Aussteiger helfen Abtrünnigen

Netzwerk Sektenausstieg unterstützt bei Abkehr von Zeugen Jehovas

Von unserem Mitarbeiter Christian Läßig

Netzwerk-Vorsitzender Michael Drebing warnt: „Zwar können Zeugen Jehovas jederzeit gehen, aber danach folgt die absolute Isolation.“

Netzwerk-Vorsitzender Michael Drebing ©Christian LäßigOsterholz-Scharmbeck. Sie sei so glücklich, schreibt eine Surferin namens „tschitti“: „Endlich habe ich nicht mehr das Gefühl, allein zu sein!“ Die frühere Zeugin Jehovas hatte zufällig die Erfahrungsberichte auf der Internetseit des Netzwerks „Sektenausstieg“ entdeckt. Der Verein hilft ehemaligen Mitgliedern der Zeugen Jehovas, Mormonen und Neuapostolischen Kirche beim Start in ein neues Leben. Am Wochendende traf sich das Netzwerk zur Mitgliederversammlung in Osterholz-Scharmbeck.

Zwar könne man bei den Zeugen Jehovas im Prinzip jeder Zeit gehen, sagt der Netzwerk-Vorsitzende Michael Drebing. „Aber dann steht man alleine da.“ Den früheren Freunden sei der Kontakt zu den „Abtrünnigen“ verboten, oft ziehe sich dieser Bruch auch durch die Familie. „Wer kein Zeuge Jehovas ist, gilt als ‚Weltmensch’, mit dem man keine Gemeinschaft pflegt“, sagt Melanie Hartmann. Die Kreisstädterin wuchs als Zeugin auf, erfuhr Isolation in der Schule, weil sie Weihnachten und Geburtstage nicht feiern durfte. 2005 stieg die damals 25-Jährige aus, um ihrem Sohn solche Erlebnisse zu ersparen. Heute organisiert Hartmann als Vorstandsmitglied beim Netzwerk „Sektenausstieg“ regelmäßige Treffen für frühere oder noch aktive Zeugen Jehovas in Bremen. Mittlerweile gibt es solche Treffen an 18 Orten in Deutschland, Österreich und der Schweiz, so Vorstandschef Drebing. Daneben veranstaltet das Netzwerk Seminare, die Aussteigern helfen sollen, die verinnerlichten Lehren hinter sich zu lassen. Mit deren Inhalten setzt sich der Verein auf seiner Internetseite www.sektenausstieg.net auseinander. Dort hat das Netzwerk unter anderem eine Dokumentation über die Zeugen Jehovas online gestellt, die etwa die Kindererziehung, die Ablehnung von Bluttransfusionen und der Organistaion der Wachtturm-Gesellschaft behandelt. Dazu haben Ex-Zeugen rund 100 Berichte über ihre Erlebnisse vor und nach dem Ausstieg geschrieben. Das Forum der Seite wachse rasant, sagt Drebing. Derzeit diskutieren dort etwa 750 Aussteiger, Zeugen Jehovas und Angehörige.

Osterholzer Kreisblatt, 26.3.2007