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Für Jehovas Zeugen gelten die in den Publikationen der Wachtturm-Gesellschaft (WTG) veröffentlichten Belehrungen, Anweisungen und Ermahnungen als ‘Speise zur rechten Zeit’, ausgeteilt von der Leitenden Körperschaft (LK) im Auftrag des ‘treuen und verständigen Sklaven’ (Matth. 24:45). Vor allem gilt dies für die im Wachtturm (WT) niedergeschriebenen Darlegungen.

Ohne hier jetzt auf die Mißdeutung des in Matth. 24:45 angeführten Gleichnisses Jesu einzugehen, muß man sagen, dass die Veröffentlichungen der WTG und ihrer LK aus ihrer Sicht tatsächlich in gewisser Weise ‘Speise zur rechten Zeit’ darstellen; die WTG erhält durch Berichte ihrer reisenden Aufseher wie auch durch andere Informationen fortgesetzt Schilderungen über die Zustände in den Versammlungen und versucht, je nach Bedarf bestimmten Haltungen oder Entwicklungen gegenzusteuern, das Verhalten zu lenken oder zu vermehrter Tätigkeit anzuspornen und zur Einheit in ihrem Sinne zu beeinflussen. So ist also vor allem der WT ein herausragendes Lenkungsmittel der LK.

Wer die WT der letzten Jahre aufmerksam gelesen hat, dem ist sicher aufgefallen, in wie erheblichem Mass immer wieder die Organisation, der ‘Sklave’ und die LK in den Mittelpunkt gerückt werden; kaum einen WT gibt es, in dem nicht auf die Rolle dieses ‘Kanals Gottes’ hingewiesen, Loyalität für ihn gefordert und Anerkennung seiner Autorität angemahnt wird. Wenn dies ‘Speise zur rechten Zeit’ ist, dann scheint es auf diesen Gebieten in den Versammlungen erhebliche Defizite zu geben oder aber es werden solche Defizite befürchtet; die Äußerungen, die man dabei über Kritiker und solche, die unabhängig denken, macht, deuten an, dass man sich auch nicht scheut, durch Druck über die Ältesten oder durch Gruppendruck diese Anerkennung im Namen der Einheit herbeizuführen, auch wenn das Ergebnis sein sollte, dass keiner mehr offen zu sagen wagt, was er wirklich denkt.

Ein aktuelles Beispiel für einen ‘Organisations-WT’ ist der WT vom 15.01.2001. Darin werden u.a. folgende Themen behandelt: ‘Jehovas Zeugen - mit fester Überzeugung gehen sie voran!’, ‘Aufseher und Dienstamtgehilfen theokratisch ernannt’, ‘Halten wir Schritt mit Jehovas Organisation’, ‘Inwiefern sich die leitende Körperschaft von einer Rechtskörperschaft unterscheidet’ und ‘Eine besondere Bekanntmachung’. Diese Artikel sind voller Selbstbeweihräucherung und Selbstverherrlichung, was schon fast an Verhältnisse erinnert, wie sie vor 50 Jahren in einem osteuropäischen Land herrschten, wo es unmöglich war, eine Ansprache zu halten, ohne dem dortigen Generalissimus und Vorsitzenden des Zentralkomitees der Partei zu huldigen, ihn zu loben und ihm zu danken. Auf den wenigen Seiten des WT vom 15.01.2001 wird die LK 46x - ja, sechsundvierzig Mal - namentlich erwähnt, der ‘treue und verständige Sklave’ wurde 18x genannt und das ‘theokratisch organisierte Volk, die theokratische Organisation, die sichtbare Organisation Gottes, die irdische Organisation Gottes und die fortschreitende Organisation’ 24x. Das war selbst altbewährten und allgemein loyalen Zeugen doch ein wenig viel, und es gab - natürlich ‘hinter vorgehaltener Hand’ - auch von solchen eine ganze Reihe von Bemerkungen, die der LK sicher nicht gefallen würden. Dass sie es für notwendig fand, einen solchen WT zu schreiben, aber auch wagen konnte, ihn so zu schreiben, läßt Schlüsse in unterschiedliche Richtungen zu. Es scheint, dass ihr ihre Autorität das Wichtigste ist, worum es ihr geht; aber sie scheint auch die Zeugen so im Griff zu haben, dass sie ihnen, ohne Widerspruch befürchten zu müssen, einen solchen WT vorsetzen kann.

