| Die Paradedisziplin der Zeugen Jehovas: Die Selbststilisierung als religiös Verfolgte und die Verschleierung ihrer zweiten Natur |
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| Geschrieben von: Bernd |
| Montag, den 01. Februar 2010 um 20:19 Uhr |
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Wer sich auf die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas einlässt, wird gewöhnlich von seiner unmittelbaren Umwelt im besten Falle mitleidig lächelnd beäugt, sehr oft aber erntet ein solcher Mensch kopfschüttelnde Ablehnung. Wieso eigentlich? Glaubt man den Verlautbarungen dieser Glaubensgemeinschaft, ist der Wechsel der persönlichen Glaubensüberzeugung und die Hinwendung zu ihnen eine ganz normale Sache. Gern verweisen die Zeugen Jehovas auf das verbriefte Menschenrecht auf freie Wahl der persönlichen Überzeugung, der Weltanschauung oder der Religion. Und allzu gern erklären sie den an ihrer Religion Interessierten, dass man ihnen von seiten der Gesellschaft dieses Recht sehr häufig streitig zu machen versucht. Hat der Neuzubekehrende erst einmal "angebissen", als man ihm die "wunderbaren Verheißungen der Bibel" bezüglich des bald auf der Erde entstehenden "Paradieses" glaubhaft machen konnte, kann man ihn nunmehr behutsam auf die "Kehrseite der Medaille" vorbereiten: Sich "der Wahrheit" anzuschließen bedeutet nämlich auch, bereit zu sein, "um Christi willen verfolgt zu werden". Belächeln Angehörige, Freunde oder Arbeitskollegen den neuen Glauben, machen sie komische Bemerkungen darüber oder spotten gar, so ist dies der Beweis, dass Jesus recht hatte als er sagte: "Ihr werdet um
meinetwillen Gegenstand des Hasses aller Leute sein." Nun kommt aber das Eigentümliche: Obwohl solche "Verfolgung" für sie eigentlich ein deutliches Zeichen und ein Beweis dafür sein müsste, dass sie Christus nachfolgen, und sie sich infolgedessen freuen sollten, weil ihnen der "Lohn des Herrn" gewiss ist, versuchen die Zeugen Jehovas in den Ländern, in denen ihnen der freiheitlich demokratische Rechtsstaat dazu großzügig die Möglichkeit einräumt, diese "Verfolgung" zu verhindern. Welche Argumente sie dazu verwenden und welche Ungereimtheiten dabei entstehen, möchte ich nun nach und nach erörtern.
Sehr einfach, sehr schlicht und harmlos: Was sagt die Bibel? Darf man seine Religion wechseln? Man ahnt bereits die Antwort: Ja, man darf seinen Glauben wechseln, vor allem dann, wenn dieser nicht auf der Bibel basierte. Aber lesen wir weiter: Als Avtar anfing, sich mit der Bibel zu beschäftigen, waren ihre Verwandten, die der Sikhreligion angehören, aufgebracht. Avtar erklärt: "In meiner Heimat wird man, wenn man seinen Glauben wechselt, von der Gesellschaft ausgestoßen. Selbst unsere Namen haben eine religiöse Bedeutung. Wer einen anderen Glauben annimmt, gilt als jemand, der seine Identität aufgibt und die eigene Familie verleugnet." Wie schrecklich! Was Menschen, die eben erst die "Wahrheit" in Verbindung mit Christus gefunden haben, doch so alles erdulden müssen! Von der eigenen Familie und der Gesellschaft verstoßen zu werden, nur weil man nicht mehr der "falschen Religion" angehören wollte, und daher seinen Glauben gewechselt hat. AVTAR wurde schließlich eine Zeugin Jehovas. Hätte sie ihren Glauben nicht wechseln sollen? Womöglich können Sie die Gefühle der Familie