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Eine Betrachtung aus christlicher Perspektive
Das Wort ‘Abtrünnigkeit’ ist eine deutsche Wiedergabe des vom Griechischen herkommenden Wortes ‘Apostasie’. Dieses Wort bedeutet nach der Erläuterung der Brockhaus-Enzyklopädie:

...ein Glaubensdelikt, der Abfall vom Glauben, wenn ein Getaufter den christl. Glauben völlig preisgibt oder eine grundlegende Wahrheit des Christentums ... leugnet...

Dieser Definition kann man sicher folgen, wenngleich sie durch die gängige Praxis der unterschiedlichsten Gemeinschaften geprägt ist, sie auf bestimmte (ehemalige) Gläubige anzuwenden. Doch möchten wir zuerst untersuchen, was denn die Bibel über Abfall oder Abtrünnigkeit sagt, wobei wir uns auf das Neue Testament beschränken.

Abtrünnigkeit aus biblischer Sicht 

Die Bibel spricht von Abtrünnigkeit und warnt davor; in 1.Timotheus 4:1-3 schreibt Paulus:

Der Geist aber sagt ausdrücklich, daß in späteren Zeiten manche von Glauben abfallen werden...

Abtrünnigkeit heißt also Abfall vom Glauben. Bedeutet das jedoch, dass der Zweifel an oder die Ablehnung jeder unbedeutenden Lehre und Auslegung schon Abtrünnigkeit ist? Paulus hatte unmittelbar vor dem genannten Zitat in 1.Tim. 3:16 Kernstücke des christlichen Glaubens, Wesensmerkmale des Christentums aufgezählt. Er spricht von Christus, der "geoffenbart" wurde "im Fleische, gerechtfertigt im Geist, gesehen von Engeln, gepredigt unter den Nationen, geglaubt in der Welt, aufgenommen in Herrlichkeit".

Von diesem Glauben abzufallen und auf Lehren von betrügerischen Geistern und Dämonen zu achten, würde zu Abtrünnigkeit führen. Paulus spricht hier vom Abfall von der Person und dem Werk Jesu Christi. Doch was haben die in 1.Timotheus 4:3 erwähnten Verbote zu heiraten und bestimmte Speisen zu genießen mit dem Abfall von Jesus zu tun? So bald man irgendwelche Vorschriften als notwendig zum Heil anordnet, verringert man das Werk Jesu, das Loskaufsopfer, macht es (teilweise) ungültig oder nicht ausreichend! Insoweit sind Vorschriften, die als zur Rettung unabdingbar erklärt werden – sie mögen daneben nützlich sein oder gute Wirkungen erzielen – immer ein Abfall von Jesus, dem Erlöser, der ein vollkommenes und ausreichendes Opfer für alle Gläubigen erbracht hat. Das war hier der Fall.

Abfall ist demnach eine zielbewusste und entschlossene Trennung von dem Mittel der Rettung, das Gott vorgesehen hat. Es mag Menschen betreffen, die der rettenden Wahrheit sehr nahe kommen, dann aber weggehen: Zwar mögen sie noch Jesus als einen ‘großen Menschen’, als Vorbild, einen Idealisten und Sozialreformer sehen, aber nicht an ihn als ‘das Lamm, das der Welt Sünde trägt’, glauben. Jesus gebrauchte das gleiche griechische Wort in Lukas 8:13 von Menschen, die nach kurzer Begeisterung dann in Versuchungen vom Glauben abfallen. Doch das Zentrum dieses Glaubens ist immer er (1.Kor. 2:2 und 3:11). Der Glaube bezieht sich auf den Inhalt der göttlichen Offenbarung über Christus, das, was das Christentum unterscheidet von allem anderen. Ein Abtrünniger wäre also jemand aus den Reihen der Gemeinde, der Christus ablehnt, aber nicht jemand, der an bestimmten Aussagen oder Handlungsweisen Kritik übt. Paulus hatte zum Beispiel vieles in Korinth zu korrigieren, auch falsche Auffassungen, und er bemühte sich um rechte Lehre, um die Menschen zu gewinnen, aber er hat sie nicht als Abtrünnige bezeichnet oder behandelt.

