Bericht über die Jahresfachtagung 2012

der Elterninitiative gegen seelische Abhängigkeit und religiösen Fanatismus e.V.,
11.-13. Mai in Regenstauf

Anmerkung:

Der folgende Bericht stützt sich auf meine Notizen und Erinnerungen und stellt keine wortgetreue Wiedergabe der einzelnen Beiträge dar.

Sven 

Thema: Rassismus im neuen (?) Gewand – braune Esoterik, Verschwörungstheorien, Blut-, Boden- und Rassenreligionen

  • Aus welchen Quellen schöpfte Hitler seinen Rassenwahn?
  • Nordische Religionen - eine Startbahn nach Rechts?
  • Kann Antikapitalismus auch Antisemitismus sein?
  • Gibt es so etwas wie einen Ökofaschismus?
  • Tanzen braune Geister den Namen Waldorfpädagogik?

All diese Fragen wurden auf der Tagung beantwortet. Und auch wenn kein offensichtlicher Zusammenhang zwischen der Thematik der braunen Esoterik zum Schwerpunkt der Tätigkeit des Netzwerkes Sektenausstieg zu erkennen ist, so dienten diese Vorträge nicht nur dem reinen Wissenzuwachs, sondern legten das offen, was auf alle sektiererischen Vereinigungen zutrifft: das Sublime und Verborgene, welches oftmals hinter scheinbar harmlosen Denkgebilden verborgen liegt.

„Ariosophie – die völkisch rassenreligiöse Szene als Grundlage für die Weltanschauung und die Politreligion des Nationalsozialismus“

Manfred Ach spürte in seinem Vortrag den Einflüssen nach, denen der noch junge Hitler während seines Aufenthaltes in Linz (1900 – 1907), in Wien (1907 – 1913) und in München (1913 – 1914, 1919 – 1923) ausgesetzt war. Nichts von dem, was Hitler in seinem Machwerk „Mein Kampf“ an rassenideologischen Denk- und Empfindungsmustern von sich gab, war wirklich auf seinem Mist gewachsen, sondern war ein wiederhervorgewürgtes Konglomerat aus deutschnationaler Gesinnungsliteratur, die am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts eine große Leserschaft hatte. Ob Ariertum, Symbolik oder Judenhass, alles findet sich schon in den Zeitschriften und Büchern, die Hitler las, sowie den Denkmustern von Studentenschaften und Lehrerkollegien, mit denen Hitler zu tun hatte. Von den Ostara-Heften eines Guido von List bis zu den Opern von Richard Wagner, der Duft und der Geschmack des völkischen Ressentiments und der Diffamierung der Juden war allerorts zu vernehmen. Selbst des Gedankens letzte Konsequenz – die „Endlösung“, fand sich in vielerlei Schriften formuliert.

Hier sehe ich eine erste Parallele zur Sektenthematik, in erster Linie der Zeugen Jehovas. So wie Hitler ganz und gar ein Kind seiner Zeit war, so auch ein junger C.T. Russell, der begierig hier und dort aufsaugte, um am Ende ein „Eigenes“ zu gebären, das sich aber keineswegs als originär, sondern nur als Endprodukt des eigenen ideologischen Verdauungsapparates erwies.

So wie man die Wurzeln des Nationalsozialismus in dem völkischen Zeitgeist der Wende zwischen dem neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert suchen muss, liegen auch die Wurzeln der Zeugen Jehovas in einer besonderen Zeitperiode, in welcher Endzeitgedanken und Millenarismus eine besondere Aktualität erlangten.

„Zur Bedeutung von Religion für die rechtsextremistische Ideologie – Mit Odin zu Adolf?“

Dr. Stefan Hoyningen-Huene stellte zunächst fest, dass der Begriff "Religion" sich einmal auf ein verfasstes Glaubenskonzept beziehen kann, aber auch auf esoterische oder okkulte Vorstellungen, die einer solchen Verfasstheit entbehren. Wichtig ist hier die Transzendentalität, das Führwahrhalten einer Meta-Realität, das Vertreten einer Ideologie, deren Wahrheitsanspruch jenseits des Überprüfbaren liegt.

