Die Jugend einfach verpasst

Melanie Hartmann wuchs als Zeugin Jehovas auf - heute hilft sie anderen Menschen beim Ausstieg
Von unserem Mitarbeiter Christian Läßig

In ihrer Jugend studierte Melanie Hartmann täglich die Publikationen der Wachtturm- Gesellschaft. Jetzt hilft die 27-Jährige anderen Zeugen Jehovas beim Ausstieg.

Melanie Hartmann ©Christian Läßig Osterholz-Scharmbeck. Ihren letzten Kindergeburtstag feierte Melanie Hartmann mit zehn Jahren. Es gab Kirschcola und Spaghetti mit Tomatensauce, die Kinder gingen schwimmen. Hartmann feierte zum Abschied: Danach wuchs sie als Zeugin Jehovas auf. Den Schlussstrich zog sie 2005 mit 25 Jahren - heute hilft sie anderen Zeugen beim Ausstieg. „Ich bin da einfach so reingewachsen“, schildert Hartmann, die von der Mutter zu ersten Zusammenkünften mitgenommen wurde. Zunächst fühlte sie sich wohl, fand Freunde - hatte dafür aber „draußen“ keine mehr. „In der Welt außerhalb der Zeugen Jehovas darf man keine Freunde haben“, sagt die Aussteigerin aus Osterholz-Scharmbeck. Der Druck sei gewachsen, Klassenfahrten und Schulfeste waren plötzlich tabu. Melanie Hartmann verließ vor dem Abitur das Gymnasium, begann eine Lehre zur Augenoptikerin, obwohl sie eigentlich studieren wollte. Dabei sei so etwas nie klar gefordert worden. „Die fragten eher: Willst Du das wirklich? Und durch die Fragestellung war klar, was von mir erwartet wurde.“, sagt sie. Die andernfalls drohenden Konsequenzen seien ihr früh beigebracht worden. „Als Zeuge Jehovas bekommt man die Angst vor dem Tod tief eingepflanzt“, erzählt die 27-Jährige. Die Endzeiterwartung sei sehr stark. „Man weiß, dass jeden Tag der Krieg Gottes kommen kann und nur die Zuegen Jehovas gerettet werden. Deshalb geht man als Zeuge Jehovas auch nicht von Tür zu Tür, um die Leute zu fischen, sondern um ihr Leben zu retten.“ Und auch das eigene: „Denn wenn ich nicht klingle, bin vielleicht auch ich tot, weil ich zu wenig getan habe.“ Zweifel kamen Melanie Hartmann und ihrem Ehemann erst nach der Geburt ihres Sohnes im Jahr 2003. „Wir haben überlegt, ob wir das alles unserem Kind nicht ersparen können.“ Später stieß ihr Mann im Internet auf die Seite des Netzwerks Sektenausstieg, das ehemaligen Zeugen Jehovas beim Start in ein neues Leben hilft. Die Familie fand Gegendarstellungen zu den Wachtturm-Standpunkten, las die Erfahrungsberichte anderer Zeugen - und trat sofort aus. Zeugen Jehovas, mit denen Hartmann zuvor noch Kaffee getrunken hatte, wechselten fortan die Straßenseite. „Sämtliche Kontakte waren auf einmal weg. Da hatte ich nur noch die Krabbelgruppe meines Sohnes.“ Die Frauen dort fragten nach und hörten zu. Hartmann war völlig überrascht, „dass die Menschen draußen gar nicht so böse sind“. Nach dem Ausstieg trat die Familie dem Netzwerk Sektenausstieg bei, heute ist Hartmann Vorstandsmitglied. Im Forum der Vereins-Webseite www.sektenausstieg.net ist sie vor allem Ansprechpartnerin für Frauen. Einmal im Monat organisiert sie anonyme Treffen für ehemalige und aktive Zeugen Jehovas beim Netzwerk Selbsthilfe in Bremen. „Ich habe das Gefühl, eine Menge Spaß verpasst zu haben“, bilanziert Hartmann über ihre Jugend. Im vergangenen Jahr feierte sie ihren 26. Geburtstag - nach 16 Jahren wieder ein Geburtstag „draußen“.

Weser Kurier, 26.3.2007