Massive Drohungen und eine wahre Leserbriefflut

Kaufbeuren/Ostallgäu - Seit wir Anfang des neuen Jahres ein Exklusiv-Interview und mehrere Folgeberichte über Aussteiger bei den Zeugen Jehovas veröffentlichten, die massive Vorwürfe auch zum Thema Kindesmisshandlung ansprachen, geht es beim Kreisboten und der Selbsthilfegruppe Allgäu rund. Die Kripo ermittelt mittlerweile aufgrund unserer Hinweise in vier Fällen.

Massive Drohungen

Anonyme Anrufe: Jehovas Strafe wird furchtbar sein

von Bertram Maria Keller

KAUFBEUREN/OSTALLGÄU - Recht turbulent ging es in den vergangenen Wochen beim Kreisboten und bei der Selbsthilfegruppe Sektenausstieg Allgäu zu., nachdem wir ein Exklusiv-Interview mit Zeugen-Jehovas-Aussteigern veröffentlichten, die in ihren Ausführungen von Kindesmissbrauch sprachen. Aufgrund dieser Veröffentlichungen folgten mehrere Hinweise, in denen mittlerweile die Kripo in vier Fällen ermittelt.

Aufgrund der letzten Kreisboten-Veröffentlichung vom 26. Januar 2000 war es für die Zeugen Jehovas aus Marktoberdorf und Füssen offenbar ein Leichtes, die verwickelten Personen in dem Bericht zu erkennen, berichtete uns Wolfgang Mittner von der Selbsthilfegruppe Sektenausstieg Allgäu gleich nach Erscheinen (Mittwoch) des Kreisboten. Die noch im Allgäu lebende junge Frau erhielt allein bis Donnerstag Mittag vier anonyme Anrufe, in denen sie auf das Übelste beschimpft wurde. Dabei wurde sie als Lügnerin, Schlampe und charakterloses Schwein bezeichnet, um nur einige der Kraftausdrücke zu nennen.

Jehovas Strafe wird furchtbar sein, da Sie Schmach auf den Namen Jehovas bringen, wurde ihr am Telefon gesagt. In zwei Anrufen wurde sie sogar massiv bedroht. Einer drohte ihr Prügel an, wenn sie nicht die Klappe halte. Besonders übel ging ein Drohanrufer vor, der ihr unmißverständlich klarmachte, sie habe den Mund zu halten. Ansonsten müßte sie gerechtfertigterweise die Kosequenzen tragen. Dann fragte er, ob ihr denn das Wohlergehen ihrer Kinder nicht wichtig sei. Der Vorfall wurde sofort an die Kripo Kempten weitergegeben, die bereits, wie in den anderen Fällen, ein Ermittlungsverfahren eingeleitet hat. Daß wir zu diesem Thema auch mit Leserbriefen schier überschüttet wurden und immer noch werden (siehe links und unten), zeigt deutlich, daß wir bei diesem Thema in ein Wespennest stachen. Wer mehr zu diesem Thema wissen will, ist beim Treffen der Selbsthilfegruppe Sektenausstieg Allgäu am 8. Februar um 19.30 Uhr im Gasthof Lindenau in Kaufbeuren/Hirschzell herzlich willkommen: Selbstverständlich sind auch Zeugen Jehovas, die Fragen haben, bei uns willkommen, so Robert Schlittenbauer, Gründungsmitglied der Selbsthilfegruppe gegenüber dem Kreisboten.

Quelle: Kreisbote Ostallgäu vom 02.02.2000

Beitrag der Intoleranz

Ihr Bericht Ein Blick hinter den Wachtturm war nicht nur mangelhaft recherchiert, sondern er ist ganz einfach unwahr.

Jeder Richter kann nur dann ein Urteil fällen, wenn er den Angeklagten selbst befragt hat. Für Ihren Reporter scheint dieser fundamentale Rechtsgrundsatz keine Gültigkeit zu haben, denn er besorgt sich die Informationen von der Gegenseite. Anstatt mit solchen unglaublichen Vorwürfen aufzuwarten, sollte er erst mal die Tatsachen kennen, bevor er sie verdreht wiedergibt. Durch diese Reportage haben Sie einen weiteren großartigen Beitrag zur Intoleranz geleistet - haben Sie davon nicht ohnehin genug in Ihrem Land?

