10 Jahre "Netzwerk Sektenausstieg e.V."

Am Wochenende um den 2/3.8.2014 fand das jährliche Vereinstreffen in Straubing im Flugplatzrestaurant Wallmühle statt. Vereinsmitglieder aus allen Himmelsrichtungen fanden sich ein um gemeinsam plaudern, lachen und diskutieren zu können. Auch ein Reporter der Straubinger Rundschau war zu Gast, neben "Interessierten" die einfach mal die andere Seite kennen lernen und kritische Fragen stellen konnten. Wir bedanken uns für die Gastfreundschaft und die schöne Zeit mit Euch.


"… dann bist du draußen"

Der Verein "Netzwerk Sektenausstieg" bietet Hilfe für Sektenaussteiger

„Netzwerk Sektenausstieg“: Alexander Strobl, zweite Vorsitzende Annett Hartung und zwei weitere Vereinsmitglieder.Manchmal, wenn ein Zeuge Jehovas mit dem "Wachtturm" irgendwo an der Straße steht, denkt man unwillkürlich: Warum? Wieso steht er da, unbewegt, stundenlang? Nie sieht man ihn mit jemandem sprechen, niemand reagiert darauf. Es scheint so sinnlos zu sein, was er da tut, wieso tut er es trotzdem? Aber am Samstag war im Flugplatzrestaurant Wallmühle ein Treffen von Aussteigern aus den Zeugen Jehovas. Dort konnte man unter anderem erfahren, was für einen Zeugen Jehovas selber der Sinn dieses sinnlosen Stehens am Straßenrand ist.

"Die sehen es so", sagt Alexander Strobl, „dass die Menschen zwar nicht positiv auf sie reagieren, aber sie legen Zeugnis ab. Aber Gott sieht das. Und wenn sie angegriffen werden, bestätigt sie das.“ Alexander Strobl ist ein junger Mann Mitte 30. Er wurde hineingeboren in die Welt der Zeugen Jehovas. Vor etwa zehn Jahren stieg er aus. "Wenn einer aussteigt, fällt er in ein depressives Loch", sagt Alexander, "das gesamte soziale Umfeld bricht dann weg".

Es ist eine abgeschottete Welt, in der die Zeugen Jehovas leben. Kein Zeuge Jehovas hat Freunde außerhalb dieser Welt. "Von einem Schlag auf den anderen bist du dann draußen", sagt Alexander. Alles, woran man lange geglaubt hat, ist weg, Überzeugungen, Familie, Freunde, und neue Freunde sind noch nicht da. Das ist der Grund, warum es seit etwa zehn Jahren den Verein "Netzwerk Sektenausstieg" gibt.

Neben dem Hineingeborenwerden gibt es noch einen anderen Weg zu den Zeugen. Manchmal klingelt es an der Haustür und zwei Zeugen Jehovas stehen da. Die allermeisten Menschen sagen "danke, keine Zeit, kein Interesse", für sie ist der Fall dann erledigt. Aber manchmal treffen die Zeugen auf einen Menschen, der in einer Lebenskrise ist, so war es vor vielen Jahren bei einer Frau, die jetzt auch im Verein "Sektenausstieg" ist.

An der Haustür gefischt

"Ich bin an der Haustür gefischt worden", sagt sie heute. Sie war schwanger, vom Kindsvater sah sie sich im Stich gelassen, es kamen noch andere Probleme dazu. Die Zeugen waren ihr zunächst eine Hilfe, ein Halt, eine Gemeinschaft. Jahre später stieg sie aus. "Ich habe festgestellt", sagt sie, "dass die alle entweder ein Doppelleben führen oder kreuzunglücklich sind."

Blutwurst essen? Unmöglich, Blut ist etwas Heiliges, und keine Blutwurst essen ist auch nicht schlimm. "Bluttransfusionen gehen auch nicht", sagt einer der Aussteiger und berichtet von einer Frau, die beinahe gestorben wäre, weil ihr Mann eine Bluttransfusion verhindern wollte. "Ein wahrer Christ stirbt lieber als dass er sich impfen lässt", zitiert einer der Aussteiger aus einem "Wachtturm". Es ist eine andere Welt. Es gibt ein eigenes Rechtssystem bei den Zeugen. Man muss sich wegen Rauchens verantworten, wegen Alkohol, Glücksspiel oder dafür, dass man noch Kontakt mit einem Ausgeschlossenen hat. Der Ankläger kann zugleich das Urteil sprechen, es gibt keine Einsicht in die Beweise. "Ein gewachsenes System der Bewusstseinskontrolle", sagt ein Mann, der auch hineingeboren wurde, "die Leiter und Führungspersonen sind Täter und Opfer in einem".

Die Königreichsäle, wie die Gemeindesäle der Zeugen heißen, werden von den Ortsgemeinden mit freiwilliger Eigenleistung und Mitgliedergeldern gebaut. "Dann werden sie an die Wachtturmgesellschaft übereignet", sagt der Mann, "und die Gemeinde zahlt Miete". Niemand muss an die Zeugen Geld geben, das tun viele freiwillig, sie wissen, was "ein wahrer Christ" tun sollte. Die Zentrale ist in Brooklyn, New York, und wie hoch das dort verwaltete Gesamtvermögen ist, ist unbekannt.

Annett Hartung ist die zweite Vorsitzende des Vereins "Netzwerk Sektenausstieg". Sie war nie Mitglied, aber ihr Mann kam aus einer Zeugen-Familie, bis er ausstieg, dann ließ seine Familie ihn fallen. "Wir wollen Hilfe geben für Menschen, die aussteigen wollen", sagt Annett Hartung, "wir wollen Ansprechpartner sein." Der Verein hat eine Telefonnummer: 05321/393273, jeden Dienstag, von 19 bis 22Uhr. "Es gibt viele Sekten", sagt Annett Hartung, "und seit einiger Zeit rufen auch viele andere aus esoterischen Sekten bei uns an."

Straubinger Rundschau 4.8.2014

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