eine Verwechslung, kann jedoch ohne Schaden hingenommen werden. Vine führt hier als Schriftstellen Mark. 13:33; Luk. 21:36; Eph. 6:18 und Heb. 13:17 an. Das Wort bedeutet „wachen“, „wachsam sein“; über etwas wachen“, „auf etwas achten“ (Friedrich Rehkopf, Griechisch-deutsches Wörterbuch zum Neuen Testament, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 2000, S. 2)

Ganz gleich, welches Wort man in Betracht zieht, keines davon legt die Schlussfolgerung nahe, Wachsamkeit bezöge sich auf ein „Dringlichkeitsbewusstsein“, so als könnte oder müsste man die Nähe des Endes geradezu „erahnen“, nur um dies zum Anlass zu nehmen, in Bezug auf das Predigtwerk gewissermaßen „zum Endspurt anzusetzen“. Die Organisation „rüttelt“ oder hält ihre Anhänger daher mit einer für Matthäus völlig unbekannten ganz anderen Botschaft wach. Im Wachtturm v. 1. Januar 2003 heißt es im Studienartikel auf der S. 20 zum Thema „Wacht beständig“:

Wie können wir uns der Dringlichkeit bewusst bleiben? ... unser Glaube lässt uns den Tag Jehovas gespannt erwarten.

Auf Seite 22 heißt es weiter:

Wir leben in einer bedeutsamen Zeit und werden durch die Weltereignisse ständig daran erinnert, dass wir im Schlussteil der letzten Tage angelangt sind (2. Timotheus 3:1-5). Jetzt ist nicht die Zeit, die Hände in den Schoß zu legen. Wir sollten vielmehr‚ weiterhin an dem festhalten, was wir haben (Offenbarung 3:11).

Egal, wie nah oder fern das Ende ist: Da wir Zeit und Stunde nicht kennen, lebten die Menschen zumindest seit dem Beginn der Endzeit im Jahre 33 n. Chr. schon immer in einer bedeutsamen Zeit. Nicht die Weltereignisse müssen uns daran erinnern, dass wir in den letzten Tagen leben, sondern die Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten 33 n. Chr. und die regelmäßige Eucharistie erinnert uns daran, und daher war es noch nie Zeit, die Hände in den Schoß zu legen. Was „wach bleiben“ oder „wach sein“ nun konkret bedeutet, wird in ganz einfachen Worten im bereits oben zitierten EKK-Kommentar auf S. 465 in der Zusammenfassung von Matt. 24:45-51 geschildert:

Wachsein heißt Mitmenschlichkeit, Liebe

Fahren wir nun mit der Abhandlung über den „treuen und verständigen Sklaven“ fort.

Das Gleichnis von dem klugen Hausbauer, der sein Haus auf felsigem Grund baute, führt uns vor Augen, dass es jedem, der die Worte Jesu hört und danach handelt, gut ergehen wird. Kurz: die Gleichnisse appellieren an unsere Lebensweise, bei der sich zeigt, ob wir wachsam sind oder nicht bzw. ob wir aufgrund unseres Lebenswandels so bereit sind, dass uns jener Tag nicht überraschen braucht. Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen in der gleichen Funktion zeigt, dass diejenigen, die den Zeitpunkt der Parusie verschlafen (also kein „Ersatzöl“ bei sich tragen), töricht sind. Man bedenke zudem noch, dass auch die klugen Jungfrauen geschlafen haben (Matth. 25:5). Das konnten sie auch beruhigt, denn aufgrund des Öls, das sie bei sich trugen, waren sie stets bereit und konnten dem Bräutigam, sobald er kommt, sofort entgegengehen. Folglich waren die törichten Jungfrauen nicht deshalb töricht, weil sie schliefen, sondern weil sie kein Öl bei sich trugen (Matth. 25:3). Es kam also in diesem Fall nicht darauf an, wach zu sein, sondern bereit zu sein. Die Gleichnisse zeigen somit ferner, dass es denen, die nicht „klug“ oder „treu und verständig“ sind, am Gerichtstag nicht gut wegkommen. Die Gleichnisse sind also ein „Weckruf“ an alle Christen. Insbesondere Matthäus 24:45ff. spricht nicht nur eine Gruppe von Christen an, sondern alle, denn ein Christ kann ja wie auch „jener Sklave“ untreu werden (Matthäus 24:48-51), wie es einige ja auch wurden und geworden sind. Daher die Mahnrede.