Zoppel Christine, Ehrenbergstraße 49, 6600 Reutte/Österreich

Verlogene Organisation

Auf diesem Wege möchte ich mich bei den vielen, vielen Anrufern bedanken, die sich überwiegend lobend über unsere Aktion geäußert haben und uns auch unterstützen wollen.

Schockiert waren die meisten darüber, dass Kindesmißbrauch nicht zur Anzeige gebracht wird, sondern die Täter - je nach Bekanntheitsgrad der Handlung - oft weiter in Amt und Würden bleiben können.

Natürlich will ich auch betonen, dass die Mehrheit der Zeugen Jehovas anständige Bürger sind, doch werden Kinderschänder gedeckt, und wir wollen uns allgemein für die Opfer, die Kinder, stark machen.

Zu Schlägen bei Kindern: Während die WTG an die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags kürzlich schrieb: "Kinder zu schlagen gehört nicht zu unserem Verständnis von Zucht", sieht die innerbetriebliche Wirklichkeit ganz anders aus. So schreibt das WTG-Buch Das Familienleben glücklich gestalten auf S. 144: "Das Temperament und die Veranlagung des einzelnen Kindes müssen berücksichtigt werden. Ein Kind. das sehr empfindsam ist, braucht nicht jedes Mal geschlagen zu werden. Bei einem anderen Kind mögen Schläge wirkungsvoll sein."

Einsichten, Band 2 S.1012 schreibt 1992: "Die Rute versinnbildlicht auch die elterliche Gewalt..., auch das buchstäbliche Züchtigungsmittel. Die Eltern sind Gott gegenüber verpflichtet, die Rute zu gebrauchen, indem sie das Kind in Zucht nehmen. Eltern, die das nicht tun, sind nicht nur verantwortlich dafür, wenn ihr Kind eine Beute des Verderbens und des Todes wird, sondern sie bringen auch Schande über sich und ziehen sich Gottes Mißbilligung zu."

Klar, dass Eltern, die das Schlagen von Kindern derart von oben abgesegnet bekommen, auch oft zu diesem Mittel greifen. Wer will schon ein verantwortungsloser Vater/Mutter sein. Jeder kann sich selbst ausmalen, zu welchen Exzessen das bei weniger sanftmütigen Gemütern führen kann. Die eigentlich Schuldigen agieren also hinter den Kulissen: eine verlogene und skrupellose Organisation namens Wachtturmgesellschaft.

Sollte ich selbst einmal diese Methode bei meinem Sohn angewandt haben, so bitte ich ihn heute offiziell um Entschuldigung.

Emmy Kriegisch, Benzenauer Str. 42, 87600 Kaufbeuren

Keinen gezwungen

Als langjähriger aktiver Zeuge Jehovas kann ich nur jeden bitten, sich unvoreingenommen selbst von den Tatsachen zu überzeugen und nicht blind wirren Behauptungen Glauben zu schenken. Wer uns und unsere Publikationen nur etwas kennt, wird unschwer erkennen, dass wir weltweit - ungeachtet der Rasse und Nationalität - daran interessiert sind, unseren Mitmenschen Gottes Wort die Bibel mit ihrer wichtigen Botschaft näher zu bringen, hohe sittliche Maßstäbe zu vermitteln und auszuleben sowie den Glauben an den Schöpfer des Universums zu stärken. Menschen nachzufolgen ist uns absolut fremd. Keiner wurde gezwungen, Zeuge Jehovas zu werden (wir kennen z.B. keine Kindertaufe), keiner wird gegen seinen Willen gezwungen, einer zu bleiben. Ein Zusammenhang zwischen uns und Scientology, der Moon-Sekte oder gar der japanischen Aum-Sekte kann schon allein deshalb nicht bestehen, da die Zielrichtungen völlig konträr sind. Uns dann noch als verfassungsfeindliche Psychosekte verkaufen zu wollen, in deren Reihen mißhandelt oder vergewaltigt wird, ist eine derart niederträchtige Pauschalierung, die jeden aufrichtigen Zeugen Jehovas aufs Tiefste beleidigen müßte. Jehovas Zeugen sind durch ihre öffentliche Tätigkeit so weit bekannt geworden, dass sich ein weiterer Kommentar zu den Anschuldigungen erübrigt.

