Wachtturm-Gesellschaft manipuliert "Dienstbericht"

Der Dienstbericht der WTG wird jedes Jahr mit Spannung erwartet. Zeigt er doch, wie die Zahl der Zeugen Jehovas weltweit ständig zunimmt.

Eine Tatsache, die von den meisten Zeugen Jehovas als Beweis dafür gesehen wird, daß ihr Predigtwerk den Segen des Allerhöchsten besitzt. Leider sind jedoch nur wenige von ihnen in der Lage, dieses umfangreiche Zahlenwerk zu interpretieren und seine Ungereimtheiten zu durchschauen.

Dr. Thomas Ragg, Universität Karlsruhe, hat die Zahlen bis in die 60er Jahre zurück erfaßt und analysiert. Das Ergebnis weist überraschende Aspekte auf, die nur wenigen Zeugen Jehovas bewußt sein dürften. Dazu gehört auch die Erkennntis, daß die WTG ihr Zahlenwerk offensichtlich ganz gezielt manipuliert, um negative Entwicklungen in einem besseren Licht darzustellen.

Insgesamt ist der Bericht positiv zu sehen - zumindest aus Sicht der Sektenaufklärer. Ganz offensichtlich haben es die Zeugen Jehovas in Deutschland immer schwerer, ihre Botschaft an den Mann oder die Frau zu bringen. Die Zahl der Bibelstudien hat seit 1993 um 36% abgenommen. Auch die Zahl derjenigen, die sich anschließend taufen lassen, ist stark rückläufig. Im Gegensatz dazu nimmt die Zahl der Aussteiger von Jahr zu Jahr zu. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, dann wird es vielleicht schon in 10 Jahren genauso viele Aussteiger geben wie aktive Zeugen Jehovas.

Dazu kommt die Tatsache, daß die Zeugen Jehovas fünfmal so viele Aussteiger haben, wie beispielsweise die katholische Kirche.

Auswertung des Jahresberichtes der Wachtturm-Gesellschaft

Thomas Ragg

17. Dezember 1998

In dem Jahresbericht sind immerhin über 2.000 Zahlen in Tabellenform abgedruckt, so daß man aus einem einzigen Bericht kaum Information gewinnen kann. Wesentlich aussagekräftiger sind Veränderungen über Jahre hinweg, da sie Rückschlüsse über die momentane Entwicklung erlauben.

Im folgenden werden diese Veränderungen als Differenzen bzw. Geschwindigkeiten bezeichnet. Weiterhin ist auch interessant wie stark diese Veränderungen sind. Dazu betrachtet man die Differenzen von Differenzen. Darunter kann man sich vorstellen, wie stark eine Veränderung in eine bestimmte Richtung beschleunigt wird. Insbesondere im neuen Jahresbericht treten sehr starke Beschleunigungen auf, die das abgedruckte Zahlenmaterial mehr als fraglich erscheinen lassen. Auf diesen Punkt gehe ich unten gesondert ein.

Leider ist der Bericht als Statistik recht mangelhaft. Gewöhnlich gibt man Durchschnittswerte zusammen mit der Standardabweichung wieder (das ist die durchschnittliche Abweichung vom Durchschnittwert). Dadurch lassen sich Zahlen, die stark vom Durchschnitt abweichen, wie z.B. die Höchstzahl der Verkündiger für jedes Land, besser einordnen.

Die Angabe der Höchstzahl für alle Länder zusammen, wie sie in dem Bericht abgedruckt, ist unsinnnig. Sinnvoll wäre die Verkündigerzahlen jedem Monat in allen Ländern zusammenzuzählen, und davon das Maximum als Höchstzahl zu nehmen. Tatsächlich nimmt man aber die Höchstzahl für jedes Land extra, z.B. für Frankreich im Januar und für Rußland im Dezember, und zählt diese zusammen. Mit einer Höchstzahl, wie sie der Bericht nahelegt, hat das nichts mehr zu tun.

Selbstkritisch ist der Bericht sicher auch nicht. Eine Statistik über die Zahl der Aussteiger wäre vor allem für die eigenen Anhänger einmal sehr informativ. Um diese Zahl zu schätzen geht man wie folgt vor: Man addiert zu der Zahl der Verkündiger des Vorjahres die Zahl der Taufen und zieht davon die momentane Zahl an Verkündigern ab. Diese Differenz ergibt die Zahl der Abgänger (inclusive Todesfälle). Davon subtrahiert man 1% der Zahl der Verkündiger (1% entspricht der Sterberate) und erhält einen Wert für die Zahl derjenigen, die die Gemeinschaft verlassen haben bzw. ausgeschlossen wurden.

