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Ich möchte hier auf einige der Probleme eingehen, in die Kinder leicht geraten können, wenn sie in totalitären Glaubensgemeinschaften, wie z.B. der Wachtturmgesellschaft (den Zeugen Jehovas) aufwachsen.

Ich selbst war nie Zeuge Jehovas. Meine Beurteilung stützt sich deshalb hauptsächlich darauf, was die Wachtturmgesellschaft selbst in ihren Zeitschriften (z.B. "Wachtturm" - VT - und "Erwachet!") vermittelt, aber aus Platzgründen werde ich ihre Schriften wenig zitieren.

Der Ordnung halber: Aus verschiedenen Gründen, die ich hier nicht erwähnen will, finde ich es am richtigsten, von den ZJ als einer Glaubensgemeinschaft und nicht als einer Sekte zu sprechen, und auch nicht, ihre Tätigkeit als "Gehirnwäsche" zu bezeichnen. Jedoch betrachte ich die Zeugen Jehovas als eine totalitäre Glaubensgemeinschaft in dem Sinn, daß die Wachtturmgesellschaft durch ihre Tätigkeit im Prinzip eine gewisse Kontrolle über die Tätigkeit der Mitglieder besitzt oder anstrebt, einschließlich des Familien- und Privatlebens.

Das Leben in totalitären Glaubensgemeinschaften

In einer totalitären Glaubensgemeinschaft aufzuwachsen ist etwas Spezielles. Man wird dort hineingeboren und man lebt dort (hoffentlich), bis man stirbt. Die Leitung der Glaubensgemeinschaft sagt einem, was im Leben wichtig und was unwichtig ist. Man wächst auch mit dem Gefühl auf, "abseits" der übrigen Kultur zu leben. Es gibt eine klare Trennung zwischen "wir drinnen" und "die draußen". Die, welche "drinnen" sind, stellen eine privilegierte "A-Klasse" dar, während die "draußen" zu einer "B-Klasse" mit schlechten Zukunftsaussichten gehören. In der Glaubensgemeinschaft hat man seine Wurzeln, seine Zugehörigkeit und seine Identität, und dort bekommt man seine primären sozialen und gefühlsmäßigen Bedürfnisse erfüllt. Dies führt dazu, daß man wenig von einer Haltung des Respekts dafür geprägt wird, daß andere Menschen ein vollwertiges Leben führen können, wenn sie einen anderen religiösen und kulturellen Standpunkt haben. Statt dessen wird man von einer Haltung von herablassender Fürsorge für jene geprägt, die unter den Voraussetzungen der Glaubensgemeinschaft in erster Linie als "Evangelisierungsobjekte" definiert werden. Die Möglichkeit, mit anderen Menschen auf gleichwertige Weise zusammen zu leben, wird daher durch eine Angst ersetzt, von diesen beeinflußt zu werden. Diese "abseitige" Haltung wird die meisten Menschen prägen, die sich in totalitären Gemeinschaften aktiv engagieren. Und diese Haltung steht in Widerspruch zu der Haltung, die ansonsten unsere Kultur prägt: Daß wir verschiedene Auffassungen über die Wirklichkeit haben, daß uns dies aber nicht daran hindern muß, zusammen zu leben, aufeinander zu hören und voneinander zu lernen. Kinder, die in totalitären Gemeinschaften aufwachsen, werden deshalb in geringem Grad von solchen Haltungen beeinflußt werden können, und sie laufen nicht in Gefahr, eine Anzahl von grundlegenden sozialen Grundhaltungen zu entwickeln, die ansonsten ein Teil unserer Kulturgrundlage sind.

Es gibt auch andere besondere Züge in totalitären Glaubensgemeinschaften, in Bezug auf die Sicht der Kindererziehung:

  1. Die Prinzipien, die man der Kindererziehung zugrunde legt, werden immer mit einer religiösen Dimension versehen (Beispiel: "Gott will, daß unsere Kinder..." oder "Gott will nicht, daß unsere Kinder...").
  2. Das Ziel der Kindererziehung wird nicht von der einzelnen Familie, sondern von der Glaubensgemeinschaft definiert.
  3. Man beachtet wenig die im Kinde vorhandenen Möglichkeiten. Statt dessen konzentriert man sich sehr darauf, daß das Kind als Erwachsener ein aktives Mitglied sein soll, das sich für die Entwicklung der Tätigkeit der Glaubensgemeinschaft einsetzt, sowohl nach innen - mit Leiterverantwortung - als nach außen - durch die Werbung neuer Mitglieder "von außen her").
  4. Das Ziel der Kindererziehung wird oft das Gepräge von "Einseitigkeit" in Beziehung zu Interessen, sozialen Fertigkeiten, eventuell auch zur Persönlichkeit im Gegensatz zur "Vielfalt" tragen.
  5. Es wird wenig Wert darauf gelegt, daß das Kind sich in einem Zusammenspiel von inneren Möglichkeiten und den Normen der Eltern und der Gesellschaft entwickelt, wie wir dies sonst in unserer Kultur finden. Innere Möglichkeiten ("Potentiale"), die dem Ziel der Glaubensgemeinschaft zuwiderlaufen, werden im schlimmsten Fall "ausgemerzt".
  6. Während sonst in unserer Kultur (und besonders in der Berufsgruppe, der ich angehöre) viel Wert auf Nähe, Echtheit und darauf gelegt wird, bei einem Kind Eigenschaften zu entwickeln, die sowohl für es selbst als auch für die Mitmenschen von Nutzen sind, wird in totalitären Glaubensgemeinschaften Wert auf Respekt (meist in negativem Sinn mit "Furcht" als wesentlichem Element), Gehorsam und Loyalität gelegt.
  7. Die Bedürfnisse der Organisation stehen im Mittelpunkt und nicht die des einzelnen Mitgliedes.