Warum es sich bei dem „Sklaven“ in Vers 45 um eine Einzel-, nicht aber um eine Kollektivperson handelt (sprachwissenschaftlicher Hintergrund)

Bei dem Wort „jener“ in Vers 48 handelt es sich um ein Demonstrativpronomen (hinweisendes oder „zeigendes“ Fürwort, so als ob man mit dem Finger auf etwas zeigt, was vom Betrachter weiter entfernt liegt) und ist eine Wiedergabe des griechischen Ausdrucks èkeînos. Es kann sowohl mit „jene(r)“, „jenes“ als auch mit „diesem“, „diesen“, „dieser“, „diese(s)“ u.s.w. (Siehe auch Matth. 27:19) wiedergegeben werden. In der Gute[n] Nachricht werden Demonstrativpronomen gelegentlich auch durch Personalpronomen ersetzt, was in Matt. 24:45 tatsächlich auch der Fall ist. Es handelt sich also an dieser Stelle um ein Wort, das „auf ein unmittelbar vorhergehendes Wort zurückweist und es wieder aufnimmt.“[1] In diesem Fall weist das Wort „jener“ in Vers 48 auf den bereits erwähnten „Sklaven“ in Vers 45 zurück „Jener Sklave“, von dem bereits in Vers 45 die Rede war, kann durchaus „übelgesinnt“ werden und „anfangen“, „seine Mitsklaven zu schlagen“, weil er denkt, der „Herr bleibt noch aus“ (Verse 48-49). Ab diesem Punkt wird die Wachtturm-Gesellschaft sprachwissenschaftlich inkonsequent, was freilich theologisch nicht ohne Konsequenzen bleibt: Einerseits sagt sie, der Sklave in Vers 45 stelle eine bestimmte Gruppe von Christen dar (und zwar nur die „Gesalbten“), anderseits bezieht sie jedoch den Vers 48 nur auf Einzelpersonen statt auf eine Gruppe, wie in den nachfolgenden Veröffentlichungen gezeigt wird. Aber ein Demonstrativpronomen kann nicht von einer Einzelperson auf eine Gruppe zurückverweisen. Dies geschieht aber in folgenden Wachtturm-Zitaten (Unterstreichung von mir):

Einige werden sogar abtrünnig und müssen aus der Christenversammlung entfernt werden (Matthäus 13:41, 42). Sie werden von Jesus als „jener übelgesinnte Sklave“ beschrieben, den der Herr „mit der größten Strenge“ bestraft und dessen Teil er mit den Heuchlern setzt. „Dort wird sein Weinen und sein Zähneknirschen sein“ (Matthäus 24:48-51).

Der Wachtturm, 1. 7. 1987, S. 22 "Göttliche Segnungen für 'die, die Einsicht haben'"

17 Was gemäß Jesu Worten über die Gesetzlosen kommen sollte, die „Anlaß zum Straucheln geben“, erinnert uns an das, was er später über diejenigen sagte, die es ablehnen würden, den „treuen und verständigen Sklaven“ — die aus gesalbten Christen bestehende „Weizen“-Klasse — anzuerkennen, den Christus „über seine ganze Habe setzen“ würde. Jesus sagte warnend: „Wenn aber jener übelgesinnte Sklave in seinem Herzen sagen sollte: ‚Mein Herr bleibt noch aus‘ und anfangen sollte, seine Mitsklaven zu schlagen...“.

Der Wachtturm, 15. 12. 1983, S. 14 "Das "unauffällige Einführen verderblicher Sekten' "

18 Heute lassen einige Illoyale die Eigenschaften dieses „übelgesinnten Sklaven“ erkennen, indem sie in ihrem Herzen sagen: „Mein Herr bleibt noch aus.“ Sie geben sich als „Spötter“ zu erkennen.

Der Wachtturm, 15. 12. 1983, S. 15 "Das 'unauffällige Einführen verderblicher Sekten'"

In einem aktuelleren Wachtturm wird der „treue und verständige Sklave“ grammatisch ebenfalls vom „übelgesinnten Sklaven“ unterschieden, so dass dadurch ausgeschlossen wird, dass der Sklave in Vers 45 jemals untreu werden kann:

Abtrünnige, die sich heute von der Wahrheit abwenden, schlagen den „treuen und verständigen Sklaven“ mit Worten, ja sie beißen gewissermaßen in die Hand, die sie einmal in geistiger Hinsicht ernährt hat. Einige gleichen dem „übelgesinnten Sklaven“, der bei sich sagt: „Mein Herr bleibt noch aus“ (Matthäus 24:44-49; 2. Timotheus 4:14, 15).

Der Wachtturm vom 15. Juli 1999, S. 17, Abs. 7

Im Einsichten-Buch wird diese grammatische Unterscheidung durch die Interpolation des irreführenden unbestimmten Artikels ein am deutlichsten:

Jesus sagte voraus, daß er zur Zeit seiner Gegenwart ‘den treuen und verständigen Sklaven über seine ganze Habe setzen werde’. Der Sohn Gottes sprach aber auch von einem[2] übelgesinnten Sklaven, der die Ankunft seines Herrn nicht erwarten und nicht begierig danach Ausschau halten würde.[3]