Beispiel Deutschland laut Wachtturm vom 1.1.1999:

  • Merkmal Wert Berechnung
  • Taufen | 4.979
  • Wachstum | -644 | 166.136 - 166.780
  • Abgänge | 5.623 | 4.979 + 644
  • Todesfälle | 1.661
  • Aussteiger | 3.962 | 5623 - 1.661

Die Entwicklung weltweit, Wachstum der Verkündiger

Die Zahl der Verkündiger steigt seit dem Rückgang in den Jahren nach der falschen Prophezeihung für 1975 wieder kontinuierlich an. Innerhalb der letzten 14 Jahre (1984-1998) hat sich die Zahl verdoppelt. Das prozentuale Wachstum schwächt sich allerdings seit 1984 kontinuierlich ab, d.h., die Gruppe wächst immer langsamer (vgl. Abbildung 3).

Abbildung 1: Die Abbildung zeigt die maximale Zahl der Verkündiger und die durchschnittliche Zahl (gemittelt über 12 Monate). Die Zahlen sind in Millionen angegeben, 1.0e+06 = 1.000.000.

Betrachtet man die Entwicklung ab 1995 etwas genauer, dann fällt bereits auf, daß die Höchstzahl an Verkündigern wesentlich stärkeransteigt als der Durchschnitt. Dies wird deutlicher, wenn man die prozentualen Veränderungen betrachtet. Das Wachstum der Verkündigerzahlen bleibt fast konstant, während das Wachstum der Höchstzahl sich von 3,4% auf 5,2% beschleunigt hat. Das ist eine Beschleunigung des Wachstums um 65%!

Eine höhere Maximalzahl hebt den Durchschnitt

Das sich die Höchstzahl der Verkündiger und der Durchschnitt stark unterschiedlich entwickelt haben, betrachten wir einmal die Beschleunigung, die diese Zahlen auf einmal so schnell auseinanderdriften läßt. Dazu folgende Vorbemerkungen:

1. Für die Schwankungen der Verkündigerzahlen gibt es vor allem drei Gründe:

  1. Nicht jeder gibt jeden Monat seinen Bericht ab. Die Auswirkungen auf die Verkündigerzahl jedes Monats sollten vernachläßigbar sein, da sich die Personen kaum absprechen werden, in welchem Monat sie keinen Bericht abgeben. Saisonale Schwankungen sind aber durchaus möglich, wenn es manchen im Winter einfach zu kalt ist, ihrem Dienst nachzugehen.
  2. Potentielle Täuflinge (ungetaufte Verkündiger) geben einen Bericht ab. Auch hier gilt: Nicht alle beginnen im gleichen Monat, d.h., ein besonderer Einfluß (auf die Höchstzahl) über das durchschnittliche Wachstum hinaus kann höchstens saisonal bedingt sein.
  3. Fehlende Berichte aufgrund von Sterbefällen und Aussteigern.

2. Die Höchstzahl sollte in der Regel kleiner sein als der Durchschnitt plus die Zahl der Täuflinge.

3. Saisonale Effekte werden eliminiert, wenn man die Veränderungen der Differenzen betrachtet.

4. Der Durchschnitt und die Höchstzahl sollten sich über die Jahre relativ ähnlich entwickeln. Eine Ausnahme bilden nur Phasen indem die Gruppe extrem stark wächst oder schrumpft. Andererseits gibt es keinen natürlichen Grund, daß die Höchstzahl in einem Land um etwa 7% wachsen würde, während der Durchschnitt nur um etwa 1.5% wächst, wie in den USA letztes Jahr berichtet. Die Veränderungen lassen sich nur auf eine künstliche Einflußnahme zurückführen und sollten aus einer Statistik eigentlich herausgerechnet werden.

In Abbildung 4 ist die jährliche Veränderung einer Differenz dargestellt, und zwar der Differenz zwischen der maximalen Zahl der Verkündiger und der durchschnittlichen Zahl. Man würde erwarten, daß die Werte nicht zu stark varieren und normal verteilt um 0 liegen. Es gibt einen Wert der besonders aus der Reihe fällt: Die Differenz von 1998 zu 1997. Außergewöhnliche Ereignisse, die diesen Wert erklären könnten, gab es nicht: Keine Seuchen, kein Weltkrieg, kein starkes Wachstum.