Über kulturelle Strömungen

Zu diesen Besonderheiten gibt es drei interessante Parallelen: Die erste finden wir, wenn wir 2 -3 Generationen in der Zeit zurückgehen: In der 30er-Jahren war es nämlich in der Kindererziehung auch nicht "gutes Latein", sich mit der "Entwicklung individueller Bedürfnisse" zu beschäftigen. Der Respekt vor Vater, Mutter und dem Vaterland waren wichtig, und autoritäre Kindererzieher hatten gute Zeiten. Später war die Kulturdebatte davon geprägt, dies negativ zu deuten, u.a. indem man auf alle die Patienten hinwies, die Psychologen und Psychiater später "behandeln" mußten, da sie ein Opfer autoritärer Erziehung geworden waren.

Die zweite Parallele finden wir bei einzelnen Einwandererfamilien in Norwegen: Was im Zentrum steht, ist: Ethnische Zugehörigkeit, Familienzugehörigkeit, Gehorsam, Loyalität, Unterdrückung individueller Bedürfnisse und von Sonderinteressen (eventuell auch der Integration in norwegische Kultur und des Kontaktes mit Norwegern).

Die dritte Parallele finden wir im kommunistischen Sowjetsystem. Ein amerikanischer Psychologe, Uri Bronfenbrenner, schrieb vor einigen Jahren darüber, wie verschieden die Kindererziehung in der Sowjetunion und in den U.S.A. sei, und die Unterschiede waren dieselben: In der Sowjetunion stand das Interesse der Nation im Vordergrund, und dies war individuellen Bedürfnissen übergeordnet. In den U.S.A. was es umgekehrt. Und beide Modelle hatten, meinte Bronfenbrenner, ihre Vor- und Nachteile.

Für alle diese drei Beispiele gilt, daß wir leicht die Schwächen und Probleme der "autoritären" Alternative sehen können. Wenn wir aber von dieser Abstand nehmen, dann können wir auch das Risiko eingehen, das "Kind mit dem Bade auszuschütten". Dies geschah, als die "68er-Generation" das von sich warf, was sie als Zwangsjacke ansah. Nun wird die Kulturdebatte von der Frage geprägt, ob wir nicht in der "Pflege" der individuellen Bedürfnisse zu weit gegangen sind.

Man kann gut sagen, daß totalitäre Glaubensgemeinschaften ein positives Korrektiv für einzelne Seiten unserer heutigen Kindererziehungskultur sein können. Unsere Kultur ist z.B. durch eine extreme Individualisierung gekennzeichnet, die "narzißtische Kultur" (Lash, 1982) genannt, und es schadet ihr nichts, in Richtung von etwas mehr Rücksicht auf andere Menschen, auf die eigene Familie und auf die Nation, der man angehört, korrigiert zu werden.

Wodurch entsteht in einer totalitären Glaubensgemeinschaft psychische Belastung?

Das ist eine komplizierte Problemstellung, auf die man keine einfache Antwort geben kann.

Bergman (1992) behauptet z.B., ein Zeuge Jehovas zu sein bedeute, mehr psychischen Problemen ausgesetzt zu sein, als kein Zeuge Jehovas zu sein, aber wenn man die Grundlagen für eine solche Schlußfolgerung näher studiert, sieht man, daß es mehrere unlösbare methodische Probleme gibt, die bewirken, daß man nüchtern gesehen eigentlich keine Grundlage dafür hat, eine solche Schlußfolgerung zu ziehen, weder bezüglich der Zeugen Jehovas noch allgemein bezüglich neureligiöser Glaubensgemeinschaften.

In dem Maß, in dem z.B. ein Zeuge Jehovas psychische Probleme hat, die man an seine Mitgliedschaft knüpfen kann, gibt es viele Faktoren, die zusammenwirken:

Erstens kommt es darauf an, wie stark der Konformitätsdruck der Leitung in einer lokalen Gemeinde ist. Einige lokale Leiter sind "beherrschender" und autoritärer als andere, und dies wird notwendigerweise die Gemeinde prägen.

Zweitens spielt es eine Rolle, wie die Organisation in einem Land sich "darstellt". Wilting (1993, S. 234) meint z.B. daß die Zeugen Jehovas J in Skandinavien ein moderateres "Profil" haben als in anderen Ländern. Eine Untersuchung von Bekehrungen bei den Zeugen Jehovas in Norwegen (Ringnes 1997, S. 136-137) könnte auf dasselbe hinweisen.

Drittens hat es viel zu sagen, in welchem Grad die Eltern eines Kindes die Ideologie der Wachtturmgesellschaft befolgen. Diese können mit der Sicht der Wachtturmgesellschaft über den Umgang mit Menschen "außerhalb" oder darüber, daß ein Kind zu allererst beeinflußt werden soll, loyal und gehorsam zu sein, mehr oder weniger übereinstimmen.

Viertens hat es auch viel zu sagen, welche Mechanismen in dem einzelnen Kind wirksam sind. Ist es imstande, seine Identität und Eigenart zu bewahren? Kann es seine Fähigkeit bewahren, "selbst zu denken"? Oder werden die Gedanken des Kindes zum Großteil von der Lehre der Wachtturmgesellschaft geprägt, mit den Folgen, die dies nach sich ziehen kann?

