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Für einen Zeugen Jehovas ist die Antwort auf diese Frage einfach und eindeutig; sie lautet deutlich: nein!!! In einem Artikel des Wachtturms vom 15.12.1994 wird diese Haltung auch begründet. Doch bevor man die Begründungen näher betrachtet, sollte man unvoreingenommen die Aussagen der Bibel anhören.

Enge Verbundenheit

Dass zwischen Nachfolgern Jesu und ihrem Herrn eine enge Verbundenheit herrschen sollte, geht aus der Schrift deutlich hervor. Dazu einige Texte:

  • "Wenn jemand den Herrn nicht lieb hat, der sei verflucht." (1. Korinther 16:22)
  • "... ich bin bei euch alle Tage ..." (Matthäus 28:20)
  • "Dieser ist mein geliebter Sohn, ihn hört!" (Markus 9:7)
  • "Meine Schafe hören meine Stimme ... und sie folgen mir." (Johannes 10:27)
  • "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben ... getrennt von mir könnt ihr nichts tun." (Johannes 15:5)

Dieser engen Verbundenheit von Christen mit ihrem Herrn werden auch Jehovas Zeugen wohl nicht widersprechen; dennoch wird man sie unter ihnen – von einzelnen abgesehen – nicht finden. Wieso? Wer immer auch engeren Kontakt zu Jehovas Zeugen hat, wird feststellen, dass sie von Jehova und seinem Namen sprechen. Auch ihre Leitung, der treue und verständige Sklave, wird ständig erwähnt, Jesus hingegen selten. Er ist eher ein Lehrpunkt, der besprochen wird, wenn es das Programm vorsieht, wie zum Beispiel vor dem Gedächtnismahl, oder er wird als Vorbild im Predigtdienst erwähnt. Dass er aber als Herr in den Herzen und auf den Lippen der einzelnen Zeugen lebt, das ist nicht der Fall.

Auf einem Kreiskongress im Dezember 2006 wurde am Samstag die Theokratische Predigtdienstschule abgehalten. Dabei hielt ein Zeuge eine Ansprache von etwa 5 Minuten Dauer, in der er dreizehn Mal den Namen Jehova erwähnte, den Namen Jesus nicht ein einziges Mal. Zufall? In der Taufansprache am gleichen Tag wurde ständig von Jehova gesprochen, von Jesus wurde nur gesagt, dass er und die Engel sich über die Täuflinge freuen würden, und dass diese wie Jesus bei ihrer Taufe beten sollten. Sonst nichts! Von der Rolle Jesu als Hirte, als Weinstock, als Herr usw. kein Wort! Auch die Taufformel aus Matthäus 28:19 wurde nicht erwähnt, auch nicht, dass sie auf den Namen Jesu getauft würden. Dagegen wurde der Sklave hervorgehoben, ihm müssten die Täuflinge künftig unbedingt loyal und gehorsam sein, ihm müssten sie folgen! Sie hätten doch alles, was sie wüssten, von ihm erhalten, er gäbe ihnen Speise in Form von Druckschriften usw.. Nähe zu Jesus? Fehlanzeige! An diesem ganzen Tag war Jesus kein Thema.

Aber das beantwortet noch nicht die Frage, ob man zu Jesus beten solle oder dürfe.

Jesus anbeten?

Das Gebet kann in unterschiedlichen Formen auftreten, als Lobpreis, Dank, Bitte oder Fürbitte, meist besteht es aus einer Mischung aus mehreren dieser Formen. Haben die Jünger solche Gebete an Jesus gerichtet? Als Jesus auf Erden war, trat er für die alleinige Anbetung Gottes, seines Vaters, ein (Matthäus 4:10), das war das Gebot des Gesetzes (2. Mose 20:2-5; 5. Mose 6:13; 10:20). Er betete nur den Vater an. Aber wie war es nach seiner Auferstehung? War es vielleicht auch der Wille des Vaters, der ja dem Sohn alle Macht, sogar das Gericht übertragen hatte, dass die Menschen nun in ein anderes Verhältnis zu Jesus treten, ja dass sie ihn anbeten sollten (Johannes 5:23)?

Dazu folgende Texte:

  • "Thomas antwortete und sprach zu ihm: 'Mein Herr und mein Gott' " (Johannes 20:28)
  • "Herr Jesus, nimm meinen Geist auf." (Apostelgeschichte 7:59)
  • "... allen, die an jedem Ort den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen" (1.Korinther 1:2)
  • "... alle zu binden, die deinen Namen anrufen ... zugrunde richten, die diesen Namen anrufen" (Apostelgeschichte 9:14,21)
  • "Und alle Engel Gottes sollen ihn anbeten." (Hebräer 1:6)

Das Wort proskyneo, das hier wie an vielen anderen Stellen, z.B. Luk. 24:52, verwendet wird, bedeutet nach dem Wörterbuch zum Neuen Testament von Bauer-Aland "niederkniend huldigen, anbeten, fußfällig verehren; .... Jesus, der als messian. König u. himml. Helfer fußfällig verehrt u. angebetet wird".

The complete Wordstudy Dictionary New Testament sagt unter dem gleichen Stichwort: "anbeten, gehorchen niederfallen vor jemanden.

Auch Niederwerfen oder Huldigen vor anderen Göttern war den Juden laut 2. Mose 20:4 verboten. Aber vor Jesus warfen sich die Jünger anbetend und huldigend nieder.

In Offenbarung 4 wird die Anbetung Gottes des Vaters geschildert, dabei wird in den Versen 9-11 gesagt, dass man Gott Herrlichkeit und Ehre und Danksagung gab, ihm Herrlichkeit, Ehre und Macht zusprach.