nachvollziehen. Viele denken, dass die Religion, die man von zu Hause mitbekommt, untrennbar mit der Familientradition und der eigenen Kultur verwoben ist und nicht gewechselt werden darf. Selbstverständlich hätte sie! Man kann doch nicht seine eigenen Überzeugungen vom wohlwollenden Zuspruch anderer abhängig machen, wo kämen wir da hin? Welch rückständiges, eingeengtes Denken aber auch! Nur weil es die Familie so will, nicht seinen Überzeugungen zu folgen, vor allem, wenn es die "Wahrheit" ist! Nein, da kann man doch keine falschen Rücksichten nehmen, schließlich handelt es sich doch um nichts weniger als ein allgemeines Menschenrecht. Nein, selbstverständlich ist es nicht schön, wenn die eigenen Angehörigen das nicht verstehen, kann man doch nachvollziehen. Schließlich machen sie sich doch ernsthafte Sorgen, nicht zuletzt wegen der gesellschaftlichen Ächtung, die der Wechsel der Religion in jenen Gegenden nach sich zieht. Hohe Achtung vor seiner Familie zu haben ist wichtig. Die Bibel sagt: "Höre auf deinen Vater, der deine Geburt verursacht hat" (Sprüche 23:22). Noch wichtiger ist allerdings, die Wahrheit über den Schöpfer und sein Vorhaben herauszufinden (Jesaja 55:6). Ist das überhaupt möglich? Und falls ja, wie wichtig ist Ihnen diese Suche? Es gibt nur eine Wahrheit. Diese gilt es herauszufinden. Wer sich auf die Suche nach der Wahrheit macht, ist per se im Recht. Ja, die eigenen Eltern zu respektieren, "auf den Vater zu hören", ist sicher richtig, aber die Wahrheit über Gott herauszufinden, ist um Längen wichtiger. (Ganz nebenbei: Woher weiß die Wachtturm-Gesellschaft immer so genau, welches der Gebote für Gott selbst am wichtigsten ist? Hat er's ihnen direkt gesagt? Vielleicht des Nachts im Traum?) Nach der Wahrheit über den Schöpfer suchen Da es nur eine Wahrheit gibt, hat im Grunde jeder einzelne Mensch auf dieser Welt die Pflicht, danach zu suchen. Die Mehrzahl der Religionen, hat diese Wahrheit nicht, daher ist es mehr als recht und billig, sie zu verlassen. Selbst die Religionen, die die Bibel zu vertreten behaupten, haben nicht die genaue Kenntnis über die "Wahrheit", daher sind sie in Gottes Augen wertlos. Wer das erkennt, tut gut daran, diese Erkenntnis in die Tat umzusetzen, das heißt, er muss die Religion konsequenterweise wechseln. Warum aber kann man die "Wahrheit" nur in Verbindung mit der Bibel finden und mit keinem anderen heiligen Buch? Es gibt gute Gründe, die für die Bibel sprechen. Paulus, der selbst unter göttlicher Leitung Bibelbücher schrieb, erklärte, die ganze Bibel sei "von Gott inspiriert und nützlich zum Lehren" (2.Timotheus 3:16). Wenn Sie also nach der Wahrheit suchen, sollten Sie prüfen, ob diese Behauptung stimmt. Entdecken Sie die tiefe Weisheit der Bibel und ihre geschichtliche Genauigkeit, und lernen Sie die schon eingetroffenen Voraussagen kennen. Jeder einzelne dieser Sätze ist eine bloße Tatsachenbehauptung ohne jeglichen Beleg. Und zu jedem dieser Tatsachenbehauptungen ließe sich eine Fülle an Material herbeibringen, das zeigt, dass man diese Dinge auch ganz anders sehen kann, ja eigentlich auch sehen müsste.
Es würde zu weit führen, wenn ich damit begönne, aufzulisten, an welchen
Stellen im Einzelnen die in der Bibel behaupteten Daten, Namen und
Fakten ganz und gar nicht der historischen Wahrheit entsprechen.
