Die Lehre von den 144.000 auf wackligen Beinen

Die Wachturm-Gesellschaft zitiert gerne wissenschaftliche und historische Werke - sofern diese ihre Lehren unterstützten. Doch man muss vorsichtig sein, denn so manches Zitat wird missbraucht.

Außerdem erkennt man nicht selten Widersprüche, wenn man unterschiedliche Ausgaben des Wachtturms miteinander vergleicht. So zum Beispiel zum Thema 144.000, einer der umstrittensten Lehren der WTG.

Bei der Mehrheit der ZJ ist immer wieder folgendes Phänomen zu beobachten: Die Beweisführungen und Schlussfolgerungen, die in der Literatur der WTG dargelegt werden, sind unantastbar und werden nicht kritisiert bzw. kritisch überprüft. Wer es dennoch öffentlich tut, wird als rebellisch und undankbar dem „treuen und verständigen Sklaven“ gegenüber bezeichnet und mit entsprechenden Sanktionen (Verlust von „Vorrechten“, Isolation innerhalb der Versammlung und im Extremfall Gemeinschaftsentzug) belegt, falls dieses Verhalten anhält. Manche, die innere Widersprüche in der Literatur der WTG und in ihrer Bibelauslegung finden, behalten deshalb ihre Zweifel für sich und denken sich sinngemäß folgendes: „Das alles in der Literatur wird schon seine Richtigkeit haben, nur ich verstehe das noch nicht. Zu seiner Zeit wird es geklärt werden und dann werde auch ich das verstehen“. Von einem „Studium“ der Literatur der WTG (oder der Bibel?), das dieses Wort auch verdient und von dem ZJ oft reden, kann deshalb wohl kaum die Rede sein.

Den meisten in diesem Forum ist das bereits sattsam bekannt. Ich schreibe das allerdings vor allem auch für jene, die in diesem Forum mitlesen und sich möglicherweise darüber freuen, dass es auch in diesem Forum einige gibt, die Dinge aussprechen, die sie selbst genau so schon empfunden haben, aber niemandem sagen durften. Das Gefühl, ich bin mit meiner Auffassung nicht allein bzw. das Gefühl, meine Gedanken sind gar nicht so falsch, mag einigen helfen, weiterhin Informationen zu sammeln und sich verstärkt mit der Bibel, der Rolle Gottes usw. (auch einmal ohne WTG-Literatur!) auseinanderzusetzen und entsprechende Konsequenzen zu ziehen.

In diesem Zusammenhang ist es fast schon ein Treppenwitz der Geschichte der WTG, dass sie Zitate von Wissenschaftlern, Historikern und anderen Personen, die zu Fachleuten auf bestimmten Gebieten gehören, zu ihren Gunsten gebraucht und nachweislich auch bewusst missbraucht. Ein Beispiel, das weniger bekannt aber nichts desto trotz genauso aussagekräftig ist, möchte ich im Folgenden darlegen. Es handelt sich dabei um die Aufarbeitung der Geschichte der ersten Christen in Rom, beginnend mit der Regierungszeit von Kaiser Nero.

Im „Einsichten-Buch“, Band I, Seite 462 ist unter dem Stichwort „Cäsar“ folgendes zu lesen:

Im Jahre 64 u. Z. zerstörte eine gewaltige Feuersbrunst ungefähr ein Viertel der Stadt Rom. Als sich das Gerücht verbreitete, Nero sei an dem Brand selbst schuld, suchte er den Verdacht von sich abzuwälzen, indem er, wie der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet, die Schuld auf die Christen schob (Annalen, 15. Buch, Abs. 44). Es folgten Massenverhaftungen, und unzählige Christen sowie Personen, die unter dem Verdacht standen, Christen zu sein, wurden gefoltert oder getötet, ja einige wurden bei lebendigem Leibe öffentlich verbrannt. Damit scheint eine umfangreiche Verfolgung begonnen zu haben, die nicht von religiöser, sondern von politischer Seite ausging und die darauf abzielte, die Christenversammlung auszurotten.

