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Kommentar zur geänderten Lehrmeinung über Matthäus 24:45-47

Am 06. Oktober dieses Jahres fand im Stanley Theater in New Jersey die Jahreshauptversammlung der Wachtower Bible and Tract Society of Pennsylvania statt. Mehrere voneinander unabhängige Quellen aus dem englischen Sprachraum (die entsprechenden Links finden sich am Ende des Artikels), darunter aktive wie ehemalige Zeugen Jehovas, berichten von einer grundlegenden Änderung in der Lehrmeinung der Zeugen Jehovas.

Erläutert wurde dies durch eine zweistündige Vortragsserie, dargeboten von verschieden Gliedern der "leitenden Körperschaft" der Zeugen Jehovas. Gegenstand der Abhandlungen war der Text aus Mat.24:45-47 und der darin beschriebene "treue und verständige Sklave". (Nach: Neue Welt Übersetzung, NWÜ der Wachtturm-Gesellschaft)

Zwar gibt es noch keine offizielle Erklärung seitens der Wachtturm-Gesellschaft über dieses „neue Licht“, aber da bisher selbst aktive Zeugen Jehovas den Berichten nicht widersprochen haben, ist von der Glaubwürdigkeit der Berichte auszugehen.*

Wie sehen diese Änderungen nun genau aus?

Der Blogger Cedars fasst die Änderungen in seinem Artikel „Governing Body says: we are the faithfull and descret slave“ (http://jwsurvey.org/cedars-blog/governing-body-says-we-are-the-faithful-and-discreet-slave) folgendermaßen zusammen (Übersetzung von mir):

  • Der "treue und verständige Sklave" wurde nicht zu Pfingsten des Jahres 33 u.Z. ernannt, was bedeutet, es gab keine ununterbrochene Folge von Gliedern jener "Sklaven-Klasse" auf der Erde in all den Jahrhunderten. Die "Sklaven-Klasse" wurde erst von Christus im Jahre 1919 ernannt.
  • Der "treue und verständige Sklave" ist eine kleine Gruppe geistgesalbter Brüder, die während der Gegenwart Jesu in der Weltzentrale der Wachtturm-Gesellschaft dienen und direkt an der Zubereitung und Austeilung geistiger Speise beteiligt sind. Die einzelnen Glieder der "leitenden Körperschaft" sind nicht der "treue und verständige Sklave". Nur wenn sie gemeinschaftlich als Gruppe Entscheidungen bezüglich des Inhaltes und der Verbreitung geistiger Speise treffen, handeln sie als der "treue und verständige Sklave".
  • Die Hausgenossen, die in Matt.24:45 erwähnt werden, sind all diejenigen, die von der "leitenden Körperschaft" in geistiger Hinsicht ernährt werden, seien es nun „Geistgesalbte“ oder solche von den „anderen Schafen“. Das schließt auch die einzelnen Mitglieder der "leitenden Körperschaft" ein, wenn sie sich von dieser geistigen Speise ernähren.
  • Die in Matt. 24:46.47 beschriebenen Ereignisse beziehen sich auf Jesu Kommen während der großen Drangsal, nach welcher die "leitende Körperschaft" und alle anderen noch lebenden Gesalbten ihren himmlischen Lohn erhalten.
  • Die „ganze Habe“ aus Mat. 24:47 bezieht sich auf Christi himmlische und irdische Interessen.
  • Obwohl er die Wachtturm-Gesellschaft gegründet hat, war Charles Taze Russell kein Teil der "Sklaven-Klasse", da er im Jahre der Ernennung durch Jesus (1919) nicht in der Weltzentrale der Wachtturm-Gesellschaft gedient hatte. Das Werk Russells und seiner Gefährten war das eines Boten, wie in Maleachi 3:1 beschrieben.
  • Die Reinigung des Volkes Gottes ist offensichtlich ein anhaltender Prozess, da die Bibel von einer Reinigung des Tempels durch Jesus am Beginn und am Ende seiner Dienstzeit berichtet.

Um zu verstehen, wie tiefgreifend diese Änderungen im Verständnis von Matt. 25:45-47 wirklich sind, muss man sich ins Gedächtnis rufen, welchen Standpunkt Zeugen Jehovas bisher dieses Gleichnis betreffend eingenommen haben. Nachfolgend einige Zitate aus den Veröffentlichungen der Wachtturm-Gesellschaft der letzten Jahre, welche die bisherige Auslegung zeigen:

Wer ist der "treue und verständige Sklave" und wann wurde er ernannt?