Wilfried Schneider, Bahnhofstraße 3, 87499 Wildpoldsried

LESERBRIEF zum Thema Zeugen Jehovas der Selbsthilfegruppe Sektenausstieg Allgäu

GESCHLAGEN UND MISSBRAUCHT IM NAMEN JEHOVAS

Wir möchten noch einmal den Unterschied zwischen den einfachen Zeugen Jehovas (ZJ) und der Wachtturmgesellschaft (WTG) herausheben. Während der normale ZJ von vielen Dingen nichts ahnt, oft völlig unbescholten und gutgläubig ist, wollen und können wir die Organisation dahinter nicht schonen. Die WTG hat schwere Schuld auf sich geladen.

Kindesmißbrauch bei den ZJ in Form von Schlägen, psychischem Druck und nicht kindgerechtem Aufwachsen ist ein bekanntes Problem.

Der sexuelle Mißbrauch von Kindern ist bei den ZJ ebenso zu finden, dessen Ausmaß kommt aber erst in jüngerer Zeit stärker ans Tageslicht. Die WTG hat - leider großenteils mit Erfolg - immer versucht, nichts nach außen dringen zu lassen. So ist das Problem den einfachen ZJ kaum bekannt, den Ältesten dagegen schon. Ein weiterer Brief einer Betroffenen an die Selbsthilfegruppe zeigt klar den doppelten Mißbrauch auf, den Kinder in der Wahrheit erleiden können. Angela (Name geändert) schreibt uns von ihrem Stiefvater, der sie während 4 Jahren als Kind sexuell mißbrauchte. Zudem erhielt sie sehr regelmäßig mindestens ein oder zwei mal die Woche Prügel, mit der Hand, einem Teppichklopfer, Gürtel oder Kochlöffel und verbrachte auch immer wieder Stunden eingesperrt in einer dunklen Garage. Angelas Mutter begründete diese Züchtigungen mit ihrer Liebe zu ihr und weil es Jehova so wolle, sonst würde das ja nicht in der Bibel stehen.

"Ich hatte Angst, Angst vor den Schlägen, Angst vor der Garage und vor allem Angst, dass ich sterben müsse, weil ich Jehovas Zorn auf mich gezogen habe", erinnert sich Angela. "Ich kann mich auch sehr gut daran erinnern, dass in der Versammlung andere Kinder aus dem Saal gezerrt und dann in der Toilette oder der Garderobe verprügelt wurden, weil sie in der Zusammenkunft zu unruhig waren, mit 2-3 Jahren schon."

Als ihre Mutter wieder heiratete, ebenfalls einen ZJ, gab es von Anfang an viele Streitigkeiten. Ca. 2 Jahre später kam es zu den ersten sexuellen Übergriffen ... "Bevor er sich befriedigte, sagte er mir, dass ich ja wisse, dass ich ihm gehorchen müsse, da Jehova es so will und ich andernfalls ganz sicher seinen Zorn und damit meine Vernichtung auf mich ziehen würde."

Ein Gespräch mit ihrer Mutter und dann mit einem Ältesten brachte nichts, außer dass sie als Lügnerin hingestellt wurde, die nur gegen den ungeliebten Stiefvater intrigiere.

"Danach wurde mir der Satan aus dem Leib geprügelt ... Parallel zu dem Mißbrauch studierte mein Stiefvater mit mir das Jugendbuch, in dem sexuelle Handlungen vor der Ehe als Verstoß gegen Jehovas Willen dargestellt wurden, am Abend kam er dann wieder...Es geschah oder änderte sich nichts. Nach außen die glückliche Familie, innen ein Fiasko. In dieser Zeit hatte ich Selbstmordgedanken."

