Im Juli 1948 fand in Kassel der erste Groß-Kongress der Zeugen Jehovas statt. 70 Jahre später erinnert in der Kasseler Documenta-Halle eine Ausstellung an dieses Ereignis.

Nur drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs war es inmitten der von Bombenangriffen massiv zerstörten Stadt Kassel ein spektakuläres Ereignis, das sicherlich nicht ohne Eindruck auf die - inmitten der Turbulenzen von Währungsreform und dem heraufziehenden Kalten Krieg - mit dem Wiederaufbau beschäftigten Einwohner blieb. Die während der Nazi-Diktatur verfolgte Religionsgemeinschaft der „Zeugen Jehovas“ hielt vom 23. bis 25. Juli 1948 an zentraler Stelle, auf der Karlswiese vor der Kulisse der Ruine der Orangerie, ihren „Theokratischen Kongress“ ab. Es war ihr erster Groß-Kongress in Deutschland nach dem Ende des Dritten Reichs. Wie wenig ihr die Verfolgung anhaben konnte, belegte die stattliche Zahl der Besucher: Die mit 20.000 Teilnehmern gut gefüllte Karlswiese dürfte allein vom erhöhten Standort der Schönen Aussicht am Rande der Karlsaue ein beeindruckendes Bild geboten haben.

Auch von offizieller Seite blieb der Kongress nicht unbeachtet. Kassels Oberbürgermeister Willi Seidel hieß die Besucher in einer persönlichen Ansprache beim Kongress willkommen. Nachkriegsbedingt konnte seine Verwaltung den Zeugen Jehovas keine Hilfe zur Verfügung stellen. Also bereiteten 400 Freiwillige der Zeugen die von wassergefüllten Bombentrichtern durchlöcherte und von starken Regenfällen durchnässte Karlswiese in mühevoller Eigenleistung für den Kongress vor. Das sich dann über den Kongress haltende Schönwetter kam den Gläubigen wie ein Gotteslohn für ihre harte Arbeit vor. In einer Rückschau zeigt die Kasseler Lokalzeitung HNA (Hessisch-Niedersächsische Allgemeine) das Bild einer Gruppe sympathisch wirkender junger Menschen, die mit ihrem Arbeitseinsatz für ihren Glauben auch der Allgemeinheit einen Dienst tun.

Zum 70. Jahrestag widmet sich nun vom 5. bis 11. Juli 2018 in der Kasseler Documenta-Halle eine Ausstellung mit dem Titel „Widerstand und Neuanfang“ diesem Kongressereignis, das in der Geschichte der Zeugen Jehovas in Deutschland einen festen Platz einnimmt. Für die Religionspraxis der Zeugen Jehovas sind die als Massenveranstaltungen aufgezogenen Kongresse von enormer Bedeutung; die Termine sind fester Bestandteil in ihrem religiösen Kalender, auf die lange im Voraus hingearbeitet, ja sogar regelrecht hingefiebert wird. Sie dienen nicht nur der Formierung der eigenen Anhängerschaft und als interner Heiratsmarkt, sondern vor allem auch als propagandistisches Signal nach außen: „Wir sind da, und wir sind viele!“

Rund 500 Besucher, dem Augenschein nach mehrheitlich Mitglieder der Zeugen Jehovas, waren zugegen, als am Mittwochnachmittag des 4. Juli die Auftaktveranstaltung stattfand. Der Rahmen wurde offenbar bewusst säkular gehalten, ohne Gebete und religiöse Vorträge. Besucher begrüßte man am Haupteingang persönlich mit Handschlag. Und natürlich dürfen auch die unvermeidlichen Trolleys nicht fehlen. Für die musikalische Untermalung sorgte das Göttinger Symphonieorchester. Es ist ein klein wenig Zeugen-Atmosphäre zu schnuppern, ohne dafür einen Königreichssaal zu betreten. Und dennoch kann der Berichterstatter sich nicht des Eindrucks erwehren, als wäre es den Organisatoren auch darum gegangen, ein anderes Bild ihrer Religion zu vermitteln, weg von dem Image einer Endzeitsekte zu einer Religion wie jede andere auch, die sich jedoch durch ihre hohen moralischen Ansprüche und ihre unter Verfolgung bewährten Ideale heraushebt.