Die gefährdetsten Kinder sind (nach meiner Meinung) jene, bei denen alle diese vier Elemente in die gleiche Richtung auf ein übergeordnetes Ziel hinweisen: Nämlich die Identität der Person zu zerstören und sie zu einem "Sklaven der Wachtturmgesellschaft" zu machen. Aber hier haben wir es auch mit einem interessanten Paradoxon zu tun: Die "eifrigsten" Anhänger der ZJ können oft jene sein, denen es psychisch am besten geht, denn sie erleben eine starke und sichere Zugehörigkeit zu den ZJ, erreichen einen Status, steigen ständig in den Graden auf und erhalten ständig anerkennende Kommentare für ihren Eifer. Andererseits kann sich dies aber rasch ins Gegenteil verkehren, wenn man einmal im System nicht mehr höher steigt oder wenn man eventuell beginnt, sich zur Tätigkeit der ZJ kritisch zu stellen und vielleicht auch daran denkt, auszusteigen.

Das muß auch nicht bedeuten, daß die Verkündigung der Glaubensgemeinschaft die Ursache der psychischen Probleme ist: Man muß auch damit rechnen, daß angeborene Voraussetzungen und Erlebnisse außerhalb der Glaubensgemeinschaft (d.h. bevor er/sie Zeuge Jehovas wurde) eine Rolle spielen. Es sollte hier erwähnt werden, daß es unter Forschern eine gängige Auffassung ist, daß totalitäre Glaubensgemeinschaften eine Tendenz haben, Menschen anzuwerben, die mehr psychische Probleme haben als der Durchschnitt der Bevölkerung. Interessant ist, daß es Untersuchungen gibt, die zeigen, daß einzelne totalitäre Glaubensgemeinschaften weniger psychische Probleme verursachen, als sie im Durchschnitt der Bevölkerung vorkommen.

Ein interessanter Faktor ist auch folgender: Es gibt verschiedene Theorien, wie und in welchem Grad Erb- und Umweltfaktoren die Formung eines Individuums beeinflussen. Die Extremstandpunkte sind einerseits "biologischer Determinismus", andererseits die Ansicht, ein neugeborenes Kind sei ein "weißes Blatt Papier", von dem die Umgebung, in der es aufwächst, "bestimmen" kann, was es werden soll. Die Schlußfolgerung ist, daß beide Faktoren eine Rolle spielen, daß aber die "Verteilung" zwischen diesen beiden variiert, abhängig davon, auf welche Seiten des Individuums man sich konzentriert. Im Guten sowie im Schlechten haben die Eltern und die Gesellschaft nur begrenzte Möglichkeiten, das Kind in der Weise zu "formen", die man wünscht. Dies bedeutet, daß totalitäre Glaubensgemeinschaften, die ein Kind "formen" wollen, keinen unbegrenzten Zugang zu einer solchen Beeinflussung haben. Es gibt auch keine eindeutigen Schlußfolgerungen darüber, welche Art von Kindern in einer totalitären Glaubensgemeinschaft aufzuziehen ideal sei. "Brave Kinder" können leicht zu formen sein, aber sie können auch in Gefahr stehen, ihre Identität so sehr an jene der Glaubensgemeinschaft zu binden, daß es selbst dieser "ein Zuviel des Guten" zu sein scheint. "Willensstarke" Kinder könne sich einerseits unter "gleichgesinnten"gut zurechtfinden, aber sie können auch als problematisch und "aufrührerisch" empfunden werden und sie können auf die Eltern provozierend wirken, die sich dann sozusagen "selbst begegnen", weil ihnen z.B. während ihres eigenen Aufwachsens mit viel Steuerung und Kontrolle begegnet wurde.

Wenn wir über das Zusammenspiel und die Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern zu sprechen beginnen, und darüber, wie sie einander gegenseitig in einem kontinuierlichen Prozeß beeinflussen und verändern, dann sehen wir, daß es tatsächlich nicht möglich ist, vorauszusehen, in welche Richtung sich ein Kind entwickeln wird, auch wenn wir seine Erbanlagen und seine Umgebung kennen. Was totalitäre Glaubensgemeinschaften kennzeichnet, kann nicht anders beschrieben werden als "Risikofaktoren", und die Erbanlagen als "Ausgangspunkt". Man sollte daher vorsichtig sein, eindeutige und kategorische Schlußfolgerungen zu ziehen, wohin der Weg für Kinder führt, die in einer totalitären Glaubensgemeinschaft aufwachsen, auch wenn man für das einzelne Individuum vielleicht Zusammenhänge zwischen der jetzigen Situation und dem sehen, kann, was der oder die Betreffende während des Aufwachsens erlebten.

Beispiele von den Zeugen Jehovas

Wir wollen uns nun einige Seiten der Zeugen Jehovas und der Wachtturmgesellschaft näher betrachten, die Konsequenzen für ihre Sicht der Kindererziehung haben, nämlich ihre Theologie und ihre Sicht des Familienlebens, der Persönlichkeitsentwicklung, der sozialen Entwicklung und des Setzens von Grenzen.

Theologie

1. Im Mittelpunkt der Lehre der ZJ steht die Sicht von den letzten Zeiten: Innerhalb ganz kurzer Zeit rechnet die Wachtturmgesellschaft damit, daß eine allumfassende Katastrophe mit dem darauffolgenden jüngsten Gericht (Harmagedon) eintreten wird. Wer nicht Zeuge Jehovas ist, hat garantiert wenig Ursache, diesem Ereignis optimistisch entgegen zu sehen, denn nur die Zeugen Jehovas werden Harmagedon überleben. Indessen erweist sich, daß auch die Mitgliedschaft selbst nicht ausreicht. Der Eifer des einzelnen Mitglieds hat auch Bedeutung. Mit anderen Worten, keiner (ausgenommen einige wenige Auserwählte, die sogenannten 144.000 Auserwählten) kann eigentlich ganz sicher sein, was mit ihm geschehen wird. Ein Problem, wie ich es sehe, ist hier, daß die Verkündigung der Wachtturmgesellschaft sehr auf Harmagedon konzentriert ist, und die Angst davor wird als Motivationsfaktor für den einzelnen Zeugen Jehovas benützt, und hier wird für Kinder keine Ausnahme gemacht. Die Wachtturmgesellschaft hat in ihrer Literatur ein gemeinsames Ziel für alle Zeugen Jehovas formuliert, und für Kinder wird keine Ausnahme gemacht - nämlich für Jehova zu leben, Seinen Geboten zu folgen und andere Menschen vor Harmagedon zu warnen. "The nearness of Armageddon is the overriding concern of many young people. JW kids think about it often, especially in our days when bad news almost seem to be the only news in this world. Wars, famine, pestilience, pollution, etc. are brought to the attention of their young minds as proof we are on the very edge of the End" ("Enjoy Life on Earth Forever" 1982, S. 28).