In ihrer Not täuschte Angela vorehelichen Verkehr vor, worauf sie das Rechtskomitee der Versammlung ausschloß. "Ich stand mit 16 Jahren alleine, zog aus dem Elternhaus aus und hatte mein gesamtes soziales Umfeld verloren, wurde wie ein Verbrecher behandelt und fühlte mich schuldig."

Sektenausstieg Allgäu

(im vorliegenden Fall wurde selbstverständlich Strafanzeige erstattet

Leserbrief

Welch ein Blick in die Giftküche der Sektenjäger. Welch hässliches Gebräu mit allen Zutaten, um Vorurteile zu wecken, Argwohn zu säen und Hass zu schüren. Erschreckend, was hier zigtausendfach unter dem Deckmantel der Aufklärung verbreitet wird. Hat man die erforderliche journalistische Sorgfalt walten lassen? Wurden die aufgestellten Behauptungen eingehend auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft? Hat man die Beschuldigten gehört? Wie wäre es bei nächster Gelegenheit einfach einen Zeugen Jehovas zu fragen? Können "Aussteiger" als verlässliche Zeugen dafür gelten, was in einer Gemeinschaft wirklich vor sich geht?

Eine Selbsthilfegruppe für Kirchenaustrittswillige braucht man nicht. Die Leute gehen auch so. Einige von ihnen sind heute Zeugen Jehovas. Sie fühlen sich in deren Reihen wohl und erzählen von ihrer Vergangenheit: den körperlichen Misshandlungen im gut christlichen Elternhaus, den Ohrfeigen, weil man die Sonntagsschule schwänzte, den Watschen, weil man im Religionsunterricht nicht aufmerksam war, dem Kindesmissbrauch durch Angehörige - manchmal durch Kirchenvertreter, dem Psychoterror durch den strenggläubigen Ehepartner.

Warum liest man davon nichts in den Publikationen der Zeugen Jehovas? Das hat vor allem zwei Gründe: Erstens, Jehovas Zeugen haben mehr Stil als Sektenjäger. Zweitens, die Berichte in den öffentlichen Medien genügen für einen Blick hinter die scheinheilige Fassade.

Muss man fälschlich von einem "Weltkonzern der Zeugen Jehovas" sprechen, deren Organisation sich allein durch freiwillige Spenden finanziert, um davon abzulenken, wie kirchliche Institutionen immer noch bequem von Kirchensteuer-Milliarden leben, zusätzlich hohe Staatszuschüsse aus dem normalen Steuertopf erhalten, sich außerdem für jeden Handgriff bezahlen lassen und dann noch um Spenden bitten? Muß man von einem angeblichen "Machtgefüge" der Zeugen Jehovas reden, um vergessen zu machen, dass es höchste Zeit ist, kirchliche Macht zu beschneiden? Muss man die geschichtlichen Tatsachen verdrehen, um zuzudecken, wie sich die Volkskirchen bei den Nationalsozialisten anbiederten?

Diese Methoden religiöser Intoleranz sind nicht neu und die Liste ihrer Opfer ist lang. Sie reicht von den Anfängen der Kirchengeschichte über die Inquisition, Kolonisation und "Christianisierung" bis in unsere Generation und darüber hinaus. Schämen sollte man sich und einen Gedenktag wider das Vergessen wäre wohl auch hier angebracht.

Wie in den Jahrhunderten davor bedient man sich auch heute noch subtilster Mittel, äußert Vermutungen und verdächtigt, deutet an und unterstellt, verbreitet Unwahrheiten, appelliert an das Gefühl, ist für jeden Aussteiger, der hilfreich sein könnte, dankbar und... lässt die Schmutzarbeit den Staat machen. Jehovas Zeugen sollen gefährlich sein? Nein, gefährlich ist vielmehr jene Hetze, die durch infame Unterstellungen Unfrieden stiftet: in Ehen und Familien, unter Nachbarn und Arbeitskollegen, in Gemeinden und Landkreisen und die es sich sogar zum erklärten Ziel gemacht hat, ihre subversiven Aktivitäten weiter auszudehnen.