Zu beachten ist, dass der erste Teil der Darlegung sich auf den Geschichtsschreiber Tacitus stützt, der zweite Teil hingegen keinerlei Quellangabe für die dargelegte Beschreibung der damaligen Verhältnisse beinhaltet. Warum nicht? Der Grund dafür wird beim nächsten Zitat offensichtlich. Es stammt aus dem Wachtturm 1972, 15.10., S. 639-40 und beinhaltet die Beantwortung einer Leserfrage:

Eine große Zahl Christen soll während der Verfolgung durch die Römer in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung umgebracht worden sein. Wie ist es denn möglich, daß in unserem Jahrhundert noch Tausende dazu berufen wurden, Glieder des Leibes Christi zu werden, der doch nur aus 144 000 Personen zusammengesetzt ist? — USA.

Wie die Geschichte zeigt, wurden in den ersten Jahrhunderten viele Christen bitter verfolgt, ja sogar getötet. Man sollte jedoch daran denken, daß sich ein Mensch durch den Märtyrertod allein weder bei Jehova verdient machen noch die Teilhaberschaft am himmlischen Königreich sichern kann. Selbst in der heutigen Zeit waren viele Personen bereit, für eine religiöse oder eine andere Sache zu sterben. Daß jemand beansprucht, ein Christ zu sein, und bereit ist, für seinen Glauben sogar zu sterben, beweist an sich nicht, daß er ein annehmbarer Diener Jehovas Gottes ist. Es ist so, wie der Apostel Paulus an die Korinther schrieb; „Wenn ich alle meine Habe austeile, um andere zu speisen, und wenn ich meinen Leib hingebe, um mich zu rühmen, aber nicht Liebe habe, so nützt es mir nichts.“ (1. Kor. 13:3) Nicht der Tod, sondern die Treue bis in den Tod entscheidet, ob jemand „die Krone des Lebens“ empfangen wird. — Offb. 2:10.

Heute befindet sich noch ein Überrest der 144 000 auf der Erde. Demnach müssen bis zum zwanzigsten Jahrhundert weniger als 144 000 ihren irdischen Lauf in Treue beendet haben.

Viele Leute sind zwar der Meinung, daß in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung mehr Menschen verfolgt worden seien, doch dafür fehlen die Beweise in Wirklichkeit vollständig. Es ist heute unmöglich festzustellen, wie viele Personen getötet wurden, und noch viel weniger läßt sich die Zahl derer feststellen, die sich bis in den Tod als treu erwiesen haben. „Es gibt eigentlich nur wenig Anhaltspunkte, auf die wir uns stützen können“, schreibt Frederick John Foakes-Jackson in dem Buch History of Christianity in the Light of Modern Knowledge (Geschichte des Christentums im Lichte der heutigen Erkenntnis). Er erklärt weiter: „Das Zeugnis über die Verfolgung durch Nero wurde von zwei römischen Geschichtsschreibern, Tacitus und Sueton, aufgezeichnet, die zur Zeit dieser Verfolgung beide noch sehr jung waren und die ihre Aufzeichnungen darüber erst in ihrem späteren Leben machten. Es gibt kein zeitgenössisches christliches Dokument, das sie beschreibt, wenn auch in der Offenbarung darauf angespielt worden sein mag. ... Tertullian, der am Ende des zweiten Jahrhunderts lebte, ist unsere Autorität dafür, daß Nero und Domitian die Christen verfolgten, da sie die beiden grausamsten Herrscher in den ersten Jahrhunderten waren.“ Anfang des dritten Jahrhunderts u.Z. bemerkte Origenes (ein Kirchenschriftsteller): „Nur hin und wieder sind einzelne — man könnte sie leicht zählen — für den christlichen Glauben gestorben.“