Der Wachtturm vom 1. März 2004 sagt es in dem Artikel „Ein Sklave, der sowohl als auch verständig ist“ im Abs. 9 mit einem Satz:

Der „treue und verständige Sklave“ ist die Gesamtheit aller Angehörigen dieser mit Geist gesalbten Nation, die sich jeweils auf der Erde befinden, und zwar in der Zeit von 33 u. Z. bis heute.

Im Wachturm vom 15.05.1995 heißt es im Abs. 2 des Artikels „Lichtstrahlen - stärkere und schwächere Teil 1“:

Dieser Sklave konnte keine Einzelperson sein, weil er von Pfingsten an, als die Christenversammlung gegründet wurde, bis zu der Zeit, da der Herr, Jesus Christus, zur Abrechnung zurückkehren würde, geistige Speise austeilen sollte. Die Tatsachen beweisen, daß die Klasse dieses treuen und verständigen Sklaven die Gruppe der gesalbten Christen ist, die jeweils gleichzeitig auf der Erde leben.

Wie sah die leitende Körperschaft bisher ihre eigene Stellung im Verhältnis zu der Sklaven-Klasse?

Hält Jehova heute den Zeitpunkt für gekommen, tiefe biblische Wahrheiten genauer zu erklären, die bisher nicht richtig verstanden wurden, dann hilft der heilige Geist verantwortlichen Brüdern in der Weltzentrale, die den „treuen und verständigen Sklaven“ repräsentieren, dies zu erkennen (Mat. 24:45; 1. Kor. 2:13). Mit der Frage, ob eine Erklärung revidiert werden muss, befasst sich immer die gesamte leitende Körperschaft (Apg. 15:6). Dann entscheiden sie gemeinsam darüber und, sofern erforderlich, veröffentlichen sie dies zum Nutzen aller (Mat. 10:27).

Der Wachtturm, 15.07.2010, S. 22

Der Tagestext für den 15. Juli 2011 enthielt folgende Passage:

Als Jehova und Jesus zur Besichtigung des geistigen Tempels kamen, trafen sie die treuen gesalbten Christen dabei an, wie sie ihr Bestes gaben, den Haushalt des Glaubens mit zeitgemäßer geistiger Speise zu versorgen. Seit 1879 hatten sie auf den Seiten des Wachtturms die Wahrheit der Bibel über Gottes Königreich bekannt gemacht — in schweren wie in guten Zeiten. Jesus hatte vorausgesagt, dass er „bei der Ankunft“ während des „Abschlusses des Systems der Dinge“ seine Hausknechte in Augenschein nehmen und einen Sklaven vorfinden würde, der „ihnen ihre Speise zur rechten Zeit“ gebe. Er werde ihn daraufhin glücklich preisen und „über seine ganze Habe“ auf der Erde setzen. (Mat. 24:3, 45-47). Diesen „treuen und verständigen Sklaven“ hat Christus, das Haupt der Christenversammlung, dazu gebraucht, alles zu verwalten, was auf der Erde mit seinem Königreich zu tun hat. Anleitung lässt er den gesalbten „Hausknechten“ wie auch ihren Gefährten, den „anderen Schafen“, durch eine leitende Körperschaft zukommen (Joh. 10:16)

Welche Rolle spielte der Gründer der Wachtturm-Gesellschaft Charles Taze Russell den Sklaven betreffend?

Ebenfalls Der Wachtturm vom 15. Mai 1995, Seite 17:

An den Ergebnissen gemessen, kann kein Zweifel bestehen, daß Bruder Russell und seine Gefährten in ihren Bemühungen von Jehovas heiligem Geist geleitet wurden. Es erwies sich, daß sie mit dem treuen und verständigen Sklaven gleichzusetzen waren.

Wer sind die Hausknechte, denen der Sklave Speise zur rechten Zeit austeilen sollte?

Nochmals der oben zitierte Wachtturmartikel auf Seite 16:

Wenn alle Gesalbten als Gruppe — ungeachtet dessen, wo sie auf der Erde leben — die Sklavenklasse bilden, wer sind dann die „Hausknechte“? Es sind dieselben Gesalbten, allerdings von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachtet, nämlich als Einzelpersonen gesehen.

Was ist die Habe, über die der Herr den Sklaven setzen würde?