Wie in den Vorbemerkungen angeführt, sollte der Durchschnitt plus die Zahl der Täuflinge normalerweise größer sein als die Höchstzahl. Das war auch fast immer so, mit einer gravierenden Ausnahme: 1998!. Mangels einer plausiblen Erklärung für diese Werte, muß man annehmen, das das Wachstum der Höchstzahl auf einen künstlichen Einfluß zurückzuführen ist, z.B. durch absichtliche Änderung der Zahlen oder besonderen Druck auf die Versammlungen, hohe Zahlen zu berichten. Da sich die Höchstzahl mit mindestens einem Zwölftel im Durchschnitt niederschlägt, wäre die Zahl der Verkündiger entsprechend zu korrigieren.

Auffallend ist auch daß die Werte in den Jahren 1981 bis 1983 sehr klein sind. In dieser Zeit (nach 1980) als Raymond Franz die leitende Körperschaft verlassen hat, wurde vielen die Gemeinschaft entzogen während viele andere sich enttäuscht zurückzogen. Auf diesen Punkt komme ich bei der Diskussion der Aussteigerzahlen nochmal zu sprechen.

Es bleibt festzuhalten, daß eine größere Höchstzahl den Durchschnitt bedeutend anhebt. Damit gelingt es in den USA bei einer Zunahme von 1,6% ein Wachstum von 2% in der Tabelle auszuweisen, obwohl das tatsächliche Wachstum zwischen 0% und 1% liegen dürfte. Ebenso auch in Deutschland: Läge die Höchstzahl auf dem Niveau des Vorjahres, dann stände in der Tabelle statt 0% ein negatives Wachstum von -1%.

Wahrnehmung der Zeugen Jehovas in der Gesellschaft - Die Zahl der Bibelstudien, Taufen und Aussteiger

Die Zahl der Bibelstudien gibt Aufschluß darüber wie die Botschaft der Zeugen Jehovas von der Gesellschaft angenommen wird. Die Abbildung 6 zeigt deutlich daß sich bis zum Jahr 1996 die Zahl der Bibelstudien im Gleichschritt mit der Zahl der Verkündiger entwickelt hat. Das heißt, die Zahl der Bibelstudien ist nicht davon abhängig gewesen, was verkündigt wurde. Die Prophzeihungen von 1975 hatten wenig Einfluß auf das Verhältnis der beiden Zahlen, ganz anders verhielt sich das bei den Taufen (siehe unten)!

Ab 1996 tritt eine ganz neue Situation ein. Die Bibelstudien gehen stark zurück um etwa 6% jährlich. Seit 1996 gewann das Anbieten von Information im Internet zunehmend an Bedeutung. Viele ehemalige Zeugen Jehovas nutzen seitdem dieses Medium um auf die 'Betrügereien' aufmerksam zu machen, mit offensichtlichem Erfolg. Allein das Diskussionsforum H2O hatte in den Jahren 1997 und 1998 fast 500.000 Abrufe, d.h., über 600 Diskussionsteilnehmer jeden Tag.

Mit dem Rückgang der Bibelstudien verringern sich auch automatisch die Zahl der Taufen jeweils ein Jahr später in derselben Weise (ein Bibelstudium dauert im Durchschnitt etwa ein Jahr). Für 1998 beobachtet man einen Rückgang um 8,5%. Da die Bibelstudien auch 1998 zurückgegangen sind ist für 1999 auch mit einem weiteren Rückgang der Taufen zu rechnen.

Abbildung 7 zeigt die Entwicklung der Taufen. Auffallend ist der starke Anstieg vor 1975 (Prophezeihung des Weltendes), obwohl die Bibelstudien in der Zeit nicht besonders gestiegen sind. Das heißt, es haben sich nicht mehr Menschen von ihrer Botschaft angesprochen gefühlt, aber von denen die sich auf ein Bibelstudium einließen, haben sich wesentlich mehr taufen lassen. In den Jahren 1974 und 1975 war es fast jeder vierte, während es danach im Durchschnitt nur jeder zwölfte war. Trotzdem leugnen die Zeugen Jehovas in Gesprächen beharrlich, daß sie das Weltende gepredigt haben. 'Einige Brüder haben spekuliert und daran geglaubt.' Eine Standardausrede, die von der Statistik ad absurdum geführt wird. Keiner will es gewesen sein. Man sollte auch anmerken, daß der Rückgang in keinem Verhältnis zum Anstieg der vorigen Jahre steht. Dieser Effekt folgt auch aus den Forschungsarbeiten die Leon Festinger auf diesem Gebiet geleistet hat (Theorie der kognitiven Dissonanz). Hat man erst einmal den Einstieg gemacht, dann fällt der Ausstieg umso schwerer. Ein Zeuge, der jahrelang in 'der Wahrheit' gelebt und diese auch gepredigt hat, muß erstmal die Kraft aufbringen, sich einzugestehen, das er sich und andere betrogen hat. Anders gesagt: Hätte er vor seinem Einstieg bereits objektivere Informationen gehabt, dann hätte er diesen Schritt eher nicht gemacht. Bekommt er die Informationen erst nach seinem Einstieg, dann wird er sie anders beurteilen. Da sie unverträglich mit seinem jetztigen Glauben und Handeln sind, neigt man dazu die Informationen als falsch oder unwichtig abzutun, statt sie objektiven auf ihren Wahrheitsgehalt zu untersuchen, unabhängig von den Konsequenzen die das hat.

