Sturm im Saal

Zeugen Jehovas leugnen Heimlichtuerei bei der Behandlung von Sexualstraftätern in der Familie

Zeugen Jehovas verurteilen Kindesmissbrauch vehement. Doch mehrere Opfer in der Sekte sind in den vergangenen Monaten mit der Behauptung an die Öffentlichkeit gegangen, dass „Monster“ sich hinter der Politik der Kirche bei der Behandlung von Kindesmissbrauch verstecken.

Kritiker sagen, die Kirche fördere die Heimlichtuerei und die Rettung der Sünder auf Kosten der Opfer. „Die Politik schafft ‚ein Pädophilenparadies’“, sagte Bill Bowen aus Kentucky, ein früherer leitender Diener in der Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft, der nach 43 Jahren aus Protest ging. „Da geschieht etwas heimliches und verschlagenes Böses ... und die Zeugen sind sich dessen nicht einmal bewusst“, sagte Bowen, der im Jahre 2000 eine Opferunterstützungsgruppe namens Silent Lambs gründete.

Clive Thomas, Sprecher der kanadischen Kirche, sagte, die Anschuldigungen seien unfair. Während die Kirche sich um das geistliche Wohl des Täters kümmert, sagte er: „Uns liegt an den Kindern. Wir heißen den sexuellen Missbrauch von Kindern oder jeden anderen Missbrauch nicht gut, und wir sehen auch nicht nachgiebig darauf.“

Bowen sagte, er habe bereits von mehr als 5.000 Missbrauchsopfern gehört, seit er seine Webseite (www.silentlambs.org) bereitstellte.

Die Kirche führt in ihrer Weltzentrale in Brooklyn, New York, eine Datenbank über alle Mitglieder, die wegen Missbrauch angeklagt wurden. Bowen sagte, von Quellen aus der Kirche wisse er, dass die Datenbank über 23.700 Namen aus den USA, aus Kanada und Europa enthalte. Die Kirche räumt ein, dass es die Datenbank gibt, will aber nicht die genaue Anzahl nennen und sagt nur, die Zahl sei viel niedriger.

Einige der Geschichten der Opfer – Geschichten von Verrat und Vertuschungen durch Kirchenführer – haben Schlagzeilen in den USA und in Großbritannien gemacht. Bowen sagte, die amerikanische Kirche stehe vor sieben Gerichtsverfahren wegen der Behandlung mutmaßlichen Missbrauchs. Wie die Toronto Sun erfahren hat, ist die kanadische Kirche nicht gefeit vor dem zunehmenden Skandal.

Es ist vorgesehen, dass eine Frau aus New Brunswick nächste Woche in einem Gericht in Toronto in den Zeugenstand tritt – während ihres Prozesses gegen den kanadischen Zweig und zwei Älteste wegen der Anschuldigung, sie hätten den Missbrauch, den sie erlitt, vertuscht, als sie Jahre später als Erwachsene an sie herantrat. Die Kirche bestreitet die Anschuldigungen.

Auch die kanadische Kirche führt eine Datenbank. Obwohl Thomas nicht sagen wollte, wie viele Namen sie enthält, bestätigte er, dass in den vergangenen beiden Jahren 12 Kinderschänder in Ontario identifiziert wurden.

In seinem Buch Father’s Touch beschreibt Donald D’Haene, wie er von seinem Vater, der das „ein Spiel“ nannte, wiederholt zum Analverkehr gezwungen, befummelt und missbraucht wurde. Im Jahre 1973 teilte ein Familienangehöriger das Geheimnis einem Ältesten in seiner Versammlung der Zeugen Jehovas in Aylmer mit. Gemäß den Verfahrensvorschriften der Kirche untersuchten Älteste die Sache und sprachen mit den D’Haene-Kindern. Die Fragen, die sie stellten, waren „kalt, direkt und nüchtern“, erinnert sich D’Haene, 41, in dem Buch. Sein Vater gestand. Die Ältesten gaben in der Versammlung bekannt, dass man ihm „die Gemeinschaft entzogen“, ihn exkommuniziert hatte, aber es wurde kein Grund angegeben. D’Haenes Mutter wurde ebenfalls öffentlich zurechtgewiesen, weil sie nicht zu den Kirchenführern gekommen war.

Keiner rief die Polizei oder das Jugendamt. Donald D’Haene ging mehrere Jahre später zur Polizei. Im Jahre 1982 wurde sein Vater in drei Fällen grober Unsittlichkeit schuldig gesprochen. Der Richter nannte es „unbeschreiblich widerliche Taten“. „Die Religion schafft keine Monster“, sagte D’Haene. „Monster benutzen die Religion.“

Shirley Hardiman aus Winnipeg war im Jahre 1963 elf Jahre alt, als, wie sie sagt, der Freund ihrer Mutter sie sexuell missbrauchte. Ihre Mutter meldete es den Ältesten in ihrer Versammlung in Montreal. „Sie haben meiner Mutter gesagt, sie solle Stillschweigen bewahren und mich wegschicken“, sagt sie. Hardiman verbrachte die nächsten fünf Jahre bei Pflegeeltern, bis sie im Alter von 16 Jahren wieder mit ihrer Mutter vereint wurde. Der Mann, der sie missbraucht hatte und vor zehn Jahren starb, erhielt nach ihren Worten von der Kirche nie einen Verweis. „Da ist dieser wirklich starke Glaube, dass man nichts tun oder sagen kann, das Schande über die Organisation bringt“, sagte Hardiman, 50. Sie arbeitet heute als Beraterin bei Missbrauchsfällen.

