Geschichtsfälschung in eigener Sache

Zur Zeit des Naziregimes in Deutschland waren zahlreiche "Ernste Bibelforscher" bereit, für ihren Glauben eher ins KZ zu gehen, als ihre Predigttätigkeit aufzugeben oder gar Teil der Kriegsmaschinerie Hitlers zu werden. Das ist eine historische Tatsache.

Genauso wie es eine Tatsache ist, daß es ihre geistigen Führer mit der Neutralität deutlich weniger ernst nahmen und 1933 dem "sehr geehrten Herrn Reichskanzler" schon kurz nach seiner Machtübernahme per Brief wissen ließen, sie wären "seit jeher in hervorragendem Maße deutschfreundlich".

Das Schreiben bezog sich auf einen Kongreß der Bibelforscher am 25. Juni 1933 in den Wilmersdorfer Tennishallen in Berlin, auf dem fünftausend Delegierte ausdrücklich festgestellt hätten "daß die Bibelforscher Deutschlands für die selben hohen ethischen Ziele und Ideale kämpfen, welche die nationale Regierung des Deutschen Reiches... proklamierte." Auf dieser Konferenz wurde festgestellt, "daß in dem Verhältnis der Bibelforscher Deutschlands zur nationalen Regierung des Deutschen Reiches keinerlei Gegensätze vorliegen, sondern ... daß diese in völliger Übereinstimmung mit den gleichlautenden Zielen der nationalen Regierung des Deutschen Reiches sind."

Auch im Jahrbuch der Zeugen Jehovas von 1974 Seite 10 wird auf diese "Wilmersdorfer Erklärung" Bezug genommen:

Bruder Rutherford, der zusammen mit Bruder Knorr erst ein paar Tage zuvor in Deutschland eingetroffen war... hatte mit Bruder Balzereit eine Erklärung vorbereitet, die den Kongreßdeligierten zur Annahme vorgelegt werden sollte. Es handelte sich dabei um einen Protest gegen die Einmischung der Hitlerrregierung in das Predigtwerk.

Obwohl die Wachtturm-Gesellschaft mehrmals selbst aus diesem Schreiben zitiert und damit seine Existenz bestätigt hat, leugnet sie bisher standhaft, jemals den Versuch der Annäherung und Kompromißbereitschaft gegenüber dem Naziregime unternommen zu haben.

Das neueste Beispiel ist ein Artikel im Erwachet vom 8.7.1998 mit dem Titel "Jehovas Zeugen - Mutig angesichts der Naziverfolgung", der den alten Mythos wieder aufwärmen soll, die Zeugen Jehovas wären im Nazideutschland verfolgt worden, weil sie "keinen Kompromiß mit Hitler" eingegangen wären.

Bemerkenswert ist, daß an dieser Stelle eine Passage aus der Wilmersdorfer Erklärung zitiert wird, die recht wenig aussagt und absolut nichts von der angeblich entschieden kompromißlosen Haltung der Bibelforscher zu jener Zeit erkennen läßt.

Doch offensichtlich weiß man auch in Brooklyn, daß es sich mittlerweile selbst unter den Zeugen herumgesprochen hat, wie wenig die eigene Geschichtsschreibung mit den Tatsachen zu tun hat. "Einige behaupten jedoch", lautet daher die nebulöse Beschreibung, "daß der Kongreß 1933 in Berlin und die "Erklärung der Tatsachen" Versuche seitens prominenter Zeugen darstellten, Unterstützung für die Naziregierung ... zu demonstrieren."

Da ist das Jahrbuch 1974 schon deutlicher. Hier wird ganz klar dem damaligen Leiter des deutschen Zweigbüros der WTG in Magdeburg, Balzereit, die Schuld in die Schuhe geschoben:

Es war nicht das erstemal, daß Bruder Balzereit die offene und unmißverständliche Sprache, die in den Veröffentlichungen der Gesellschaft gesprochen wurde, verwässert hatte...