2. Das Argument von einem bald bevorstehenden Harmagedon bewirkt, daß man erwartet, auch "kurzzeitigem Genuß" zu entsagen, der für Menschen in den meisten anderen Kulturen eher als "natürliches Bedürfnis" für Kinder betrachtet wird, z.B. verschiedene Formen von Zerstreuung. Kindern kann auch erzählt werden, daß sie Gefahr laufen, ihre Liebsten (die Eltern) zu verlieren, wenn nicht die ganze Familie "dabei" ist, und die Kinder ihren Beitrag dazu leisten, um die Loyalität der Familie zu den ZJ zu bewahren und die Zukunft der Familie zu sichern. Es ist ziemlich einleuchtend, daß dies einem Zeugen-Jehovas-Kind Schwierigkeiten bereiten wird. Wer möchte für immer von seinen Eltern getrennt werden oder dafür verantwortlich sein, daß seine Eltern verloren gehen, weil man sie nicht zeitgerecht warnte?

3. Ein anderer zentraler Punkt in der Lehre der ZJ ist das Schwarz-Weiß-Denken: Entweder man steht auf der Seite Gottes, indem man ein aktiver Zeuge Jehovas ist, oder man steht auf der Seite Satans, indem man ein passives, kritisches oder überhaupt kein Mitglied ist (eine Ausnahme ist hier eine Gruppe mit passiven oder "schwachen" Mitgliedern). Mit anderen Worten, man treibt den Gedanken zum Extrem, daß "die, die nicht mit uns sind, gegen uns sind". Solches Schwarz-Weiß-Denken, auch "kategorisches Denken" genannt, kann auch verhindern, daß Kinder ein nuanciertes Denken über sich selbst und über andere Menschen erlangen, und daß sie anderen Menschen begegnen und sie von ihren eigenen Voraussetzungen aus beurteilen können. Dieses Denken kann auch dazu beitragen oder dazu führen, daß die Kinder bei den Zeugen Jehovas "abseits" von anderen Kindern leben. Gleichzeitig ist es denkbar, daß totalitäre Glaubensgemeinschaften wie die Zeugen Jehovas ein "Magnet" für Personen sein können, die bereits von Vornherein eine kategorische Einstellung haben, und denen man daher eine "Plattform" bietet, von der aus sie ein Schwarz-Weiß-Denken weiter vermitteln können (Entsprechendes gilt auch für andere Besonderheiten totalitärer Glaubensgemeinschaften).

Familienleben

Die starke Loyalität, die gegenüber der Organisation erwartet wird, bringt es auch mit sich, daß die Organisation die Hauptverantwortung für die Kindererziehung hat und die Pflichten und Rechte der Eltern den Kindern gegenüber in Wirklichkeit beträchtlich reduziert sind. Auch wenn die Wachtturmgesellschaft in ihrer Literatur im Großen und Ganzen darauf hinweist, daß Kindern ihren Eltern gegenüber loyal sein und sich unterordnen sollen, handelt es sich doch um eine von der Wachtturmgesellschaft delegierte Autorität. In dem Augenblick, in dem Kinder merken, daß ihre Eltern der Wachtturmgesellschaft gegenüber nicht loyal sind, sind sie verpflichtet, dies der örtlichen Leitung mitzuteilen. Es wird auch erwartet, daß sie sich von Familienmitgliedern isolieren, die z.B. ausgeschlossen sind.

Besonders schwierig ist dies für Kinder in der Pubertät. Ein gewisses Maß an "Aufruhr" gegen die Eltern im Alter von 14-16 Jahren ist normal und ist außerdem notwendig, um eine erwachsene selbständige Identität zu entwickeln. Über diese Art von "Aufruhr" wurde, soweit ich feststellen konnte, bisher in der Wachtturmgesellschaft nicht positiv gesprochen. Jugendliche, welche gegenüber ihren Eltern "Aufruhr" begehen, werden Leuten gleichgestellt, die Aufruhr gegenüber Jehova begehen, da die Eltern eine von der Wachtturmgesellschaft und von Gott delegierte Autorität erhalten haben, sie zu erziehen. Außerdem vermittelt die Wachtturmgesellschaft die Ansicht, alle Eltern bei den Zeugen Jehovas hätten gegenüber ihren Kindern Fürsorge und Selbstaufopferung erwiesen. Die Jugend wird auf eine kategorische Weise aufgefordert, ihre Eltern zu respektieren und niemals Fragen bezüglich ihrer Motive zu stellen. Das bedeutet nicht notwendigerweise, daß die Wachtturmgesellschaft so naiv ist zu meinen, daß Eltern gegenüber ihren Kindern niemals etwas falsch machen oder daß sie niemals "zweifelhafte Beweggründe" haben könnten, zumal ihre Zeitschriften auch Lesestoff für die Eltern darüber enthalten, ihre Kinder liebevoll und respektvoll zu behandeln. Aber das Entscheidende ist, daß die Wachtturmgesellschaft offenbar der Ansicht ist, es entstehe nichts Gutes, wenn Kritik von jugendlicher Seite ernst genommen würde. Ihre Organisation und Lehre ist auch nicht imstande, die komplexen Probleme handzuhaben, die entstünden, wenn man Jugendliche in ihrer Kritik gegenüber den Eltern unterstützen wollte. Das Einfachste (aber der Wachtturmgesellschaft zufolge auch das "biblischeste") ist also, die Jugendlichen aufzufordern, sich ihren Eltern unterzuordnen, ohne Rücksicht darauf, wie diese sind (VT 15.5.97, S, 28).

