"Wir gehören Jehova" - oder: Wie rede ich mir meine Glaubenswelt schön? Drucken E-Mail
Geschrieben von: Bernd   
Samstag, den 06. Februar 2010 um 15:26 Uhr

Wie Sekten die Realitäten umdeuten

Dieser Essay beschäftigt sich mit einer der Säulen der Glaubenswelt der Zeugen Jehovas:

Die totale Abhängigkeit.

Dabei nimmt das Sektenmitglied in Kauf, dass dies den völligen Verzicht auf selbstbestimmtes Denken, Reden und Handeln sowie die Verleugnung oder Abspaltung unerwünschter Teile der eigenen, individuellen Persönlichkeit bedeutet.

Der einzelne Zeuge Jehovas hat längst dieses Abhängigkeitsverhältnis bejaht, es ist Teil seiner durch die Glaubensgemeinschaft allmählich und unmerklich veränderten Persönlichkeit geworden. Daher bekümmert ihn obige Überschrift nicht nur nicht, im Gegenteil, er stimmt dieser Manifestation der Rückkehr in ein kindliches Gemüt auch noch freudig erregt zu - wieder und wieder.

Jetzt, da dieser Idealzustand, nämlich des nicht mehr hinterfragenden, zweifelnden und abwägenden kindlichen Gemütes erreicht ist, kann die weitere Manipulation, die Konditionierung auf die neuen Geistesherren fortfahren. Jetzt ist es auch ein Leichtes, die folgenden "biblischen Wahrheiten" dem nunmehr kindlich gewordenen Geist, ohne dessen inneren Widerspruch befürchten zu müssen, als "hochwertige Speise zur rechten Zeit" vorzusetzen:

Jehova bot den Israeliten etwas sehr Kostbares an, als er zu ihnen sagte: "Ihr werdet bestimmt mein besonderes Eigentum aus allen Völkern werden." (Exodus 19, 5) Heute haben wir als Glieder der Christenversammlung ebenfalls die Ehre, Jehova zu gehören - ein Vorrecht, das nie enden muss.
Der Wachtturm 15. Januar 2010

Die Analogie ist schnell hergestellt, leicht zu verstehen und zu verinnerlichen.

Kein Wort von der Usurpation des jüdischen Glaubens und damit seiner vollständigen Neu- und Umdeutung durch die Gelehrten des aufkommenden neuen Glaubens, des Christentums. Kein Wort darüber, dass dies kleine unbedeutende Bergvolk sich für seine Bedürfnisse die passende Gottheit schuf, der sie Identität und eine eigene Erzählung verdankte und die ihr half, sich in der von übermächtigen Feinden wimmelnden Umwelt zu orientieren und ihnen Selbstbewusstsein zu verleihen. Kein Wort dazu, dass die Schriften eines "Paulus" die alten Schriften theologisch neu aufbereitet, ihnen eine nunmehr christliche Deutung verpasst und sie in deren logischer, stringenter Konsequenz zugleich überflüssig gemacht hatten.

Nichts von alledem erfährt der Gläubige in den Spalten des Wachtturms. Stattdessen die kindgerechte Aufbereitung, verbunden mit eingängigen Handlungsanweisungen, die er leicht nachvollziehen kann und die sein manipuliertes Gemüt ohnedies nicht mehr zu hinterfragen in der Lage wäre.

Nun also zu der "logischen" Konsequenz des eingangs Festgestellten:

Jehova zu gehören bringt allerdings auch Verantwortung mit sich. Mancher fragt sich deshalb vielleicht: Kann ich den Erwartungen Jehovas überhaupt gerecht werden? Und was ist, wenn ich einen Fehler mache? Lässt er mich dann fallen? Wenn ich Jehova gehöre, bin ich dann noch ein freier Mensch?
Der Wachtturm 15. Januar 2010