Vielleicht ein Beispiel: Die vorgenannten Informationen allerdings fechten die Zeugen Jehovas nicht an. Unbeirrt gehen sie von einer Wort für Wort gottgehauchten heiligen Schrift aus, etwas, das man bei der nun folgenden Argumentation im Sinn behalten sollte. Die Bibel lehrt nicht, dass im Endeffekt jede Religion zu Gott führt. Sie rät ausdrücklich davon ab, etwas unkritisch zu übernehmen, wenn sie sagt: "Prüft die inspirierten Äußerungen, um zu sehen, ob sie von Gott stammen" (1.Johannes 4:1). Beispielsweise muss eine Glaubenslehre, die wirklich von Gott stammt, völlig mit seinem Wesen übereinstimmen — auch mit seiner herausragenden Liebe (1.Johannes 4:8). Es wäre gut, diese Empfehlungen im Sinn zu behalten, da ich später noch mal darauf zurück kommen werde. Beachtenswert ist das nun folgende, mit dem wir uns zuerst näher befassen sollten: Wie die Bibel versichert, wünscht Gott, dass wir ihn "wirklich finden" (Apostelgeschichte 17:26, 27). Wenn der Schöpfer das also möchte und wenn man ihn gefunden hat, dann kann es auf keinen Fall verkehrt sein, auch entsprechend zu handeln — selbst wenn das einen Glaubenswechsel bedeutet. Aber was ist mit eventuellen Schwierigkeiten? Wer Gott finden möchte, muss bereit sein, seinen Glauben zu wechseln. Abgesehen davon, dass hier durch die Schriften der Wachtturm-Gesellschaft das Bild eines recht eingleisigen, um nicht zu sagen: engstirnigen Gottes gezeichnet wird, soll der Wechsel des Glaubens selbstredend nur in eine Richtung stattfinden: Weg von irgendwelchen Religionen (die bekanntlich alle falsch sind) hin zu der "einzig wahren": der der Zeugen Jehovas! Ein solcher Wechsel ruft geradezu zwangsläufig "Schwierigkeiten" hervor,
"wir" erwähnten es bereits. Was also ist zu tun, wenn nach einem
solchen dramatischen Wechsel der eigenen zum Teil überkommenen
Weltanschauung das bisherige Umfeld ablehnend reagiert? Der Familie die Treue halten— um jeden Preis? Das geschieht jedoch nur dann, wenn dieser Glaubenswechsel zu einer totalitär strukturierten, straff geführten Leistungsgemeinschaft erfolgt, die ihren Anhängern sukzessive die eigenen Handlunsspielräume einschränkt. Wer beispielsweise vom Katholizismus zum Protestantismus wechselt, darf sich dennoch an den Festen der früheren Religion beteiligen, ohne dafür Sanktionen befürchten zu müssen. Erzählen Sie einmal Ihrem katholischen Pfarrer, Sie hätten am letzten Sonntag aus Nostalgie oder weil Ihnen einfach danach war, den Gottesdienst Ihrer früheren evangelischen Gemeinde besucht, na, was wird er da wohl sagen? Nicht so bei den Zeugen Jehovas. Da würde der Älteste Ihnen erst einmal
mindestens einen Bibeltext unter die Nase reiben, des Inhalts, dass "wir
doch wohl nicht am Tisch der Dämonen sitzen wollen..." Und zapp! Schon
steht der brave Glaubenssoldat wieder stramm. Nun aber zu den "Schwierigkeiten": Verständlicherweise reagieren Verwandte darauf manchmal sehr emotional. Jesus war sich darüber im Klaren. Zu seinen Jüngern sagte er: "Ich bin gekommen, um zu entzweien: einen Menschen mit seinem Vater und eine Tochter mit ihrer Mutter und eine junge Ehefrau mit ihrer Schwiegermutter" (Matthäus 10:35). Jesus meinte damit nicht, es sei beabsichtigt, dass biblische Lehren zu Auseinandersetzungen führen. Er sah einfach nur kommen, was geschehen könnte, wenn Verwandte dagegen sind, dass jemand auf einmal einen anderen Glauben vertritt. Die Verwandten reagieren manchmal emotional, wenn man die Religion wechselt. Ja, vielleicht. Das aber hält sich in Grenzen, wenn sie feststellen, dass außer der inneren Überzeugung sich am Verhalten des geliebten Menschen nichts Wesentliches verändert. Das ist in aller Regel der Fall, wenn der Wechsel von einer großen Kirche zur anderen Kirche stattfindet, es ist nicht weiter der Erwähnung wert, da die Verwandtschaftlichen Bande davon fast gänzlich unberührt bleiben. Man bleibt weiter