Abbildung 7 zeigt auch die Zahl der Aussteiger, die man aus der Statistik wie oben angegeben herrausrechnen kann. Daran fällt auf, daß die Zeugen Jehovas in den Jahren um 1975 fast 700.000 Aussteiger zu verzeichnen haben. Weiterhin wird die Zahl der Aussteiger in den Jahren 1983 bis 1985 negativ. Das heißt, die Zahl der Verkündiger ist stärker gewachsen als es die Sterbequote von 1% zulassen würde und das in drei Jahren nacheinander. Da drängt sich förmlich der Verdacht auf, daß man den starken Verlust an Verkündigern nach dem Ausscheiden von Raymond Franz künstlich kompensiert hat, um den 'Segnung des Werkes durch Jehova' mit wachsenden Verkündigerzahlen nachweisen zu können. In den Abbildung >8 zeigt sich dieser Effekt darin, daß die Zahl der Aussteiger von 1980 bis 1988 fast konstant bleibt.

Rechnet man alle Aussteiger seit dem Jahre 1962 zusammen und berücksichtigt die jährliche Sterbequote von 1%, dann kommt man auf die enorme Zahl von 1,4 Millionen heute lebenden 'ehemaligen Zeugen Jehovas'. Tendenz: stark steigend!

Wenn die Daten tatsächlich vorsätzlich manipuliert wurden, dann muß man sich ernsthaft nach dem Sinn fragen. Einerseits argumentieren Zeugen Jehovas gerne damit, daß 'Jehova das Werk segnet', daher das starke Wachstum. Andererseits behauptet man in der Zeit des Endes zu leben, und nach der Offenbarung des Johannes muß dem Ende der große Abfall vorausgehen. Also nur sinkende Verkündigerzahlen zeigen gemäß Offenbarung an, daß wir dem Ende näher kommen. Die Angst, daß zunehmende Aussteigerzahlen einen fragwürdigen Eindruck hinterlassen, überwiegt offensichtlich den Glauben an das nahe Ende und die 'Erfüllung von Jehova's Plan' durch die 'Schlacht von Harmageddon'.

Die Entwicklung in Deutschland

In Deutschland gingen die Verkündigerzahlen dieses Jahr erstmals zurück. In Frankreich wurde diese Trendwende schon vor drei Jahren erreicht. Dort hat sich auch die Zahl der Bibelstudien und Taufen innerhalb von sieben Jahren halbiert. Die Tendenz in Deutschland geht in ebendiese Richtung. Auch in Deutschland zeigt sich der seltsame Effekt, daß die Höchtszahl kräftig ansteigt, während die durschnittliche Zahl deutlich sinkt.

Verkündigerzahlen

Die seltsamen Höchstzahlen 1998

Wie bereits oben angeführt, würde man erwarten, daß die jährliche Veränderung der Differenz zwischen der maximalen Zahl der Verkündiger und der durchschnittlichen Zahl nicht zu stark varieren und normal verteilt um 0 liegen. Ebenso sollte der Durchschnitt plus die Zahl der Täuflinge normalerweise größer sein als die Höchstzahl. Auch in Deutschland fallen diese Zahlen aus der Reihe. Demnach liegt die Höchstzahl um etwa 2.000-2.500 zu hoch. Die durchschnittliche Zahl der Verkündiger fällt dann auch etwas höher aus.