Wer jedoch den Original-Wortlaut des Briefes an Hitler kennt, wird kaum zustimmen können, daß es sich hier lediglich um eine "Verwässerung" handelt. Vielmehr ist das Schreiben von Anfang bis Ende eine Anbiederung an das Nazi-Regime. Genauso wie die darin erwähnte Resolution, so daß laut Jahrbuch 1974 "...nicht mit Recht gesagt werden [konnte], die Resolution sei eingestimmig angenommen worden".

Der Erwachet-Artikel fährt jedoch fort, die Mär vom geschlossenen Widerstand der Zeugen Jehovas im Dritten Reich weiterzuspinnen und Tatsachen mit scheinbaren Beweisen wegzuwischen:

Zum Beispiel behaupten Kritiker, die Zeugen hätten die Wilmersdorfer Tennishallen mit Hakenkreuzfahnen dekoriert. Fotografien vom Kongreß 1933 zeigen jedoch eindeutig, daß sie keine Hakenkreuzfahnen in der Halle aufgehängt hatten. Außerdem bestätigen Augenzeugen, daß es keine Fahnen im Inneren gab.

Zum Beweis fügt man auch gleich zwei Fotos bei, die angeblich auf dem betreffenden Kongreß aufgenommen wurden, und natürlich keine Nazifahnen erkennen lassen. Bemerkenswert ist jedoch, daß beide Abbildungen keinen Blick auf die Bühne zeigen. Statt dessen wird ein Blick vom Podium auf die Zuhörer gezeigt, ergänzt von einer Aufnahme seitlich über das Orchester zum Rednerpult hin.

Daß es bei dem Wilmersdorfer Kongreß ein Problem mit Nazifahnen gegeben hatte, können aber offensichtlich selbst die Autoren des Artikels nicht ableugnen. Es folgt daher eine ausführliche Beschreibung von Nazi-Veranstaltungen, die in der Woche vor dem Kongreß in der Halle stattgefunden hätten, so daß

Zeugen, die am Sonntag zum Kongreß kamen, möglicherweise von einem Gebäude begrüßt wurden, das mit Hakenkreuzfahnen geschmückt war.

Ganz anders hört sich da die Aussage des früheren Zweigdieners der Wachtturm-Gesellschaft in Deutschland, Konrad Franke an. Dieser erklärte 1976 bei einem öffentlichen Vortrag, der noch heute als Tonbandaufzeichnung existiert:

Aber wir waren erschüttert, als wir... in die Tennishallen kamen und nicht diese Stimmung vorfanden, wie wir sie sonst bei Kongressen vorfanden. Als wir hereinkamen, waren die Hallen mit Hakenkreuzfahnen geschmückt.

Mit anderen Worten: selbst prominente Zeitzeugen bestätigen, daß die Wilmersdorfer Tennishallen mit Nazifahnen geschmückt waren. Und das nicht nur außen, sondern auch innen.

Der Erwachet-Artikel ist also ein Ablenkungsmöver in typischer Wachtturm-Manier. Die Tatsache, daß die Kongreßhalle mit Nazifahnen geschmückt war, wird zwar nicht vollständig geleugnet, aber mit vielen Worten heruntergespielt. Gleichzeitig wird mit zwei wenig beweiskräftigen Fotos der Eindruck vermittelt, im Inneren der Halle hätte es keine Nazifahnen gegeben. Doch selbst diese offensichtlich unrichtige Behauptung wird in einem Nebensatz wieder relativiert, in dem es heißt:

Auch heute entfernen Zeugen Jehovas keine nationalen Symbole, wenn sie öffentliche Einrichtungen für Zusammenkünfte oder Kongresse mieten.

Wer klar und deutlich die Wahrheit sagt, hat eine derartige Wortakrobatik nicht nötig.

Doch die WTG hat noch ein weiteres Problem. Die Zeugen wurden nämlich während des Kongresses aufgefordert, ein Lied zu singen, gegen dessen Text zwar nichts einzuwenden war, wohl aber gegen die Tatsache, daß es zur Melodie der deutschen Nationalhymne gesungen wurde.

Konrad Franke dazu:

Als nun die Versammlung eingeleitet wurde, wurde sie mit einem Lied eingeleitet, das wir jahrelang und überhaupt in Deutschland nie gesungen hatten, wegen seiner Melodie.