in Verbindung, pflegt die familiären Beziehungen, Eltern sehen ihre Kinder und sind an ihrem Leben lebhaft interessiert. Großeltern bleiben in Kontakt zu ihren Enkeln, da sich ihre Beziehungen zu den Kindern nicht deswegen über Nacht geändert haben, nur weil man nicht mehr dasselbe glaubt. Selbst wenn jemand ganz ohne Glauben lebt, während die Angehörigen weiter zu den kirchlichen Gottesdiensten gehen, stellt dies in der Regel kein Hindernis für normale, entspannte zwischenmenschliche Kontakte dar. Dass die Zeugen Jehovas mal auf die Idee kämen, sich zu fragen, warum gerade in ihren Reihen das Verlassen der Gemeinschaft ein solches Problem darstellt, wird man vergeblich hoffen. Merkwürdig auch, dass es nur in Verbindung mit einem Wechsel zu ihnen und ähnlich strukturierten Kulten in manchen Familien zu teilweise sehr emotionalen Reaktionen kommt. Gegen Ende meines Essays komme ich auf diese Ungereimtheiten noch zu sprechen. Vorerst bleibt festzuhalten, dass die Zeugen Jehovas ihre neugewonnenen Adepten schon mal vorsorglich auf die zu erwartende "Verfolgung" einstimmen. Wenn schon Jesus vor 2000 Jahren solche Gegnerschaft angekündigt hat, nun, dann sollte die zu erwartende "Verfolgung um Christi willen" doch zu meistern sein. Welches ist die "richtige" innere Haltung, mit der der Neubekehrte das zu erwartende Ungemach bei seinem Glaubenswechsel hinnimmt? Muss man aber nicht einen Konflikt in der Familie um jeden Preis verhindern? Kinder sollen ihren Eltern gehorchen und die Frau soll sich ihrem Mann unterordnen, so die Bibel (Epheser 5:22; 6:1). Gleichzeitig werden jedoch alle, die Gott lieben, auch ganz klar angewiesen, "Gott, dem Herrscher, mehr [zu] gehorchen als den Menschen" (Apostelgeschichte 5:29). Gott die Treue zu halten bedeutet daher mitunter, dass man eine Entscheidung trifft, die im Familienkreis auf Unverständnis stößt. Interessant, dass die Wachtturm-Gesellschaft einen Interessenkonflikt der Gebote Gottes erkennt, wo es doch eigentlich
heißt, dass "eine Glaubenslehre, die wirklich von Gott stammt, völlig mit seinem Wesen übereinstimmen [muss] — auch mit seiner herausragenden Liebe". Das Gebot, "die Eltern zu ehren und ihnen zu gehorchen" sowie die Verpflichtung der Frauen, ihren Ehemännern "untertan" zu sein, wiegt offenbar weniger als das Gebot, "Gott dem Herrscher mehr zu gehorchen als den Menschen". Auch hier wieder die traumwandlerische Sicherheit, wissen zu wollen, welches seiner widersprüchlichen Gebote Gott mehr am Herzen liegt. Ganz offensichtlich ist es für Gott wichtiger, dass man der richtigen Religion angehört, was stört es da, dass man mit einem eventuellen Wechsel der Religion die Eltern nicht mehr ehrt. Mögen die Eltern emotional reagieren, das Wichtigste ist doch, dass man der richtigen, "allein wahren" Religion beigetreten ist, denn schließlich: [macht] die Bibel [...] einen deutlichen Unterschied zwischen wahren und unwahren Glaubenslehren. Am besten aber, man hat all diese Schwierigkeiten und Glaubensprüfungen nicht. Denn in unserem freiheitlichen Rechtsstaat gibt es schließlich die verbriefte, jedermann gewährte Freiheit des Glaubens und Gewissens. Selbst der Höchste gewährt diese Freiheit, woraus die Wachtturm-Gesellschaft konsequenterweise folgende grundsätzliche Forderung ableitet: Dennoch lässt Gott jedem Menschen Entscheidungsfreiheit (5. Mose 30:19, 20). Niemand sollte zu religiösen Handlungen gezwungen werden, die er für unvertretbar hält. Und niemand sollte gezwungen werden, sich zwischen seiner Familie und seinem Glauben zu entscheiden. Wo sie recht hat, hat sie recht, die Wachtturm-Gesellschaft. Und darum kämpft sie auch seit Jahren für die Gewährung dieses Rechts insbesondere auch für die Zeugen Jehovas. Denn schließlich hat der Staat ihnen viel zu lange dieses fundamentale Recht verweigert, wie die Wachtturm-Gesellschaft nicht müde wird, zu behaupten.