Wie man sieht, wird nur der „Sklave“ in Matthäus 24:45 als Klasse betrachtet. Er wird im Gegensatz zu dem in Vers 48 nicht auf Einzelpersonen angewandt. Das ist an dem irreführenden Einschub „aber auch von einem“ in Verbindung mit dem unbestimmten Artikel im Einsichten-Buch erkennbar, denn „aber auch von einem“ kann „ein weiterer Sklave“ oder „ein zusätzlicher Sklave“, der mit dem vorangegangenen in Vers 45 nicht in Beziehung steht, bedeuten. Dadurch wird geschickt von der Tatsache abgelenkt, dass der gleiche Sklave als Klasse, von dem bereits in Vers 45 die Rede war, gemäß Vers 48 auch „übelgesinnt“ werden kann. Aber laut den obigen Veröffentlichungen bezieht sich dieser Vers nur auf Einzelpersonen, die „aus der Christenversammlung entfernt werden müssen“; die „Anlaß zum Straucheln geben“; „die es ablehnen, den ‚treuen und verständigen Sklaven‘ anzuerkennen“; die „heute illoyale Eigenschaften dieses ‚übelgesinnten Sklaven‘ erkennen lassen“; die sich „als ‚Spötter‘ zu erkennen geben“; die den „treuen und verständigen Sklaven mit Worten schlagen, ja sie gewissermaßen in die Hand beißen“.

Es sei daher gefragt: Auf welcher Grundlage nimmt die Wachtturm-Gesellschaft eine derartige grammatische Unterscheidung vor, wenn im Vers 48 das Demonstrativpronomen „jener“ eine solche Differenzierung geradezu verbietet?

Um diesen Konflikt zu lösen, musste im Einsichten-Buch das Demonstrativpronomen „jener“ durch den irreführenden unbestimmten Artikel „ein“ ersetzt werden, um aus den Sklaven in Vers 45 und 48 zwei verschiedene Sklaven zu machen: „Wenn aber ein übelgesinnter Sklave...“, müsste sich demnach in der Bibel lesen lassen, eine Wiedergabe allerdings, welche sich in dieser Form in keiner Bibelübersetzung – ja nicht einmal in der Neuen-Welt-Übersetzung finden lassen würde. Bei dieser Wiedergabe ließe sich freilich mit Fug und Recht sagen, in Vers 48 sei von einem anderen Sklaven die Rede, als in Vers 45, da durch den unbestimmten Artikel „ein“ irgendein Sklave gemeint sein kann und nicht unbedingt „jener“ Sklave in Vers 45. Stünde also in Vers 48 der Artikel „ein“ statt „jener“, wäre man nicht in der Lage, den Sklaven in Vers 48 mit dem in Vers 45 irgendwie in Verbindung zu bringen, weil die Funktion des Verweises zurück auf „jenen“ Sklaven nicht mehr vorhanden wäre. Das Gleichnis wäre damit paradox und sinnlos, weil es zwei verschiedene Bilder (treuer Sklave – unverständiger Sklave) enthalten würde, die sich nicht zusammenfügen lassen. Der Sklave in Vers 45 könnte somit niemals „übelgesinnt“ werden. Die Paränese oder Mahnrede, die ja der Sinn von Gleichnissen sein soll, würde ihre Wirkung verlieren. Nur wenn mit dem Sklaven in Vers 48 der gleiche wie in Vers 45 gemeint ist, wird der Sinn des Gleichnisses verständlich. Am Gerichtstag (Parusie Christi) würde sich also herausstellen, als welcher von beiden Sklaven er (ein Christ) sich erwiesen hat: den in Vers 45 oder den in Vers 48. Alle Gleichnisse in den drei Evangelien halten sowohl gute als auch schlechte Rollenangebote für Christen bereit. Das Demonstrativpronomen „jener“ weist also zurück auf den in bereits Vers 45 besprochenen Sklaven. Dies kommt sehr gut in der Guten Nachricht zum Ausdruck. Liest man dort den Vers 48, weiß man sofort, dass dort derselbe „Sklave“ gemeint ist, wie in Vers 45. In dem Werk Wahrig Deutsches Wörterbuch[4] heißt es:

Demonstrativpronomen, hinweisendes Fürwort, z. B. dieser, jener.

Wie aber oben erwähnt, ersetzt die Wachtturm-Gesellschaft jedoch in Einsichten über die Heilige Schrift, Bd. 2, S. 850 (siehe oben) entgegen der gültigen Sprachwissenschaft das Demonstrativpronomen „jener“ durch den unbestimmten Artikel „ein“, obwohl in Matthäus 45:48 das Demonstrativpronomen „jener“ steht.

