Scientology stark unter Druck

Verfassungsschutz: Sektenkonzern verliert Mitglieder und hat Finanzprobleme

Stuttgart - Die Scientology-Organisation in Deutschland ist durch verstärkten gesellschaftlichen Druck und die Beobachtung des Verfassungsschutzes in große Schwierigkeiten geraten.

Zu diesem Ergebnis kommt ein von Staatsschützern erarbeiteter vertraulicher Bericht, der unserer Zeitung vorliegt. Der Sektenkonzern habe entgegen eigener Darstellung nicht 30.000, sondern lediglich 5.000 bis 6.000 Mitglieder und habe in einzelnen Städten mit einer deutlichen Fluktuation zu kämpfen. Außerdem stecke er in finanziellen Nöten. "Die Scientology-Einrichtungen mußten zum Teil, wenn nicht erhebliche Einnahmerückgänge, so doch zumindest stagnierende Einnahmesituationen verzeichnen", heißt es in dem Bericht, der heute und morgen von den Innenministern der Länder in Bonn beraten wird. Diese Probleme, so die Verfassungsschützer, seien insbesondere auf die verstärkt betriebene Aufklärungsarbeit zurückzuführen.

Obwohl die Organisation nicht so mächtig sei, wie sie sich gibt, seien ihre Ziele als verfassungsfeindlich einzustufen. Aufgrund interner Stellungnahmen der Länder zu dem Bericht gilt es nach Informationen unserer Zeitung als sicher, daß die Innenministerkonferenz mit Ausnahme Schleswig-Holsteins einer weiteren Beobachtung von Scientology durch den Staatsschutz zustimmen wird. Einen direkten Einfluß des Sektenkonzerns auf politische Parteien vermag der Bericht nicht auszumachen. Auf der Suche nach Verbündeten arbeite die Organisation unter anderem mit den Zeugen Jehovas und islamistischen Gruppen zusammen.

In der Wirtschaft ist die Verbreitung des Sektenkonzerns nach Ansicht der Verfassungsschützer "nicht so weitreichend wie bisher angenommen". Ihren Machtanspruch versuche Scientology aber nach wie vor mit straffer innerer Führung und auch mit geheimdienstähnlichen Mitteln umzusetzen. "Weder für einen Dienstleistungskonzern noch für eine sogenannte Weltanschauungsgemeinschaft, erst recht aber nicht für eine Religionsgemeinschaft würden derartige ,Sicherheitsorgane' in einem demokratischen Rechtsstaat benötigt", urteilen die Verfassungsschützer.

Stuttgarter Zeitung vom 19.11.98, Bericht: Anton Notz