Die 144.000 und die große Volksmenge

Die Deutung dieser Klassen bezüglich ihres künftigen Aufenthaltsortes war schon unterschiedlich, als es noch keine Zeugen Jehovas gab, und ist es bis heute geblieben. Auch die alten Bibelforscher unter Russell haben ihr Verständnis von anderen übernommen.

Manche deuteten beide Klassen als himmlisch - so auch Russell - die Zahl 144.000 und die zwölf Stämme als symbolisch, andere deuteten beide Klassen als irdisch, die 144.000 buchstäblich als auf Juden bezogen, wieder andere eine Klasse als himmlisch, die andere als irdisch. Niemand ging allerdings so weit, der großen Volksmenge das Recht am Abendmahl zu bestreiten. Manche Ausleger haben auch den Standpunkt vertreten, dass beide Gruppen in Wirklichkeit nur eine Klasse seien, dargestellt unter verschiedenen Bildern.

Für den himmlischen Status der großen Volksmenge - eine Ansicht, die auch die WTG lehrte bis 1935 - sprach der Text, dass sie (Offb. 7:15) in Gottes Tempel dienen. Das hier gebrauchte Wort ist laut Interlinear-Übersetzung das Wort naos während hieron die ganze Tempelanlage umfasst, einschließlich das Vorhofs der Nationen, der ja nach dem Verständnis der WTG die Erde veranschaulicht. Naos bezeichnet nur das Tempelgebäude beziehungsweise das innere Heiligtum (englisches Wörterbuch zum Neuen Testament, S.1004; siehe auch Einsichten über die Heilige Schrift, Band 2, unter "Tempel", S.1102, Abs.1, letzter Satz). Es ist nach der Deutung der WTG der Ort der Gegenwart Gottes. Das Griechisch-Deutsche Wörterbuch von Walter Bauer spricht auf S.1079 sogar vom himmlischen Heiligtum, in das Christus einging (Hebr. 9:12,24). Demnach wäre der künftige Dienstort der großen Volksmenge nicht auf der Erde. Dass man die Zahl der 144.000 allgemein als symbolisch nahm, war kein Wunder, wollte man sie buchstäblich nehmen, müsste man auch ihre Zusammensetzung aus zwölf jüdischen Stämmen buchstäblich nehmen. Dazu kam, dass schon im ersten Jahrhundert mehr als 144.000 Menschen sich zu Christus bekannten. Wenn damals, wie die WTG lehrt, nur die himmlische Berufung erging, wie könnte dann heute noch ein Überrest vorhanden sein, zumal während all der 2.000 Jahre es immer echte Christen gab? Auch das ist, in Übereinstimmung mit Matthäus 28:20, Lehre der WTG.

Für andere war die große Volksmenge eine irdische Klasse, weil sie aus der großen Drangsal kommt. Das ist auch die Lehre der WTG seit 1935, obwohl damit noch nichts ausgesagt ist über ihr künftiges Geschick. Denn dass sie ihre Rettung auf Grund des Opfers Christi erlangen, macht ja Offenbarung 7:14 deutlich. Aber eines wird dabei auch klar: Niemand kann heute sagen, ich gehöre zur großen Volksmenge, denn noch ist niemand aus der großen Drangsal gekommen. Ich habe manchmal bei Todesfällen von Zeugen gesagt: "Wieder jemand, der nicht zur großen Volksmenge gehört", weil diese eben noch nicht in Erscheinung getreten ist.

Doch wie sollen sich die Zeugen nennen, die sich nicht zu den Gesalbten zählen? 'Andere Schafe' sind sie nicht, vielmehr sie sind es als Christen aus den Nationen, aber nicht wegen einer bestimmten Hoffnung. Zur großen Volksmenge gehören sie zumindest jetzt noch nicht, weil diese noch nicht existiert. Darum spricht man wohl neuerdings viel von den Freunden Gottes nach dem Beispiel Abrahams (ausdrücklich nicht von Kindern Gottes, denn das seien nur die Gesalbten), aber wo findet man eine solche Gruppe in der Bibel? Gewiss, Jesus nennt seine Jünger Freunde (Joh. 14:14-15), aber niemand wird bezweifeln, dass diese seine Freunde Gesalbte waren und Kinder Gottes. Die gesalbten Kinder Gottes sind auch die Freunde ihres Herrn! Aber nirgendwo gibt es einen Hinweis, dass es eine Gruppe von Nachfolgern Jesu gäbe, die nicht Gesalbte im Sinne von Römer 8 und nicht Kinder Gottes im Sinne von 1. Johannes 3:1 wären.

Bei der Vielfalt der Auslegungen möchte ich mich hier nicht auf eine bestimmte Deutung von Offenbarung 7 festlegen, sondern vielmehr der Zusage und Verheißung Jesu vertrauen, der sagte: ‘In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen ... komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit auch ihr seid, wo ich bin’ (Joh. 14:2-3). Freuen wir uns doch vielmehr auf die Wohnung, welche der Herr uns geben wird, wo immer es auch sei.

