| dem geistigen Gefängnis durch Zufall entronnen |
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| Geschrieben von: Anton |
| Montag, den 20. September 2004 um 21:55 Uhr |
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Meine Mutter war eine hundertprozentige JZ. Meine drei Brüder und ich wurden schon als Babys in diesen Glauben hinein erzogen. An meine Kinder u. Jugendzeit denke ich heute noch mit Schrecken zurück. Bei jeder Kleinigkeit wurde geschlagen. Nicht nur weil meine Mutter aus Ostpreußen war, dort Zucht, Ordnung und Disziplin hoch geschrieben wurden. Sondern hauptsächlich auch deswegen, weil sie als gläubige JZ dazu verpflichtet war, ihre Kinder zu verprügeln. Die Jungs müssen gezüchtigt werden. Sonst wird aus ihnen nichts. So steht es in der Bibel. Das sagte sie uns immer wieder. Nur dass in meinem Leben deswegen später vieles verkehrt gelaufen ist, konnte sie nicht wissen. In ihrem Glauben war meine Mutter davon überzeugt, dass eine Erziehung nach den Richtlinien der ZJ für uns das beste sein würde. Aber ich bin eingeschüchtert durch die Gegend gerannt und habe mir nichts mehr zu getraut. So zog sich der rote Faden durch mein ganzes Leben. Nur noch flüchten dachte ich mir immer wieder. Dann musste bei uns natürlich viel studiert werden. Schon als kleine Kinder mussten wir in die Versammlung mit. Immer Stundenlang ruhig sitzen. Als die Schule für uns anfing, mussten wir immer sehr früh aufstehen. Es gab damals ein Jahrbuch von der WTG, wo für jeden Tag ein Kapitel durch zu lesen war und eine Bibelstelle dazu. Das mussten wir jeden Morgen schon durch nehmen. Unsere Mutter war so übereifrig, dass wir nicht nur die Bibelstelle durchnahmen sonder gleich mehrere Kapitel aus der Bibel. Das führte dazu, dass wir fast jeden Tag abgehetzt und zu spät zur Schule kamen. Unsere Mutter wollte, dass wir alle in die Neue Welt kommen sollten. Es sollte auch nicht mehr lange dauern, dann kommt Harmagedon, wurde uns gelehrt. Die Zeit sollte zwar sehr schlimm werden, aber nicht für uns. Nur die bösen Menschen würden vernichtet werden. Wir würden nur so staunen und mit unseren eigenen Augen sehen, wie die bösen Menschen von den wilden Tieren und den Vögeln des Himmel verzehrt werden würden. Aber wir dürfen nicht vom engen Weg abkommen der sonst auch uns genau so die Vernichtung treffen würde. Ich bin im alter von etwa 16 Jahren nach den Richtlinien der JZ getauft worden. Einige die mich kannten haben aus Freude sogar geheult. Man klopfte mir auch auf die Schulter. Ich fühlte mich nach der Taufe als vollwertiger JZ. Jetzt geht wirklich alles klar mit der Neuen Welt, dachte ich mir damals. Natürlich würden wir dort den König David und andere Gottes treue Menschen aus der damaligen Zeit, die ja auch ZJ waren, auf der Erde treffen. Die sollten dann gleich aus den Toten auferstehen und als Fürsten über uns unter der Leitung von den 144.000 und Jesus Christus über uns herrschen. Aber dafür müssen wir erst mal viel tun und auch bis zum Ende ausharren, sagte man uns. Wir lebten damals im tiefsten Bayern und waren dort viel im Predigtdienst unterwegs. Den Leuten haben wir den baldigen Untergang dieses Systems verkündigt. Wir predigten oft ganze Nachmittage auf dem Land, von Bauernhof zu Bauernhof. Viele Bauern waren nicht gut auf uns zu sprechen. Andere lachten uns aus. Manchen war auch alles egal. Auf dem Lande in Bayern hatte die katholische Kirche das sagen. Kein Wunder, dass viele gegen uns waren. Von denen durfte auch keiner aus der Reihe tanzen. Sonst wären sie mit Sicherheit auch aus gegrenzt worden. Wir waren in Bayern auf dem Dorf fasst ausgestoßene. Diesen Leuten mussten wir aber die gute