Den Fachvortrag über die Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas im Dritten Reich hielt Thomas Ewald von der Volkshochschule Region Kassel (VHS). Ewald wird sich vermutlich gar nicht bewusst sein, auf welchen Nerv er bei seinem Publikum traf, als er die Rolle der Amtskirchen in der Beihilfe gegen den kleinen Religionskonkurrenten kritisierte und explizit hervorhob, dass sie von niemanden dazu gezwungen worden waren. Es erschien wie die Bestärkung jener sattsam bekannten egozentrischen Paranoia der Zeugen Jehovas, die sich als Inhaber einer exklusiven Wahrheit allein im Kampf gegen „das Weltreich der falschen Religionen“ sehen.

Sind die Zeugen Jehovas Widerstandskämpfer gegen das Dritte Reich gewesen oder nur Widerständler? Diese Frage unter Historikern aufwerfend entschied sich Ewald klar für ersteres. Zwar traten die Zeugen Jehovas nicht für die Demokratie ein, aber das gleiche träfe genauso auf die Mitglieder der KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) zu.

Ewalds Vortrag einer Heldengeschichte der Zeugen Jehovas gegen das Dritte Reich kam vollkommen ohne jene unangenehmen Fakten aus, die ein etwas differenzierteres Bild ergeben würden. Nicht ein Wort verlor er über die mit antisemitischem Vokabular gespickte Wilmersdorfer Erklärung der Zeugen Jehovas vom Berliner Kongress im Juni 1933, kurz vor dem Verbot durch die Nazis. Über diesem ambivalenten Dokument aus der Feder von Joseph Franklin Rutherford, dem zweiten Präsidenten der Wachtturm-Gesellschaft, welcher die Zeugen erst zu dem machte, was sie heute sind, wird nur ungern von Zeugen Jehovas erwähnt.1 Mehr noch: es werden abenteuerliche Verrenkungen zur Relativierung dieses Dokumentes unternommen.2 Ebenso wenig ging Ewald auf die Widerstandskämpferin Margarete Buber-Neumann ein, die in ihren Berichten aus ihrer Zeit im Frauen-KZ Ravensbrück auch ausführlich ihre Erfahrungen mit den damals noch als Bibelforscher bekannten Zeugen beschrieb. Buber-Neumann zeichnete jedenfalls in ihren Erinnerungen ein sehr kontrastreiches, aber am Ende keineswegs schmeichelhaft ausfallendes Bild vom Verhalten der Zeugen Jehovas im KZ.3

Man mag sich fragen, warum in Ewalds Vortrag diese keineswegs unwesentlichen, kritischen Details fehlten? Wir wollen zu seinen Gunsten annehmen, dass er dem ungeschriebenen Gesetz der Höflichkeit gegenüber dem Gastgeber folgend diese Dinge taktvoll überging. Aber auf der anderen Seite war er sich auch nicht zu schade dafür, seinem Publikum mit dem oben erwähnten Hinweis auf die Amtskirchen ordentlich Futter zu geben.

70 Jahre nach diesem Kongress haben die Veranstalter der Ausstellung tatsächlich noch fünf hochbetagte Zeitzeugen aus ganz Deutschland auftreiben können, die auf der Bühne von ihren damaligen Erlebnissen und Stimmungen berichteten. Und dabei darf selbstverständlich nicht fehlen, wie motivierend dieser Kongress für den eigenen Beschluss war, „noch mehr für Jehova zu tun“. Der Berichterstatter hätte an diese Zeitzeugen nur zu gerne die Frage gerichtet, ob sie damals in der Erwartung des nahen, blutigen Weltendes „Harmagedon“ gedacht hätten, 70 Jahre später noch im alten „System der Dinge“ das Jubiläum dieses Kongresses zu feiern? Jeder der Kongress-Teilnehmer hätte seinerzeit vermutlich mit tiefer Überzeugung versichert, „es könne nur noch kurze Zeit dauern, bis auf der Erde die Entscheidungsschlacht geschlagen wird“.4 Die Weltuntergangspropheten sind über ihre eigenen Voraussagen doch ziemlich alt geworden.