Ein Zeuge sprach vor einiger Zeit bei einer gläubigen Person vor und wollte ihr zeigen, dass die von vielen gehegte Hoffnung für den Himmel falsch sei; er fing damit an: "Was meinen Sie wohl, wo Sie nach der Auferstehung sein werden, im Himmel oder auf der Erde?" Sie antwortete: "Das weiß ich nicht, aber auf jeden Fall bei meinem Herrn."

Nachstehend füge ich zum Thema der 144.000 noch einen Text eines Bruders bei, der viele Jahre im Schreibbüro der Gesellschaft arbeitete und auch einer der 5 Brüder war, die das 'Hilfe-Buch' der Gesellschaft heute das 'Einsichten-Buch' geschrieben und zusammengestellt hatten und der auch viele WT-Artikel geschrieben hat:

Man argumentiert in einer ungewöhnlichen Weise, um Personen unter den Zeugen Jehovas das Verhältnis zu Gott, das ihnen eigentlich zusteht, vorzuenthalten. Man lehrt nämlich, es gebe zwei Klassen von Christen und eine davon stehe in einem eindeutig privilegierteren Verhältnis zu Gott als die andere. Diese Lehre dient letztlich dazu, die Machtstruktur innerhalb der Organisation zu stützen und ein Klima zu schaffen, in dem sich die Mitglieder willig unterordnen. Was ist das Wesentliche an dieser Lehre, und in welcher Weise argumentiert man, um sie zu untermauern?

Unter den kostbaren Verheißungen der Bibel für alle Menschen, die sich Gott reuevoll zuwenden und an das Loskaufsopfer seines Sohnes glauben, befinden sich auch diese:

Sie werden von der Sklaverei der Sünde und des Todes frei gemacht, in Gottes Augen gerechtfertigt oder gerechtgesprochen und erlangen die völlige Vergebung ihrer Sünden kraft der Versöhnung durch das Opfer Christi. Christus handelt als ihr Mittler und führt sie in einen Bund mit seinem Vater. Sie werden vollkommen mit Gott versöhnt und zu einem Teil seiner Familie, zu Kindern Gottes; sie werden als Söhne angenommen und erlangen ein vertrautes Verhältnis zu Gott. Es erwartet sie ewiges Leben, das sie nur dann verlieren, wenn sie ihren Glauben verlieren. Gottes Sohn sagt nämlich:

"Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer auf mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben, und er kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod zum Leben hinübergegangen."

Das sind wirklich großartige Verheißungen über ein wunderbares Verhältnis zu Gott und zu seinem Sohn. Nach dem, was die Wachtturm-Gesellschaft lehrt, gelten diese Verheißungen jedoch gegenwärtig nur für etwa 8.700 Personen auf der Erde - für den "gesalbten Überrest" der 144.000 Auserwählten. Sie gelten nicht für die anderen rund viereinhalb Millionen Zeugen Jehovas (Und sie gelten auch nicht für irgendeinen der anderen fünf Milliarden Erdbewohner, die keine Zeugen Jehovas sind). Viele Zeugen Jehovas sind sich dessen tatsächlich nicht bewußt und erkennen nicht, wie weit die Lehre der Organisation hier eigentlich geht. Einige sind ganz offen beunruhigt, wenn man ihnen vor Augen führt, was das heißt: Sie haben selbst die gute Botschaft Gottes gehört und an sie geglaubt, sie haben bereut und Glauben an Gottes Loskaufsvorkehrung durch seinen Sohn bekundet - und dennoch ist Jesus Christus nicht ihr Mittler, sie sind nicht gerechtgesprochen und können es bis zum Ende der "Tausendjahrherrschaft Christi" auch nicht sein. Damit sind auch ihre Sünden nicht wirklich vergeben, die Sünden sind gewissermaßen zeitweilig suspendiert. Sie sind auch keine Söhne Gottes, sondern nur "voraussichtliche Kinder"; wahre Kinder Gottes werden sie erst nach der "tausendjährigen Gerichtszeit" und der Schlußprüfung, die angeblich danach folgt. Ferner wird ihnen (natürlich taktvoll) gesagt, die Christlichen Griechischen Schriften - das Neue Testament - seien nur für die "Gesalbten" geschrieben und würden für die weiteren viereinhalb Millionen Menschen nur in "erweitertem Sinne" gelten, weil sie eben nicht zu den etwa 8.700 "Gesalbten" gehörten, die mit Christus im Himmel regieren sollen und die allein vom Brot und vom Wein beim Abendmahl des Herrn nehmen. Diese Lehren sind jedoch nicht völlig ohne Widerspruch geblieben. Aufgrund von Zweifeln, ob diese Lehre von den zwei Rängen, den "Gesalbten" und den "anderen Schafen", überhaupt mit der Bibel übereinstimmt, hat die Organisation eine Reihe von Artikeln verfaßt, die den Glauben an diejenigen Punkte dieser Lehre, die am unbegründetsten erscheinen, stärken sollen. Wie hier argumentiert wird, verdient wiederum unsere Aufmerksamkeit.