Vieles, was über die christlichen Märtyrer geschrieben wurde, ist durch die Tradition ausgeschmückt worden und ist daher unglaubwürdig. In dem Werk Fox’s Book of Martyrs wird zum Beispiel das Martyrium Polykarps, der im zweiten Jahrhundert u. Z. lebte, wie folgt beschrieben: „Er wurde ... an einen Stamm gebunden, und die Reisigbündel um ihn herum wurden in Brand gesteckt; selbst als die Hitze so groß wurde, daß die Soldaten gezwungen waren, sich zurückzuziehen, fuhr er lange Zeit fort, zu beten und Gott zu loben und zu preisen. Die Flammen loderten mächtig empor, doch sein Körper blieb unverzehrt und strahlte wie geläutertes Gold. Man sagt auch, ein Wohlgeruch wie duftende Myrrhe sei aus dem Feuer aufgestiegen und die Zuschauer seien darüber so erstaunt gewesen, daß sich dadurch viele zum Christentum bekehrt hätten. Als die Vollstrecker feststellten, daß er durch das Feuer nicht getötet werden konnte, stießen sie ihm einen Speer in die Seite, worauf das Blut in einer solchen Menge hervorkam, daß es die Flammen auslöschte. Sein Körper wurde dann auf Anordnung des Prokonsuls eingeäschert, damit seine Nachfolger ihn nicht zu einem Gegenstand der Verehrung machen könnten.“

Aus welcher Quelle Fox auch geschöpft haben mag, so ist von diesem Bericht offensichtlich wenig wirklich historisch. Immerhin wäre die Anspielung auf die Verehrung der sterblichen Überreste Polykarps, sofern sie als ein Hinweis auf Reliquienverehrung unter den Bekennern des Christentums des ersten Jahrhunderts aufzufassen ist, ein weiterer Beweis dafür, daß viele von diesen keine treuen Anbeter Jehovas Gottes waren. Die Christen standen unter dem Gebot, ‘Gott anzubeten’, nicht irgendwelche Reliquien. (Offb. 19:10) Ja, Götzendiener gehören zu denen, von denen die Heilige Schrift ausdrücklich sagt, sie würden das Königreich nicht ererben. — 1. Kor. 6:9, 10.

Dieses Zitat ist eine wahre Fundgrube für die Struktur der Beweisführung der WTG. Bereits 1972(!) ist es der WTG schwer gefallen, Argumente für die Lehre der buchstäblichen Zahl der 144.000 Gesalbten und den Folgerungen aus dieser Lehre zu finden. Aus diesem Grund spielt sie zuerst einmal bei obiger, delikater Frage die Motivation von einigen der ersten Christen herunter und unterscheidet in „wahr“ und „falsch“ motivierte Christen, für die jeglicher quantitativer Beweis dafür fehlt (Doch nur darum geht es bei der Beantwortung der Leserfrage! Durch eine derartige Argumentation wird dem Leser suggeriert, die Zahl „wahr“ und „richtig“ motivierter Christen müsse entsprechend klein gewesen sein, obwohl das nichts als eine reine Vermutung ist. Es kann und wird auch durchaus so gewesen sein, dass einige bereit waren, als christliche Märtyrer zu sterben, ohne je begriffen zu haben, was die Grundlagen des Christentums überhaupt sind. Macht die WTG diese Unterscheidung allerdings auch dann, wenn sie die christlichen Märtyrer als vorbildhaft für einen starken Glauben beschreibt bzw. anführt, dass den ersten Christen heftiger Widerstand geleistet wurde und sich deshalb biblische Prophezeiungen erfüllt haben? Das erste Zitat zeigt, dass dem nicht so ist.).

Weiters heißt es:

Heute befindet sich noch ein Überrest der 144.000 auf der Erde. Demnach müssen bis zum zwanzigsten Jahrhundert weniger als 144.000 ihren irdischen Lauf in Treue beendet haben.

Ein perfektes Beispiel für eine Tautologie (Man beachte in diesem Zusammenhang nochmals den genauen Wortlaut der Leserfrage!). Es wird für die Beantwortung einer Frage eine Voraussetzung gewählt, die erst beantwortet bzw. bewiesen werden soll!

Im ersten Zitat ist noch von „Massenverhaftungen“ und „unzähligen Christen“ die Rede, während im zweiten Zitat das pure Gegenteil behauptet wird, nämlich „Nur hin und wieder sind einzelne – man könnte sie leicht zählen – für den christlichen Glauben gestorben“ und dass für eine große Verfolgung in den ersten Jahrhunderten die Beweise in Wirklichkeit vollständig fehlen.

Die Antwort auf die Leserfrage stützt sich in ihren Ausführungen auf einige Geschichtsschreiber, lässt aber gleichzeitig durchblicken, dass viele Beschreibungen der christlichen Märtyrer durch die Tradition ausgeschmückt wurden und daher unglaubwürdig sind und führt dann als Beweis dafür Polykarp an.