Zur Erinnerung: Hier handelt es sich um eine gruppeninterne Schrift, nicht zur Öffentlichmachung bestimmt. Während in den Schriften für das interessierte Publikum von Paradies, Gerechtigkeit, dem "Abwischen jeder Träne", dem Ende von Schmerz, Geschrei und Trauer, von unvorstellbaren Wonnen in der "verheißenen neuen Welt" die Rede ist, spricht man mit den bereits vollständig Bekehrten, der Abhängigkeit Verfallenen Klartext. Es bringt "Verantwortung mit sich" heißt nichts anderes als: Das Paradies gibt's nicht zum Nulltarif. "Jehova" stellt Erwartungen an seine "Diener", denen sie gerecht werden müssen. Es scheint zudem so zu sein, als müsse man sich davor hüten, Fehler zu machen, es könnte mitunter sein, dass "Jehova" nicht nur der Paradiesschöpfer ist. Zudem gibt es zumindest die Infragestellung der Freiheit. Den Begriff der Freiheit werde ich später wieder aufgreifen. Ich möchte nicht zuletzt anhand dieses Terminus auf ein Phänomen aufmerksam machen, das in seiner manipulativen Perfidie nicht zu unterschätzen ist. Doch dazu später.

Gehen wir erst einmal im Text weiter:

Derartige Bedenken sind verständlich. Befassen wir uns aber erst einmal mit einer anderen wichtigen Frage: Warum ist es nur zu unserem Besten, Jehova zu gehören?
Der Wachtturm 15. Januar 2010

Sehr fein. Sehr schlau. Gedankenstopp! Bevor man auf die o.a. berechtigten Fragen eingeht, muss erst einmal die Nutzenrechnung aufgemacht werden. Jeder vernünftig denkende Mensch hätte ein lebhaftes Interesse daran zu erfahren, was es denn kostet, Eigentum Jehovas zu sein. Man würde doch gern wissen, ob es mitunter auch Nachteiliges an dem zu unterzeichnenden Vertrag gibt, welches denn die Kosten für die Vertragspartner sind. Und wenn etwas derart Fundamentales wie die persönliche Freiheit zur Disposition steht, gerade dann interessieren die entsprechenden Textpassagen doch ganz besonders brennend.

Nein, nichts da. Zuerst muss der Boden für eine bereitwilligere Akzeptanz des später Folgenden bereitet werden:

Jehova zu gehören macht glücklich.
Der Wachtturm 15. Januar 2010

Wie ist es Menschen ergangen, die Jehova gehörten?

Dann kommen zwei Beispiele, die zeigen, dass man selbstverständlich nur dann glücklich und zufrieden sein kann, wenn man sich zu Jehova bekennt.

Rahab, von der wir in der Bibel kaum mehr erfahren, als dass sie zwei Spionen des Volkes Israel Unterschlupf gewährt hat.

Dann noch von einer Moabiterin, namens Ruth, die sich dafür entschied, bei ihrer Schwiegermutter zu bleiben, was bedeutete, dass sie sich auch unter das Gesetz Mose zu fügen hatte. In der Bibel kann man dann noch erfahren, dass Ruth als Ährennachleserin auf dem Feld eines gewissen Boas arbeitete, was zeigt, dass es ihr in Wahrheit nicht wirklich gut ging, wenigstens nicht materiell. Dann aber bekommt die Sache doch noch ein gewisses Happy-End dadurch, dass sie besagten Boas heiratet, was für die Geburt eines gewissen Jesus aus Nazareth noch von entscheidender Bedeutung sein wird... Über das weitere Schicksal ihrer Schwester Orpa hingegen erfährt man aus dem alten Buch nichts, außer dass sie zu ihrem Volk zurückgekehrt ist.

Diese magere Ausbeute an "Historischem" hält indes die Wachtturm-Gesellschaft keineswegs davon ab, die beiden Geschichten doch noch für ihre Zwecke zu gebrauchen. Da kommen dann solche Formulierungen wie: "[...] sicherlich praktizierte Rahab den lasterhaften Götzenkult der Kanaaniter [...]" und "wie froh muss sie gewesen sein, dass sie ihr früheres Leben hinter sich lassen konnte! [...]"

Oder über Ruth: "Als junges Mädchen hatte sie wahrscheinlich Kamos und andere moabitische Götter verehrt. Doch sie lernte den wahren Gott Jehova kennen [...]"

