Es tut gar nicht weh!

Aus einer Sekte aussteigen bedeutet unter anderem, viele Dinge neu zu erleben, obwohl sie im Prinzip nichts Neues sind. Zum Beispiel sich mit anderen Aussteigern zu treffen. Das Zusammensein mit Gleichgesinnten ist für einen Zeugen Jehovas etwas Selbstverständliches. Ja, es ist sogar etwas sehr Essenzielles, da die Bindung an die Glaubensgemeinschaft bei sehr vielen mehr auf sozialen denn ideologischen Faktoren beruht.

Unser Vereinsmitglied Sven: "Das erste Mal… bei einem Treffen mit Sektenaussteigern."

Der Aussteiger ist in den meisten Fällen zunächst sozial isoliert. Die Entscheidung, frühere Denkmuster zu durchbrechen und zu seinen neugewonnen Erkenntnissen zu stehen und diese auch anderen mitzuteilen, trifft er ganz alleine. Das ist auch gut so, denn nur auf diese Weise ist gewährleistet, dass jemand tatsächlich aufgrund der eigenen Überzeugung handelt, und sich nicht irgendeiner Form von Gruppenzwang beugt, was unwillkürlich in verschiedenste Formen von Selbstbetrug mündet.

Dennoch ist das Bedürfnis nach Rückhalt ein nur allzu menschliches, der Wunsch, nicht alleine dazustehen mit all seinen neugewonnen Erkenntnissen und auch den Gefühlen, welche die Befreiung des Denkens, aber auch die Trennung von liebgewonnenen Menschen und Vorstellungen mit sich bringt, ganz natürlich. Aus diesem Grund organisiert das Netzwerk Sektenausstieg regelmäßig regionale Treffen. Die Daten und Orte werden im Forum bekanntgegeben und jeder, der möchte kann zu diesen Treffen kommen, ob er nun im Forum aktiv ist oder nicht.

Am 21. Januar 2012 besuchte ich das erste Mal ein solches Treffen in Köln. Selbst erst seit einigen Wochen im Infolink-Forum aktiv und frischgebackenes Vereinsmitglied, war ich sehr gespannt darauf, einige der Leute, die ich virtuell schon kennengelernt hatte, nun persönlich zu treffen. Ich fragte mich aber auch, welche Stimmung auf diesem Treffen herrschen würde. Es gab ja keine gemeinsame Ideologie, die uns verbinden würde. Und auch wenn wir alle eine mehr oder weniger große Schnittmenge in unserem Erfahrungsschatz, was das Leben innerhalb einer Sekte betrifft, haben würden, so war der Umgang damit doch ein zutiefst individueller. Um es mal im Jargon der Zeugen Jehovas zu formulieren: Welcher Geist würde auf diesem Treffen zu verspüren sein? Vornehmlich Wut oder Trauer? Oder überwögen Erleichterung und Entspannung? Machten sich vielleicht aufgestaute Gefühle in Form von Gehässigkeiten und bösen Sprüchen Luft? Oder würde ich mich plötzlich in einer Art Selbsthilfegruppe wiederfinden, in der jeder gleichberechtigt zu Wort käme, wir alle im Kreis sitzend, miteinander sprechend im Bewusstsein, dass diejenigen, zu denen wir eigentlichen sprechen wollen, gar nicht da sind?

Die Wirklichkeit sah folgendermaßen aus:

Als ich das Bistro, in dem das Treffen stattfand, betrat, saßen schon einige da und ich wurde sehr herzlich begrüßt. Die Stimmung war sehr gelöst, und ohne jegliche Verkrampfung „beschnupperte“ man sich gegenseitig. So, wie Zeugen Jehovas, die sich gerade erst kennengelernt haben, gerne die Frage stellen, wie lange man denn schon „in der Wahrheit“ sei, so fragten sich hier diejenigen, die sich nun das erste Mal begegneten, wie lange man denn schon „raus“ war.

Gespräche entwickelten sich über das Sektenthema hinaus, während immer noch weitere Teilnehmer ins Bistro kamen, bis wir schließlich an die zwanzig Personen waren. Einige kamen mit ihren Kindern oder mit Lebenspartnern, die die Sektenproblematik nur aus zweiter Hand mitbekommen haben. Das machte sie aber nicht zu Randfiguren an diesem Abend, sondern sie waren ebenfalls mittendrin.

Es war eine freundschaftliche und lockere Atmosphäre, geprägt von viel Humor, Lebensfreude, Freundschaft und auch Respekt. Mehrmals an diesem Abend musste ich daran denken, wie sehr sich Zeugen Jehovas mit der Liebe und dem Frieden, der unter ihnen herrscht brüsten. Aber auch bei unserem Treffen war es friedlich, freundschaftlich und einvernehmlich, was wesentlich weniger selbstverständlich ist, da hier ja nicht Anhänger einer gleichmachenden Heilsideologie zusammengekommen waren, sondern Menschen, die bewusst jeglicher Manipulation entflohen waren und deren Verteidigung oder Wiederherstellung ihrer Individualität nicht ohne Verletzungen oder bleibende Narben vonstattengegangen war. Von Verbitterung aber keine Spur. Im Gegenteil. Selbstbewusstsein, das auch den unangenehmen Begleiterscheinungen der geistigen Befreiung trotzt. Natürlich waren negative Dinge (vor allem die Trennung von Angehörigen und lieben Freunden) ebenfalls ein Thema, aber keiner der Anwesenden machte den Eindruck, er bereue seine Entscheidung, der Sekte den Rücken gekehrt zu haben.

Als ich mich am späten Abend auf den Rückweg nach Koblenz machte, hatte ich das Gefühl, einen sehr anregenden und schönen Abend verbracht zu haben. Ich hatte sehr liebenswerte und interessante Leute kennengelernt und Gespräche geführt, auf deren Fortsetzung ich mich sehr freue.

Jeder, der aus einer Sekte wie den Zeugen Jehovas auszusteigen versucht, wird in Situationen kommen, in denen er sich einsam und von allen verlassen fühlt. Das ist hart, aber nicht zu verhindern. Auf seinem Weg zu einem selbstbestimmten und freien Leben und Denken ist aber niemand ganz auf sich alleine gestellt. Es gibt viele, die diesen Weg gegangen sind oder gerade gehen. Es lohnt sich, uns kennenzulernen.