Betrachten wir nun diesen Vers in der Guten Nachricht einmal im Zusammenhang vom Vers 45-51:

Seid wie der treue und kluge Diener, dem sein Herr den Auftrag gegeben hat, die gesamte Dienerschaft zu beaufsichtigen und jedem pünktlich seine Tagesration auszuteilen. Er darf sich freuen, wenn der Herr zurückkehrt und ihn bei seiner Arbeit findet. Ich versichere euch: der Herr wird ihm die Verantwortung für alle seine Güter übertragen. Wenn er [èkeînos] aber unzuverlässig ist und sich sagt: ›So bald kommt mein Herr nicht zurück‹ und anfängt, die anderen zu schlagen und mit Säufern Gelage zu halten, dann wird sein Herr eines Tages völlig unerwartet zurückkommen. Er wird den ahnungslosen Diener in Stücke hauen und dorthin bringen lassen, wo die Heuchler ihre Strafe verbüßen. Dort gibt es nur Jammern und Zähneknirschen.[5]

Im Vergleich dazu betrachten wir die gleichen Verse in der wörtlicheren Neuen-Welt-Übersetzung:

Wer ist in Wirklichkeit der treue und verständige Sklave, den sein Herr über seine Hausknechte gesetzt hat, um ihnen ihre Speise zur rechten Zeit zu geben? Glücklich ist jener Sklave, wenn ihn sein Herr bei der Ankunft so tuend findet. Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über seine ganze Habe setzen. Wenn aber jener [èkeînos] übelgesinnte Sklave je in seinem Herzen sagen sollte: ‚Mein Herr bleibt noch aus‘ und anfangen sollte, seine Mitsklaven zu schlagen, und mit den Gewohnheitstrinkern essen und trinken sollte, wird der Herr jenes Sklaven an einem Tag kommen, an dem er es nicht erwartet, und in einer Stunde, die er nicht kennt, und wird ihn mit der größten Strenge bestrafen und wird ihm sein Teil mit den Heuchlern zuweisen. Dort wird [sein] Weinen und [sein] Zähneknirschen sein.

Wer würde denn schon bei genauem Hinsehen schlussfolgern, bei dem Personalpronomen „er“ in der Guten Nachricht sei irgendein anderer Sklave gemeint, als der, von dem bereits in Vers 45 die Rede ist? Jeder einigermaßen gebildete Mensch, der einen gesunden Menschenverstand besitzt, sollte sofort erkennen, dass der Kontext von Vers 45-48 zeigt, dass Jesus in Vers 48 immer noch von dem gleichen „Sklaven“ wie in Vers 45 spricht. Bei der Wiedergabe „er“ in Vers 48 handelt es sich zwar um ein Personal- und nicht um ein Demonstrativpronomen, obwohl im griechischen Original an dieser Stelle das Demonstrativpronomen steht. Da den Übersetzern der Guten Nachricht offensichtlich sofort klar war, dass mit dem Demonstrativpronomen èkeînos (= „jener“) der gleiche Sklave von Vers 45 gemeint ist, haben sie nicht die wörtliche Übersetzung gewählt, sondern das Demonstrativpronomen „jener“ durch das Personalpronomen „er“ ersetzt. Das ist typisch Die Gute Nachricht, die durch diese Übersetzungsvariante jedes Missverständnis ausschließt und dadurch weder eine allegorische Auslegung noch einen Zweifel darüber bestehen lässt, wer eigentlich mit „jene[m] Sklave[m]“ gemeint ist.

Der Wachtturm-Gesellschaft fehlt somit jede Grundlage für die Behauptung, in Matthäus 24:48 sei von einem anderen Sklaven die Rede, als von dem in Vers 45. Sowohl der „treue und verständige Sklave“ in Vers 45 als auch der „übelgesinnte Sklave“ in Vers 48 bezieht sich immer nur auf Einzelpersonen. Wie oben bereits erläutert, versucht die Wachtturm-Gesellschaft jedoch, nur in dem in Vers 45 erwähnten Sklaven eine „Gruppe“ oder „Klasse“ von Christen zu sehen. Das tut sie aber in der Absicht, um die Lehre einer sogenannten „Sklavenklasse“, der sich alle unterordnen müssen, aufrechtzuerhalten. Konsequenterweise müsste die Gesellschaft aber auch den in Vers 48 erwähnten „übelgesinnten Sklaven“ als „Klasse“ oder „Gruppe“ von Christen betrachten, und zwar um dem Demonstrativpronomen „jener“ in Vers 48 gerecht zu werden. Dieses Unterfangen erweist sich jedoch als unmöglich, so dass es im Gegenteil sogar einfacher wäre, beide Sklaven als Einzelpersonen zu betrachten. Im folgenden wird begründet, warum dies nicht nur einfacher, sondern theologisch auch notwendig ist. Wir werden eine These aufstellen, die die Auffassung der WTG zu Vers 45 auf den Kopf stellt.