Kennzeichnend für diese Ideologiereligion ist die Personifikation von Begriffen, wie z.B. das Volk, das Reich, der Führer, ähnlich wie man es auch von christlichen Religionen her kennt, wenn vom Erlöser, dem Reich Gottes, der Gnade oder Ähnlichem die Rede ist. Aber auch gewisse Rituale haben einen religiösen Charakter. So berichtete ein Anhänger einer rechten Gruppierung, dass auf Beerdigungen von Mitgliedern jeder einen Ring oder Kettenanhänger mit dem Symbol "Thors Hammer" ins Grab wirft.

Hier wie da geht es um die Beantwortung von Sinnfragen: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wer bin ich?

Das Problem in der rechtsextremen Szene heute ist vor allem ihre Vielseitigkeit. Es gibt keinen festgelegten Glaubenskodex, keine von allen anerkannte Führerfigur, keine einheitliche Partei. Somit fällt die Einordnung einer Gruppierung als rechtsextrem zunächst schwer, obgleich es Indikatoren dafür gibt. Dazu zählen u.a. eine Ideologie der Ungleichheit, die Ablehnung von Ausländern, die Relativierung des Nationalsozialismus, die Selbstbezeichnung als Rechts oder die offene Sympathie für rechte Parteien.

Wie geraten Menschen in die Kreise solcher Gruppierungen? Nicht selten ist es das familiäre Umfeld. Aber genauso kann es der Einfluss Gleichaltriger oder der des politischen und gesellschaftlichen Systems sein, in dem man aufwächst oder in dem man sich befindet.

Dabei ist zu bemerken, dass vor der Übernahme der Ideologie oftmals die Zugehörigkeit zur Szene kommt. Gerade hier erkenne ich wieder eine Parallele zur Sektenproblematik, findet doch auch bei den Zeugen Jehovas vor der wirklichen Indoktrination ein Einbinden in das soziale Geflecht der Versammlung statt (Lovebombing).

Eine weitere Schnittstelle ist die Frage des Ausstiegs. Auch die rechten Gruppierungen sehen sich als Familienersatz, stellen die Loyalität der Gruppe gegenüber höher, als die zur eigenen Familie. Eine Abkehr von der Ideologie ist gleichzeitig eine Abkehr von denjenigen, die sich ihr zugehörig fühlen und wird von diesen als persönliche Zurückweisung empfunden, was harsche z.T. gewalttätige Reaktionen hervorruft.

Ein sehr aktuelles Thema behandelte Lothar Galow-Bergemann:

„Heuschrecken, Gier und Weltverschwörung: Antikapitalismus und das antisemitische Ressentiment“

Nicht weil hier Verbindungen zur Sektenthematik herzustellen waren, sondern weil allgemeine Impulse, auf die Finanzkrise zu reagieren, aufgezeigt wurden, war dieser Vortrag sehr erhellend. Bei jeder spontanen Reaktion auf ein Ereignis lohnt es sich zu fragen, woraus sich meine Empfindung speist. Sind es Ressentiments und Vorurteile, oder sind sie Ergebnis einer Reflexion? Kenne ich tatsächlich die Ursachen eines Problems, sind mir die Sachverhalte einigermaßen vertraut, oder ist mein Denken und Handeln lediglich ein Reflex, der sich an der vorherrschenden Meinung orientiert?

Dass Antikapitalismus nicht, wie so oft in der Vergangenheit, ein Antisemitismus sein muss (Weltverschwörung des jüdischen Finanzsystems), ist offensichtlich, aber die Mechanismen können die gleichen sein. Ein „Wir ehrlich Arbeitenden und Betrogenen hier unten, und die Abzocker und Heuschrecken da oben“ mag oberflächlich nachvollziehbar sein, denkt man allerdings daran, dass im NS-Propagandafilm Jud Süß schon die Juden als Heuschrecken bezeichnet wurden, mag man innehalten und sein Urteil nochmals überdenken.

Wer die Grünen nicht mag, dem wird das Thema

„Feindbild Mensch – Ökofaschismus, Esoterik und Biozentrismus und ihre Verbindungslinien“

zunächst einmal sympathisch sein. Und tatsächlich verortete der Journalist Peter Bierl in seinem Beitrag die Wurzeln der deutschen Ökobewegung nicht nur im Nationalsozialismus, der das Thema lediglich wieder aufgegriffen hatte, sondern in den völkischen und nationalen Bewegungen der Kaiserzeit am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Ein ganzheitliches Weltbild wurde damals propagiert, ein organisches Weltbild, indem Mensch und Natur eine Einheit bildeten und Geschichte einem determinierten Weg folgt zur Herausbildung einer reinen und überlegenen Rasse. Natur und Mensch in Einheit zu bringen erscheint nicht zwangsläufig braun unterfüttert, in Verbindung mit Sozialdarwinismus und pseudowissenschaftlicher Rassenlehre, gepaart mit einem eurozentrischen Historizismus, entsteht aber eine faschistische Ideologie, geprägt von Ausschlussdenken und Herrenmenschenfantasien.