Das Denkschema ist klar, die Manipulation hat bereits stattgefunden. Wie die oben zitierten "biblischen" Beispiele unzweideutig belegen, macht die Abhängigkeit von Jehova glücklich, beendet ein nutzloses Leben im Götzendienst, hebt den Menschen aus einem erniedrigten Stand als gar hemmungsloser Götzenverehrer empor zu einem würdigen, jetzt erst wahrhaft menschlichen Stand als Anbeter und gleichzeitig freiwilliger Sklave "Jehovas". Das wirkliche Leben hat soeben begonnen.

Et voilà! Der Boden ist bereitet für das, was jetzt kommt, nämlich genaue Instruktionen, wie das Abhängigkeitsverhältnis zu Jehova - gemeint ist aber in Wahrheit die totale Unterwerfung unter die Ägide der Wachtturm-Gesellschaft - gefestigt, verstetigt und ausgebaut werden kann und soll. Kostproben gefällig?

Was könnte unser kostbares Verhältnis zu Jehova gefährden?
Der Wachtturm 15. Januar 2010

Nun, da also festgestellt ist, dass die Sklaverei "Jehovas" eine Freude, eine Erhebung des Menschen und wahre Befreiung bedeutet, geht es nicht mehr um die eingangs gestellten Fragen nach den Nachteilen des Vertrages. Nun ist nicht mehr davon die Rede, dass die Anforderungen für das Individuum eventuell zu hoch seien, und "Jehova" es dann fallen lassen könnte. Auch vom möglichen Verlust der Freiheit ist jetzt keine Rede mehr. Stattdessen droht Gefahr! Das nunmehr als "kostbares Verhältnis" apostrophierte Abhängigkeitsverhältnis zu "Jehova" ist unerwünschten Gefährdungen ausgesetzt, es droht das Abgeschnitten werden von einer als lebensnotwendig verinnerlichten Daseinsquelle.

Unter anderem erwähnt der Psalmist die "Pest, die im Dunkeln wandelt" und die "Vernichtung, die am Mittag verheert". Viele hat der "Vogelfänger" durch den ausgeprägten Wunsch nach Unabhängigkeit in die Falle gelockt.
Der Wachtturm 15. Januar 2010

Der "Vogelfänger", eine eindrucksvolle Metapher für "das Böse" höchstselbst, den biblischen "Teufel" oder "Satan". Gleich dem Vogelfänger, der die Vögel aus dem Versteck heraus, also hinterhältig mit einer nicht sichtbaren Falle fängt, "fängt" der "Teufel" Menschen, die das Kleingedruckte des Vertrags mit "Jehova" gelesen und ihn lieber nicht unterschrieben haben. Jeder, der es ablehnt, ein Sklave "Jehovas" zu werden und damit, wie ich schon erläuterte, den Vertrag mit der Wachtturm-Gesellschaft nicht eingeht, ist nach der Lesart der Zeugen Jehovas "dem Vogelfänger auf den Leim gegangen". Normal wäre es, so glauben es diese Leute mit dem eingangs beschriebenen unkritisch gewordenen kindlichen Gemüt, mit Freuden Eigentum des Höchsten, "Jehova", zu werden. Wer dies ablehnt, mit dem kann etwas nicht stimmen, der ist nicht normal, also muss in Wirklichkeit eine böse fremde Macht dahinter stecken. Unabhängigkeit ist böse, verkehrt, nicht normal. Abhängigkeit dagegen ist gut, richtig, normal.

Andere hat er eingefangen, indem er Gier, Stolz und Materialismus propagiert.
Der Wachtturm 15. Januar 2010

Gier, die stärkste Triebfeder alles Lebenden und eben auch des Menschen ist nach Definition der Wachtturm-Gesellschaft ebenfalls nicht normal, sie ist böse und verkehrt. Gier sprengt Ketten, Gier sorgt für Nachkommen, Gier treibt zum Handeln an, Gier verschafft Unabhängigkeit und Lebenstüchtigkeit. Sie macht den Menschen wach, geistig rege und veranlasst ihn, Fragen zu stellen und die Beantwortung solcher Fragen durch eigenes Forschen zu versuchen. Gier ist der Lebensmotor schlechthin. Wissbegier will das Kleingedruckte jedes Vertrages vor der Unterschrift lesen. Neugier stellt Althergebrachtes in Frage und wagt das Risiko. All dieses Streben ist dem Sklaven "Jehovas" zutiefst suspekt, hat er doch eine Umdeutung dieses Begriffes und seiner praktischen Wirkungen vorgenommen, ist doch die Gier für ihn der Ausbund teuflischer Gesinnung.