Was die Haltung von Teenagern ihren Eltern gegenüber betrifft, so sagt die Wachtturmgesellschaft: (VT 15.5.97, S,. 28): "Einige Jugendliche bezweifeln die Motive, wenn die Eltern ihnen gewisse Begrenzungen auferlegen. Einige der Jugendlichen sagen vielleicht: 'Warum stellen meine Eltern so viele Regeln auf? Sie wollen wohl nicht, daß ich mich über das Leben freue.' Aber statt eine solche Schlußfolgerung zu ziehen, sollten die Jugendlichen die Situation objektiv durchdenken. Die Eltern sorgten viele Jahre hindurch für ihre Kinder. In dieser Beziehung haben sie in materieller und anderer Hinsicht viele Opfer gebracht. Ist dies nun ein Grund, den Schluß zu ziehen, sie wollten nun das Dasein ihrer Teenager-Kinder verpesten? Ist es nicht billiger, anzunehmen, daß die Liebe diese Eltern dazu treibt, ihre Kinder zu beschützen und sich für sie zu interessieren? Wird nicht die gleiche Liebe sie dazu bewegen, ihnen gewisse Restriktionen aufzuerlegen, wenn diese im Leben nun vor neuen Herausforderungen stehen? Es wäre wirklich lieblos und undankbar von den Kindern, liebevollen Eltern ungerechte Beweggründe zu unterstellen - Eph 6,13."

Persönlichkeitsentwicklung

1. Den höchsten Status erhält ein Kind bei den ZJ, wenn es sich dazu entwickelt, ein "Pionier" zu werden. Das beinhaltet, daß das Kind von ganz klein an die Erwachsenen bei Hausbesuchen begleitet und diese nach und nach selbständig fortsetzt (oft bis zu 15 Stunden wöchentlich). Außerdem wird erwartet, daß das Kind an der standardisierten Tätigkeit mit fünf Versammlungen, verteilt auf drei Abende in der Woche, teilnimmt. Diese Versammlungen sind nicht speziell auf Kinder abgestimmt. Von ganz klein an müssen sie auf dem Schoß ihrer Eltern stillsitzen und unzensuriert das aufnehmen, was eigentlich für Erwachsene bestimmt ist. Aber der Ordnung halber: Die Wachtturmgesellschaft hat zusätzlich ein etwas "freundlicheres" Material ausgearbeitet, das auf Kinder abgestimmt ist und von dem erwartet wird, daß die Eltern es bei ihrer Unterweisung der Kinder benützen (Beispiel: "My Book of Bible Stories").

2. Die Kultur der Versammlungen beinhaltet auch, daß das Kind vielem anderen Wichtigem entsagen muß: Für Hobbys und Freiheitsinteressen bleibt wenig Zeit. Auch wenn den Kindern nicht direkt abgeraten wird, dort mitzutun, wird ausdrücklich auf die Gefahren dabei aufmerksam gemacht: Im dem Augenblick, in dem man Hobbys und Interessen pflegt, die gleichwertiges Zusammensein mit "anderen" Kindern auf gleichwertigen Voraussetzungen bedeuten, begibt man sich auf "dünnes Eis". Man könnte nämlich auf die "Welt" neugierig werden und durch den Umgang mit denen "außerhalb" könnte man durchsie zu stark geprägt werden.

"Es darf keine Gemeinschaft ... mit den Irrgläubigen geben. Man darf mit anderen Worten keine Gemeinschaft mit ihnen haben, wenn man Gemeinschaft mit Gott haben will. - Jemand, der regelmäßig mit ihnen verkehrt, wird bald so denken, wie sie denken. Wenn man sein Bewußtsein mit ihren Gedanken beschäftigt, wird der Glaube an die neue Welt geschwächt, der Eifer wird abkühlen, die Untadeligkeit wird zerbrechen und das Gewissen abstumpfen, sodaß man Jehovas Forderung nach Studium und Dienst nicht mehr ernst nimmt" (VT 1.6.60, S. 299, auch berichtet in WT 15.2.60, S. 112-113).

"The ideal situation is for parents to have such a fine program outlined for their children that little or no time remains for outside associations. Being with the family or other Christians becomes so interesting and absorbing that other associations do not become a temptation. But if they do, then parents should take time to make clear to the child the Bible's viewpoint on the matter; at the same time they should firmly exercise needed control" (WT 1.2.74).

3. Früher wurde auch vor höherer Ausbildung gewarnt, denn man mußte dabei damit rechnen, "in eigenen Gedanken klug zu werden und "von der Welt eingefangen zu werden". Später wurde diese Ansicht revidiert (siehe z.B. "Erwachet!" vom 8.3.98, S. 19-21), u.a. mit dem Argument, nicht anderen Leuten wirtschaftlich zur Last zu fallen und die Fähigkeiten zu benützen, die man hat.

Lernen oder Hausaufgaben können angesichts der wenigen übrigen Zeit ebenfalls zum Problem werden. Kinder bei den ZJ, welche fühlen, daß es gut ist, mit Kindern außerhalb beisammen zu sein, werden daher zusätzlich belastet: Dies muß vor der lokalen Leitung und eventuell auch vor den Eltern geheimgehalten werden. Denn offiziell müssen sie die Haltung haben, daß ihre "Freunde" in erster Linie "Missionsobjekte" sein müssen. "Wie würde Jehova es sehen, wenn du Menschen, die ihn nicht lieben, als Freunde wähltest?" ("Unterredungen anhand der Schriften" , S. 417).

