Ministerin Dr. Kuppe: Zeigen Sie Weitsicht!

An
Ministerium für Gesundheit und Soziales des Landes Sachsen-Anhalt
Frau Ministerin Dr. Gerlinde Kuppe

Sehr geehrte Frau Ministerin,

der Presse der letzten Tage habe ich entnommen, dass sie planen, der Landesstelle für Kinder- und Jugendschutz (LSKJ) die öffentliche Förderung zu entziehen bzw. drastisch zu beschneiden.

Als Vorsitzender des bundesweit tätigen Netzwerks Sektenausstieg e.V. bin ich darüber in großer Sorge. Die sich in Trägerschaft der LSKJ befindliche Informations- und Dokumentationsstelle (IDS) für neureligiöse und ideologische Gemeinschaften sowie Psychogruppen/Okkultismus, Satanismus war uns in Sachsen-Anhalt bislang stets ein kompetenter Ansprechpartner, zu dem wir insbesondere Ratsuchende aus Sachsen-Anhalt vermitteln konnten.

Sachsen-Anhalt hatte bislang durch die IDS eine Vorbildfunktion innerhalb der deutschen Bundesländer inne. Ihr Bundesland hat seit 15 Jahren eine einzigartige Kompetenz im Themenfeld sogenannte Sekten, Satanismus, Okkultismus, Esoterik aufgebaut. In meinen Augen ist es sowohl aus sozialer als auch aus politischer Sicht leichtfertig, dieses im Landesinteresse liegende Know-How durch einen Entzug der Finanzierung zu gefährden.

Sektenopfer benötigen unsere Solidarität und unsere Unterstützung.

Dieses trifft – nicht nur, aber insbesondere – auf Kinder zu, die in totalitär verfasste Kulte hineingeboren werden. Ich lade Sie herzlich ein, sich anhand der sehr persönlichen Kindheitserinnerungen vieler Sektenaussteiger auf unserer Website ein eigenes Bild über die Sorgen und Nöte dieser Klientel, insbesondere der Kinder und Jugendlichen, zu machen. Nahezu unisono berichten diese von großem, emotionalem Druck, von Kontaktverboten gegenüber Abweichlern bis in die Kernfamilie hinein, von rigiden Zeitvorgaben u.v.m. Sie fühlen sich um ihre Kindheit und Jugend betrogen.

Solche Kinder und Jugendlichen benötigen dringend eine unabhängige Anlaufstelle, die ihre Sorgen und Nöte versteht, sie auffängt und gemeinsam nach einer sinnvollen und gangbaren Lösung sucht. Die Jugendämter vor Ort sind – auf sich allein gestellt - mit der Sektenproblematik häufig überfordert, weil das notwendige Wissen fehlt. Hier leistete die IDS in den letzten eineinhalb Jahrzehnten mit zahlreichen Weiterbildungen für Träger der Jugendhilfe eine herausragende Arbeit.

Sekten sind gefährlich.

Das Phänomen von Sekten und Psychogruppen wächst. Sekten“gurus“ und selbsternannte Heilsbringer scharen ständig Menschen um sich und geben ihren Anhängern einen (neuen) Sinn im Leben. Oftmals werden in diesen Gruppen elementare Menschenrechte mit Füßen getreten. So wird häufig das Recht auf medizinische Versorgung beschnitten. Manche Kulte erlauben nur den Gang zum sekteneigenen Heiler, andere lassen lieber Menschen sterben, als ihnen eine Bluttransfusion zu erlauben. Innerhalb solcher totalitär verfasster Kulte kann kein Demokratieverständnis aufgebaut werden.

Stattdessen gibt es – mehr oder weniger verdeckt – Anweisungen an Sektenmitglieder in Berufen mit einer Schweigepflicht (Ärzte, Krankenschwestern, Rechtsanwälte und deren Mitarbeiter,…) diese Schweigepflicht immer dann zu durchbrechen, wenn die Interessen der Sekte das verlangen. Dem entgegenstehende Gesetze des Staates werden ignoriert. Wieder andere Kulte haben es sich zum Ziel gesetzt, Politik und Wirtschaft zu unterwandern, um diese dann nach ihren menschenverachtenden Ideologien übernehmen und steuern zu können.

Hier ist der Staat gefordert, derartigen Tendenzen mit aller gebotenen Deutlichkeit entgegenzuwirken. Dieser Schutzaufgabe kann ein Bundesland nach meiner Überzeugung aber nur dann nachkommen, wenn es ein entsprechendes Know-How hat. Zahlreiche Workshops der IDS für Ihr Landeskriminalamt und ähnliche Seminare für die gesamte öffentliche Verwaltung Ihres Bundeslandes zeigen, dass Sie in Sachsen-Anhalt dieses Know-How besitzen.

Vorbeugen ist besser (und preiswerter) als Heilen!

Im Namen aller Sektenopfer und im Namen der uns verbindenden demokratischen Grundwerte, die es uneingeschränkt zu schützen und zu verteidigen gilt, fordere ich Sie daher auf:

  • Zeigen Sie politische Kompetenz durch Weitsicht!
  • Sanieren Sie Ihren Haushalt nicht zu Lasten der Zukunft!
  • Sorgen Sie für den Erhalt der LSKJ und der IDS!

Mit freundlichem Gruß
Michael Drebing
Netzwerk Sektenausstieg e.V.
Vorsitzender des Vorstandes