Mittels unserer These die Behauptung eines Kollektivsklaven in Vers 45 widerlegt

Stellen wir nun einfach mal eine These auf, um gewissermaßen auf dem Umweg die Auffassung der Gesellschaft, der Sklave in Vers 45 sei eine Gruppe von Christen, der in Vers 48 dagegen beziehe sich nur auf Einzelpersonen, ad absurdum zu führen. Unsere These soll dabei zur Schlussfolgerung führen, dass mit beiden Sklaven (in Vers 45, 48) nur Einzelpersonen gemeint sind, was ja auch theologisch gerechtfertigt ist. Diese Schlussfolgerung soll aber dadurch erreicht werden, indem wir in unserer These beide Sklaven paradoxerweise einfach mal als Kollektivpersonen betrachten — die also jeweils eine „Gruppe“ oder „Klasse“ von Christen darstellen —, um nicht mit dem Demonstrativpronomen „jener“ (Vers 48) in Konflikt zu geraten. Dadurch stellt sich unsere These zunächst im Widerspruch (das soll sie ja auch!) zur Auslegung der Wachtturm-Gesellschaft (sie betrachtet ja nur den in Vers 45 erwähnten „Sklaven“ als Gruppe von Christen), die ja ihrerseits wiederum durch ihre eigene Auslegung mit dem Demonstrativpronomen in Konflikt gerät. Unsere These widerspricht damit aber auch gleichzeitig (und zunächst absichtlich!) um des Demonstrativpronomens willen der allgemeinen Theologie. Dadurch soll bewiesen werden, dass das Problem in der Exegese der Wachtturm-Gesellschaft selber liegt.

Die These der Wachtturm-Gesellschaft ist natürlich ebenfalls falsch. Aber sie gerät gleichzeitig im Gegensatz zu unserer These zusätzlich auch noch mit dem Demonstrativpronomen „jener“ in Konflikt (was in bezug auf das Demonstrativpronomen in unserer These nicht zutrifft). Wir wollen dadurch nachweisen, dass es sich bei beiden „Sklaven“, also dem in Vers 45 und 48, um eine Einzelpersonen und nicht um eine Klasse handelt. Damit aber beide Theorien (unsere und die der WTG) um des Demonstrativpronomens Willen „funktionieren“, müssen wir zunächst einmal postulieren, dass die Gesellschaft auch den in Vers 48 erwähnten „übelgesinnten Sklaven“ als eine „Klasse“ von Christen betrachtet (was unserer These entspricht!).

Es würde sich also in diesem Fall um eine „Klasse“ (nicht Einzelpersonen!) der vom Glauben abgefallenen Christen handeln. Da nun der Sklave in Vers 48 als „übelgesinnt“ bezeichnet wird, müsste sich die Führung, d. h. die „leitende Körperschaft“ (bestehend nur aus „gesalbten“ Christen mit himmlischer Hoffnung), daher fragen, welche „Klasse“ von Christen, die mit diesem „übelgesinnten Sklaven“ in Verbindung gebracht werden soll, denn nun eigentlich gemeint ist. Da ja die Führung die „übelgesinnte“ Klasse von Christen niemals auf sich selbst beziehen würde, bliebe ihr natürlich nichts anderes übrig, als diese „Klasse“ ausschließlich auf die „große Volksmenge“ anzuwenden, da die Abgefallenen ja dieser Volksmenge angehörten.

Mit der „großen Volksmenge“[6], wie sie in Offenbarung 7:8 erwähnt wird, ist ja gemäß dem Verständnis der Zeugen Jehovas nur jene „Klasse“ von Christen gemeint, die nicht gesalbt ist und deshalb keine himmlische Hoffnung, sondern „nur“ eine irdische Hoffnung mit ewigem Leben auf einer paradiesischen Erde hat. Würde man also in diesem Fall diesen „übelgesinnten Sklaven“ nur als eine „Klasse“ und nicht als Einzelperson verstehen, dann würde es doch nur bedeuten, dass diese „große Volksmenge“ ausschließlich in kollektivem Sinne „übelgesinnt“ wäre. Es würde sich also im Falle einer „übelgesinnten“ Einstellung so verhalten, als würden alle nichtgesalbten Christen, also nur die mit irdischer Hoffnung, auf einmal abfallen, so dass nur noch die „Gesalbten“ übrigblieben. Wenn die Wachtturm-Gesellschaft konsequent wäre, müsste sie also auch den Vers 48 auf diese Weise auslegen, um dem Demonstrativpronomen „jener“ (Vers 48) gerecht zu werden. Das ist ihr jedoch nicht möglich, weil dann dieses Verständnis eine Sippenhaftung in Vers 48 voraussetzt.

Unsere These beweist somit, dass der Vers 48 auf eine Kollektivschuld nicht schließen lässt, und es wird damit die Auffassung widerlegt, bei dem in Vers 45 erwähnten „treuen Sklaven“ handle es sich im Gegensatz zu dem in Vers 48 erwähnten „übelgesinnten Sklaven“ ausschließlich um eine „Klasse“ von gesalbten Christen. Um diesen Beweis zu erbringen, haben wir ja nur experimentell einfach mal die These aufgestellt: Da es sich (nach Ansicht der Gesellschaft) bei dem Sklaven in Vers 45 ausschließlich um eine „Klasse“ von gesalbten Christen handelt, muss konsequenterweise auch in Vers 48 eine „Klasse“ gemeint sein, denn das Demonstrativpronomen „jener“ macht dies ja zur Bedingung. Folglich hätte dies konsequenterweise auch die Schlussfolgerung der Gesellschaft sein müssen. Das würde bedeuten, dass selbst wenn Einzelpersonen (aus der „großen Volksmenge“) „übelgesinnt“ werden würden, die ganze Klasse der „großen Volksmenge“ eine Mitschuld (in Form einer Sippenhaftung) tragen müsste, um den Kollektivausdruck „Sklave“ in Vers 48 gerecht zu werden.