Soziale Entwicklung:

1. Kinder bei den ZJ haben den Vorteil, daß sie lernen können, innerhalb ihres eigenen Wertesystems zu funktionieren, aber sie erhalten wenig oder keine Hilfe, innerhalb alternativer Systeme zu funktionieren. Sie erhalten wenig Lebenserfahrung, um mit andersdenkenden Menschen auf gleichwertige Weise umzugehen. Sollten sie sich später als Erwachsene dazu entschließen, die Glaubensgemeinschaft zu verlassen, so können sie in Schwierigekieten kommen. Wenn sie Glück haben, finden sie eine andere Zugehörigkeit, wo sie eine neue Identität etablieren können. Haben sie kein Glück, dann bleiben sie isoliert, werden etablierte "Outsider" und können unter psychischen Problemen zu leiden haben (z.B. eine unbearbeitete Trauer darüber mit sich zu tragen, sie hätten etwas Wertvolles verloren).

2. Es ist eine andere Denkweise als die sonst in unserer Kultur übliche, nämlich daß die Kindererziehung eine Grundlage für eine eigene selbständige Wertwahl als Erwachsene bilden soll, gleichgültig ob es die der Eltern ist oder nicht. Bei den Zeugen Jehovas riskiert man, "hinausgefroren" zu werden, wenn man einen anderen Kurs wählt als den, den man gelernt hat, und die Zeugen Jehovas werden von der Wachtturmgesellschaft sogar aufgefordert, die Ausbrecher zu hassen, unabhängig von früheren Freundschaften und Familienbanden. Man kann hier auch erwähnen, daß die Wachtturmgesellschaft ein eigenes "geschlossenes" System haben, das sowohl "Polizeinachforschung" als auch "Urteilsfällung" bezüglich unmoralischer Handlungen handhabt, eine Erscheinung, die man auch in totalitären Regimen findet.

3. Die Wachtturmgesellschaft habt übrigens keine Perspektive darüber, daß Anpassung an die Gesellschaft ein Ziel an sich ist. Sie hat jedoch eine positive Sicht bezüglich Seiten der "Welt", die als "Obrigkeit" aufgefaßt werden, z.B. das öffentliche Schulwesen (das Allgemeinwissen vermittelt), die Polizei und das Rechtswesen, welche "das Böse in Schach halten", und in einem gewissen Maß auch die öffentlichen Hilfseinrichtungen. Andere Seiten sehen sie eher negativ. Von Zeugen Jehovas wird niemals erwartet, an politischen Arbeit teilzunehmen oder bei Wahlen abzustimmen. Auch Kinder und Jugendlichen ist nicht erlaubt, z.B. an Wahlen zu Schülerräten teilzunehmen (Ringnes 1997, S. 73).

Setzung von Grenzen

1. Die Wachtturmgesellschaft hat früher die physische Bestrafung in der Kindererziehung empfohlen (VT 12.1.64 S. 13). Nachdem diese Frage neulich von der Kinderombudschaft in Norwegen zur Sprache gebracht wurde, hat sich die Wachtturmgesellschaft ( in Norwegen) bereit erklärt, den Begriff "Züchtigung" zu "Rüge" zu mildern (erwähnt z.B. im "Klassenkampf" 15.6.95,.,S.17), und sich dadurch der physischen Bestrafung zu enthalten.

2. Es wird erwartet, daß Minderjährige disziplinären Maßnahmen wie Erwachsene unterworfen werden, wenn es sich um schwerwiegende Übertretungen handlet: "Wenn minderjährige getaufte Mitglieder der Versammlung ernste Sünden begehen, soll man dies den Ältesten mitteilen. Wenn die Ältesten Fälle von ernsten Sünden Minderjähriger untersuchen und behandeln, wird es gut sein, wenn die eingeweihten Eltern der Minderjährigen zur Stelle sind und mit den Ältesten zusammenarbeiten, die die Angelegenheit beurteilen sollen. Die Eltern sollen nicht versuchen, das sündige Kind vor notwendigen disziplinären Maßnahmen zu 'beschützen'. Die Ältesten, die im Urteilsausschuß während der Behandlung von Angelegenheiten, die Minderjährige betreffen, Dienst tun, werden auf gleiche Weise vorgehen, wie wenn sie es mit erwachsenen Übertretern zu tun haben, nämlich bestrebt sein, den Betreffenden wieder aufzurichten. Wenn aber der Minderjährige keine Reue zeigt, wird er ausgeschlossen" ("Organisiert, um unseren Dienst zu erfüllen" 1983, S. 151-152). Übrigens wird erwartet, daß die Eltern der Kinder bei der Offenlegung der Ursachen und bei den Maßnahmen für Minderjährige eine aktive Rolle spielen: "Wenn der ungetaufte Verkünder als Übertreter minderjährig ist, sollten die Ältesten mit seinen christlichen Eltern sprechen, um darüber ins Reine zu kommen, was sie tun sollen, um den Übertreter zu korrigieren" (Gib acht auf dich selbst und die ganze Herde, S. 100).

3. Es ist auch normale Haltung unter ZJ-Mitgliedern, daß Kleinkinder so bald wie möglich reinlich sein müssen, auch wenn die physischen Voraussetzungen dafür noch nicht ganz vorhanden sind. "If anything, they would try to toilet train before the child is ready" (Bergman 1992, S. 230). In diesem Zusammenhang kann man erwähnen, daß man in der psychoanalytischen Tradition gewöhnlich zu frühes Reinlichkeitstraining als einen Risikofaktor für spätere psychische Probleme, auch im Erwachsenenalter, betrachtet hat.