Stolz, als Ausdruck eines gesunden, starken Selbstbewusstseins erhöht die Chance auf einen Sexualpartner, da das Unscheinbare nicht zum Zuge kommt. Die Oberschwanzdeckfedern des Pfauenhahns legen hierfür beredtes Zeugnis ab. Stolz kann im Umgang mit Menschen eine zutiefst törichte Verhaltensweise sein, besonders dann, wenn das Individuum, das sich seiner befleißigt, in Wahrheit nichts eigenes Präsentables vorzuweisen hat.

Diese Unterscheidung braucht der Sklave der Wachtturm-Gesellschaft nicht, für ihn reicht die Klassifizierung dieser Eigenschaft als "teuflisch" und daher rundheraus abzulehnen.

Materialismus, ein recht vieldeutiger Begriff, nach Interpretation der Zeugen Jehovas aber auch dies eine Geisteshaltung, die ausschließlich negativ, also "satanisch" konnotiert ist.

Wieder andere hat er durch nationlistisches oder evolutionistisches Gedankengut verführt oder durch die falsche Religion.
Der Wachtturm 15. Januar 2010

Nationalismus und Evolutionismus in einem Atemzug zu nennen, ist voll beabsichtigt. Jeder kennt die Auswüchse eines verfehlten, ungezügelten, von blankem Chauvinismus durchtränkten Nationalismus, dessen unseliger Wesenskern zuletzt in dem grausamen, mörderischen NS-Regime offen zutage trat, dem in Europa 6.000.000 Juden, dazu ungezählte Sinti und Roma zum Opfer gefallen sind.
Evolutionismus [statt des Terminus "Evolution"] in eben dieselbe fanatische Ecke stellen zu wollen, ist einfach nur infam, da hierdurch die ernsthafte Erwägung dieser Denkfigur als mögliches Modell zur Erklärung der stofflichen Welt erst gar nicht in Betracht gezogen zu werden braucht. Nein, vielmehr ist "Evolutionismus" genauso wie "Nationalismus" desselben "teuflischen" Ursprungs, weshalb der "Diener Jehovas" beide als Gefahr für seine gewählte Abhängigkeit erkennt und sie meidet.

Ach übrigens: "Falsche Religion" meint hier selbstverständlich sämtliche Religionen der Welt außer den Zeugen Jehovas.

Und viele sind der Unsittlichkeit auf den Leim gegangen. All diese "Plagen" haben den Glauben von Millionen Menschen ruiniert; ihre Liebe zu Gott ist erkaltet.
Der Wachtturm 15. Januar 2010

Unsittlichkeit, ein Terminus, der wohl bald nur noch in fundamentalistischen Religionskreisen eine sinnstiftende Bedeutung haben wird, da die mit diesem Begriff gemeinten völlig natürlichen sexuellen Betätigungen der Menschen einfach nicht in Kategorien von sittlich oder nicht sittlich einzuordnen sind. Eine aufgeklärte, säkulare, rechtsstaatlich verfasste Gesellschaft braucht solche untauglichen vormodernen Schwarz-weiß-Denkschemata nicht mehr, da sie nicht am Menschen und seinen elementaren Bedürfnissen orientiert sind. Die Zeugen Jehovas aber, in ihrer Umkehrung aller Begrifflichkeiten und ihrem kindlich-entmündigten Kosmos der Abhängigkeiten brauchen ein solch starres Muster, um sich in einer für sie längst unübersichtlich gewordenen Welt zurechtzufinden.