Erschreckend an dem Denken einiger biozentristischer Strömungen heute ist ihre Auffassung, dass es zu viele Menschen gäbe und die Bevölkerung der Erde drastisch reduziert werden müsse. Da fällt es nicht schwer, wiederum an die Zeugen Jehovas zu denken, die in aller Kürze ein göttliches Gericht erwarten, welchem der Großteil der Weltbevölkerung zum Opfer fallen soll. Ob Reduzierung um der Natur willen, oder aus göttlichem Ratschluss – der Weg der Errettung führt über unzählige Opfer. Ob Überleben des Stärkeren, der Naturnäheren oder Gottgläubigeren – die Bereitschaft einen solchen Berg von Leichen in Kauf zu nehmen, um die eigene Ideologie verwirklicht zu sehen, ist ein nicht von der Hand zu weisendes faschistisches Element, das nicht übersehen werden darf, auch wenn es sich um ein so wichtiges Thema wie das der Bewahrung der Natur handelt.

„Wurzelrassen, Erzengel, Volksgeister“

– bis dahin mag man beim Thema von Peter Bierl vielleicht an Catweazel, Pumuckel oder Harry Potter denken. Aber das Thema lautete weiter:

„Der braune Geist der Waldorfpädagogik“

Anthroposophie, so der Redner, ist keine Wissenschaft sondern pure Esoterik. Dass dem tatsächlich so ist bezeugte schon dessen Gründer, Rudolf Steiner, wenn er sagte, bei der Anthroposophie handele es sich um eine Geheim- ja um eine Geisterwissenschaft. Geister, Engel, Dämonen, Karma, Seelenwanderung, Reinkarnation und Meditation, all das findet sich in dem anthroposophischen Gedankengut. Und nicht zuletzt eine explizite Rassenlehre mit dem Ziel der Höherentwicklung des Menschen. Von sieben Wurzelrassen ausgehend führt der Pfad hin zu der einen, wirklichen Rasse. Detailiert nachzulesen ist das alles in Bierls Buch „Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister“.

Das dem Journalisten zum Teil heftig widersprochen wird, ist nicht verwunderlich. Hier heißt es, sich einfach selbst ein Bild zu machen.

Den Abschluss der Tagung bildete eine kurze Abhandlung über die Ludendorff Bewegung. Ausgehend von dem Weltkriegsgeneral Ludendorff und seiner Frau, zeichnet sich die Bewegung durch Antisemitismus, Antikommunismus und einem völkischen Antikapitalismus aus. Aktiv ist die Bewegung noch heute, wenn auch nur noch in sehr kleinem Kreis.

Fazit:

Der braune Geist manifestiert sich nicht nur in „Dönermorden“ oder rechtsextremen Terrorakten. Er ist latent in religiösen und pseudoreligiösen Weltanschauungen, im Neopaganismus und eso- sowie exoterischen Gruppierungen. Faschistische Strukturen finden sich aber auch in vermeintlich eher linkslastigen Bereichen wie z.B. in Teilen der Ökobewegung. Und selbstverständlich in Sekten und sektenähnlichen Gruppen.

Natürlich geht es bei der Beschreibung der hier dargestellten Vorträge nicht um richtig oder falsch, oder darum, ob nun die vorgebrachten Argumente gegen diese oder jene Denkrichtung tatsächlich bis in alle Details der Wahrheit entsprechen. Es geht um das Wachhalten des Verstandes, um das ständige Hinterfragen des eigenen Standpunktes und die Abwehr eines jeglichen Absolutheitsanspruches. Zu leicht werden Denkmuster zu Denkgefängnissen und was einem als Idee näher gebracht wird, entpuppt sich am Ende als Ideologie. Veranstaltungen wie die der Elterninitiative tragen dazu bei, die nötige Wachsamkeit zu fördern und die Aufmerksamkeit auf Bereiche zu lenken, die am öffentlichen Bewusstsein gerne vorbei gehen.

Es war für mich ein Gewinn, diesmal dabei gewesen zu sein.