Roberta - Fesseln abgeworfen

Jetzt, obwohl ich schon einige Jahre kein Zeuge Jehovas mehr bin, schreibe ich zum ersten Mal die ganze Geschichte auf.

Ich bin in "die Wahrheit" hineingeboren worden. Meine Vorschulkindheit habe ich eigentlich gar nicht in so schlechter Erinnerung, nur dass mir manchmal in den Versammlungen langweilig war.

Schon damals war ich ziemlich lebhaft und temperamtentvoll, so dass mir des öfteren der berühmte "Klogang" nicht erspart wurde! Erinnere ich mich dann an den Abschnitt der Schulzeit, ist meine Erinnerung bereits nicht mehr so schön, denn seitdem bekam ich immer öfter zu spüren, dass ich ein Außenseiter war.

Da ich ein totaler Kontaktmensch bin, habe ich mich mit den Kindern aus meiner Klasse echt gut verstanden, was zur Folge hatte, dass ich Einladungen zum Spielen bekam. Das war ja noch in Ordnung. Dann kamen die Einladungen zu irgendwelchen Geburtstagen und so. Hier wurde alles ein bisschen schwieriger, denn da kam ich in die Situation, dass ich anders war als alle anderen Kinder. Hier muss ich hinzufügen, dass in meiner damaligen Versammlung kein Kind in meinem Alter war. Ich hatte eine total liebe Freundin gefunden, die mir eine Schuhschachtel voll mit Süßigkeiten zum Geburtstag schenkte. Natürlich habe ich mich gefreut wie Bolle. Ich musste mich aber "revanchieren" in dem Sinne, dass ich ein paar Tage später auch einen Schuhkarton mit Süßigkeiten an sie zurück verschicken sollte. Und ich durfte mich nicht bedanken für die Geburtstagsgrüße. Dann kam der Religionsunterricht. Alle fragten sich in der Grundschule und der Oberschule, warum ist "die" nicht dabei? Meine Eltern haben die Lehrer informiert, die haben es den Schülern gesagt. Mann, das war mir aber peinlich! Seitdem war ich abgestempelt als: "Die ist anders!" Und wurde auch entsprechend behandelt. Im Gymnasium wurde es etwas besser. Ich konnte auf die Alternative"Werte und Normen" umschwenken. Da hat so schnell keiner gemerkt, dass ich ZJ bin. Im Laufe der Zeit begann ich, im "Glauben" aktiver zu werden. Das Lernen habe ich schluren lassen und war sogar einige Monate Hilfspionier aus eigener Überzeugung. Um die Leute habe ich Angst gehabt, die ich kenne und liebgewonnen habe, dass ich sie in Harmagedon verliere. Jetzt war ich sogar dazu bereit, auch selbst zu sagen, dass ich ein ZJ bin! Diese Phase hielt ganz schön lange an.

Irgendwann kam die Zeit zu überlegen, was mache ich mit meinem Abitur? Mein großer Traum war/ist es immer gewesen, Musik zu studieren. Dies habe ich auch in Gesprächen innerhalb der Versammlung (vorher und nachher) ausgesprochen. Über kurz oder lang kam ein Ältester zu Besuch, der ein Beispiel einer Schwester zitierte, die sagte: "Pfff, was soll ich denn Karriere machen?" Leider hatte ich damals nicht den Mumm, meinen Traum durchzusetzen. Schade, denn warum hab ich zwölf Jahre Klavierunterricht und sechs Jahre Querflötenunterricht gehabt? Da ich jedoch damals weitaus demütiger war als heute, habe ich mich gefügt und eine kaufmännische Lehre angefangen. In meinem Beruf war ich auch ganz gut zufrieden. Nur: Ich hatte immer weniger das Bedürfnis in die Versammlungen zu gehen, da ich ganz viele Kontakte zu lieben Menschen außerhalb der Organisation hatte. Ich fing an, ein Doppelleben zu führen. Ich übernachtete bei einer Freundin von den ZJ, die damals ähnlich dachte wie ich und war mit ihr zum Open Air, auf Demos oder in der Disco. (Mittlerweile ist sie Pionierin und nicht mehr meine Freundin, schmunzel.)Das ging so lange gut, bis meine Eltern meinten, es wäre an der Zeit zu heiraten. Ich wollte gar nicht, mir gefiel es eigentlich so auch ganz gut und sagte: "Ich heirate nie!", was mir ganz viele Streitigkeiten zu Hause eingebracht hatte.