Die oben angeführten WT-Artikel wurden als Ansprachen während der jährlichen Mitgliederversammlung der WTG am 7.10.2000 in Jersey City (New Jersey), USA, gehalten. Wie üblich suchte man auch eine biblische Begründung - wenn nicht Voraussage - für die dort bekanntgegebenen organisatorischen Änderungen und fand sie in dem im WT dreimal angeführten Text aus Jesaja 60:17 (Ähnlich hatte man ja schon in dem von der WTG herausgegebenen Buch über das Bibelbuch Daniel die in Dan. 8:14 erwähnte Zeitspanne von 2300 Abende und Morgen auf organisatorische Änderungen bezogen, zuerst von 1926-1932, jetzt von 1938-1944, ohne die Änderung näher zu begründen; ob man hier noch von seriöser Bibelinterpretation sprechen kann, möge der Leser beurteilen). Es scheint, dass die WTG die Notwendigkeit empfindet, jede noch so unbedeutende organisatorische Änderung biblisch zu ‘legitimieren’.

Dennoch bespricht der WT vom 15.01.2001 in den genannten Artikeln einige Punkte, die geeignet sein können, manche unter Jehovas Zeugen zum Nachdenken anzuregen. Dazu einige Beispiele:

S.17 Abs.3: Natürlich ist die Zahl der Zeugen Jehovas und ihrer Mitverbundenen kein Kriterium dafür, zu ermitteln, ob sie Gottes Gunst genießen; genau so wenig lasst sich Gott durch statistische Angaben beeindrucken.

Seit wann vertritt man diesen Standpunkt? Hat man nicht immer - in Ansprachen auf Kongressen und in den Zusammenkünften usw. - das Wachstum der Organisation als Zeichen des Segens und der Billigung Jehovas dargestellt? Will man jetzt die Tatsache, dass andere Religionen schneller wachsen als die eigene, als unwesentlich hinstellen? Zweierlei Mass?

S.18 Abs.5 und S.19 Abs.9: Angesichts dessen, dass wir in den ‘,letzten Tagen" leben, müssen wir mit Jehovas fortschreitender Organisation unbedingt Schritt halten ... wir werden nur dann auf der Siegerseite stehen, wenn wir mit Jehovas Organisation Schritt halten.

Soll das heißen, dass die Rettung nur in Verbindung mit der Organisation möglich ist und nicht mehr durch den Erlöser Christus allein? Wird die Organisation langsam zum ‘Neben-vermittler’, nachdem Jesus in der Neuen-Welt-Übersetzung der WTG zum ‘Hauptvermitt1er’ (Hebr. 12:2) ernannt wurde?

S.18 Abs.8: Gestützt auf den immer wieder - und immer wieder zu Unrecht - zitierten Text aus Sprüche 4:18 werden ‘Lichtstrahlen’ aus der Vergangenheit angeführt (wie kommt man nur auf den Gedanken, dass der Text nicht etwa das Leben eines Gerechten dem Leben eines Gesetzlosen gegenüberstellt, sondern von Lehränderungen der WTG spricht?), z.B.:

S.19 Abs.9: das erst 1925 empfangene Verständnis über die ‘himmlischen Ereignisse’ des Jahres 1914. Demnach hatte man die ganzen Jahrzehnte vorher falsche Prognosen über 1914 verkündet.