Da man diese Tatsache offensichtlich nicht aus der Welt räumen kann, gibt man offen zu, daß der Wilmerdorfer Kongreß 1933 mit Lied Nr. 64 eröffnet wurde, das den Titel "Zions glorreiche Hoffnung" trug und auf der Melodie von Joseph Haydn beruhte, die 1922 zur deutschen Nationalhymne erklärt worden war.

Selbst die Einfältigen unter den Erwachet-Lesern sollten eigentlich spätestens an dieser Stelle ins Grübeln kommen. Schließlich weigern sich Zeugen Jehovas noch heute strikt, die Nationalhymne ihres Landes zu singen und dessen Fahne zu grüßen. Warum wurde dann ein Kongreß, der angeblich die Standhaftigkeit der Zeugen gegenüber dem Hitler-Regime ausdrücken sollte, ausgerechnet mit der Melodie die deutschen Nationalhymne eröffnet?

Die Erklärung, die der Erwachet-Artikel für diesen faux pax anbietet, ist nicht nur ziemlich dümmlich, sondern sogar schlicht gelogen. Zunächst wird behauptet, das betreffende Lied Nr. 64 hätte sich schon "mindestens seit 1905" im Liederbuch der Bibelforscher befunden, also schon lange bevor die Melodie zur deutschen Nationalhymne wurde.

Nachforschungen haben jedoch ergeben, daß in keinem der unterschiedlichen Liederbücher, welche die Bibelforscher seit Anfang des Jahrhunderts benutzten, das Lied "Zions glorreiche Hoffnung" zu finden ist. Weder in der Ausgabe "Zionslieder" aus dem Jahre 1905 (hier) noch in der Ausgabe von 1923 (hier). Vielmehr taucht dieses Lied erstmals in der deutschen Ausgabe von 1928 (hier) auf - und damit 6 Jahre nachdem Haydns Melodie zur deutschen Nationalhymne erklärt wurde. Mit der angeblichen politischen Neutralität der Zeugen Jehovas war es also schon damals nicht allzu weit her.

Der Erwachet-Artikel versucht jedoch auch hier wieder eine verbale Nebelkerze zu zünden, um vom eigentlichen Thema abzulenken. "Andere Kirchen", heißt es, "entfernten Begriffe wie Juda, Jehova und Zion aus ihren Liedern... Jehovas Zeugen hingegen taten das nicht." Als ob es jemals um diese Frage gegangen wäre.

Doch ein schwaches Fünkchen Wahrheit lassen selbst die Schreiber dieses Artikels durchschimmern: "Es ist möglich, daß einige Delegierten vielleicht zögerten, "Zions glorreiche Hoffnung" zu singen, da die Melodie dieser Komposition von Haydn die selbe war, wie die Nationalhymne."

Was hier verharmlosend mit dem Wort "zögern" umschrieben wird, hat Konrad Franke ganz anders in Erinnerung:

Könnt ihr euch vorstellen, wie es uns zumute war? Viele konnten nicht mitsingen. Es war gerade als wenn ihnen die Kehle zugeschnürt wurde.

Da haben wir es also. Die einfachen Bibelforscher, von denen später viele auch bereit waren, für ihren Glauben ins KZ zu gehen, empfanden schon auf dem Wilmersdorfer Kongreß Gewissensbisse, die Melodie der Nationalhymne zu singen. Ganz anders als die Wachtturm-Führung. Sie lud ihn in eine mit Hakenkreuzen geschmückten Halle ein. Sie verlas eine Deklaration, nach der die Bibelforscher "... in völliger Übereinstimmung mit den gleichlautenden Zielen der nationalen Regierung des Deutschen Reiches sind." Sie bezeichnete sich in einem Brief an Adolf Hitler für ausgesprochen "deutschfreundlich". Und sie hatte überhaupt keine Probleme damit, ihre deutschen Gläubigen im KZ zu wissen, während ihre schweizer Glaubensbrüder zur selben Zeit ohne Schwierigkeiten in der Armee dienten.