Die WTG ändert ihre Argumentation je nach Bedarf, zitiert äußerst selektiv und manipuliert damit ihre Leser immer wieder. Das ist um so verwerflicher und tragischer, als sie gleichzeitig den Anspruch erhebt, dass ZJ die Inhalte der Schriften wie oben beschrieben unkritisch übernehmen müssen. Als Beweis dafür mag das abschließende Zitat dienen. Es stammt aus dem „Rettungs-Buch“ Seite 32, Absatz 8, das 1975 herausgegeben wurde (also drei Jahre nach der Veröffentlichung obiger Leserfrage):

Die Tatsachen zeigen, daß Johannes diese Offenbarung empfing, nachdem Jerusalem und sein Tempel im Jahre 70 u. Z. von den Römern zerstört worden waren und nachdem Kaiser Nero Rom in Brand gesteckt und dadurch die Verfolgung der fälschlich angeklagten Christen ausgelöst hatte.

Welche Tatsachen? Es werden keine angeführt, lediglich Behauptungen aufgestellt. Erstens hat Kaiser Nero Rom mit größter Wahrscheinlichkeit nicht in Brand gesteckt (siehe auch das Zitat aus dem „Einsichten-Buch“, wo nur von einem Gerücht die Rede ist) und zweitens impliziert obiger Satz, dass die Christen schon damals als Gruppe verfolgt wurden, was ebenfalls mit größter Wahrscheinlichkeit so nicht stimmt (siehe zweites Zitat). Etwas sarkastisch formuliert könnte man schreiben, dass in der für die Verfassung solcher Schriften zuständigen Abteilung der WTG die Ansichten über „Tatsachen“ offensichtlich unterschiedlich sind und mit den „Tatsachen“ schludrig umgegangen wird.

Natürlich können solche Fehler passieren und sie passieren auch bei anderen Verlagen. Doch die WTG ist nicht irgendein Verlag. Ihre Ausführungen sind bindend für Millionen von Menschen und zwar im Extremfall bis in den Tod (siehe das Thema „Blut“). Ist es da nicht notwendig, mit den „Tatsachen“ vorsichtiger umzugehen? Und ist es nicht auch notwendig, demütig Fehler einzugestehen, sie umgehend zu korrigieren und vor allem keine absoluten Ansprüche an den Inhalt des in der Literatur dargelegten zu hegen? Letzteres ist leider bei der WTG nicht der Fall, wie eine Unzahl von Erfahrungen zeigt, auf die ich aus Platzgründen hier nicht eingehen kann.

Nach dem Lesen der oben angeführten Tatsachen mag sich der eine oder andere Leser außerdem fragen, ob hier nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird und sich dieses Thema (Christenverfolgung im ersten Jahrhundert) in seinen Schlussfolgerungen nicht unbedingt einschneidend auf das tägliche Leben auswirkt. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass die WTG mit Tatsachen und Zitaten je nach Bedarf ihre Leser manipuliert, ohne dass diese das bemerken bzw. bemerken dürfen und darauf aufbauende Vorschriften erlässt, die ihr so nicht zustehen. Ähnliche Vorgangsweisen wählt die WTG bei weit wichtigeren Themen wie z.B. dem Thema „Blut“, Zivildienst“, „Generation“ usw.

Aus diesem Grund möchte ich jeden Leser dieser Zeilen auffordern (sofern er es nicht schon getan hat), selbst die notwendigen Prüfungen vorzunehmen. Es geht hierbei nicht um einseitiges Kopfwissen. Jeder, der ZJ ist, weiß, dass die Literatur der WTG Auswirkungen auf jeden Bereich des Lebens hat bzw. haben muss. Dieser Aspekt verdient es, beachtet zu werden, auch wenn das viel Zeit, Kraft und manche schlaflose Nacht bedeutet.

PS: Es ist zusätzlich interessant, das allgemeine christliche Verständnis über die Christenverfolgung der ersten Jahrhunderte zu untersuchen. Oft erhebt sich dabei wirklich der Eindruck, dass es sich dabei um eine „Kriminalgeschichte“ ersten Ranges handelt.