Botschaft vom Königreich verkündigen. Sonst wären wir um deren Tod schuldig geworden, wenn das Ende kommt und sie auch vernichtet werden, so sagte man uns. Immer wieder wurde uns gesagt, dass wir auch vernichtet werden, wenn wir nicht nach den Richtlinien der Wachturm Gesellschaft leben würden. Es musste auch alles aufgeschrieben werden, ob jemand interessiert war oder Hefte bzw. Bücher gekauft hat. Dann mussten auch die Predigtdienstzeiten aufgeschrieben werden, die man unterwegs war. Jeden Monat musste ein bestimmtes Soll an Stunden erreicht werden. Außerdem waren dann noch die vielen Versammlungsbesuche. Mindestens drei mal die Woche. Dienstag eine Stunde Buchstudium. Das fand meistens in irgend einer privaten Wohnung statt. Donnerstag fand in einem sogenannten Königreich Saal einer Versammlung statt. Die erste Stunde wurde irgend was durch genommen. Die zweite Stunde nannte sich Predigtdienst Schule. Da wurde man für das Missionieren vorbereitet. Am Sonntag Nachmittag waren dann wieder zwei Stunden in der Versammlung ab zu sitzen. Zuerst kam ein Vortrag. Dann das Wachturm Studium. Für das Buch bzw. Wachturm Studium musste man sich natürlich während der Woche auch vorbereiten. Beim Studium gab es so eine Art Frage und Antwort Spiel. Da war es gut, wenn man sich oft gemeldet hat. So konnten die Aufseher sehen, dass man auch fleißig gelernt hatte. Mit den gleichaltrigen sollten wir privat keinen Kontakt haben. Die waren von der bösen Welt und sollten auch bald vernichtet werden. Das ist von der Wachturm Gesellschaft nicht zufällig so eingerichtet worden. Alle Gläubigen dieser Gemeinschaft sollen möglichst von dieser bösen Welt fern gehalten werden, damit sie nicht auch von Satan verleitet werden. Nur noch predigen gehen und Versammlungen besuchen. Zu Hause musste man auch alle Hefter und Bücher, die es da zur genüge gibt, durch studieren. Da ist man immer irgend wie eingebunden. Man sollte es auch möglichst vermeiden, irgend welche Zweifel anzumelden. Die Wachturm Gesellschaft ist davon überzeugt, dass sie die absolute Wahrheit heraus bringt. Wenn man diese Gehirnwäsche soviel Jahre mit gemacht hat, zweifelte man auch kaum. Wenn einer nicht mehr konnte oder mit zog, den brachten die Glaubensbrüder schon wieder auf Vordermann. Mit dem Argument, dass es nicht mehr lange dauert, wurde man zum durch halten aufgemuntert. Es wurde auch immer wieder gesagt, dass der Weg eng ist, der zum Leben führt. Aber breit und geräumig der Weg, der in die Vernichtung führt. Um das Jahr 1975 wurde von der WTG verkündet: "Millionen jetzt lebender werden nicht mehr sterben." Wir freuten uns schon sehr darauf. Alle haben gewartet, dass endlich Harmargedon kommen würde und wir in die Neue Welt hinüber leben könnten. Meine Mutter ist letztes Jahr gestorben. Ihr ganzes Leben hat sie für die JZ geopfert und war total überzeugt, dass sie auf alle Fälle in die Neue Welt hinein leben würde. Kurz vor ihrem Tod sagte sie mir allerdings noch, dass wir uns im Himmel wieder sehen werden. Das kann ich jetzt eher nach vollziehen, denn jeder Mensch muss eines Tages sterben. Durchhalten um jeden Preis, war immer die Devise. Hinter her wird man dafür mehrfach belohnt. Das hatte uns die WTG versprochen. Wenn sie wenigstens halten könnten, was sie in ihren Publikationen alles so verbreiten. Der sogenannte treue und verständige Sklave in Brooklyn bekommt scheinbar seine Eingebungen doch nicht von höchster Stelle. Sonst wäre das doch alles eingetreten, was sie damals in ihren Büchern und Schriften verbreitet hatten. Wenn mal bekannt gegeben wurde, dass ein Bruder oder eine Schwester ausgeschlossen wurden, war meist eine merkwürdige Stimmung