Es hat sich oben jedoch erwiesen, dass auch diese Auffassung in Vers 48, würde die Gesellschaft sie so hegen, so auch nicht hingenommen werden dürfte, weil sich die Wachtturm-Gesellschaft dadurch in eine Pattsituation begibt, indem sie den „Sklaven“ in Vers 45 und 48 kollektiv als zwei verschiedene „Klassen“(!) von Christen betrachten müsste und der „treue und verständige Sklave“ somit niemals untreu werden könnte. Die Führung kann zwar ganz gut damit leben, da sie ja den „treuen und verständigen Sklaven“ auf sich anwendet, aber im Falle der „großen Volksmenge“ könnten entweder alle oder keiner „übelgesinnt“ werden, wenn die Wachtturm-Gesellschaft den Vers 48 gerechterweise ebenfalls nur auf eine Klasse von Christen anwenden würde. Da diese Situation, die sich für die „große Volksmenge“ aufgrund dieser Auslegung ergeben würde, auch für die Wachtturm-Gesellschaft nicht zu lösen wäre,[7] musste sie den Vers 48 natürlich auf Einzelpersonen anwenden. Die Folge, die sich daraus ergibt, ist schließlich die, dass die Gesellschaft deshalb von zwei verschiedenen Sklaven sprechen muss, indem sie den „treuen und verständigen Sklaven“ auf eine Gruppe, den „übelgesinnten Sklaven“ aber auf Einzelpersonen anwendet. Sie nimmt es also lieber in Kauf, mit dem für uns so wichtigen Demonstrativpronomen „jener“ in Konflikt zu geraten und ignoriert geflissentlich, dass es die Aufgabe hat, auf den gleichen Sklaven in Vers 45 zurückzuverweisen, indem es ihn in Vers 48 wieder aufnimmt. Aber das Demonstrativpronomen „jener“ ist schon rein grammatikalisch nicht in der Lage, von einer Einzelperson (Vers 48) auf eine Gruppe (Vers 45) schließen. Das würde nur funktionieren, wenn man beide Sklaven jeweils als Kollektivperson oder jeweils als Einzelperson betrachten würde.

Aus unserer These ergibt sich daher nun folgende Schlussfolgerung: Entweder sind beide Sklaven Einzelpersonen oder beide sind Kollektivpersonen.

Im ersteren Fall wäre es sowohl sprachwissenschaftlich als auch theologisch haltbar. Im letzteren Fall wäre es zwar sprachwissenschaftlich gerechtfertigt, theologisch aber dennoch nicht vertretbar. Somit müssen beide Sklaven Einzelpersonen sein.

Wer „treu und verständig“ bleibt, entspricht dem „Sklaven“ in Matt. 24:45. Wer „übelgesinnt“ wird, entspricht dem „Sklaven“ in Matt. 24:48. Im übrigen wird dies auch dadurch bewiesen, wenn man berücksichtigt, dass es sich bei dem Wort „Sklave“ in Mat. 24:45, 48 um ein Singular (Einzahl) und nicht um ein Plural (Mehrzahl) handelt. Das zeigt, dass jeder Christ einzeln angesprochen wird. Der Einzelne wird zur Wachsamkeit aufgefordert und nicht eine Gruppe. In dem oben zitierten Werk EKK wird deshalb erklärt, um welche Rollen es bei diesen „beiden“ Sklaven konkret geht. Im Anschluss an dem obigen Zitat, in dem im EKK festgestellt wurde, dass die kirchliche Deutung diesen Text (Mat. 24:45) fast durchgehend auf die Amtsträger der Kirche bezogen hat, fährt der Kommentar fort:

So ist hier zuerst die Fesstellung wichtig, daß Matthäus eine solche Unterscheidung von Amtsträger/innen und gewöhnlichen Christ/innen nicht zu machen scheint. In der ganzen Endzeitrede spricht Jesus alle Jünger an (vgl 24, 3). Keiner der vorangehenden und folgenden Texte richtet sich nur an eine Gruppe in der Gemeinde. Insbesondere das verwandte Sklavengleichnis 25, 14-30 zeigt, daß die verschiedenen Sklaven positive und negative Rollenangebote für alle Gemeindeglieder bereithalten.