4. Gleichzeitig zeitg es sich, daß auch die Wachtturmgesellschaft dafür Verständnis zeigt, daß manche Kinder Schwierigkeiten haben, "für die sie nichts können". Z.B. schreiben sie im Themenheft von "Erwachet!" (2.2.97, S. 10) über Kinder mit Lernproblemen und Kinder mit AD/HD-Schwierigkeiten: "Die Mitglieder der christlichen Gemeinde können viel tun, um sowohl Kindern als auch Eltern zu helfen und sie zu unterstützen. Wie: Indem sie angemessene Erwartungen haben (Phil 4.5). Es kann wohl geschehen, daß ein Kind mit ADHD ziemlich aufsässig wird. Statt herzlos zu sagen: "Warum kannst du deinem Kind nicht Benehmen beibringen?" oder "Warum packst du es nicht härter an?", wird ein aufmerksamer Glaubensgenosse verstehen, daß die Eltern vielleicht schon mehr als genug mit der herausfordernden Aufgabe belastet sind, ein ADHD-Kind zu erziehen. Die Eltern sollten natürlich tun, was sie können, um des Kindes unruhiges Benehmen zu besänftigen. Dessen ungeachtet sollten jene, die im Glauben verwandt sind, sich bemühen, 'Mitgefühl zu zeigen' und 'Segen zu bringen', statt gereizt etwas Scharfes zu sagen." Das selbe Themenheft befaßt sich auch ganz allgemein mit der Frage der Lernprobleme auf eine Weise, die damit übereinstimmt, wie Fachleute gewöhnlich denken, die sich mit solchen Problemen gut auskennen. Die Wachtturmgesellschaft ist auch darauf aufmerksam, daß Erwachsene Leseprobleme haben können: "Manche christliche Männer, die gut reden könnne, haben Schwierigkeiten, laut zu lesen" (VT 15.3.99. S.20).

5. Es ist auch wert sich zu merken, daß die Wachtturmgesellschaft eine wachsende positive Haltung gegenüber den Möglichkeiten einnimmt, die in den öffentlichen Hilfseinrichtungen liegen. In einem Artikel in "Erwachet!" (22.3.99, S. 11) steht z.B. in Verbindung mit den Großeltern als Stütze bei der Kindererziehung: "Übersieh nicht die Hilfe, die du von der öffentlichen Hand erhalten kannst ... Sozialarbeiter und örtliche Einrichtungen, die Älteren helfen, können dich vielleicht an jemanden verweisen, der gewisse Dienste leisten kann."

6. Feste

Es ist bekannt, daß die Zeugen Jehovas keine Feste wie Weihnacht, Ostern oder Geburtstag feiern. Hier ist ein Beispiel dafür, wie der Wachtturm in einem Artikel mit der Überschrift Weihnacht - Kostet es mehr als du glaubst? über Weihnachtsfeiern schreibt ("Erwachet!" 22.11.93 S. 5).

"Die Zeugen Jehovas werden manchmal kritisiert, weil sie nicht Weihnachten oder andere Feste gemeinsam mit ihrer Familie feiern. Andere können den Eindruck erhalten, den Kindern der Zeugen Jehovas entginge etwas ... Und diese Kinder entwickeln eine starke moralische Haltung, die bewirkt, daß sie den Druck Gleichaltriger widerstehen können, die den Willen anderer brechen. Eine wachsende Flutwelle von Bosheit untergräbt moralische Haltungen. Sexuelle Unmoral, Narkotika, Gewalt, Alkohol, Satanismus und Kindesmißhandlung - es gibt so viele Gefahren, welche verletzliche junge Menschen bedrohen."

Wie erleben es Kinder bei den Zeugen Jehovas, die gelernt haben, das Feiern solcher Feste sei als Unmoral und Sünde aufzufassen? Wie erlebt es ein Kind, das sieht, daß "alle anderen" sich darüber freuen? Wie erlebt man es, wenn man selbst Bedarf dafür hat, sich gemeinsam mit anderen auf natürliche Weise zu freuen, aber gleichzeitig von den eigenen Leuten vor der Unmoral und Sünde gewarnt wird? Schafft es da ein Kind, sich in Gehorsam gegenüber der Organisation Jehovas zu "stählen"? Stärkt dies den Zusammenhalt innerhalb der Familie des Kindes? Schafft es das Kind, auf natürliche Weise auf seinen eigenen Lebensstil stolz zu sein? Oder: Muß das Kind seine gefühlsmäßigen Bedürfnisse verdrängen? Kann das Kind Schamgefühle und Schuldgefühle für etwas entwickeln, was die Kultur ansonsten als ganz natürliche Sache erlebt? Muß das Kind ein Doppelleben führen, in dem es sich weder gemeinsam mit seiner Familie noch mit seinen Kameraden natürlich verhalten kann? Kann mit anderen Worten eine solche Verkündigung einem Kind bei den Zeugen Jehovas psychische Probleme bereiten? Wenn ja: Wie umfassend sind diese Probleme?

7. Resultat

Selbstverständlich besteht eine Gefahr darin, kategorisch und bombastisch zu sein. Aber nachdem ich die Literatur der Wachtturmgesellschaft studiert habe, meine ich, diese sei eine Grundlage dafür, zu behaupten, gewisse Seiten der Verkündigung der Wachtturmgesellschaft und gewisse Seiten dessen, was die Zeugen Jehovas als Eltern praktizieren, könne zu psychischen Problemen bei Kindern führen oder dazu beitragen. Aber die Zusammenhänge sind kompliziert, von Kind zu Kind verschieden, und können sich auch auf verschiedene Weise und zu verschiedenen Zeitpunkten auswirken. Von den folgenden Problembereichen glaube ich, daß sie besonders wichtig sind:

  • Konzentration auf "die letzten Zeiten" und die Lehre über Harmagedon.
  • Soziale Angst wegen mangelnder sozialer Fähigkeiten.
  • Loyalitätskonflikt in Verbindung mit der Forderung nach Angeberei.
  • Übertriebene Konzenrtation auf die Erfüllung der Forderungen der Eltern und der Wachtturmgesellschaft.
  • Verdrängung von "verbotenen" Gedanken und Haltungen.
  • Entwicklung von Leistungsangst, denn die Beherrschung gewisser Fertigkeiten wird zur Basis für Anerkennung durch andere und dann auch für die Selbstakzeptanz.
  • Die Beschäftigung mit dem "Aufsteigen" und das daraus folgende unsichere Selbstbild.
  • Die Entwicklung einer allgemeinen Hilflosigkeit und Abhängigkeit von anderen Menschen.
  • Die Furcht vor Ausschluß und Isolation.