Unsere Liebe zu Gott bewahren
Wie schützt Jehova sein Volk vor all diesen Gefahren? In dem Psalm heißt es: "Seinen Engeln wird er deinetwegen Befehl geben, dich auf all deinen Wegen zu behüten." (Psalm 91, 11) Engel leiten und behüten uns, damit wir die gute Botschaft verkündigen können. Auch Älteste, die sich beim Lehren eng an die Heilige Schrift halten, bieten uns Schutz. Sie warnen uns vor falschen Überlegungen und sind für jeden da, der darum kämpft, eine weltliche Einstellung zu überwinden.
Der Wachtturm 15. Januar 2010

Da all das oben Angesprochene für einen Sklaven "Jehovas" veritable Gefahren darstellt, wendet sich nun der hier in Rede stehende Wachtturm-Artikel der Frage zu, wie man vor diesen Gefahren wirksamen Schutz finden kann und wo. Nun mag an Engel glauben, wer daran glauben will und kann. Aber auch hier nehmen die Zeugen Jehovas eine Umdeutung der Begrifflichkeiten vor. Sie reden nicht von sogenannten Schutzengeln, die dem Einzelnen bei echten Gefahrensituationen meist in buchstäblich letzter Sekunde auf wundersame Weise irgendwie das Leben retten. Nein, die Engel der Zeugen Jehovas haben einzig die Aufgabe, das "Predigen der guten Botschaft" zu überwachen und zu leiten. Damit dieses Missionierungswerk möglichst störungsfrei verläuft, dürfen sie, so erforderlich, im Einzelfall auch mal den Schutzengel geben.

Eine viel wichtigere Hilfe beim Schutz vor den glaubenszersetzenden Gefahren aber leisten die "Ältesten", die Gemeindevorsteher in den einzelnen "Versammlungen", den Gemeinden der Zeugen Jehovas. "Sie warnen [...] vor falschen Überlegungen", das heißt nichts anderes als dass sie jegliches Gedankengut ihrer Schäfchen inquisitorisch aufspüren, das dazu geeignet ist, den Glauben und damit die kindlich-bejahte Abhängigkeit zu untergraben und das Individuum in ein selbstbestimmtes Leben zu entlassen. Diese "weltliche" Gesinnung gilt es mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln möglichst gar nicht erst aufkommen zu lassen und sie da, wo ihre ersten zaghaften Keimlinge bereits den Abhängigkeitsnährboden durchstoßen haben, durch beherzte Disziplinierungsmaßnahmen bis hin zum Ausschluss aus der Gemeinde zu bekämpfen.

Nicht zuletzt ist da der "treue und verständige Sklave". Er sorgt für geistige Speise - Belehrung, die uns ausrüstet, nicht auf die Evolutionstheorie hereinzufallen, unmoralischen Verlockungen zu widerstehen, nicht nach Ansehen oder Reichtum zu streben und auf der Hut zu sein vor zahllosen weiteren schädlichen Wünschen und Einflüssen. Fragen wir uns einmal: Was hat uns bisher geholfen, diesen Gefahren die Stirn zu bieten?
Der Wachtturm 15. Januar 2010

Endlich ist die Katze aus dem Sack!

Der "treue und verständige Sklave", die oberste Führungsriege der Zeugen Jehovas, der selbsternannte "Kanal Gottes", der alle Direktiven bezüglich dieser Organisation und alle Glaubensinhalte verkündet. Er allein hat die Deutungshoheit über alle Glaubensfragen. Ihm soll das einzelne Schaf folgen, seinen Interpretationen der Bibel und den daraus abgeleiteten Handlungsanweisungen ist stets unwidersprochen zu glauben und zu gehorchen. Er verfügt über das stetig "heller werdende Licht" aller "Erkenntnis" und aller "Weisheit Gottes".

Und diese einzigartigen Blüten der Gelehrsamkeit haben nun mal beschieden, dass die Evolutionstheorie des Teufels und daher ein böser Fallstrick sei, vor dem sich die Gläubigen tunlichst in acht nehmen müssen. Diese honorigen älteren Herren verstehen etwas von den "unmoralischen Verlockungen", weswegen sie davor mit besonderer Inbrunst warnen. Und schließlich kennen sie die böse Falle, in die hineintappt, wer nach Ansehen und Reichtum strebt, weswegen sie geradezu prädestiniert dazu sind, die Schäfchen vor dieser Schlinge des Vogelfängers zu warnen. Ja, all diesen schlimmen Gefahren entgeht nur, wer sich stets vergegenwärtigt, wer denn den so dringend nötigen Schutz davor bietet: Der "Kanal Gottes".