Stadträtin Esther Kalveram-Schneider übermittelte das Grußwort der Stadt Kassel. Sie betonte darin am Beispiel der Zeugen Jehovas, wie wichtig das heute vielfach bedrohte Gut der Religionsfreiheit sei. Ein Popanz, wenn man sich vor Augen hält, dass die Religionsfreiheit dieser Glaubensgemeinschaft zumindest in Deutschland von niemanden ernsthaft in Frage gestellt wird. Was aber im Falle der Zeugen Jehovas in Frage gestellt wird – und in diesem Punkt in vielen Aussteigerberichten gleichlautend belegt -, ob die negative Religionsfreiheit gewährleistet ist, also die Möglichkeit die Mitgliedschaft bei den Zeugen Jehovas unbeschadet und ohne tiefgreifende Konsequenzen zu beenden.5

Übrigens werben die Veranstalter – unter Verwendung der offiziellen Logos - damit, dass die Ausstellung „mit freundlicher Unterstützung“ der VHS und der Stadt Kassel stattfindet. Auch auf mehrfache Nachfrage hin erhielt das Netzwerk Sektenausstieg keine Auskunft vom Presseamt der Stadt Kassel darüber, worin denn genau diese Unterstützung besteht.

Die Ausstellung selbst fällt recht bescheiden aus. Die Exponate nehmen eine Fläche ein, die nicht größer ist als die eines halben Königreichssaals. Wofür es hier – abgesehen vom Prestigewert - die Documenta-Halle brauchte, ist ein Rätsel. Überwiegend bestehen die Ausstellungsstücke aus Alltagsfotos der Kongress-Szenerie und laminierten Faksimiles von Briefen aus dem KZ in Verbindung mit biographischen Skizzen von im Nazireich verfolgten Zeugen aus Nordhessen, denen Stolpersteine gewidmet sind, oder Presseberichten über den Kongress. In einer Ecke liegt ein angeblicher Original-Strohsack vom Kongress 1948, auf dem die Teilnehmer damals in den rustikalen Massenunterkünften schliefen. Das Stroh, so erklärte ein weiterer Zeitzeuge in einem Video-Einspieler, sei mit einem Zugwaggon extra aus Stade angeliefert worden. Wer mehr erwartete wird enttäuscht.

Was fehlte? Jeglicher Bezug darauf, was damals eigentlich inhaltlich auf diesem legendären Kongress vermittelt wurde. Was die Ausstellung in erster Linie transportiert, ist Emotion nicht Information. Die Austeilung von Literatur gehört traditionell zu den Höhepunkten dieser Kongresse. Doch der Inhalt des in einem blauen Einband gebundenen Exemplars des Buches „Die Wahrheit wird euch frei machen“ bleibt dem Besucher unter dem Glas der Schauvitrine unzugänglich. Die Wahrheit wird euch frei machen (1964) Dabei hat es dieses Buch in sich! Nicht nur die Nationalsozialisten vertraten bizarre Verschwörungstheorien über den angeblich „jüdisch-bolschewistischen Ursprung“ der Zeugen Jehovas – umgekehrt zeichneten die Bibelforscher ein ähnlich merkwürdiges Bild ihrer Gegner, vor allem der ihnen besonders stark abgelehnten katholischen Kirche:6

Im Jahre 1928 suchten die Staaten dieser Welt, unter Einschluß Amerikas, durch Abschluß des Pariser Friedenspaktes, der den Krieg für ungesetzlich erklärte, die „Friedens- und Sicherheits“-Rüstung des Völkerbundes zu verstärken. Solch menschliche Kunstgriffe verhinderten jedoch nicht die Erfüllung der göttlichen Prophetie. Da sich der Vatikan nicht auf den Rücken dieses Völkerbund-„Tieres“ schwingen konnte, bei welchem das protestantische Britannien vorherrschend war, wurden vom Papsttum totalitäre Bewegungen gefördert, um ein sogenanntes „Schwert der Kirche“ zu schmieden, den Völkerbund umzugestalten und ihm eine Form zu geben, die sich den päpstlichen Weltherrschaftsplänen anpasst.7