Im Wachtturm vom 1. April 2004 ist auf Seite 23 zu lesen:

Außer der Aufgabe, gehaltvolle geistige Speise „zur rechten Zeit“ auszuteilen, würde der „treue Verwalter“ über Christi gesamte Dienerschaft gesetzt und beauftragt, sämtliche Interessen Christi auf der Erde, „seine ganze Habe“, zu verwalten.

Dieses Verständnis des Textes aus Mat. 24:45–47 wurde beinahe unverändert über achtzig Jahre gelehrt. Zuvor bezog man den Ausdruck „treuer und verständiger Sklave“ auf Russell persönlich, eine Zeit sogar auch auf Rutherford. Ende der zwanziger Jahre dann wurde die Interpretation abgeändert und man verstand unter dem "Sklaven" zunächst Jesus und die 144.000, schließlich setzte sich oben beschriebene Lesart durch.

Es gibt so gut wie keine Publikation der Wachtturm-Gesellschaft aus dem letzten halben Jahrhundert, die nicht auf die ein oder andere Weise auf die beschriebene Erklärung des treuen und verständigen Sklaven Bezug nimmt oder sich darauf stützt, beziehungsweise ihre Akzeptanz voraussetzt.

Wie tiefgreifend ist nun die Änderung?

Hier muss man unterscheiden zwischen dem, was diese Änderung für die „Theologie“ der Zeugen Jehovas bedeutet, und wie sie von dem einzelnen Gläubigen wahrgenommen wird. Tatsächlich ist zu erwarten, dass viele Zeugen ohne großes Nachdenken dieses „neue Licht“ freudig akzeptieren werden und darin einmal mehr das Wirken des Geistes Gottes in seiner irdischen Organisation zu erkennen meinen. Für viele galt die Gleichung "treuer und verständiger Sklave"="leitende Körperschaft" schon von jeher, obwohl es nicht die offizielle Lehrmeinung war. Was nicht verwunderlich ist, treten doch nur die "leitende Körperschaft" und/oder ihre direkten Vertreter in Form von Publikationen und Veranstaltungen in Erscheinung, während ein herkömmlicher Geistgesalbter in einer beliebigen Versammlung nicht mehr Einfluss auf die Lehrmeinungen und die Entscheidungen der Organisation hat, als jeder andere Verkündiger, der sich zu den „anderen Schafen“ zählt. Nun wird also theoretisch unterlegt, was schon lange als gegeben vorausgesetzt wurde.

Desweiteren hat sich die "leitende Körperschaft" in jüngster Vergangenheit von den gewöhnlichen Gesalbten in den Versammlungen überall auf der Welt klar distanziert. So wurde zum Beispiel im Wachtturm vom 15. August 2011 auf Seite 22 ("Fragen von Lesern") zugegeben, dass die "leitende Körperschaft" keine Kenntnis über die genaue Anzahl der noch auf der Erde lebenden Gesalbten hat, noch auf irgendeine Art mit ihnen vernetzt ist. Der Vorstellung eines wie immer auch gearteten kollektiven Zusammenwirkens der "Sklaven-Klasse" bei der Verwaltung der „Habe Christi“ und „Austeilung der Speise zur rechten Zeit“ wurde damit eine klare Absage erteilt. Zumal die Schreiber jenes Artikels einem Teil der Gesalbten ihre Berufung durch heiligen Geist absprechen und stattdessen psychische oder mentale Instabilität als Ursache vermuten, wenn sich jemand zu himmlischen Leben berufen fühlt.

Aber selbst wenn ein großer Teil der heute aktiven Zeugen jene neue Interpretation von Mat. 24 anstaltslos akzeptieren werden, so ist es dennoch eine Tatsache, dass man es mit einem deutlichen Einschnitt im Lehrgebäude der Zeugen zu tun hat. Auf eine gewisse Weise wird dadurch ein Großteil ihrer bisherigen Veröffentlichungen zu Makulatur. Und auch das Selbstverständnis derjenigen, die sich zu jenen Gesalbten zählen, ist durch diese Änderung auf das tiefste erschüttert. Sie sind sozusagen aus einer biblischen Prophezeiung (so wie die Zeugen den Text verstehen) einfach herausgestrichen worden. Aber nicht nur sie. Auch der Gründer der Wachtturm-Gesellschaft, Charles Taze Russell, wurde aus dieser Gruppe von Jesus vorausgesagter und auserwählter Personen entfernt.