Die Schrift warnt vor Abfall, ja kündigt ihn an, spricht von Abgefallenen oder Abtrünnigen, die der Wahrheit nicht glauben (2.Thess. 2:3,12; 2.Petrus 3:3,17; Judas 4,18; Apostelgeschichte 20:29-30). Auch hier ist der Kernpunkt wieder der ‘Abfall von dem lebendigen Gott’ (Hebräer 3:12), so wie auch im Alten Testament Abtrünnigkeit immer Abfall von dem lebendigen Gott bedeutete und nicht etwa nur Kritik an Personen oder am System, sonst müsste man ja die Propheten als Abtrünnige bezeichnen

Solche Abtrünnige können sich in einer Gemeinde auch zu Leitern erheben, wie Paulus in Apostelgeschichte 20:29-30 ankündigt, es können Menschen sein, die nach außen hin gut und hingegeben wirken, sie können religiöse Bücher schreiben und eine große, eifrige Religiosität an den Tag legen. Dennoch ist es möglich, dass sie nicht Gott dienen, sondern die Menschen hinter sich selbst herziehen, weg von dem lebendigen Gott und seinem Christus. Sie können den Glauben zerstören (2.Tim. 2:17-18).

Apostasie (Abtrünnigkeit) war und ist eine immerwährende Gefahr für jeden Christen.

Abtrünnigkeit aus Sicht der Wachtturm-Gesellschaft 

Die Wachtturm-Gesellschaft (WTG) hat nun Apostasie, Abtrünnigkeit in einer viel umfassenderen und gleichzeitig viel spezielleren Weise definiert. In dem von ihr herausgegebenen Handbuch für Älteste "Gebt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde" wird auf den Seiten 90 und 91 gesagt:

Abfall oder Abtrünnigkeit bezeichnet ein Abstehen oder eine Abkehr von etwas, ein Abtreten, einen Aufstand (eine Rebellion); dazu gehört auch die Verbreitung von Irrlehren, die Unterstützung oder Förderung der falschen Religion sowie ihrer Feiertage und interkonfessionellen Aktivitäten (5.Mo. 13:13,15; Jos. 22:22, Fn.; Apg. 21:21, Fn.; 2. Kor. 6:14,15,17,18; 2.Joh. 7,9,10; Offb. 18:4).

Abfall oder Abtrünnigkeit schließt Handlungen ein, die gegen die wahre Anbetung Jehovas oder gegen die Ordnung gerichtet sind, die Jehova seinem Volk gegeben hat (Jer. 17:13; 23:15; 28:15,16; 2.Thes. 2:9,10).

Personen, die vorsätzlich Lehren verbreiten (hartnäckig daran festhalten und darüber reden), welche im Widerspruch zu der biblischen Wahrheit stehen, die Jehovas Zeugen lehren, sind Abtrünnige.

Durch das Verrichten weltlicher Arbeit für eine Glaubensgemeinschaft der falschen Religion könnte sich eine Person auf die gleiche Stufe mit jemand stellen, der Irrlehren verbreitet (2.Kor. 6:14-16).

Das Feiern eines Festes der falschen Religion ist mit irgendeinem anderen Akt der falschen Anbetung vergleichbar (Jer. 7:16-19).

In der Bibel wird folgendes verurteilt:

Das Verursachen von Spaltungen und das Fördern von Sekten.

Damit ist eine vorsätzliche Handlung gemeint, durch die die Einheit der Versammlung gestört oder das Vertrauen der Brüder in die Einrichtung Jehovas untergraben wird.

Es kann Abtrünnigkeit einschließen oder dazu führen (Röm. 16:17,18; Tit. 3:10,11).

Hier weicht die Definition von Abtrünnigkeit weit vom biblischen Gebrauch ab.

Handlungen, die gegen die Ordnung gerichtet sind, die Jehova seinem Volk gegeben hat...

gemeint ist die WTG-Ordnung! Aber nicht nur Handlungen gegen diese Ordnung bedeuten Apostasie, sondern auch schon die Tatsache, darüber zu reden und auf der freien Meinungsäußerung zu beharren!

Das Vertrauen der Brüder in die Einrichtung Jehovas zu untergraben...

schließt jede Kritik ein, auch vertrauliche Gespräche, die ja (wenn Verdacht auf solche Abtrünnigkeit besteht) zu melden sind. Das beste Beispiel dafür kann man nachlesen in dem Buch "Der Gewissenskonflikt" von Raymond Franz.