Und selbstverständlich hat der alte Gegner auch nach dem Zweiten Weltkrieg seine dunklen Pläne nicht aufgegeben:

In der Nachkriegs-„Neuordnung“ wird sich das neuzeitliche Gegenstück Jerusalems, die „Christenheit“, mit den Armeen einer internationalen Polizeistreitkraft umgeben, um weiterhin die Welt zu beherrschen. Die römisch-katholische Hierarchie wird für die ganze Erde als geistliche Polizeimacht zu handeln suchen. Die „Christenheit“ wird das Empfinden haben, nun „Frieden und Sicherheit“ rufen zu können. Damit sich der „Greuel der Verwüstung“ an der „heiligen Stätte“ behaupte, schafft man jene internationale Polizeimacht oder stellt in gemeinsamen Einvernehmen der alliierten Nationen jene Ordnungsstreitkräfte auf. Demnach unterhält man diese Heere in Wirklichkeit gegen Gott und sein Königreich [gemeint sind die Zeugen Jehovas]. Und wenn ihr das seht, sagte Jesus, könnt ihr sicher sein daß die erstaunliche „Verwüstung“ der „Christenheit“ nahe ist. Die Religion wird sie nicht retten.8

Was heute 70 Jahre später für Kopfschütteln und Erheiterung beim Laien sorgt, gehörte damals zum Glaubenskanon der Zeugen Jehovas, war Teil einer scheinbar unverrückbaren „Wahrheit“, die über die Jahrzehnte hinweg immer wieder den veränderten Zeitläufen angepasst wurde. Das betrifft nicht allein das auch in diesem Buch mit geradezu mathematischer Präzision aus der Bibel errechnete Ende des gegenwärtigen „Systems der Dinge“.9 Eine Gegenüberstellung der Lehren damals und heute könnte so bei manchen Mitgliedern der Zeugen Jehovas die Schamesröte ins Gesicht treiben.

Ebenso wenig gab die Ausstellung Auskünfte darüber, was eigentlich auf dem Kongress mitgeteilt wurde. Aufzeichnungen oder Tondokumente über die Vorträge – Fehlanzeige! Dabei waren die Zeugen Jehovas für ihre scharfe Rhetorik bekannt.10 Gewiss war das in der Zeit des Konfessionalismus, wo sich selbst katholische und evangelische Kirche trennscharf gegenüberstanden und Ökumene ein Fremdwort war, nichts Ungewöhnliches. Doch die Zeugen Jehovas setzen immer noch gerne auf Zuspitzung gegenüber der „großen Hure Babylon, dem Weltreich der falschen Religionen“, so wie es im „Wahrheit“-Buch in ihrem exklusiven Selbstverständnis zum Ausdruck kommt:

Sie erfaßten, daß die ganze „Christenheit“ dem Aberglauben, der Religion und dem Pfaffenbetrug versklavt ist und brachen zur Freiheit durch, indem sie aus allen Religionssekten, den katholischen, protestantischen, jüdischen und anderen, herauskamen.11

Vielleicht mag sich auch manch ein Besucher der Ausstellung fragen, was eigentlich der Begriff der „Theokratie“, so wie er im Titel des Kongresses enthalten ist, überhaupt bedeutet? Damit ist im Verständnis der Zeugen Jehovas ihre hierarchische, von oben nach unten strukturierte Organisationsform gemeint, an deren oberste Spitze Jehova Gott steht. Mit anderen Worten, sie ist die irdische Vertretung der himmlischen Königreichsherrschaft – ob Anmaßung oder Größenwahn, das mag jeder für sich selbst entscheiden.12