Nein, dass man ausgerechnet jemandem Schwierigkeiten macht, bloß
weil er zu den Zeugen Jehovas gehen will, ist nicht hinzunehmen. Niemand sollte zu religiösen Handlungen gezwungen werden, die er für unvertretbar hält. Nein, jemanden zu zwingen, an religiösen Handlungen teilzunehmen, die er nicht akzeptieren kann, weil sein neuer Glaube es ihm verbietet, hieße, ihm sein grundgesetzlich verbürgtes Recht auf freie Religionsausübung vorzuenthalten. Und von seiner Familie verstoßen zu werden, nur weil man den Glauben gewechselt hat, stellt ebenfalls einen schwerwiegenden Eingriff in die Menschenrechte dar und muss als solcher geahndet werden. Wie gesagt, wo die Wachtturm-Gesellschaft recht hat, hat sie recht. Jedoch:
Alles bloße Verleumdungen der "Abtrünnigen"? Nichts als haltlose, böswillige Unterstellungen ohne Realitätsnachweis? Nun, lassen wir exemplarisch eine Schrift der Wachtturm-Gesellschaft "zu Wort" kommen. In dem von der Wachtturm-Gesellschaft 2008 herausgegebenen Buch: "Bewahrt euch in Gottes Liebe" heißt es unter der Kapitelüberschrift: "Wie man sich gegenüber Ausgeschlossenen verhalten sollte" u.a. wie folgt: Wie sollten wir uns gegenüber einem Ausgeschlossenen verhalten? Nun könnte man ja dafür noch ein gewisses Maß an Verständnis
aufbringen, denn niemand kann gezwungen werden, sich mit Mördern,
Dieben, notorischen Trinkern oder solchen einzulassen, die einem bei der
nächstbesten Gelegenheit die Frau oder den Mann ausspannen. Über den, der „nicht in der Lehre des Christus bleibt", lesen wir: "Nehmt ihn niemals in euer Haus auf, noch entbietet ihm einen Gruß. Denn wer ihm einen Gruß entbietet, hat an seinen bösen Werken teil" (2.Johannes 9-11). Wir reden mit Ausgeschlossenen nicht über unseren Glauben und haben keinen sozialen Kontakt mit ihnen. Im Wachtturm vom 15.Dezember 1981 hieß es auf Seite 24, dass "ein einfacher Gruß der erste Schritt zu einer Unterhaltung und vielleicht sogar zu einer Freundschaft sein kann. Möchten wir bei einem Ausgeschlossenen diesen ersten Schritt tun?" Wie steht es denn nun plötzlich mit den grundgesetzlich garantierten Menschenrechten? Was ist mit dem Recht auf freier Wahl des Glaubens oder der Weltanschauung? Plötzlich alles nichts mehr wert? Makulatur? Hieß es weiter oben nicht ausdrücklich: Dennoch lässt Gott jedem Menschen Entscheidungsfreiheit (5.Mose 30:19, 20). Alles plötzlich nicht mehr wahr? Dennoch lässt Gott jedem Menschen Entscheidungsfreiheit (5. Mose 30:19, 20). Gott lässt den Menschen Entscheidungsfreiheit. Was aber befiehlt die Wachtturm-Gesellschaft? Ist es wirklich nötig, den Kontakt völlig abzubrechen? Ja, aus mehreren Gründen. Erstens beweisen wir so unsere Treue gegenüber Gott und seinem Wort. Wir gehorchen Jehova nicht nur, wenn es für uns leicht ist, sondern auch, wenn es uns wirklich schwerfällt. Aus Liebe zu Gott halten wir uns an alle seine Gebote, denn wir erkennen an, dass er gerecht und gut ist und seine Gesetze für jeden nur zum Besten sind (Jesaja 48:17; 1.Johannes 5:3). Zweitens bleibt dadurch der Ruf der Versammlung geschützt sowie der Glaube und die moralische Reinheit von uns selbst und allen anderen in