Raus aus System der Fremdbestimmung

Netzwerk Sektenausstieg organisierte Treffen ehemaliger Zeugen Jehovas
„Aussteiger werden als Abtrünnige isoliert.“ Gemeinnütziger Verein bietet Beratung

„Wer aus einer Sekte aussteigt, steht vor vielen Problemen. Außerdem ist der Betroffene zum Teil vollständig sozial isoliert.“ Das Netzwerk Sektenausstieg möchte deshalb Ausstiegswilligen hilfreich zur Seite stehen und sie psychisch auffangen und betreuen.

Am Samstag fand auf Initiative dieses bundesweiten Netzwerks zum ersten Mal ein Treffen ehemaliger Zeugen Jehovas in Straubing statt. Denn für die Organisatoren des Treffens steht außer Frage, dass es sich bei den Zeugen Jehovas tatsächlich um eine Sekte handelt — „eine Endzeit- und Bibelsekte“. Rund 20 Interessierte aus dem weiten Umkreis, darunter auch Österreicher, kamen zu der Zusammenkunft, um von ihren Erfahrungen zu erzählen und Unterstützung anzubieten.

Vorneweg machen die Veranstalter deutlich, dass sie keinesfalls Stimmung gegen die Zeugen Jehovas machen wollten. „Wir legen Wert auf Ehrlichkeit und Fairness“, sagt eine 41-jährige Straubingerin, die zehn Jahre lang bei den Zeugen Jehovas war und die Gemeinschaft vor fünf Jahren verlassen hat. „Ich stehe zu meiner Entscheidung“, betont sie und fügt an: „Ich hege keinen Hass und möchte niemandem schaden.“ Doch sie wisse, welche Isolation ein Ausstieg bedeute und möchte Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, nicht alleine lassen.

„Den Zeugen Jehovas wird der geringste Kontakt zu Aussteigern unter Androhung des Ausschlusses sowie der sozialen Ächtung strengstens untersagt. Auch wenn es sich dabei um Familienmitglieder handelt“, verdeutlicht ein 48-jähriger Franke, der sich ebenfalls vor einigen Jahren losgesagt hat. Die Wachturmgesellschaft — so nennt er die Zeugen Jehovas — hefte Aussteigern das diskriminierende Etikett „Abtrünniger“ an. „Man wird regelrecht dazu konditioniert, bei Kontakt zu ehemaligen Zeugen Jehovas mit schweren Schuld- und Angstgefühlen zu reagieren“, beschreibt er.

Einsamkeit und Schuldgefühle

Damit erkläre sich auch die äußerst problematische Situation, in der sich ein Aussteiger befinde. Das komplette soziale Umfeld breche zusammen, Einsamkeit und Isolation seien die Konsequenz und hätten schon manchen Betroffenen in den Selbstmord getrieben. „Man hat noch lange das Gefühl, Gott verraten zu haben und verdammt zu sein“, schildern die Ehemaligen. Zu den nagenden Schuldgefühlen komme die Angst, sich in der Gesellschaft, die einem jahrelang als „Welt des Satans“ verkauft worden sei, wieder zurechtzufinden.

„Viele Aussteiger berichten von ihrer Unfähigkeit zur Selbstbestimmung“, schildert ein Mann. Das sei schließlich der Kern des kompletten Systems, auf dem die Zeugen Jehovas basierten, fährt er fort: „Es ist ein System der Bewusstseinskontrolle. Die Mitglieder werden manipuliert und merken es nicht. Sie sind fremd-bestimmt."

Die Straubingerin schildert, dass sie sehr viele nette Menschen bei den Zeugen Jehovas kennengelernt habe und es ihr leid tue, dass diese keinen Kontakt mehr zu ihr halten dürften. „Ich will Ihnen nichts Böses. Aber ich stehe nun mal zu meiner Entscheidung.“ Sie selbst sei nach ihrem Ausstieg von einem intakten Umfeld aufgefangen worden: „Das war mein Glück." Denn viele wurden aufgrund der schmerzhaften Isolation wieder in die Gemeinschaft zurückgehen, die weltweit 6,5 Millionen Mitglieder zählt.

Plattform im Internet

Um Ausstiegswilligen ein Forum zu bieten, kam 1997 ein Ex-Zeuge Jehovas auf die Idee, eine Internetseite einzurichten. Immer mehr Ehemalige tauschten sich dort aus, bis man 2003 den 500.000. Besucher auf der Website zum Anlass nahm, das erste Treffen zu arrangieren. „Es war, als ob man seine totgeglaubte Familie nach langer Zeit wieder gefunden hätte“, erinnert sich der 48-jährige Franke bewegt. „Endlich gab es Gesprächspartner, die verstanden, was man sagte.“ Aktuell zähle das Diskussionsforum im Internet 1,7 Millionen Besucher.

2004 wurde das Netzwerk Sektenausstieg als gemeinnütziger Verein gegründet. Monatlich treffen sich Ortsgruppen in bislang 14 Städten und Gemeinden in Deutschland und Österreich. Hauptanliegen sei dabei die Beratung und Betreuung von Aussteigern und Ausstiegswilligen. „Dabei ist es uns übrigens egal, um welche Sekte es sich handelt.“

Der 48-jährige Franke weiter: „Auf unserer Website finden sich neben Erfahrungsberichten auch Dokumentationen, die sich auf die Originalliteratur der Wachturmgesellschaft stützen.“ Als Beispiel zitiert er einen Auszug aus dem „Wachturm“ vom 15. Dezember 1981, Seite 24/Absatz 27: „Wenn er aber nicht aufhört, Gemeinschaft mit dem Ausgeschlossenen zu pflegen, ‘hat er an den bösen Werken teil‘ und muss aus der Versammlung entfernt oder ausgeschlossen werden.“

Keine Angst vor Aggressionen

Angst vor Handgreiflichkeiten oder Aggressionen haben die Betroffenen allerdings nicht, wie sie unterstreichen. „Die Zeugen Jehovas, die ich kenne, sind durchwegs aufrichtige Leute, die nach der Bibel leben wollen“, meint eine Straubingerin. Doch mit diesem System, das einem die Freiheit nehme, sei sie nicht klargekommen. „Das Schlimme ist: So lange sie selbst drinstecken, merken es die meisten nicht.“

m Ende eines langen Abends war klar: Das war nicht das letzte Treffen ehemaliger Zeugen Jehovas in Straubing. Wer sich näher über die Arbeit des Netzwerks Sektenausstieg informieren möchte, findet Details im Internet unter www.sektenausstieg.net

Straubinger Rundschau 20.2.2006