S.19 Abs.12: "Bis in die 1930er Jahre hinein waren sich viele aus Gottes Volk etwas unsicher, was ihre Hoffnung auf künftiges Leben betraf." Viele aus Gottes Volk? Nicht die Leitung der WTG? Wer entscheidet denn über Lehrpunkte? Waren sich nicht die einzelnen Zeugen damals alle ihrer himmlischen Hoffnung ‘sicher’? Hat nicht die WTG durch die Lehränderung von 1935 - von Präsident Rutherford mit viel Druck durchgesetzt - Unsicherheit geschaffen?

S.19 Abs.14: ... zahlreiche Lichtstrahlen ...: dazu gehörten ja auch die Lichtstrahlen über Römer 13; im Jahre 1929 ‘brach doch das helle Licht hervor’, dass die obrigkeitlichen Gewalten nicht die politischen Mächte, sondern Jehova Gott und Christus seien; leider hat sich dieser Lichtstrahl als Irrlicht erwiesen und wird deshalb hier nicht erwähnt.

S.21 Abs.22: "Die Königreichsinteressen auf der Erde wurden dem ‘treuen und verständigen Sklaven’ anvertraut, der durch die leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas vertreten wird." Dieser Sklave, der ja aus den gesalbten Zeugen mit himmlischer Hoffnung bestehen soll, wird demnach durch die LK vertreten, die ja, wie dieser WT an anderer Stelle deutlich macht, aus den 7 nach demokratischen Recht gewählten Vertretern der gesetzlichen Körperschaft von Pennsylvanien (Präsident, Direktoren) hervorging; wann jedoch hätten die Gesalbten diese Männer je mit ihrer Vertretung beauftragt? Hat man sich nicht einfach eine solche Vertretung angemasst? Wann wurden die Gesalbten je nach ihrem Einverständnis bei Lehr- oder anderen Änderungen gefragt? Die dargestellte Situation entspricht in keiner Weise der Realität.

S.21 Abs.23: "Er [Gott] verleiht verantwortlichen Brüdern auch Einsicht und Unterscheidungsvermögen, damit sie für weiteren Fortschritt und für Verbesserungen in der theokratischen Organisation gerüstet sind." Werden Entscheidungen über Lehrpunkte wie auch über andere Massnahmen nicht durch Abstimmungen mit qualifizierter Mehrheit herbeigeführt?

S.30 Abs.3: Hier wird zutreffend deutlich gesagt, dass man den Namen ‘Jehova’ auch an 237 Stellen in den Christlichen Griechischen Schriften (Neues Testament) eingesetzt hat ‘wo nach sorgfältigen Untersuchungen eine solche Einsetzung gerechtfertigt war’. Viele einfache Zeugen vertreten nämlich die Meinung, in den Urschriften des Neuen Testaments sei der Name Jehova, den Jesus und die Apostel sicher gebraucht hätten, enthalten gewesen, und irgend welche späteren Vertreter der Christenheit hätten diesen Namen entfernt. Hier wird nun wenigstens zugegeben, dass man den Namen eingesetzt hat, zwar nach sorgfältigen Untersuchungen, aber eben nach Gutdünken. Etwas in einen Text einzusetzen, das dieser Text nie enthielt: ist das ‘Wiederherstellung’ oder ‘Änderung’, um nicht zu sagen ‘Fälschung’?

Besonderen Wert legt der WT auf die theokratische Weise der Ernennungen von Aufgabenträgern. Ernennungen kämen von Jehova und würden durch seinen Heiligen Geist bewirkt (S.16 Abs.19). Sie werden von der LK oder ihren Beauftragten vorgenommen (S.15 Abs.15). Dabei wird gesagt (S.13 Abs.7), die Leitung der Organisation sei weder kongregationalistisch, hierarchisch noch presbyterianisch. Trifft dies aber zu? Die Strukturen der Organisation - wie gelegentlich auch anerkannt - sind eindeutig hierarchisch. Warum sträubt man sich in diesem Zusammenhang, eine solche Organisationsform anzuerkennen?