der Versammlung (1.Korinther 5:6,7). Drittens kann unser entschlossenes Festhalten an biblischen Grundsätzen auch dem Ausgeschlossenen nutzen. Unterstützen wir die Entscheidung des Rechtskomitees, können wir im Herzen eines Ausgeschlossenen, der bis dahin auf die Hilfestellung der Ältesten nicht reagiert hat, vielleicht etwas bewegen. Durch den Verlust lieb gewordener Kontakte zu Freunden und zur Familie kommt er womöglich "zur Besinnung", sieht den Ernst seines Fehlers ein und kehrt zu Jehova zurück (Lukas 15:17). Die Anmaßung der Wachtturm-Gesellschaft erkennt man vielleicht erst auf den zweiten Blick. Hat sie im Artikel des Erwachet! (siehe oben) noch die These vertreten, Gott ließe dem Menschen Entscheidungsfreiheit, so schränkt sie nun diese von Gott gewährte Entscheidungsfreiheit gewissermaßen an seiner statt ein, indem sie gebietet, die "Entscheidung des Rechtskomitees" zu unterstützen und den Glaubensdelinquenten ebenso scharf zu ächten, wie es diese Gruppe von durch die Wachtturm-Gesellschaft ernannten Glaubensrichtern tut. Der Delinquent, der sich erkühnte, ein Grundrecht wahrzunehmen, soll
durch den Entzug selbst der Lieben in seinem Freiheitsstarrsinn
gebrochen werden. Daher ist jedes noch so drastische Mittel, jeder noch so haarscharfe
Gang entlang der Grenzen des rechtsstaatlich Erlaubten recht, wenn es
nur gelingt, den Glaubensweltenbummler wieder einzufangen und "heim zu
führen" in den Schoß der "wahren Anbeter Gottes". Noch eine Kostprobe gefällig? Was, wenn ein Verwandter ausgeschlossen wird? Zum besseren Verständnis sei an dieser Stelle erläutert, dass die Formulierung: "treu zu Jehova halten" nichts anderes meint als der Wachtturm-Gesellschaft ohne Wenn und Aber unterwürfig ergeben zu sein, ohne Eigensinn und ohne selbständiges, unabhängiges Denken. Erinnern wir uns, dass Gott Entscheidungsfreiheit gewährt, "Jehova" oder
richtiger: die Wachtturm-Gesellschaft nicht. Nein, denn nun haben sich die Vorzeichen geändert. Ist es aus Sicht der Wachtturm-Gesellschaft absolut legitim, ja nachgerade zwingend, einen Wechsel der Religionen vorzunehmen, hat man erst einmal die "einzig wahre" Glaubensorganisation gefunden, so wäre nun, da man dem "allein wahren" Gott nachfolgt, ein nochmaliger Wechsel ein unverzeihlicher Frevel, den es unter allen Umständen zu verhindern gilt. Und sollte es jemand doch gewagt haben, dieses abscheuliche Gedankenverbrechen zu begehen, dann gilt es, diesen unbußfertigen Glaubensdelinquenten konsequent auszustoßen und hernach total zu isolieren und ihm jeglichen Kontakt zu den "treu Gebliebenen" zu verwehren. "Roma locuta, causa finita!" könnte man da ausrufen, Rom hat gesprochen, die Sache ist erledigt, oder: die Wachtturm-Gesellschaft hat das letzte Wort. Und wie hat "Rom" gesprochen? Wie verhält man sich gegenüber einem ausgeschlossenen Verwandten? Wir können hier nicht auf alle denkbaren Situationen eingehen und wollen uns deshalb auf zwei beschränken. Ist ja geradezu rührend, wie sehr sich die Wachtturm-Gesellschaft damit Mühe gibt, ihren Anhängern haarklein zu erläutern, wie "Jehova" die Sache geregelt haben will. Nicht nur, dass der