Ja es ist an der Zeit, deutlich zu werden. Die Religionsfreiheit von Minderheiten zu schützen und dem schädlichen Virus religiöser Intoleranz entgegen zu wirken - das wäre eine Aufgabe für den Verfassungsschutz.

Reinhold A. Leitol

Der Leserbrief von Herrn Leitol, München, vom 6.6.2000, verrät eine verständliche Betroffenheit, die er - ich unterstelle, dass er selbst Zeuge Jehovas ist - durch die Berichte im Kreisboten empfindet. Die Art seiner Reaktion darauf ist allerdings weniger verständlich, vorausgesetzt, dass es ihm um Wahrheit geht.

Im ersten Abschnitt seines Briefes äußert er eine Reihe pauschaler Verdächtigungen und Unterstellungen in Frageform, zieht die Sorgfalt journalistischer Recherchen in Zweifel, unterstellt unwahre Behauptungen und bezweifelt die Ehrlichkeit und Verlässlichkeit von Aussagen ehemaliger Zeugen Jehovas. Vielleicht hat Herr Leitol die Ausgabe der Zeugen-Zeitschrift "Erwachet!" vom 22.6.2000 noch nicht gelesen. Dort wird in einer Artikelserie über "Propaganda" auf Seite 4 u.a. gesagt, dass zu den Mitteln der Propaganda "Verallgemeinerungen, Abstempelungen, Manipulation von Emotionen, Benutzung von Slogans" (vage, schwammige Aussagen) usw. gehören. Nach dieser Erwachet!-Definition sind die Ausführungen von Herrn Leitol sehr propagandistisch. Wenn es ihm nur um die Feststellung der Fakten ginge: die in der Aussteigergruppe vorgetragenen Tatsachen - keine pauschalen Verdächtigungen und Behauptungen - sind nachprüfbar und dokumentierbar. Aber daran hat er wohl kein Interesse. Es ist ja so viel einfacher, den Ruf anderer Leute in Zweifel zu ziehen.

Die von ihm angesprochenen, wohl nicht "verlässlichen" Ex-Zeugen galten bis vor kurzem, so lange sie in der Organisation waren, als wahrheitsliebende Zeugen, die man im Predigtdienst zur Verkündigung der "Wahrheit" aussandte, galten als ehrliche und aufrichtige Brüder und Schwestern. Doch weil sie die Organisation der Zeugen verlassen haben, werden sie nicht mehr als verlässlich angesehen, gelten wohl nicht mehr als aufrichtig und vertrauenswürdig. Ist für Herrn Leitol Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit eine Frage der Zugehörigkeit und nicht eine Frage des jeweiligen Menschen?

Der Leserbriefschreiber erwähnt auch, dass man keine Selbsthilfegruppe für Kirchenaustrittswillige braucht. RICHTIG! Denn von keiner Kirche werden Ausgetretene sozial so geächtet wie bei Jehovas Zeugen. Wenn z.B. ein Katholik Zeuge Jehovas wird, mag das seinen Bekannten nicht gefallen. Doch niemand zwingt diese, ihren Umgang mit ihm einzustellen, ihn nicht einmal mehr zu grüßen, ihn wie nicht existent zu behandeln, ihn sozial gleichsam abzuschneiden und wie gestorben zu behandeln. Das ist aber bei Zeugen Jehovas der Fall und dazu braucht man Selbsthilfegruppen.