Man möchte auf keinen Fall demokratische Elemente in diesen Ernennungsverfahren anerkennen, und führt als biblisches Beispiel Apg. 6:1-3 an; dieses Beispiel scheint aber geradezu ein Gegenbeispiel zu sein, denn die Aufforderung der Apostel ging an die ganze Gemeinde (‘ihr lieben Brüder’), und in dem nicht angeführten Vers 5 wird dann gesagt: ‘sie erwählten...’. Diese doch relativ demokratisch erwählten Männer wurden dann von den Aposteln mit den Aufgaben betraut; aber gewählt worden waren sie von der Gemeinde oder Versammlung.

S.29 Abs.2: Die leitende Körperschaft der Sklavenklasse wird nicht von irgendeinem Menschen ernannt. Sie wird von Jesus Christus ernannt.

Wie denn? Sendet er einen Boten? Werden nicht vielmehr neue Mitglieder der LK eben von dieser ausgewählt durch Abstimmung? Demokratie auf oberster Ebene? Warum diese Vernebelungstaktik?

Seit wann gibt es überhaupt eine LK? Der WT will vermitteln, dass es eine LK (wie auch den ‘Sklaven’) schon seit dem Jahre 33 u.Z. gegeben habe (S.29 Abs.1). Da es ja nach zutreffender Auffassung der WTG zu allen Zeiten ‘wahre Christen’ gegeben hat, wer war dann die LK z.B. im Mittelalter? Und von welchem Sklaven, von welcher LK empfing Charles T. Russell seine ‘Speise zur rechten Zeit’?

Der WT gibt Hinweise (S.28 Abs.3-7, S.29 Abs.3), dass ursprünglich die Vertreter der pennsylvanischen Körperschaft die Leitung der Gesellschaft bildeten, die bis 1944 von den durch Geldspenden stimmberechtigten Anteilseignern gewählt wurden (seit 1944 von 500 ausgewählten Mitgliedern der Gesellschaft; war das theokratisch?); diese gewählten Vertreter sollen nun - im Rückblick - identisch gewesen sein mit der LK; doch da die Glieder der LK nicht gewählt würden, wie war es dann, wenn ein Glied der Vertreter ‘abgewählt’ wurde? Verlor die betreffende Person dann auch den Status eines Gliedes der LK? Es hat eher den Anschein, dass damals niemand von einer LK wußte und man jetzt versucht, eine neue Struktur den alten Verhältnissen überzustülpen.

Laut WT S.31 habe sich die LK jetzt völlig von den Aufgaben der Rechtskörperschaften zurückgezogen, um sich mehr dem Gebet, dem Dienst am Wort und den geistigen Bedürfnissen der weltweiten Bruderschaft anzunehmen. Man darf gespannt sein, ob dies dazu führt, dass jetzt auch der einzelne kleine Zeuge, vielleicht sogar Schwestern, mit ihren Anliegen und Sorgen Gehör finden werden, oder ob die bisher übliche Reaktion - Ableitung über die Verwaltungsstufen bis zu den Ortsältesten - weiterhin gängige Praxis bleiben wird. So war es jedenfalls noch kürzlich im Fall einer Schweizer Schwester, die wegen ihres Gemeinschaftsentzugs sich an ein Glied der Leitenden Körperschaft um Hilfe wandte; sie schrieb sogar zweimal. Aber sie war wohl zu unbedeutend und gering, um Beachtung zu finden.

Der WT vom 15.01.2001 stellt m.E. ein Konglomerat von Aussagen dar mit dem einen Ziel, die Autorität der LK zu stärken und jegliche selbständigen, um nicht zu sagen kritischen Gedanken schon im Ansatz zu ersticken. Als Christ hoffe ich, dass wenigstens einige Zeugen durch diese ‘geballte Ladung’ von Autoritätssucht und Unterordnungsverlangen dazu aufwachen würden, ihre Freiheit in Christus wieder zu suchen, für die ihr Herr gestorben ist.