Bisher habe ich mich hauptsächlich auf die "problematischen" Seiten des Aufwachsens als Kind bei den Zeugen Jehovas konzentriert. Aber es gibt auch eine Anzahl Vorteile:

  • Das Kind wächst in einem Milieu auf, in dem man Sicherheit und Zugehörigkeit in einer Gemeinschaft erleben kann und wo man Bestätigung und positive Anerkennung von Gleichgesinnten erhält.
  • Kinder bei den ZJ werden vor einer Anzahl Seiten unserer Kultur verschont, von denen wir wissen, daß sie für Kinder und Jugendliche schädlich sind.
  • Sie entgehen auch dem Problem, daß sie in einer Kultur aufwachsen, die vom "Weltanschauungs-Pluralismus" geprägt ist, und es werden ihnen klare und eindeutige Antworten auf Fragen der Weltanschauung gegeben.
  • Wenn die Eltern nicht zu den "Eifrigsten" zählen, sie viel als Familie beisammen sind und sich gegenseitig zu stützen vermögen, so muß es nicht notwendigerweise "pathologisch" sein, als Zeuge Jehovas aufzuwachsen. Ganz im Gegenteil: Die Familie kann in der Tat von vielen der Qualitäten geprägt sein, die gesunde und funktionelle Familien kennzeichnen (siehe z. B. Werner & Smith, 1982, besprochen in Sommerschild & Grøholt, 1989, S. 108), und daher in einem gewissen Verständnis als "vorbildlich" betrachtet werden, gerade das Ziel, das die Wachtturmgesellschaft selbst für ihre Mitglieder hat.
  • Auf etwas in die Zukunft zu blicken, das eine Hoffnung für bessere Zeiten gewährt, muß auch nicht so falsch sein, wenn es auf positive Weise dargestellt wird. Und viele Kinder bei den ZJ entwickeln einen Enthusiasmus für die Sache Jehovas und sind stolz darauf, Jehova undihre Eltern zufriedenstellen zu können, und sehen mit großer Erwartung dem irdischen Paradies entgegen.

Nach meiner Meinung gibt es eine Anzahl Seiten in der Verkündigung und Praxis der Wachtturmgesellschaft und der Zeugen Jehovas, die vermuten lassen, daß das Aufwachsen als Zeuge Jehovas zu psychischen Probleme führen oder zum Entstehen solcher beitragen kann. Gleichzeitig gibt es Seiten bei ihnen, welche in die entgegengesetzte Richtung weisen können. Eine endgültige und allgemeine Antwort darauf, wie es ist, bei den Zeugen Jehovas aufzuwachsen, ist meiner Meinung nach unmöglich zu finden. Ich hoffe jedoch, daß der Leser eine Einführung in das Thema erhalten hat, die es leichter macht, Menschen zu verstehen, die "im Guten und Schlechten" aufgewachsen sind und als Zeugen Jehovas erzogen wurden, und er ihnen daher leichter mit Verständnis und Respekt begegnen kann.


Referenzen:

  • Bergman, J. (Ph.D.) (1992): "Jehova's Witnesses and the Problem of Mental Illness", Witness Inc., P.O. Box 597 Clayton, CA 94517, USA.
  • Bronfenbrenner, U. (1970): "Two Worlds of Childhood: US and USSR", Russel Sage Foundation, New York, USA.
  • Lash, C (1982): "Den Narsisstiske Kultur" (Die narzißtische Kultur), Pax Forlag A/S, Oslo.
  • Wachtturmgesellschaft (1983): "Organisert for å fullføre vå tjeneste" (Organisiert, um unseren Dienst zu vollführen), Enebakk
  • Wachtturmgesellschaft (1985): "Resonner ut fra skriftene" (Unterredungen anhand der Schriften), Enebakk
  • Wachtturmgesellschaft: "Der Wachtturm" und "Erwachet!", (Zeitschriften)
  • Wachtturmgesellschaft: "Gi akt på dere selv og på hjorden" (Gib acht auf dich selbst und die ganze Herde), Enebakk
  • Sommerschield, H. und Grøholt, B. (1989): "Lærebok i barnepsykiatri" (Lehrbuch der Kinderpsychiatrie), Engers Boktrykkeri A/S, Otta.
  • Watch Tower Bible and Tract Society (1982): "Enjoy Life on Earth Forever", Brooklyn, USA.
  • Werner, E.E. und Smith, R.S. (1982): "Vulnerable, but Invicible: A Study on Resilient Children", McGraw.Hill Book Company, New York, USA.
  • Wilting, J. (1993): "Riket som inte kom", Den kristna Bokringen, S-10536 Stockholm, Schweden, Übersetzung: Das Reich, das nicht kam (2000), Verlag Garamond, Jena

Anmerkung:
VT bezieht sich auf die norwegische, WT auf die englische Ausgabe des "Wachtturm".

Kjell Totland, Psychologe, Revidierte Ausgabe Juni 2000, Übersetzung: Friedrich Griess