Was müssen wir tun, um unter Gottes "Schirm" oder an seinem geheimen Ort zu bleiben? So wie wir ständig auf Gefahren achten, die unser Leben bedrohen könnten, wie zum Beispiel Unfälle, Verbrecher oder Krankheitserreger, müssen wir auch auf Gefahren für unseren Glauben Acht geben. Nutzen wir deshalb regelmäßig die Anleitung Jehovas, die er uns in biblischen Veröffentlichungen, bei den Zusammenkünften und durch Kongresse gibt. Und bitten wir Älteste um Rat. Sind wir nicht gern mit Brüdern und Schwestern zusammen, deren positive Eigenschaften uns zugutekommen? Ganz bestimmt hilft uns die enge Verbundenheit mit der Versammlung, weise zu handeln.
Der Wachtturm 15. Januar 2010

Wie schön, dass Schutz vor der bösen Welt und ihren Gefahren so leicht zu haben ist. Wie schön, dass Patentrezepte seit jeher so gut funktionieren.

Gegen Ende dieses Essays möchte ich nun noch den eingangs erwähnten Faden wieder aufgreifen: In Verbindung mit der zu Beginn in Frage gestellten Freiheit sprach ich von einem "Phänomen", "das in seiner manipulativen Perfidie nicht zu unterschätzen ist". Dieses Phänomen möchte ich nun anhand des letzten zitierten Abschnitts aus der Zeitschrift "Der Wachtturm" näher beleuchten.

Wer gibt uns Freiheit?
Gibt man seine Freiheit auf, wenn man Jehova gehört? Nein, ganz im Gegenteil. Wer zur Welt gehört hat keine Freiheit. Die Welt ist von Jehova weit entfernt und wird von einem grausamen Gott in Sklaverei gehalten. Hier einige Beispiele: Satans System übt wirtschaftlichen Druck aus und beraubt Menschen so ihrer Freiheit. Die trügerische Macht der Sünde hat viele fest im Griff. Ungläubige versprechen oft Freiheit, wenn sie eine Lebensweise anpreisen, die Jehovas Anleitung total entgegengesetzt ist. Doch jeder, der auf sie hört, wird schneller als gedacht feststellen, dass er in einem sittenlosen und entwürdigenden Lebensstil gefangen ist.
Der Wachtturm 15. Januar 2010

Was man hier unschwer erkennt, ist eine Umdeutung der durch das Individuum wahrgenommenen Wirklichkeit durch die Sekte. Die Abhängigkeit von - oder zugespitzt formuliert: die Sklaverei unter - "Jehova", was ja nichts anderes ist als eine Metapher für die Wachtturm-Gesellschaft, wird als Freiheit deklariert. Die freie Wirtschaftsordnung in einem sozialen Rechtsstaat als Prinzip des Zusammenlebens der Menschen wird als Sklaverei unter "Satan" deklariert. Als "Sünde" bezeichnet die Wachtturm-Gesellschaft ganz normale Regungen und Triebe des Menschen und deren "artgerechte" Befriedigung. Die freie, selbstbestimmte Lebensweise unabhängiger, mündiger Menschen wird mit einem Ruch des Verbotenen belegt, das zu einem sittenlosen entwürdigenden Lebensstil führe. Wer nicht genau nach "Jehovas Anleitung" lebt, gilt als "sündig", fehlgeleitet, versklavt und unwürdig. Nur unter der Abhängigkeit "Jehovas" gibt es Würde, Freiheit, Lebenssinn und Perspektive.

Frei nach George Orwell: "Unwissenheit ist Macht. Freiheit ist Sklaverei. Krieg bedeutet Frieden."

Diese Umdeutung der Realitäten hat der Gläubige nicht nur einmalig angenommen, nein, er hat sie als Teil seiner Persönlichkeit verinnerlicht, sodass diese oktroyierte Realität als solche nicht mehr wahrgenommen wird, die perfekte Eingewöhnung in die Sklaverei der Sekte. Der Gläubige gehört also ganz im Sinne der Gemeinschaft nicht mehr sich selbst, sondern mit Haut und Haar ist er zum Eigentum, zur Verfügungsmasse durch die Wachtturm-Gesellschaft geworden.

Kann es ein menschenverachtenderes Regime als dieses geben?

 

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