unter den Anwesenden. Die einen flüsterten, was für ein böser Mensch der oder die jenige ist und das sie für ewig vernichtet werden. Viele waren auch traurig, den sie durften mit so einem Menschen überhaupt keinen Kontakt mehr haben. Auch nicht mehr guten Tag sagen. Falls der abgefallene Bruder oder die Schwester sich dann auch noch wagen würden, etwas gegen die Versammlung zu sagen, dann hat sie der Teufel total beeinflusst. Dann wird man als böser Knecht tituliert, für die es natürlich, so die WTG, nur die ewige Vernichtung gibt. Als ich zum Militär gehen sollte, musste ich den natürlich verweigern. Aber den Ersatzdienst durfte ich auch nicht machen. Wenn ich den damals in Bayern verweigert hätte, wäre ich für mindestens einem halben Jahr ins Gefängnis gewandert. So bin ich zu jener Zeit nach Berlin gezogen. Dort ging ich weiter fleißig in die Versammlungen der ZJ und machte alles mit bis ich etwa 25 Jahre alt war. Irgend wie war ich immer öfters so depressiv gestimmt und traute mich fasst nicht mehr auf die Straße. In die Arbeit musste ich noch weiter gehen, den das Leben sollte ja weiter gehen. Aber es ging mir immer schlechter. Da war es irgend wie ein Zufall, dass ich damals eine Frau kennen lernte, die mir aus dieser Sekte heraus geholfen hat. Die Komitee Brüder sahen das sicher ganz anders. Für die war ich gleich ein Frauenheld. Man darf bei JZ vor der Hochzeit keinen Sex haben. Aber das mir eigentlich der ganze "angebliche Glaube" zu viel war, wollten sie nicht wahr haben. So wollten sie mich noch vor das Komitee der JZ zitieren, um mich von dieser nach ihren Vorschriften schweren Sünde wieder ab zu bringen. Aber ich ging nicht mehr hin. Es war dann einige Wochen später ein Zettel in meinem Briefkasten mit der Mitteilung, dass sie mich ausgeschlossen haben. Ich war irgend wie froh, weil ich erst mal eine große Last los geworden bin. Auf der anderen Seite hatte ich lange damit zu tun, ob für mich nun das Ewige leben vorbei ist. Wenn ich damals allein gewesen wäre, wäre ich vielleicht wieder hin gegangen. Es war alles fast wie verhext. Obwohl ich nicht mehr konnte, war ich innerlich als JZ programmiert. Ich wollte doch auch ewiges Leben erlangen. Mit meinen 51 Jahren bin ich jetzt Frührentner und ein seelisches Wrack. Ich lebe noch mit der Frau zusammen, die mir damals aus den ZJ heraus geholfen hat, ohne Trauschein. In eine Versammlung oder Ähnliches bringt mich nie mehr jemand hinein. Glaubensvorsteher sind für mich jetzt Sklaventreiber. Eigentlich sollten sie Diener sein. Kurz bevor ich aus der Sekte der JZ raus bin, fing das mit den Ältesten an. Jeder wollte fast ein Ältester werden. Ob jung oder alt, schon lange dabei oder neu. Da gab es Zank und Ärger untereinander. Jeder wollte schon mehr wissen als der andere. Es kam mir damals so vor, als wenn jeder nur über den anderen bestimmen wollte. So lange man immer schön ja und amen sagte, war alles O.K. Konnte man nicht mehr, wie es bei mir der Fall war, wurde man wie Luft behandelt. Man war für die JZ schon mehr als Tod. Damals hatte ich große Probleme damit, weil ich mit jeden immer gut auskommen wollte. Ich war immer irgend wie Harmonie bedürftig. Wenn man zufällig später noch einen der lieben Brüder oder Schwestern traf, waren die wie verwandelt. Eine eiskalte Wand kam herüber. Jetzt macht mir das nichts mehr aus. Ich war ja auch als JZ so, wenn damals jemand ausgeschlossen wurde. Die dürfen nicht anders, sonst blüht ihnen auch der Ausschluss und die Aussicht auf ewige Vernichtung, so die WTG. Die Organisation der JZ ist für mich wirklich ein ganz großes geistiges Gefängnis. Ich kam damals wirklich nur aus Zufall heraus. Anton |