Diese Bestimmungen werden angewandt wie ein Gummiparagraph. Die WTG bestimmt, und wer nicht gehorcht oder Kritik übt, gerät in das Blickfeld derer, die überall Abtrünnigkeit vermuten, und damit ist man ganz schnell vor einem Rechtskomitee. Abtrünnigkeitskriterien können jederzeit geändert werden: heute Zivildienst, morgen Rauchen, heute Impfungen, morgen Bluttransfusionen, heute Teilnahme an Wahlen, morgen Geburtstagsfeiern. Nichts steht hier von der Abkehr von dem lebendigen Gott und seinem Christus, nichts auch vom eigenen Gewissen in christlicher Freiheit!

Zwar steht die WTG nicht allein in ihrer selbstgefertigten Auslegung von Abtrünnigkeit, aber kaum eine Gemeinschaft ist so rigoros, autoritär, selbstherrlich und menschenverachtend wie sie. Älteste, so mitfühlend sie sein mögen, sind durch die obigen Anweisungen gebunden, und in aller Regel stellen sie die Anweisungen der Organisation höher als die Weisungen der Schrift und das Beispiel Christi.

Auf diese Weise sind schon Hunderttausende zu Abtrünnigen ‘gemacht’ worden. Wenn sie später vielleicht wirklich den Glauben an Gott verloren haben, dann trägt die WTG einen Großteil der Verantwortung. Und diese Menschen werden nicht gerade ‘liebevoll’ behandelt. Man spricht viel über sie, warnt vor ihnen, belegt sie mit unfreundlichsten Bezeichnungen und Charaktermerkmalen. Jedoch kein Wort davon, dass nicht wenige dieser ‘Abtrünnigen’ fest im Glauben an Gott und Jesus Christus stehen. Eine solche Verhaltensweise spricht nicht für die Behauptung, den Gott der Wahrheit zu vertreten. Dazu kommt dann noch die Forderung an die Gläubigen, diese sogenannten Abtrünnigen auf eine Weise zu behandeln – selbst nahe Angehörige – die man nur als zutiefst unchristlich, ja unmenschlich und menschenverachtend bezeichnen kann, verbunden mit der Auswirkung, menschliches Mitgefühl und Nächstenliebe bei vielen Zeugen zwangsweise abzuwürgen.

Nennt nicht ‘Abtrünnigkeit...’ 

Gemäß Jesaja 8:12 ließ Gott dem Volk sagen:

Ihr sollt nicht alles Verschwörung nennen, was dieses Volk Verschwörung nennt.

 

In freier Abwandlung möchte ich sagen: "Nennt nicht alles Abtrünnigkeit, was diese Organisation Abtrünnigkeit nennt. Haltet euch vielmehr an die Definition der Bibel, die Raum gibt sowohl für das Bilden einer eigenen Meinung wie auch für Gewissensentscheidungen und die uns die Freiheit gibt, auch mit Abtrünnigen in christlicher Weise menschlich umzugehen, und werdet nicht wieder versklavt von Menschen, die ihre eigenen Richtlinien zum Maßstab für alle machen wollen als Herren über alle; wir haben als Christen nur einen Herrn und nur einen Gott; und bei ihnen wollen wir bleiben!"

...hat sie Gott auch dahingegeben in verkehrten Sinn, so dass sie tun, was nicht recht ist ... Zuträger..."

Römer 1:29 rev. Luther-Übersetzung 1984

Dieser Text, der die Beurteilung von Zuträgern, Ohrenbläsern usw. beinhaltet, ist auch der Wachtturm-Gesellschaft (WTG) nicht unbekannt, und man sollte meinen, dass sie tut, was sie kann, um Ohrenbläserei, Geschwätz und Verleumdung in ihren Reihen entgegenzutreten. Es gibt auch immer wieder einmal Artikel in ihren Publikationen, die einen entsprechenden Eindruck erwecken, und die zum gegenseitigen Vergeben auffordern.

So hat zum Beispiel der Wachtturm (WT) vom 15.10.1999 das Vergeben zum Hauptthema. ‘Ein wahrhaft christliches Thema!’ könnte man sagen. Das ist es auch! Wenn da nur nicht auf S.19 der Abs.7 wäre, der meines Erachtens deutlich macht, worum es der Organisation hier im Grunde geht.

Meldepflichtig! 