Ergo, irgendwann habe ich dann geheiratet, einen ZJ, aber nicht aus Liebe, sondern aus dem Grunde, endlich ein eigenes Leben zu führen. Wenn ich heute darüber nachdenke, kann ich nur sagen, ich war so was von blind und dumm! Denn hier - logischerweise - kam ich vom Regen in die Traufe! Ich hab meinen Mann NIE geliebt! Mit den Schwiegereltern (natürlich auch ZJ) wohnte ich unter einem Dach. Nebenan wohnten Schwager und Schwägerin. Auch ZJ. Von Anfang an war ich ihnen ein Dorn in Augen. Weil ich mich für weltliche Dinge interessierte, Kontakt außerhalb der Versammlung hatte, sowie Mode und Kosmetik mochte/mag! Von meiner Schwägerin wurde ich sogar vor allen anderen offen angefeindet wegen einer "Röhrenjeans" die ich (in der Freizeit!) anhatte! Und dass ich auch noch berufstätig war, ging ja gar nicht. Aufgrund des Drucks innerhalb der Familie hab ich meinen prima Arbeitsplatz mit Aufstiegschancen gekündigt und war mal wieder Hilfspionier. Einige Zeit habe ich mir das schöngeredet, dann kamen sie wieder, die Zweifel! Ich begann, Predigtdienstberichte zu schreiben, die es nicht gab. Außerdem erlaubte ich mir, eine Halbtagsstelle anzufangen und funktionierte nicht, indem ich kein Kind gekriegt habe (heute bin ich megafroh, ansonsten wäre noch mehr dreckige Wäsche gewaschen worden).

Es kam die Zeit, in der ich bei den ZJ eine Freundin gefunden habe, die auch keine gute Ehe führte. Nach und nach kamen wir uns näher. Wir sind auch schon - ohne, dass einer es wusste - abends mal in die Disco.

Dann passierte es: Meine Freundin verliebte sich. Es geschah Knall auf Fall, sie zog aus mit ihren beiden Mädchen und wurde von den ZJ "ausgeschlossen". Sie war noch meine Freundin, aber keiner durfte es wissen. Natürlich kam es, wie es kommen musste: Ich ging nicht mehr zur Versammlung. Nicht mehr in den Predigtdienst. Fragte mich, wieso verbietet man mir den Kontakt zu meiner liebsten Freundin, die meine Hilfe braucht?

Ich hatte also weiter Kontakt, hatte eine traurige Wut auf die Menschen, die ihr/mir das antun und wollte gar nichts mehr "glauben". Was war das nur für ein Gott? So grausam?

Mein Exmann hat voll in die Kerbe der ZJ gehauen. Heute nehme ich ihm das nicht übel. Er konnte nicht über seinen Schatten springen und war auch noch überzeugt, er macht alles richtig. Einmal hat er mich sogar kalt abgeduscht, weil ich ihm nicht "keusch" genug angezogen zur Arbeit ging. (Nebenbei: Body, Blazer - zugeknöpft! drüber - und Jeans). Mehrmals wurde ich geschubst und bekam Klapse, wenn ich nicht in die Versammlung wollte. Ich war der arme, geistig kranke Schatz. Jetzt kriege ich schon wieder die Wut!

Nebenbei hatte er mich mit zwei(!) Freundinnnen von mir bei den ZJ betrogen. Die eine rief sogar in der Zeit, wo meine echte Freundin ausgeschlossen wurde, bei mir an, "es gäbe noch andere Freunde, zum Beispiel sie!" Muss man sich mal reinziehen. Mein Ex sagte nur, das wäre nur passiert, weil ich ja sexuell nichts von ihm wollte. Da muss ich ihm recht geben! Und ich hatte dafür auch Verständnis.

Nur, jetzt war es an der Zeit, etwas zu unternehmen. In aller Stille habe ich mir eine Wohnung besorgt. Zum Glück hatte ich liebe "Welti-Freunde", die mir geholfen haben. Bin stückweise ausgezogen mit meinem Katerchen. Aus der alten Wohnung wollte ich gar nix mithaben. Nur mein Klavier. Und das wollte der Ex nicht rausrücken, mit anwältlicher Hilfe habe ich es aber bekommen.

Ich war dann das erste Mal in meinem Leben allein in einer Situation, die ich selbst GESCHAFFT habe. MEINE Wohnung, MEIN Leben!!! Und: Ich fühlte mich so frei! Hab dann Urlaub und Zeit für mich genommen. War superschön!

Aber dann: Wie komme ich im normalen Leben klar? Ich fand ja Dinge schlimm, die ich jetzt normal finde.

Step by step begann ich, das neue Leben aufzunehmen. Ein schwarzer Punkt war noch, dass meine Eltern mich telefonisch beschuldigten, wegen mir hätte meine Mutter Brustkrebs bekommen und mein Vater Herzanfälle (angeborener Herzfehler). Das war wieder ein Rückschlag. Fast hätte ich Depressionen gekriegt. Zum Glück bin ich ein Stehaufmännchen und nach und nach fand ich mich zurecht im normalen Leben!

Natürlich mache ich jetzt Sachen, die ich früher nicht durfte, wo ich schon wieder nicht weiß, ob das so toll ist. Zum Beispiel habe ich angefangen zu rauchen. Was soll's? Irgendwann höre ich auch wieder auf! Ich darf mit jedem reden. Ich darf das, was ich will. Ich habe liebe Freunde! Eine Freundin (Welti), die ALLES von mir weiß. Danke, Doris. Ich habe aber auch Ellenbogen bekommen. Beruflich habe ich mich selbständig gemacht. Und das hat mir Persönlichkeit gegeben. Hab das wohl gebraucht.

Trotz allem bin ich immer ein Bauchmensch gewesen und geblieben. Und wenn ich mich mal etwas "bollerig" im Forum äußere: Ich meine es nie richtig böse. Hab nur immer noch meine up's and down's Ich bin froh, dass ich Euch gefunden habe!!!