Um die Ausmaße der Änderung deutlich zu machen, muss man sich den Text aus Matthäus 25: 45-47 nochmals genau ansehen und ihn jeweils der alten, sowie der neuen Auslegung gegenüberstellen.

Das 24. Kapitel des Matthäusevangeliums beginnt mit der Frage nach dem Zeichen der Gegenwart Christi sowie dem Abschluss des Systems der Dinge. Jesus antwortet seinen Jüngern mit einer Mischung aus Vorhersagen, Bezugnahmen und Gleichnissen. Dazu gehört auch dasjenige vom treuen und verständigen Sklaven. Die Verse 45 -47 lauten (gemäß der NWÜ):

45 Wer ist in Wirklichkeit der treue und verständige Sklave, den sein Herr über seine Hausknechte gesetzt hat, um ihnen Speise zur rechten Zeit zu geben? 46 Glücklich ist jener Sklave, wenn ihn sein Herr bei der Ankunft so tuend findet. 47 Wahrlich ich sage euch: Er wird ihn über seine ganze Habe setzen.

Hier eine kleine Synopse, die altes und neues Verständnis gegenüberstellt:

  • Text:
  • treuer und verständige Sklave
  • Alt:
  • Die Klasse der geistgesalbten Christen, die zur gleichen Zeit auf der Erde leben. Ernennung: 33 u.Z.
  • Neu:
  • Eine kleine Gruppe geistgesalbter Brüder, die während der Gegenwart Jesu in der Weltzentrale der Wachtturm-Gesellschaft dienen und direkt an der Zubereitung und Austeilung geistiger Speise beteiligt sind – sprich: die leitende Körperschaft. Ernennung: 1919
  • Text:
  • Hausknechte
  • Alt:
  • Die Gesalbten als Einzelpersonen gesehen.
  • Neu:
  • All diejenigen, die von der leitenden Körperschaft in geistiger Hinsicht ernährt werden, seien es nun „Geistgesalbte“ oder „andere Schafe“.
  • Text:
  • Ankunft des Herrn
  • Alt:
  • 1914 bzw. 1919
  • Neu:
  • Während der großen Drangsal.
  • Text:
  • ganze Habe
  • Alt:
  • die gesamte Dienerschaft und das weltweite Verkündigungswerk.
  • Neu:
  • Jesu irdische und himmlische Interessen nach der großen Drangsal

So komprimiert gesehen, fällt es schwer, nur von einem erweiterten Verständnis eines Bibeltextes zu sprechen. In Wahrheit ist es eine komplette Neuinterpretation. Aus der "Sklaven-Klasse" wurde eine kleine Gruppe von Männern, die örtlich gebunden als Mitteilungskanal Gottes fungieren. Die Gruppe der Hausknechte wurde vergrößert, die Ankunft des Herrn auf eine unbestimmte Zeit verschoben und, was die Habe angeht, den irdischen Interessen Jesu wurden himmlische hinzugefügt.

Im Lichte von Texten wie 1. Korinther 4:6 ("Geht nicht über das hinaus, was geschrieben steht"), oder Matthäus 24:48, wo von einem "bösen Sklaven" gesprochen wird, der in seinem Herzen sagt: „Mein Herr bleibt noch aus“, erscheint die neue Lehrmeinung aus rein biblischer Sicht mehr als fragwürdig.

Zumal sich noch weitere Fragen ergeben:

Welchen vernünftigen Grund gibt es, dass Jesus bis zum Jahre 2012 wartete, um seinem treuen Sklaven über dessen eigene Identität aufzuklären? Warum wurde dieses Verständnis nicht zugleich mit der Einführung einer leitenden Körperschaft im Jahre 1971 vom heiligen Geist vermittelt? Warum war es notwendig, dass tausende von Männern und Frauen, die sich für eine Stellung als Mitregenten Jesu berufen fühlten, sich irrigerweise einer besonderen, von Jesus speziell bezeichneten Gruppe zugehörig erachteten, obwohl ihnen dieses Privileg überhaupt nicht zustand? Welchen Sinn hatte es, Millionen von Zeugen Jehovas zu gestatten, bei ihrer Predigttätigkeit über Jahrzehnte hinweg eine falsche Erklärung über einen so zentralen Lehrpunkt verkünden zu lassen? Wie wirkt sich die neue Lehre auf das Verständnis anderer Bibelstellen aus, die sich ebenfalls auf die Klasse der noch auf der Erde lebenden Gesalbten beziehen, wie zum Beispiel die "Brüder Jesu" aus dem Gleichnis von den Schafen und den Böcken aus Matthäus 25:31-46 oder dem über die beiden Zeugen aus Offenbarung Kapitel 11?