Die Zeiten haben sich geändert. Kirchenälteste in Kanada müssen, so das Gesetz, mutmaßlichen sexuellen Missbrauch den Behörden melden; 1998 wurde ihnen von der Kirche die Anordnung gegeben, sich an das Gesetz zu halten.

„Wir verabscheuen die sexuelle Belästigung von Kindern“, sagt die Kirche in einer Pressemitteilung. „Es ist nicht bloß eine schreckliche Sünde, sondern auch ein Verbrechen ... Wir beschützen niemanden, der solche abstoßenden Taten begeht.“

Die weltlichen Behörden werden zwar über die Anschuldigungen unterrichtet, aber der Missbrauch wird auch intern von den Ältesten, die als Anwender des Gesetzes Gottes betrachtet werden, untersucht. Die Ältesten müssen zuerst Verbindung mit der Zentrale der Kirche in Georgetown aufnehmen, wo ein Anwalt ihnen Anweisungen erteilt, wie sie mit der Beschuldigung umgehen sollen. Dann werden zwei Älteste ernannt, die die Sache untersuchen sollen. Familienangehörige, das Opfer und der Beschuldigte werden befragt, manchmal zusammen, und diese Befragungen gehen in alle Einzelheiten.

Wenn der Beschuldigte den Missbrauch bestreitet, wird die Anklage fallen gelassen, wenn nicht ein weiterer [Augen]zeuge die Geschichte bestätigen kann. Diese Vorschrift gründet sich auf das 5. Buch Mose in der Bibel: „Kein einzelner Zeuge sollte gegen einen Mann bezüglich eines Irrtums oder einer Sünde aufstehen.“ Praktisch wird die Anklage des Kindes abgewiesen,wenn nicht eine weitere Person den Missbrauch sah oder ein anderes Kind sich mit einer Anschuldigung gegen dasselbe Kirchenmitglied meldet.

„Wir sind an die Bibel gebunden“ sagte Thomas. „Aber auch bei nur einem Zeugen würden wir es den Behörden melden.“ So erhält das Opfer „den Schutz der weltlichen Behörden.“ Aber ein Missbrauch werde selten in Rechtssystemen angezeigt, in denen eine Anzeige nicht vom Gesetz gefordert wird, sagte Bowen.

Wenn ein Pädophiler die Sünde gesteht, wird er bestraft, oft durch einen Gemeinschaftsentzug. Ein ständiger vertraulicher Bericht wird von den Ältesten aufbewahrt, und das Büro in Georgetown wird unterrichtet. Aber der Versammlung erzählt man nicht von dem Verbrechen – nur von der Strafe. Familienangehörigen und dem Opfer ist es gleichfalls verboten, mit anderen Versammlungsmitgliedern über den Missbrauch zu reden.

Ein Gemeinschaftsentzug oder eine Exkommunikation führt dazu, dass man von der Gemeinde und der Familie mindestens ein Jahr lang geächtet wird. Von dem geächteten Mitglied wird erwartet, dass es immer noch die Zusammenkünfte besucht.

Sollte ein Pädophiler in eine andere Versammlung ziehen, werden die Ältesten benachrichtigt, und es werden Berichte weitergeleitet.

Thomas sagte, Älteste müssten die Privatsphäre eines Beschuldigten schützen, besonders wenn er bereut hat, sie seien aber angewiesen, ihn sorgfältig im Auge zu behalten und ihn daran zu hindern, alleine mit Kindern zu sein.

Bowen, der im letzten Monat exkommuniziert wurde, nachdem er für schuldig befunden wurde, „Spaltungen zu verursachen“, setzte das Verfahren herab und merkte an, der Mantel der Geheimniskrämerei erlaube es Pädophilen, im „Zeugniswerk“ von Tür zu Tür zu gehen, ohne dass jemand anderer als die Ältesten davon weiß. Das Erfordernis mit den zwei Zeugen sei in Fällen von sexuellem Missbrauch lachhaft, sagte er. Auch wenn die Ältesten wohlmeinend seien, seien sie nicht geschult, Opfer zu befragen oder mit ihnen umzugehen.

Zeugen Jehovas

  1. Eine christliche Sekte mit 6 Millionen Mitgliedern (110.000 in Kanada).
  2. In den 1870er Jahren von Pastor Charles Taze Russell als Bibelstudiengruppe gegründet.
  3. Die Zeugen feiern kein Weihnachten oder Ostern. Sie glauben, Harmagedon stehe unmittelbar bevor und sie würden überleben.
  4. Die Zeugen glauben, es verletze Gottes Gesetz, wenn sie durch den Mund oder die Venen Blut in ihren Körper aufnehmen. Daher meiden sie Bluttransfusionen
  5. Sie schwören keiner Organisation oder Nation Loyalität. Daher gehen die Zeugen nicht zum Militär, singen nicht die Nationalhymne, gehen nicht wählen und bewerben sich nicht um öffentliche Ämter.
Quelle: The Toronto Sun, 1.September 2002