Netzwerk Sektenausstieg e.V.

Nicht jedes Argument, das man gegen die Anerkennung der Zeugen Jehovas als Körperschaft des öffentlichen Rechts vorbrachte, war für die Richter juristisch verwertbar.

Richter in der Bundesrepublik Deutschland und in jedem anderen Rechtsstaat haben nicht die Aufgabe, theologische Auseinandersetzungen ehemaliger Zeugen Jehovas mit der Wachtturm-Gesellschaft einer gerichtlichen Bewertung zu unterziehen noch können solche Glaubensscharmützel Gegenstand eines Richterspruches sein.

Netzwerk Sektenausstieg e.V. betont an dieser Stelle, sich Stellungnahmen ehemaliger Zeugen Jehovas im Streit gegen die Wachtturm-Gesellschaft, wie sie in diesem Brief zum Ausdruck kommen, nicht zu eigen zu machen.


Sehr geehrte Damen und Herren,

Betreff: Verfassungsbeschwerde der WTG Deutschland, e.V. gegen die Ablehnung... Aktenzeichen: 2BvR 1500/97

Zum Thema Rechtssicherheit der WTG gegenüber dem Staat - einige Wachtturm Originalzitate mit Anmerkungen.

Auf der ganzen Erde ist niemand wie Jehova: "Ebenso werden auch heute Satans Organisation und alle, die einen Teil davon bilden, in eine geistige Finsternis gestürzt... Sollten wir also etwas wählen, was in ganz kurzer Zeit vernichtet werden soll?

Wachtturm 1970 1. 11. 659

Ein freies, aber gehorsames Volk: "Wir haben zum Beispiel körperlich die Freiheit, Umgang zu haben, mit wem wir wollen, aber wir haben als Christen kein Recht, Umgang mit der Welt zu pflegen.

Wachtturm 1973 1. 6. 336

Weltliche Karrieren sind nun bald zu Ende. Warum sollten junge Leute also heute noch an einer Hochschulbildung interessiert sein und sich auf eine Zukunft vorbereiten, die nie kommt? Die Hochschulen stehen sowieso schon am Rande des Chaos. Die Kenntnisse, die ein Mensch im Leben braucht, kann er sich, wenn er fleißig lernt, auch durch eine Volksschulausbildung und in einer Lehre erwerben.

Wachtturm 1971 15. 12. 755, "Getrennt von der Welt"

Wie froh ist die WTG in Selters, dass die Anwälte ihrer Rechtsabteilung diese Ausbildungsbeschränkung nicht so wörtlich nahmen. Interessant ist die interne Rechtsauffassung, die im WT vertreten wird - alle die keine ZJ sind Achtung ­ dass nicht Berechtigten und das ist das ganze "System Satans auf der Erde", keine wahrheitsgetreuen Auskünfte gegeben werden müssen. Intern läuft das unter "geistiger Kriegführung!"

Begründung:

Durch Glaubenswerke gerechtgesprochen: "Böswilliges Lügen wird von Jehova zwar verurteilt, aber das bedeutet nicht, dass man verpflichtet ist, jemandem wahrheitsgetreue Auskünfte zu geben, der nicht berechtigt ist, sie zu erfahren.

Wachtturm 1993 15. 12. 25, "Hure Rahab"

Unter Jehovas Zeugen wurde eine wirklich theokratische Einrichtung geschaffen, und dadurch wurden sie für eine intensivere geistige Kriegführung gestärkt. "Das Ringen eines Christen geht gegen die "Regierungen [nicht Menschen aus Fleisch und Blut], gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis".

Wachtturm 1984 1. 4. 11, "Die gute Botschaft von etwas Besserem verkündigen"

Kämpfte Jesus um staatliche Anerkennung? Sein Reich war nicht von dieser Welt und seine Nachfolger sollten ihre "Habe im Himmel" mehren. Ein Merkmal wahrer Christen nennt Jesus in Matthäus 10:22: "Und ihr werdet um meines Namens willen Gegenstand des Hasses aller Leute sein". Wurden Zeugen Jehovas jemals im Namen Jesu verfolgt?