Man muss abwarten, wie die schriftliche Erklärung der "leitenden Körperschaft" in einer der nächsten Wachtturm-Ausgaben aussehen wird. Man kann diese mit Spannung erwarten, wurde doch die bisherige Interpretation des "treuen und verständigen Sklaven" von vielen Seiten angezweifelt (vor allem die Behauptung, dieser Sklave sei ab 33 u.Z. ununterbrochen präsent gewesen). Es würde nicht überraschen, in den Erklärungen der "leitenden Körperschaft" Argumentationslinien vorzufinden, denen sogenannte Gegner schon vor langer Zeit gefolgt sind. Was wiederum die Frage aufwirft, warum die angeblichen "Feinde der Wahrheit", dieser um so vieles näher waren, als diejenigen, die für sich beanspruchen, als Sprachrohr Gottes auf Erden zu wirken.

Tatsächlich entkräften die Führer der Wachtturm-Gesellschaft durch ihre neue Auslegung von Mat. 25 viele Argumente, die bislang gegen ihre Interpretation des „treuen und verständigen Sklaven“ vorgebracht wurden. Glaubhafter wird sie aber durch die Neuerungen keineswegs. Zumal die "leitende Körperschaft" sich durch ihre neue Auslegung noch mehr an das Jahr 1914 und besonders das Jahr 1919 kettet. Sie muss nicht nur ihre äußert fragwürdige Berechnung des Jahres 1914 als Zeitpunkt der unsichtbaren Wiederkunft Christi im Himmel gegen eine Unmenge von stichhaltigen Gegenbeweisen aufrechthalten. Viel schwerer wiegt ihre Beweispflicht, wenn es darum geht, warum ausgerechnet sie im Jahre 1919 von Christus als einzig wahre Religion und als exklusives Sprachrohr Gottes ausgewählt wurden. Schwer deswegen, weil eine unvoreingenommene Betrachtung der historischen Fakten die Wachtturm-Gesellschaft und ihre Lehren zu jenem Zeitpunkt betreffend eine solche Schlussfolgerung einfach nicht zulässt (siehe unsere Doku, oder das Buch „Gefangene einer Idee“ von James Cameron).

Welche Gründe nun können die "leitende Körperschaft" der Zeugen Jehovas zu einer derart grundlegenden Änderung ihres Bibelverständnisses veranlasst haben? Ist es tatsächlich Jesus selbst, der mittels des heiligen Geistes ihnen dieses Verständnis hat zukommen lassen, als "Speise zur rechten Zeit"?

Zur rechten Zeit kommt diese Erklärung, aber die Gründe scheinen eher rein irdische zu sein. Unwillkürlich fühlt man sich an die Änderung hinsichtlich des Textes aus Matthäus 24:34 erinnert, wo von einer Generation gesprochen wird, die nicht vergehen sollte, ehe das Ende kommt. Auch hier wurde eine Auslegung über Jahrzehnte hinweg immer und immer wieder als Wahrheit hingestellt, nämlich dass es sich um diejenigen handelte, die das Jahr 1914 erlebt hätten. Dies wurde sogar als Zweck für die Herausgabe einer Zeitschrift (Erwachet!) angeführt, wobei diese Auslegung als Versprechen des Schöpfers selbst bezeichnet wurde. Dann, im Jahre 1995, wurde diese Erklärung plötzlich fallen gelassen und seitdem durch zwei weitere, schwer nachvollziehbare Interpretationen ersetzt. Hatte hier wirklich der heilige Geist gewirkt oder schuldete sich die neue Auslegung nicht viel eher der Tatsache, dass die Generation von 1914 einfach ausstarb und sich noch keine der Prophezeiungen, die die Wachtturm-Gesellschaft in unzähligen Zeitschriften, Büchern, Broschüren und Traktaten unter das Volk gebracht hatte, zu erfüllen anschickte?