Aber es liegen noch andere kritische Aspekte vor, die eine „freundliche Unterstützung“ der Ausstellung durch offizielle Stellen fragwürdig erscheinen lassen. In den letzten Jahren kamen zahlreiche Fälle sexuellen Missbrauchs aus dem Binnenleben der Zeugen Jehovas ans Tageslicht, die auf ein systemisches Versagen der internen Regularien schließen lassen. Das ergibt sich aus einem fundamentalistischen Bibelverständnis, das in heiligen Texten verankerte archaischen Regeln unhinterfragt in unsere Zeit überträgt. In diesem Fall mit tragischen Konsequenzen! Die berüchtigte „Zwei-Zeugen-Regel“ führte dazu, dass Opfer solcher Taten durch ZJ-Funktionäre dazu angehalten wurden, Täter nicht den Behörden zu melden. Sexueller Missbrauch zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass er von Einzeltätern im Verborgen begangen wird, also Tatzeugen von vornherein ausgeschlossen sind. Durch die Aufdeckung zahlreicher so vertuschter Fälle steht die Religionsführung unter gewaltigen Druck. In zahlreichen juristischen Prozessen wurden die Zeugen Jehovas zu hohen Summen verurteilt. Die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals ist noch lange abgeschlossen.13

Zum anderen ist es der Umgang mit Aussteigern, der in kaum einer anderen Religionsgemeinschaft so rigide praktiziert wird wie unter Zeugen Jehovas. Nur in totalitären Organisationen diffamiert man Abweichler und Dissidenten gerne als „Abtrünnige“. Wer sich als Zeuge Jehovas dazu entschließt, sich von seiner Religion abzuwenden und ihr den Rücken zu kehren – beispielsweise wegen ihres internen Umgangs mit Fällen von sexuellen Kindesmissbrauchs -, riskiert den Ausschluss aus der Glaubensgemeinschaft und damit den Bruch mit allen bisherigen sozialen Beziehungen, die sich bei den Zeugen Jehovas in der Regel nur auf Glaubensangehörige beschränken.14 Der dadurch entstehende Riss zieht sich oftmals durch ganze Familien. Selbst hier gilt die Regel einer konsequenten Anwendung des mit dem Ausschluss verbundenen Kontaktverbots: Eltern wird in sehr deutlicher Form nahegelegt, den vertrauten Umgang mit einem ausgeschlossenen Kind zu unterlassen.15 Worüber wir hier also reden ist die offenkundige Missachtung des im Grundgesetz verankerten Schutzes der Familie durch eine Religionsgemeinschaft, die nach jahrzehntelangem Prozessieren – auch vor dem Bundesverfassungsgericht - inzwischen die Privilegien einer Körperschaft des öffentlichen Rechts genießt!

Es ist ein gerade auch gerne von Zeugen Jehovas befördertes Missverständnis, dass der Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts eine Art staatliches Unbedenklichkeitssiegel darstellt. Er sagt in erster Linie etwas über die Rechtstreue einer Religionsgemeinschaft aus. Die mag bei den Zeugen Jehovas gegeben sein. Doch neben dem Kontaktverbot gegenüber Aussteigern und dem zweifelhaften Umgang mit Missbrauchsfällen stehen die juristisch kaum greifbaren obskuren Lehren, wie das Verbot von Bluttransfusionen, ein krudes Wissenschaftsverständnis16 sowie eine ausgeprägt feindselige Einstellung gegenüber weltlicher Bildung17 und schließlich eine Reihe fehlgeschlagener Endzeit-Prophezeiungen, die die Religionsgemeinschaft – zurückhaltend formuliert – bedenklich machen.

Eine als historische Ausstellung getarnte Werbeveranstaltung für eine hochproblematische Religionsgemeinschaft in einer Veranstaltungshalle, die sich im kommunalen Eigentum befindet, ist eine Sache. Doch wenn sich dort hochrangige Vertreter aus öffentlichen Institutionen zu wohlwollenden Auftritten einfinden, müssen sie sich durchaus den Vorwurf gefallen lassen, zumindest unbeabsichtigt die Zeugen Jehovas von jeglicher Kritik an zweifelhaften Glaubenspraktiken zu entlasten.