Der WT schreibt:

Gotteslästerung Abtrünnigkeit, Götzendienst und die geschlechtlichen Sünden Hurerei, Ehebruch und Homosexualität waren meldepflichtig und Älteste (oder Priester) mussten sich damit befassen. Das trifft auch auf die Christenversammlung zu (3.Mose 5:1; 20:10-13; 4.Mose 5:30; 35:12; 5.Mose 17:9; 19:16-19; Sprüche 29:24).

Selbstverständlich bin auch ich nicht der Meinung, dass ein Christ die Kenntnis krimineller Handlungen verschweigen sollte - auch nicht, wie es schon geschehen sein soll, um den guten Ruf der Versammlung zu bewahren (wie zum Beispiel geschehen in Fällen von Kindesmissbrauch oder sexuellen Missbrauchs) -, denn hier kommt ja auch die Verpflichtung eines Christen gegenüber der Öffentlichkeit gemäß Römer 13:1-2 ins Spiel. Aber von solchen kriminellen Delikten ist in dem WT-Artikel nicht die Rede, nicht von Mord, Diebstahl, Betrug, Missbrauch usw.

Dazu kommt, dass die ‘Meldepflicht mit eindeutig falsch angewandten Bibeltexten begründet wird, aus dem Gesetz Mose, unter dem ja Christen nach sonstiger Auslegung der WTG nicht mehr stehen. Wer aber meint, einen Teil des Gesetzes halten zu müssen, wäre verpflichtet, das ganze Gesetz zu halten (Galater 5:3).

Wenn man die vom WT angeführten Texte liest, wird man feststellen, dass darin keineswegs alle im WT-Text erwähnten Tatbestände dort angeführt werden. Nur der erste Text - 3.Mose 5:1 - spricht von einer Zeugnispflicht, dann nämlich - und nur dann - wenn man eine ‘gerichtliche Verfluchung’ (nach Wiedergabe der Menge-Übersetzung) gehört hat. Im gleichen Sinne äußert sich auch der angeführte Text von Sprüche 29:24 (siehe auch den konkreten Fall in Richter 17:2). In beiden Texten wird von Diebstahl geredet, den der WT nicht einmal erwähnt.

Gerichtliche Verfluchung

Wenn in Israel ein Vergehen oder Verbrechen angezeigt oder entdeckt wurde, ohne dass der Täter feststand oder bekannt war, dann wurde eine solche Verfluchung öffentlich bekannt gemacht und damit wurden mögliche Zeugen oder Mitwisser zur Aussage verpflichtet. Man könnte das unter Berücksichtigung aller sozialen Unterschiede mit Folgendem vergleichen: Es kommt vor, dass die Polizei oder die gesetzlichen Ermittlungsbehörden einen bestimmten Sachverhalt, ein Delikt, ein Verbrechen, öffentlich bekannt machen und dabei die Aufforderung ergehen lassen, dass Zeugen oder Mitwisser sich zur Aussage melden sollen.

Das ist etwas anderes als jede Angelegenheit oder ganz persönliche Dinge, die man erführe und die man vielleicht nicht billigt, zur Meldung oder zur Anzeige zu bringen. Was der WT hier im Grunde erwartet oder sogar verlangt, ist eine in den genannten Bereichen generelle gegenseitige Beobachtung (Bespitzelung?), was das gegenseitige Misstrauen unter den Zeugen fördert, und was letztlich dazu führt, dass viele nicht zu sagen wagen, was sie denken, was in ihren Herzen ist, falls ihre Gedanken nicht völlig mit der WTG übereinstimmen. Dazu wird jedem noch ein Schuldbewusstsein eingeflößt, wenn er der ‘Meldepflicht’ nicht nachkommt.

Tatbestände von der WTG definiert

Die Sachlage wird noch verschlimmert, wenn man bedenkt, dass die WTG die Tatbestände definiert. Ich will das an dem Beispiel der ‘Abtrünnigkeit’ aufzeigen. In dem Buch ‘Hilfe zum Verständnis der Bibel’ wurde ‘Abfall, Abtrünnigkeit’ wie folgt definiert:

Abfall vom Christentum

Gemäß 2. Thessalonicher 2:3 sagte der Apostel Paulus einen Abfall unter den Bekennern des Christentums voraus. Gewisse Abtrünnige nannte er sogar mit Namen, zum Beispiel Hymenäus, Alexander und Philetus (1.Tim. 1:19,20; 2.Tim. 2:16-19). Zu den verschiedenen Ursachen des Abfalls, vor denen die Apostel warnten, gehörten der Unglaube (Hebr. 3:12); das Fehlen der Bereitschaft, unter Verfolgung auszuharren (Hebr. 10:32bis 39); das Aufgeben sittlicher Grundsätze (2.Petr. 2:15 bis 22); die Beachtung "verfälschter Worte" von Irrlehrern und " irreführender inspirierter Äußerungen" (2.Petr. 2:1-2; 1.Tim. 4.1-3; 2.Tim. 2:16-19; vergleiche Sprüche 11:9) und der Versuch, "durch Gesetz gerechtgesprochen zu werden" (Gal. 5:2-4). Wer sich willentlich von der Christenversammlung lossagt, wird dadurch zu einem Teil des "Antichristen" (1.Joh. 2:18,19). Wie damals den abtrünnigen Israeliten, so wird auch den von der Christenversammlung Abgefallenen die Vernichtung vorhergesagt (2.Petr. 2:1; Hebr. 6:4-8).

Das scheint den Führern der WTG aber nicht genügend organisationsgebunden gewesen zu sein. In dem Folgewerk "Einsichten über die Heilige Schrift" heißt es unter dem gleichen Stichwort:

Abfall, Abtrünnigkeit 

Gemäß 2. Thessalonicher 2:3 sagte der Apostel Paulus einen Abfall unter den Bekennern des Christentums voraus. Gewisse Abtrünnige nannte er sogar mit Namen, zum Beispiel Hymenäus, Alexander und Philetus (1. Tim. 1:19, 20; 2. Tim. 2:16-19). Zu den verschiedenen Ursachen des Abfalls, vor denen die Apostel warnten, gehörten der Unglaube (Heb. 3:12); kein Ausharren unter Verfolgung (Heb. 10:32-39); das Aufgeben sittlicher Grundsätze (2. Pe. 2:15-22); die Beachtung "verfälschter Worte" von Irrlehrern und "irreführender inspirierter Äußerungen" (2. Pe. 2:1-3; 1. Tim. 4:1-3; 2. Tim. 2:16-19; vgl. Spr. 11:9) und der Versuch, "durch Gesetz gerecht gesprochen zu werden" (Gal. 5:2-4). Abtrünnige mögen sich zwar weiterhin zum Glauben an das Wort Gottes bekennen, geben aber den Dienst für Gott auf, indem sie das Werk des Predigens und Lehrens, das er den Nachfolgern seines Sohnes aufgetragen hat, mit Geringschätzung betrachten (Luk. 6:46; Mat. 24:14; 28:19, 20). Sie mögen auch vorgeben, Gott zu dienen, lehnen aber seine Vertreter, seine sichtbare Organisation, ab und beginnen, ihre ehemaligen Mitverbundenen zu "schlagen" und deren Werk zu behindern (Jud. 8,11; 4. Mo. 16:19-21; Mat. 24:45-51). Abtrünnige versuchen oft, andere zu ihren Nachfolgern zu machen (Apg. 20:30; 2. Pe. 2:1, 3). Wer sich willentlich von der Christenversammlung lossagt, wird dadurch zu einem Teil des "Antichristen" (1. Jo. 2:18,19). Wie damals den abtrünnigen lsraeliten, so wird auch den von der Christenversammlung Abgefallenen die Vernichtung vorhergesagt (2. Pe. 2:1; Heb. 6:4-8; siehe GESELLSCHAFT, UMGANG).

Man fügte also ein:

Abtrünnige mögen sich zwar weiterhin zum Glauben an Gottes Wort bekennen, geben aber den Dienst für Gott auf, indem sie das Werk des Predigens und Lehrens, das er den Nachfolgern seines Sohnes aufgetragen hat, mit Geringschätzung betrachten ... Sie mögen auch vorgeben, Gott zu dienen, lehnen aber seine Vertreter, seine sichtbare Organisation, ab und beginnen, ihre ehemaligen Mitverbundenen zu "schlagen" und deren Werk zu behindern Abtrünnige versuchen oft, andere zu ihren Nachfolgern zu machen...