Entwicklung und Prognose der Bibelstudien, Taufen und Aussteigerzahlen

Die Zahl der Bibelstudien sind seit 1993 von 93.000 auf 60.000 zurückgegangen. Das ist eine Verringerung um 36%. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Taufen: Rückgang von 7.780 (in 1990) auf 4.979 im letzten Jahr. Da die Zahl der Bibelstudien in 1998 noch weiter gesunken ist, ist auch für nächstes Jahr mit einem Rückgang an Taufen zu rechnen.

Schlußfolgerung

Die massive Aufklärung über Sekten zeigt Wirkung. Zum einen sind in den letzten Jahren hervorragende Bücher über die Funktionsweise von Sekten erschienen (z.B. von Steven Hassan oder auch Margareth Singer), zum anderen erlaubt das Angebot im Internet eine schnelle und einfache Recherche nach Information. Dadurch fälltes Organisationen, die Menschen durch einseitige Darstellung oder Täuschung gewinnen, zunehmend schwerer neue Mitglieder zu rekrutieren. Wer zumindest einmal die Kehrseite der Medaille kennt, wird auch eher unangenehme Fragen stellen. Mit der weiteren Verbreitung des Internets wird diese Tendenz sicherlich anhalten.

Für manche Gruppen, darunter auch für die Zeugen Jehovas, wird die zunehmende Zahl an Aussteigern ein massives Problem. In Deutschland kann in den nächsten 10-15 Jahren durchaus die Situation eintreten, daß es mehr ehemalige Zeugen Jehovas gibt als die Gemeinschaft Mitglieder hat. Viele, die auf eine Sekte reingefallen sind, betreiben nach ihrem Ausstieg Aufklärung über die Methoden und Probleme der Gruppe.

Die Austritte bei den Zeugen Jehovas sind auch nicht mit denen bei den etablierten Kirchen zu vergleichen. Prozentual gesehen, scheiden bei den Zeugen Jehovas in Deutschland mehr als fünfmal soviele Menschen jährlich aus wie in der katholischen Kirche. Für 1997 wurde bei den etablierten Kirchen ein weiterer Rückgang der Austrittszahlen erwartet.

Jemand der die Kirche verläßt hat heute keine 'Strafe' zu erwarten. Bei den Zeugen Jehovas führt das aber zur Isolation von allen aktiven Mitgliedern sogar bis in die Familie hinein. In seinem Rechtsgutachten schreibt Prof. Link, das diese Art Gemeinschaftsenzug weit über das hinausgeht, was im Mittelalter der große Bann für einen Gläubigen bedeutete. Wenn das nur wenige Menschen betrifft, dann fällt das nicht weiter auf. Sind es aber einige tausend jedes Jahr, das beginnt dieses meiner Meinung nach sittenwidrige Verhalten ein gesellschaftliches Problem zu werden. Man vergleiche dazu die Auszüge aus dem Grundgesetz:

  • Art. 1 (1): 'Die Würde des Menschen ist unantastbar'
  • Art. 2 (1): 'Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.'
  • Art.3 (3): 'Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.'
  • Art.4 (1): Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

Artikel 4 schützt insbesondere das Recht des einzelnen Menschen(!) auf Religionsfreiheit. Für mich ist der Gemeinschaftsentzug wie ihn die Zeugen Jehovas praktizieren mit dem Wesenunseres Grundgesetzes schwerlich vereinbar.

Nochmal anders gesagt: Die großen Kirchen verlieren im Verhältnis weniger Mitglieder als die Zeugen Jehovas, sie gewinnen wahrscheinlich auch weniger hinzu. Aufgrund des Drehtüreffektes bei den Zeugen Jehovas kommen zwar viele Neue dazu, aber gleichzeitig verlieren sie genausoviele Mitglieder. Die Gruppe wächst nicht mehr. Ganz im Gegensatz zur Gruppe der 'Ehemaligen', die zwar nicht organisiert ist, aber Wachstumsraten von 8% aufweist. Die Zukunftsaussichten sind also für die Zeugen Jehovas alles andere als rosig. Eine vergleichbare Situation bei den anderen Kirchen gibt es nicht.

Wenn also der Wachtturm vom 1. Juli 1998 plakativ fragt 'Warum verlassen sie die Kirche?', dann muß man den Ball eigentlich zurückspielen:

Warum verlassen sie den Königreichssaal?

Oder, da sich die Zeugen Jehovas gerne auf die Bibel stützen:

Was aber siehst du den Splitter, der in deines Bruders Auge ist, den Balken aber, der in deinem eigenen Auge ist, nimmst du nicht wahr? (Lukas 6:41, Matthäus 7:3)