Um welche Rollen geht es konkret? Unser Text deutet wenigstens indirekt an, daß das Verhältnis zu den Mitmenschen beim >>Wachsein<< entscheidend ist ... Es sind ganz banale, fast selbstverständliche Dinge, gleichsam erste Schritte auf dem Weg zu jenem grundsätzlichen Gewaltverzicht und jenem grundsätzlich anderen Leben, von dem Jesus früher in der Bergpredigt gesprochen hat (vgl. 5, 38-42; 6, 25-34). Aber sie zeigen doch deutlich die Richtung, in der der Evangelist seine Leser/innen lenken will: Wachsein heißt Mitmenschlichkeit, Liebe. Ebd., Bd. 1/3, S. 464-465

Damit ist, so hoffe ich, hinreichend bewiesen, dass sowohl in Vers 45 als auch in Vers 48 Einzelpersonen und nicht eine Gruppe von Christen gemeint sind. Christen als Ganze können selbstverständlich als Gruppe betrachtet werden, aber das ist wieder ein anderes Thema und hat hiermit nichts zu tun.

Es wundert daher nicht, dass die Wachtturm-Gesellschaft auf komplizierte Auslegungen zurückgreifen muss, um ihre Ansicht plausibel zu machen. Durch ihre verschachtelten und verwobenen Auslegungen werden die Gleichnisse unverständlich und paradox. Die Gleichnisse richten sich an alle Christen als Einzelpersonen. Sie alle können „treu und verständig“ sein oder aber auch „übelgesinnt“ bzw. „töricht“ werden. Die Parabeln sind auch nicht schwer zu verstehen, wenn man sie so nimmt wie sie sind. Warum hätte Jesus zum besseren Verständnis Gleichnisse heranziehen sollen, wenn hinterher wieder komplizierte Auslegungen nötig sind, um dieselben zu „entschlüsseln“? Er hatte sich der Gleichnisse bedient, damit sie damals schon verstanden werden, nicht erst 1900 Jahre später. Seine Adressaten, an die diese Gleichnisse gerichtet waren, sollten diese schon damals verstehen und anwenden. Damit seine Gleichnisse nicht ohne Wirkung bleiben, verwendete er Bilder, die aus der damaligen vertrauten Umwelt stammen und daher auch sofort verstanden werden konnten.


WALTER BAUER, Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur, S. 482.
Es ist interessant, wie hier das Einsichten-Buch ein falsche Fährte legt. In Matthäus 24:48 steht nicht „ein böser Sklave“, sondern „jener“ Sklave“. Jesus sprach also nicht „aber auch von einem übelgesinnten Sklaven“, wie es das Einsichten-Buch glauben machen will, sondern er sprach von „jenem“ übelgesinnten Sklaven, von dem bereits in Vers 45 die Rede war. Das Einsichten-Buch sowie die davor zitierten Wachtturm-Veröffentlichungen bringen den Leser auf eine falsche Spur, indem ihn glauben gemacht wird, Jesus spreche hier von zwei verschiedenen „Sklaven“. Wofür steht dann aber in Vers 48 das auf Vers 45 zurückverweisende Demonstrativpronomen? Das ist Manipulation und eine Verdrehung der Schrift.
Einsichten über die Heilige Schrift, Bd. 2, S. 850.
6. Auflage 1997, S. 350.
Die Gute Nachricht, Matthäus 24:45-50.
Andere Bibelübersetzung sprechen von einer „großen Menge“ oder „großen Schar“.
Die „Gesalbten“ brauchen ja die „Untertanen“, also die „große Volksmenge“, auf der paradiesischen Erde, wenn sie sich im Himmel befinden. Diese Untertanen würden aber auf der Erde fehlen, wenn die „große Volksmenge“ als Gruppe „übelgesinnt“ werden und infolgedessen beim Endgericht nicht gut wegkommen würde. Wen sollten die Gesalbten denn dann vom Himmel aus regieren?


Von Ottonio
Hallo Theologe Frank,
wieso eigentlich so kompliziert?
Einfach CD-Rom der WTG einlegen und die WTG sich selbst widerlegen lassen:

Der treue und verständige Sklave

14 Der Herr Jesus hatte davon gesprochen, daß seine Jünger wachsam und stets bereit sein müßten. Nun stellte er eine Frage, die jeden seiner Jünger veranlaßte, sich zu prüfen, um festzustellen, ob er dem Messias Jehovas ergeben sei und in dessen Dienst Klugheit, Voraussicht und Unterscheidungsvermögen bekunde. Jeder Jünger konnte selbst entscheiden, was für ein Sklave er sein wollte, als er die Frage hörte, die der Herr stellte: „Wer ist in Wirklichkeit [oder: Wer also ist] der treue und verständige Sklave, den sein Herr über seine Hausknechte gesetzt hat, um ihnen ihre Speise zur rechten Zeit zu geben?" — Matthäus 24:45.