Hier wurde der Begriff der Abtrünnigkeit schwerpunktmäßig im Interesse der Organisation geändert, in einem Werk, das unter den Zeugen oft als ‘Bibellexikon’ bezeichnet wird. Im gleichen Geist schreibt das Handbuch für Älteste "Gebt acht auf euch selbst und die Herde" auf den S. 94 und 95 bezüglich Abfall, Abtrünnigkeit:

Abfall oder Abtrünnigkeit schließt Handlungen ein, die gegen die wahre Anbetung Jehovas oder gegen die Ordnung gerichtet sind, die Jehova seinem Volk gegeben hat Personen, die vorsätzlich Lehren verbreiten (hartnäckig daran festhalten und darüber reden), welche im Widerspruch zu der biblischen Wahrheit stehen, die Jehovas Zeugen lehren, sind Abtrünnige.

Demnach ist schon eine vertrauliche kritische Unterhaltung im privaten Kreis, das Verleihen eines kritisch geschriebenen Buches, das Äußern von Zweifeln usw. meldepflichtig, da geeignet, das Vertrauen in die Einrichtung Jehovas zu untergraben. Anscheinend sind von der WTG nur noch ‘Claqueure’ (Beifallspender) gefragt! Offener Gedankenaustausch in Verbindung mit eigenem Nachsinnen über Aussagen der Schrift kann gefährlich sein! Dies wäre meldepflichtig!

<Was, wenn jemand bei dem Thema „Abtrünnige" sagen würde: "Das ist genauso als wenn man mit einem Schornsteinfeger ringt. Man gewinnt vielleicht, aber man wird auf jeden Fall dabei dreckig" oder "Hinter den Aussagen Abtrünniger steckt womöglich Satan"?

Übrigens, Brüder, alles, was wahr, alles was ehrbar, alles was gerecht, alles was rein, alles was liebenswert, alles was wohllautend ist, wenn es irgendeine Tugend und wenn es irgendein Lob gibt, das erwägt!

Das heißt, sich ganz allgemein mit guten, schönen, wertvollen Dingen beschäftigen!

 

Dem Betreffenden genügt diese Strafe von den meisten der Gemeinde...’!

Also haben sich nicht alle an der Gemeindezuchtmaßnahme beteiligt. Vielleicht hatte er Verwandte, Freunde oder gute Bekannte, die zwar nicht die Maßnahme der Gemeinde beachteten, ihn aber in anderer Weise ermahnten. Auf jeden Fall wurden diese Personen nicht getadelt und noch weniger selbst bestraft. Das ist das biblische Beispiel.

Wie steht es mit 2. Johannes 10-11? Hier geht es gar nicht um Personen, die wir kennen oder kannten, und welche die Versammlung verlassen haben! Als Johannes den 2. und 3. Brief schrieb, Ende des ersten Jahrhunderts, gab es viele christliche Wanderprediger, die in ihrem Werk oft – auch mit Empfehlungsbriefen – die Gastfreundschaft anderer Christen in Anspruch nahmen, weil die öffentlichen Herbergen und Gasthäuser häufig Zentren der Unehrlichkeit und Sittenlosigkeit waren. Das geht deutlich auch aus dem 3. Brief, Verse 5-8 hervor (leider kam auch Unrecht vor in diesem Zusammenhang: Vers 10). Es gab aber auch Wanderprediger anderer Gemeinschaften, darunter Gnostiker, die behaupteten, an Christus zu glauben, aber die nicht anerkannten, dass Christus ‘Fleisch’, das heißt Mensch geworden war. Aber die Lehre, dass der Logos, Jesus Christus, Fleisch, also Mensch wurde, ist eine grundlegende Aussage der Bibel. Wenn Jesus nicht wirklich Mensch geworden wäre, sondern zum Beispiel nur ein verkörpertes Geistwesen, dann hätte er das Lösegeld nicht bringen können. Hier ging es um das Zentrum des christlichen Glaubens, darum sagte Johannes in seinem 2. Brief, in den Versen 7 und 10:

... Wenn jemand zu euch kommt und diese Lehre nicht bringt, so nehmt ihn nicht ins Haus auf und grüßt ihn nicht!

Hier geht es nicht um ‘zweitrangige’ Lehrpunkte, über die man auch als Christen diskutieren kann, sondern um die Grundlage des christlichen Glaubens, und es geht um fremde Personen, nicht um Verwandte oder Bekannte. Daher ist der Text nicht anwendbar als Begründung, mit Ehemaligen nicht zu sprechen.