Eine ähnliche, sehr profane und wenig geistgeleitete Erklärung lässt sich auch für das neue Verständnis über den "treuen und verständigen Sklaven" finden. Theoretisch müsste nämlich die Zahl derjenigen, die hoffen mit Jesus im Himmel zu regieren, stetig abnehmen, ist ihre Gesamtzahl doch auf 144.000 beschränkt, von der am Beginn des Tages des Herrn 1914 nur noch ein Überrest auf der Erde weilte. Diese Abnahme war auch über Jahrzehnte hinweg zu beobachten. Seit Mitte des ersten Jahrzehnts der 2000er Jahre jedoch nahm ihre Zahl wieder zu und stieg von etwas mehr als achttausend im Jahr 2005 auf über zwölftausend in 2011. Und nicht nur das. Einige dieser Gesalbten beanspruchten plötzlich ein Mitspracherecht. Webseiten wie https://anointedjw.org/Anointed_JW.html bezeugen dies. Um ihre Alleinstellung in Lehrfragen nicht zu gefährden, musste die "leitende Körperschaft" etwas unternehmen. Oben beschriebene Änderung in der Lehrmeinung bezüglich des "treuen und verständigen Sklaven" sichert der "leitenden Körperschaft" die Oberhoheit über die Schriftinterpretation, ja gibt ihnen nun eine Stellung von beispielloser Einzigartigkeit. Nur diese kleine Gruppe von derzeit acht Männern bildet den "Kanal", durch den der Schöpfer des Universums seinen Willen bezüglich der Erde und den darauf lebenden Menschen (über sieben Milliarden mittlerweile) kundtut. Und das ewige Wohl eines jeden Menschen hängt ab von der Unterwürfigkeit unter dieses Gremium.

Am Ende dieses Artikels soll noch ein wenig Platz sein für Spekulationen.

Was wird folgen? Welche Änderungen sind zukünftig noch zu erwarten?

Womöglich wird die Bekanntgabe der Zahl von Teilnehmern am Gedächtnismahl bei der Veröffentlichung der Jahreszahlen wegfallen. Genauso denkbar ist eine Revidierung der Ansicht über die in der Offenbarung erwähnten 144.000. Wird diese Zahl bald nicht mehr, wie bisher, buchstäblich, sondern symbolisch aufgefasst? Und wie steht es mit der "großen Volksmenge"? Öffnet man ihr irgendwann doch einen Weg in den Himmel, wenn das versprochene irdische Paradies einfach nicht kommen will?

Egal welche Änderungen die "leitende Körperschaft" der Zeugen Jehovas an ihrem Lehrgebäude vornimmt, es wird immer eine Reaktion auf die Unhaltbarkeit früherer Annahmen sein. Tatsächlich ist der größte Feind dieser Glaubensgemeinschaft die Zeit. Die interessiert sich nämlich nicht für Prophezeiungen, sondern nimmt gottlos ihren Lauf und verlangt von jedem Menschen sich den Entwicklungen, die sie hervorbringt anzupassen.

Eine Prophezeiung aber wage ich, und ich richte sie an junge Zeugen Jehovas:

Eure Religion wird in fünfzig Jahren nicht mehr die sein, der ihr heute angehört. Was man euch heute als unverrückbare Wahrheit lehrt, wird in einigen Jahrzehnten alt und überholt sein.

Der von Jesus erwähnte „treue und verständige Sklave“ zeichnet sich dadurch aus, dass er „Speise zur rechten Zeit“ austeilt. Im Lichte der neuen Auslegung durch die "leitende Körperschaft" und all der vielen Änderungen, die sie immer wieder an jahrzehntelang vertretenden und verkündigten Glaubenssätzen vornimmt, ist deutlich zu erkennen, was diese Herren unter „Speise zur rechten Zeit" verstehen: opportunistische und selbstbezügliche Bibeldeutung.

Einige Links zu englischsprachigen Seiten, auf denen über das „neue Licht“ berichtet, bzw. darüber diskutiert wird:


*Mittlerweile sind die in diesem Artikel besprochenen Änderungen auch von der Wachtturmgesellschaft auf ihrer offiziellen Webseite bestätigt worden:
Bericht über die Jahresversammlung 2012

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Ich war eine Zeugin in der dritten Generation und verbrachte die ersten 30 Jahre meines Lebens in der Organisation. Die Eltern meines Vaters bekehrten sich in den 30er Jahren, kurz nachdem ihre 13-jährige Tochter starb.

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Der schiefe Turm von Brooklyn

Martin Doering war kurz davor, sich taufen zu lassen - als Zeuge Jehovas. Zwei Jahre lang besuchte er die Veranstaltungen der Religionsgemeinschaft. Doch dann kam die Wende: "Durch Bibel- statt Wachturmstudium" erkannte er die Schieflage der "Zeugen".