Die Glieder der Selbsthilfegruppen bestreiten nicht, dass es auch in der Geschichte der Kirchen bis heute dunkle Flecken gibt, über die - wie Herr Leitol richtig bemerkt - sogar die Medien in aller Offenheit berichten. Im Vergleich dazu ist die Offenheit in der Information bei der für Jehovas Zeugen maßgebenden Wachturm-Gesellschaft äußerst zurückhaltend Doch geht es hier nicht um gegenseitige Aufrechnung. Wenn man einen Diebstahl vorhält, ist es wohl keine Entschuldigung zu sagen, dass andere viel mehr gestohlen haben. Und ein Kindesmissbrauch hier, ein Kindesmissbrauch dort - das ergibt nicht Null, sondern zwei mit zwei Opfern. Die Behauptung, man höre nichts Negatives über andere Religionen in den Schriften der Zeugen, weil sie mehr Stil hätten als die Sektenjäger, kann der nur schwer nachvollziehen, der die Schriften der Zeugen Jehovas kennt. Sie sind erfüllt mit Ankündigungen der Vernichtung der Kirchen der Christenheit als ein Teil der Hure Babylons, wegen ihrer Unsittlichkeit, ihrer politischen Verstrickungen, ihres Blutvergießens, ihrer Untaten, Harmagedon, die Schlacht Gottes, wird beschrieben und auch bildlich dargestellt mit einstürzenden religiösen Gebäuden, mit im Blut watenden Pferden und anderem mehr. Wo bleibt da das Stilempfinden? Benutzen Sie den Index der Wachtturm-Literatur und Sie werden fündig, Herr Leitol.

Wenn Autoren von einem Weltkonzern der Wachtturm-Gesellschaft sprechen, warum prüft Herr Leitol die Aussagen und Begründungen dieser Autoren nicht nach, statt sie - die einfachere Weise - als fälschliche Aussagen zu bezeichnen? Und was das "angebliche" Machtgefüge der Zeugen Jehovas betrifft, das lernt jeder Zeuge Jehovas schnell kennen, der die Ansicht hegen sollte, er könne in einer Versammlung Meinungen äußern, die von der offiziellen Lehre abweichen. Das dürfte auch Herr Leitol wissen. Wenn man weiß, dass Menschen ausgeschlossen werden, nur weil sie den Umgang mit befreundeten Menschen nicht aufgeben wollen, welche die Gemeinschaft verlassen hatten oder ausgeschlossen worden waren, dann kann man verstehen, warum man Jehovas Zeugen zu den totalitären Sekten zählt.

Im vorletzten Absatz seines Leserbriefs kritisiert Herr Leitol Dinge (...äußert Vermutungen und verdächtigt, deutet an und unterstellt, verbreitet Unwahrheiten, appelliert an das Gefühl), die er selbst im ersten Absatz ausgiebig anwendet. Sollte ihm das nicht bewusst geworden sein? Er spricht von "infamen Unterstellungen": in der Aussteigergruppe werden Fakten vorgetragen. Unterstellungen gebraucht der Verfasser des Leserbriefs. Auch sind die Tätigkeiten der Aussteigergruppe nicht subversiv, sie wollen nichts umstürzen, sondern Menschen helfen. Auch hier wieder eine Abstempelung, Etikettierung pauschaler Art, laut Erwachet!-Definition "Propaganda", hier gegenüber Menschen, die Sektenopfern helfen wollen.

Zuletzt bringt der Autor noch das massive Argument des Schutzes der Religionsfreiheit von Minderheiten ins Spiel. (Manche sprechen ja auch schon von Verfolgung, wenn man nicht als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt wird oder, wie in Frankreich, erhebliche Steuern nachzahlen soll.) Vielleicht ist Herrn Leitol nicht bewusst, dass die Freiheit für religiöse Minderheiten in unserem Land noch nie so groß war wie heute. Was er aber wohl wirklich meint, was man aus dem ganzen Brief schließen kann, ist vermutlich die Unterbindung der Meinungs- und Redefreiheit für Kritiker, Andersdenkende und Ehemalige. Sie sollten wohl zum Schweigen gebracht werden, so wie er es innerhalb der Wachtturm-Organisation gewohnt ist.

Herr Leitol, wenn Sie wirklich an der Wahrheit interessiert sind, dann tun Sie das, was Sie selbst vorschlugen: Prüfen Sie die aufgestellten Behauptungen eingehend auf ihren Wahrheitsgehalt, ohne das Ergebnis der Prüfung schon vorher festzuschreiben!

Ursula Meschede