Kassel und Sekten - das ist ein unrühmliches Kapitel für sich. Im April 2015 bot die Stadt mit der Vermietung ihrer Stadthalle der esoterischen Wunderheilermesse "Spirit of Health 2015" ein umstrittenes Forum. Nach heftigen Protesten – auch vom Netzwerk Sektenausstieg – hat die Stadt die richtige Konsequenz gezogen, künftigen Veranstaltungen dieser Art keinen Platz mehr in ihren Tagungsräumen zur Verfügung zu stellen. Man hätte sich gewünscht, dass nach dieser Erfahrung auch im Hinblick auf andere problematische Glaubensgruppen eine dauerhafte Sensibilisierung der kommunalen Vertreter eingesetzt hätte.


1 James Penton, „Endzeit ohne Ende“, S. 233
2 Siehe hierzu die Textanalyse der Wilmersdorfer Erklärung von Gabriele Yonan in „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“. 2. Verbesserte Auflage 2000. Des weiteren: http://www.jwhistory.net/text/besier-besier1999.htm (abgerufen am 08.07.2018)
3 Margarete Buber-Neumann, „Als Gefangene bei Stalin und Hitler“, 1958, u.a. S. 246, 254, 322
4 „Die Wahrheit wird euch frei machen“, S. 310
5 Eine breite Auswahl solcher Aussteigerberichte findet sich unter https://www.sektenausstieg.net/
6 James Penton „Endzeit ohne Ende“, S. 307
7 „Die Wahrheit wird euch frei machen“, S. 338
8 „Die Wahrheit wird euch frei machen“, S. 344
9 „Die Wahrheit wird euch frei machen“, S. 152
10 James Penton, „Endzeit ohne Ende“, S. 212
11 „Die Wahrheit wird euch frei machen“, S. 308
12 James Penton, „Endzeit ohne Ende“, S. 305 ff
13 https://www.oliverwolschke.de/warum-vier-zahlen-mein-leben-veraendert-haben/sexueller-kindesmissbrauch/ (abgerufen am 08.07.2018)
14 James Penton, „Endzeit ohne Ende“, S. 126-128, 351-352, 410-411
15 https://www.facebook.com/infosekta/posts/zeugen-jehovas-und-gemeinschaftsentzug-kontaktverb/2124093441155960/ (das Posting berichtet über einen von den Zeugen Jehovas produzierten Videoclip, der auf Kongressen vorgeführt wird. Er stellt in einer Art Kurzdrama die Rückkehr der jungen Ex-Zeugin Sonja dar, die durch den Kontaktabbruch ihrer Eltern zur Rückkehr in die Religionsgemeinschaft „motiviert“ wird; abgerufen am 08.07.2018)
16 Zeugen Jehovas vertreten auf ihrem fundamentalistischen Bibelverständnis heraus die Vorstellung eines Langzeitkreationismus (https://de.wikipedia.org/wiki/Zeugen_Jehovas#Schöpfung/Evolution ; abgerufen am 08.07.2018). Ebenso sind sie – entgegen aller historischen Evidenz – davon überzeugt, dass die Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier nicht im Jahr 586 v. Chr. stattgefunden hat, sondern im Jahr 607 v. Chr. Dieses Datum ist essentiell für die von den Zeugen Jehovas aus der Bibel abgeleitete Chronik, wonach die Welt seit 1914 in den „letzten Tagen“ lebt. (https://www.oliverwolschke.de/607-v-u-z-das-fundament-der-zeugen-jehovas-hinterfragt/ ; abgerufen am 08.07.2018)
17 https://www.youtube.com/watch?v=4PKbk_QmIfY (Der Videoclip ist eine mit deutschen Untertiteln unterlegte Aufzeichnung eines Auftritts des Führungsmitglieds der Zeugen Jehovas, Gerrit Lösch, der sich darin gegen Hochschulbildung ausspricht; abgerufen am 08.07.2018)