Die WTG führt Steuerprozesse in Frankreich und prozessiert in Deutschland um Privilegien. Dafür dürfen Zeugen Jehovas jetzt weltweit wählen und Zivildienst leisten. Gleich dem Altbundeskanzler Adenauer antworten sie ihren Kritikern: "Wollen Sie mich hindern, aus meinen Fehlern zu lernen?" Alle, die früher Zivildienst machten und dafür von der WTG ausgeschlossen wurden, wissen das zu schätzen. Jetzt werden ZJ richtig gute Staatsbürger. In Mexiko war die WTG schon früher kompromissbereiter, da ging es ja auch um was. Man wollte die gesellschaftseigenen Grundstücke nicht verlieren. Um Probleme mit dem Staat zu vermeiden, verzichtete man sogar auf das Singen und Beten in der Versammlung und die Königreichssäle nannte man "Säle für kulturelle Studien.

Originaltext ZJ Jahrbuch 1995 Seite 212:

Man vermied jeden Anschein eines Gottesdienstes, und es ist ja auch tatsächlich so, dass unsere Zusammenkünfte der Bildung dienen."

Die WTG fand es in Ordnung, dass sich in Mexiko ZJ vom Militärdienst freikauften. Wenn das damals die zur gleichen Zeit in Malawi verfolgten ZJ gewusst hätten, wäre ihnen manches erspart geblieben. Aber die waren "Schwarz", weit weg von Brooklyn und - sie hatten halt nichts. Dafür waren sie richtige Märtyrer. Für die hat man gebetet. Gab es in der "leitenden Körperschaft in Brooklyn" je einen "schwarzen Bruder"? Natürlich nicht.

Bluttransfusionen sind für die WTG kein Problem. Die Annahme aller Blutfraktionen wurde seit Juni 2000 zur Gewissenssache erklärt und wer Vollblut nimmt, wird nicht mehr ausgeschlossen. Geschickter Weise schließt sich derjenige dadurch jetzt selber aus. Süffisant behaupteten die "geistigen Krieger" in Karlsruhe am 20. 9. 2000 vor dem Bundesverfassungsgericht, die Haltung der WTG zum Blut ist seit 2000 Jahren unverändert! Sicher meinten sie, seit dem Jahr 2000. Damit gaben sie ein Beispiel für Rechtssicherheit, da sind sie sich sicher, für die Anhänger sozusagen todsicher.

Die WTG lügt nicht, sie "berichtigt". Durch immer "helleres Licht" berichtigt sie auch die Berichtigung. Mit der Umkehr der Beweislast bei der Annahme von Bluttransfusionen erspart man sich die Verhandlung vor dem Rechtskomitee und man kann sagen: "Bei uns wird wegen der Annahme von Vollblut keiner mehr ausgeschlossen". Gut, dass für sie die "satanische Welt" Blut spendet, denn auf Impfung wird nicht verzichtet. ZJ dürften das nicht. Sie würden dafür - richtig ­ ausgeschlossen.

Gern und öfters zitiert der Wachtturm den kath. Kirchenkritiker Hans Küng. Dogmatisch verurteilt man dagegen eigene Kritiker als Abtrünnige die Gangrän haben und ihr Ausschluss dauert 10 Minuten. Hierin zeigt sich besonders deutlich die Diskrepanz zwischen Lehre und Handlung. Schön ist, dass die WTG uns auch an Hitler erinnert. Erwachet 1978 8. 12. 3: "Hitler schrieb: "Die Aufnahmefähigkeit der großen Masse ist nur sehr beschränkt, das Verständnis klein, dafür jedoch die Vergesslichkeit groß...

Sie [die Propaganda] hat sich auf wenig zu beschränken und dieses ewig zu wiederholen".

Diese Erkenntnis wendet man in den eigenen Reihen am Besten an. Durch Hitler verstehen wir das nun. Er gab uns die Autobahn und dieses von der WTG aufgewärmte Zitat. Danke.

Mit freundlichem Gruß,

Ch. Reinhardt