Meinungsübertreter sich gefallen lassen muss, sozial isoliert und geächtet zu werden, nein, sollte eine häusliche Gemeinschaft mit ihm nach dem abscheulichen Freiheitsdelikt fortbestehen, wird er in seinem eigenen Haus aller Rechte beschnitten und wie ein Unmündiger gegängelt. Er darf nun nicht mehr seine Meinung äußern, darf allenfalls stumm dem "Familienstudium" beiwohnen, soll aber um Himmels willen die Klappe halten. Am Ende nimmt sich jemand an seinem schlechten Verhalten noch ein Beispiel und möchte auch noch ein bisschen gottgewährte Entscheidungsfreiheitsluft schnuppern. Perfide auch die Verdrehung der Tatsachen: Nicht die Wachtturm-Gesellschaft entzieht dem Glaubenswechsler die Gemeinschaft, nein dieser selbst hat das Band der Gemeinschaft zerrissen. Geht es eigentlich noch unverschämter? Leider ja. Zweite Situation: Der Ausgeschlossene wohnt außerhalb des engsten Familienkreises, das heißt nicht in derselben Wohnung. In seltenen Fällen könnten es gewisse Familienangelegenheiten zwar erfordern, dass man mit dem Ausgeschlossenen begrenzt Kontakt hat, doch sollte dieser auf ein Minimum beschränkt werden. Wohnt der Religionsfreiheitler nicht mehr im selben Haus mit den "Treuen", hat er fortan ganz schlechte Karten, sollte er sich hinsichtlich weiterer familiärer Kontakte noch irgendwelche Hoffnungen gemacht haben. Nein, hier trifft einen solchen grundgesetzorientierten Menschen der volle Bannstrahl der jehovanischen Gerichtsbarkeit: Kontakt mit ihm ist auf das absolut Notwendige zu beschränken, also Pekuniäres oder im Todesfall eines der Angehörigen, selbstverständlich auch in solchen Ausnahmefällen nur mit eingeschränktem Rederecht. Am Ende aber steht die anmaßende Gleichsetzung der Wachtturm-Gesellschaft mit "Jehova": Wer Jehova treu sein möchte, sucht nicht nach Vorwänden für Kontakte mit einem ausgeschlossenen Verwandten, der eine eigene Wohnung hat. Aus Herzenstreue gegenüber Jehova und seiner Organisation wird er die biblische Regelung des Gemeinschaftsentzugs nicht unterlaufen. Seine konsequente Treue zeigt, dass er für den Ausgeschlossenen nur das Beste will, und trägt möglicherweise dazu bei, dass die korrigierende Maßnahme bei ihm greift (Hebräer 12:11). Kein Wort davon, dass Gott Entscheidungsfreiheit gewährt. Vorbei die Forderung nach der Freiheit des Individuums, seinen Glauben oder seine Weltanschauung frei zu wählen. Stattdessen Gängelung, "Gedankenverbrechen", die es zu ahnden gilt, Gemeinschaftsentzug, Herabsetzung der Person und geistige Entmündigung im eigenen Hause! Spaltung von ganzen Familien, Tragödien wegen der Wahrnehmung fundamentaler Menschenrechte, herzzerreißende Abschiedsbriefe von Menschen an ihre Lieben, weil sie wissen, dass sie "Jehovas Acht und Bann" getroffen hat. Es macht mich fassungslos, dass Gerichte, Behörden und Politiker hierzulande scheinbar allzu gern, auf jeden Fall aber zu leichtfertig der goldenen Fassade dieser Paradiesverkäufer auf den Leim gegangen sind bzw. immer noch gehen. Völlig unverständlich aber ist für mich, warum eine solch janusköpfige Organisation die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts erhält. |