In Kapitel 5 der Offenbarung wird dann von dem Lamm, von Jesus gesprochen; in den Versen 12-14 wird dem Lamm Macht und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Herrlichkeit und Lobpreis zugesprochen. Und sie beteten an, nämlich das Lamm!

Weitere Texte:

  • "... damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge..." (Philipper 2:10-11)
  • "... damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren" (Johannes 5:23)
  • "... habe ich dreimal den Herrn angerufen ..." (2. Korinther 12:8)
  • Wenn Paulus hier vom Herrn spricht, dann spricht er von Jesus (1. Korinther 8:6)

Die Bibel schließt sogar – von dem Segenswunsch des Johannes abgesehen – mit einem Bittgebet an Jesus: "Amen, komm, Herr Jesus!" (Offenbarung 22:20). Und das stimmt überein mit den Worten des Petrus in Apostelgeschichte 4:12, dass "in keinem anderen Heil ist als allein im Namen Jesu, kein anderer Name ist den Menschen gegeben, darin sie gerettet werden können", und daher wurden auch alle Zeichen und Taten der Apostel im Namen Jesu ausgeführt.

Nun mag jeder für sich entscheiden, ob Christen mit Jesus sprechen und ob sie ihn anbeten dürfen oder sollen.

Einwände

Natürlich sind diese Texte auch der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas bekannt, und sie hat in dem eingangs erwähnten Artikel einige aufgegriffen. (Ich überlasse es dem Urteil des Lesers, ob diese Einwände stichhaltig sind.)

So wird zum Beispiel von Stephanus und Johannes zugegeben, dass sie mit Jesus sprachen, aber mit ihm sprechen sei noch keine Anbetung: "Selbst das Sprechen zu Gott ist an sich noch kein Gebet." Wenn das so ist, warum sprechen dann die Zeugen nicht mit ihrem Herrn, mit Jesus? Ich habe in vielen Jahrzehnten noch keinen mit Jesus sprechen erlebt oder auch nur davon gehört.

"Im Namen Jesu das Knie zu beugen", so wird erklärt, bedeute, Gebete "im Namen Jesu" an Gott zu richten, in keinem Fall aber an Jesus direkt. Erscheint diese Erklärung einleuchtend oder überzeugend? Ist es nicht so, dass ich vor jemanden das Knie beuge, wenn ich mich an ihn direkt wende?

Den Namen Jesu anzurufen, wie der erste Korintherbrief und die Apostelgeschichte berichten, bedeute, sich öffentlich zu Jesus zu bekennen. Wenn ich also zum Beispiel in Gesprächen mit Dritten mich zu meinem leiblichen Vater bekenne, dann – so die Wachtturm-Deutung - "rufe ich ihn an"? Was soll man von einer solchen Erklärung halten? Das kann sich jeder selbst überlegen.

Auch die Studienbibel der Zeugen Jehovas vermerkt in ihrer Fußnote zu Johannes 14:14, dass zahlreiche griechische Manuskripte dort sagen: "Wenn ihr mich ... bittet!" Vielleicht wird das nicht als Gebet, sondern als bloßes Sprechen angesehen. Aber, wie schon gesagt, warum sprechen Jehovas Zeugen nicht mit Jesus Christus, dem Herrn?

Diese Frage wird in dem Wachtturm-Artikel wie folgt beantwortet:

Wie kommuniziert Jesus heute mit seinen wahren Nachfolgern? Als Veranschaulichung diene das, was Paulus über die Versammlung gesalbter Christen schrieb. Er verglich sie mit einem Leib und Jesus Christus mit dem Haupt. Das ‚Haupt‘ versorgt die Glieder des geistigen Leibes mit dem, was sie benötigen, durch ‚Gelenke und Bänder‘ oder die Mittel und Vorkehrungen, durch die seine Versammlung mit geistiger Nahrung versorgt wird und Anleitung erhält (Kolosser 2:19). In ähnlicher Weise gebraucht Jesus heute ‚Gaben in Form von Menschen‘ oder geistig befähigte Männer, die in der Versammlung die Führung übernehmen und nötigenfalls Zurechtweisung erteilen. Es ist nicht vorgesehen, daß die Glieder der Versammlung direkt mit Jesus Kontakt aufnehmen oder zu ihm beten, sondern sie sollen – ja müssen – auf alle Fälle zu Jesu Vater, Jehova Gott, beten (Epheser 4:8-12).

Das heißt also:

'Du hast keinen direkten Zugang zu deinem Herrn, zu Jesus, der für dich gestorben ist. Wenn aber die "befähigten Männer" in der Versammlung mit dir reden, dich zurechtweisen, dann spricht Christus mit dir'!

Ist das nicht arrogant, autoritär, anmaßend? Und wenn man sich dann die Befähigung vieler dieser Männer anschaut, so besteht sie oft im Wesentlichen in absoluter Loyalität gegenüber der Organisation. Ohne verletzend sein zu wollen, hat man doch manchmal den Eindruck: Wenn man das Sprichwort ernst nähme‚ "wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand", dann müsste man schließen, dass nicht Wenige ihr Amt nicht von Gott haben. Aber warum sollte man sich über eine derartige Anmaßung wundern, wenn man die Selbstbeweihräucherung und die Anmaßung der Leitung der WT-Organisation in Betracht zieht?

Zurück zu unserer Titelfrage: Jeder entscheidet selbst, ob die Aussagen der Schrift oder die Deutungen der Wachtturm-Organisation - neuerdings auch als Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas bezeichnet - für das eigene Leben maßgebend sein sollen.

Den Christen unter uns wünsche ich dabei Gottes Segen!