15 Da Jesus aus den inspirierten Prophezeiungen des Wortes seines Vaters wußte, daß es Empörer geben würde, die vom wahren christlichen Glauben abfallen und den christlichen Dienst aufgeben würden, stellte er mit Recht diese forschende Frage, die einen jeden seiner Jünger anging. Zeigt die Formulierung dieser Frage jedoch, daß er von einer bestimmten Person sprach, von einem seiner Jünger? Oder meinte er damit eine Gruppe von Jüngern? In dem Kritisch exegetischen Handbuch über das Evangelium des Matthäus von Dr. H. A. W. Meyer (1876) wird auf Seite 499 über den Ausdruck „Wer also" gesagt: „Wer also, der so vorliegenden Nothwendigkeit der Bereitschaft zufolge. Das Gefolgerte selbst erscheint in allegorischer Form, unter dem Bilde des do½loV [doulos (Sklave)] die Jünger darstellend, welche der Herr zur Leitung seiner Gemeinde verordnet hat, worin sie treu (1. Kor. 4, 1 f Þ4:1Ü.) und klug sein sollen ..." Beschränkt man indessen den Ausdruck „Sklave" auf die zwölf Apostel, leistet man der Lehre von der apostolischen Sukzession oder bischöflichen Sukzession Vorschub, nach der die geschichtliche Reihe der Bischöfe (Aufseher) bis zu den Aposteln eine ununterbrochene Kette bildet, in der jeder Bischof seine Ordination von einem früheren empfangen hat.

16 Verstehen wir aber den Ausdruck „treuer und verständiger Sklave" als Bezeichnung der gesamten Jüngerschaft (die Aufseher in der Christenversammlung inbegriffen), so schließt das die Lehre von der „apostolischen Sukzession" aus, die, wie die Geschichte zeigt, in der Christenheit großen Schaden gestiftet und zu großer Bedrückung geführt hat. Die Worte, mit denen der Jünger Markus Jesu Äußerungen über dieses Thema wiedergibt, zeigen, daß die gesamte Jüngerschaft gemeint ist. Wir lesen in Markus 13:34-36: „Es ist wie ein Mensch, der, als er außer Landes reiste, sein Haus verließ und seinen Sklaven Vollmacht gab, einem jeden seine Arbeit, und dem Türhüter gebot, wachsam zu sein. Wacht also beharrlich, denn ihr wißt nicht, wann der Herr des Hauses kommt [griechisch: érchetai], ob spät am Tage oder um Mitternacht oder beim Hahnenschrei oder frühmorgens, damit er euch, wenn er plötzlich eintrifft, nicht schlafend finde."

[...]

Ist anzunehmen, daß diese Klasse des „treuen und verständigen Sklaven" erst während der „Gegenwart" oder Parusie Christi, die 1914 begann, ins Dasein kam, da Jesus diesen „Sklaven" doch in seiner Prophezeiung über das Zeichen seiner „Gegenwart und des Abschlusses des Systems der Dinge" erwähnte?

22 Nein; denn in dem Gleichnis schildert Jesus den Herrn des „Sklaven" als einen Menschen, „der, als er außer Landes reiste, sein Haus verließ und seinen Sklaven Vollmacht gab". (Markus 13:34) Der „treue und verständige Sklave" ist also ein Sklave, den sein Herr „über seine Hausknechte gesetzt hat, um ihnen ihre Speise zur rechten Zeit zu geben". (Matthäus 24:45) Der „Herr" des „Sklaven" ging vor mehr als neunzehnhundert Jahren bei seiner Himmelfahrt weg, nachdem er diesem den Auftrag gegeben hatte, den „Hausknechten" die Speise zu geben. (Matthäus 28:16-20) Zu den „Hausknechten" gehörten keine Familienglieder des Herrn, sondern sie umfaßten nur das „Hausgesinde" (H. A. W. Meyer) oder die „Dienerschaft" (NT 68). Sie waren genauso Sklaven wie der „treue und verständige Sklave", der den Auftrag erhalten hatte, ihnen die Speise zu geben. Sie bildeten eine Gruppe von Sklaven, die ein und demselben „Herrn" unterstellt war. Alle waren verpflichtet, „treu und verständig" zu sein.

"Gottes tausendjähriges Königreich hat sich genaht" (1973), S.337-342

[...] Der König Jesus Christus verabscheut lauen Dienst und halbherzige Aufmerksamkeit. Er wünscht in seinem Königreich keine Heuchler.

23 Diesen wichtigen Gedanken hob Jesus in seinem Gleichnis vom ‘treuen und verständigen Sklaven’ und in dem von ‘jenem übelgesinnten Sklaven’ hervor. Diese Gleichnisse erzählte er, gleich nachdem er die Jünger aufgefordert hatte, sich zu jeder Zeit ‘als bereit zu erweisen’ (Matthäus 24:45-51). Denjenigen Jüngern Christi, die sich als treue, verständige und liebevolle Sklaven Jesu erweisen und die der verheißenen Weltregierung kompromißlos ergeben sind, steht ein großer Lohn in Aussicht. Wir dienen Jesus allerdings nicht lediglich um eines Lohnes willen. Dennoch hat er aus Anerkennung einen großartigen Lohn verheißen. Möchten wir diesen Lohn erhalten? Er ist die Alternative zu einer Bestrafung wegen Untreue (Lukas 12:35-46). [...]

Die herannahende Weltregierung — Gottes Königreich", 1977, S.158-159