porneía - käuflicher Sex

Man kann eigentlich gar nicht sinnvoll sagen, dass der Austausch von Zärtlichkeiten vor der Eheschließung zur Hurerei (Gr. porneía) führen kann. Wenn man von der Grundbedeutung des griechischen Wortes ausgeht, dann bedeutet dies gemäß dem theologischen Wörterbuch zum Neuen Testament (Bd. 6, S. 580) eigentlich „käufliche Dirne, Buhlerin“ oder „die Käufliche“.

Schon vom Ursprungssinn also kann der Geschlechtsverkehr vor der gemäß Sitte und Gesetz anerkannten Ehe nicht als „Hurerei“ bezeichnet werden, denn der Mann hat seine Freundin ja nicht gekauft, noch bezahlt er sie für Sex. Das griechische Verb für „verkaufen“ lautet in diesem Fall pernēmi. Gemäß dem Exegetischen Wörterbuch zum Neuen Testament (Bd. 3, S. 333) ist es genau das, „was wir mit dem Fremdwort ‚Prostituierte’ bezeichnen, während das dt. Wort ‚Hure’ urspr. die Ehebrecherin bezeichnete“.

Porneía meint beispielsweise in Mt 19:9 „Ehebruch“. Es wäre paradox wenn vorehelicher Geschlechtsverkehr zu Ehebruch führen könnte, es sei denn, der Verkehr findet außerhalb einer bereits bestehenden Ehe statt.

In Apg. 15:20, 29 kommt porneía in Verbindung mit den vier Auflagen (unter anderem das Blutverbot) vor („Jakobusklauseln“). Aber auch hier meint porneía nicht vorehelichen Verkehr, sondern Jakobus spielt hier auf die Regelung der Geschlechtsbeziehungen innerhalb enger Verwandtschaftsgraden an (Siehe 3Mo 18:6-18), denn er zitiert bei der Erwähnung der Auflagen aus 3.Mose.

Bei Paulus wird „Hurerei“ am meisten thematisiert. Wenn er aber in 1Ko 5:9-11 von Hurerei spricht, so meint er auch hier wieder nicht vorehelichen Verkehr, sondern gemäß dem vorstehend zitierten Wörterbuch geht es hierbei „um einen Christen, der mit der Frau seines Vaters geschlechtlichen Umgang gehabt hat“ (Ebd.) Das zeigt, dass Paulus porneía im gleichen Sinne sah wie Jakobus in Apg 15:20, wo er sich auf 3Mo 18:6ff. bezog, also auf Geschlechtsverkehr innerhalb der Verwandtschaft (=Blutschande).

Auch in 1Ko 6:12-20 bezog sich Paulus nicht auf vorehelichen Geschlechtsverkehr, sondern auf die Tempelprostitution, wenn er dort von Hurerei spricht. Im Exegetischen Wörterbuch zum Neuen Testament (Bd. 3, S. 334-335) wird speziell auf diese Verse näher eingegangen:

Unter dem Leitwort „Es ist alles erlaubt“ (V. 12a) waren offenbar Kreise der Korinthergemeinde für den Geschlechtsverkehr mit der [pornē (=Hure)] eingetreten. In Korinth standen angeblich tausend Hierodulen [man beachte den Präfix „Hier-“ vom Gr. hierós = Tempel wie der von Salomon erbaute] für den Tempel der Aphrodite auf Akrokorinth zur Verfügung. Pls [= Paulus, im Folgenden durch „Pls“ abgekürzt] antwortet: „Wohl habe ich über alles Macht, aber ich werde nicht etwas oder jemanden über mich Macht gewinnen lassen“ (V. 12b). Er vergleicht dann die Verdauungsvorgänge des Menschen mit den Sexualvorgängen und stellt für letztere gewissermaßen eine persönliche Qualifikation fest. Er schließt: „Der Leib gehört nicht der Unzucht, sondern dem Herrn und der Herr dem Leibe“ (V. 13). Er ist Gegenstand des Auferweckungshandelns der Macht Gottes. Darum gehört der Leib als Ausdruck der Persönlichkeit zu der Gliedschaft Christi. Die geschlechtliche Vereinigung aber mit der Prostituierten, in Korinth mit der Hierodule, bedeutet, mit ihr ein Leib werden. Gen 2, 24 wird zitiert. „Wer sich mit dem Herrn verbindet, ist mit ihm ein Geist“ (V. 17). Also werden die „Glieder Christi“ in der sexuellen Verbindung mit der „Käuflichen“ zu Gliedern der Hure (VV. 15. 16). Pls sieht die sexuelle Verbindung als eine personal-ganzheitliche Bindung an. Leib, Geist und Seele sind für ihn eine Einheit, und eben diese Ganzheit gehört Christus, sofern man an ihn glaubt. Der Leib des Menschen, genauer des Christen, ist ein Tempel des heiligen Geistes, „der in euch ist“ (V. 19). Geschlechtsverkehr mit der Hierodule ist nicht nur eine natürliche* Angelegenheit, sondern eine den ganzen Menschen und damit den Glauben und Christus betreffende, zumal mit ihm auch die Nähe zum Götzendienst gegeben ist. Daß es dabei nicht um eine grundsätzliche Verteufelung der Sexualität bzw. des Geschlechtsverkehrs geht, beweisen die positiven Aussagen des Pls zur Ehe.

*[Anm. von mir: „natürlich“ ist nicht im heutigen Sinne zu verstehen. Die Erläuterung des griechischen Denkens von „natürlich“ würde hier den Rahmen sprengen; Zusätze in eckigen Klammern von mir.]

Wenn Paulus also sagte „flieht vor der Hurerei“, dann ist damit nicht gemeint, dass man sich in voller Panik ergriffen von seiner Liebsten oder von seinem Liebsten, mit der/dem man gerade Händchen hält, losreißt, weil man die Beherrschung verliert und paradoxereweise befürchtet „ein Fleisch“ zu werden (wie kann man auch „ein Fleisch werden“ als Hurerei bezeichnen!). „Flieht vor der Hurerei“ meint im Grunde genommen: „Flieht vor der Tempelprostitution“, „vor der Hierodule“ usw. Da dies bei den Heiden so üblich war und die Juden dies als Götzendienst betrachteten, wurde auch dieser Punkt mit in die Jakobusklausel aufgenommen (Apg 15:20). Götzendienst ist aus der Sicht der Juden die schlimmste Sünde.

Das lange Zitat sei deshalb angeführt, um überhaupt das griechische Denken und Verständnis von porneía zu erläutern. Das soziokulturelle Umfeld muss mit einbezogen werden.

Selbst die Rettung der Hure Rahab in Heb 11:31 wird ihrem Glauben zugeschrieben, und das, obwohl porneía sich im Neuen Testament meistens auf Prostitution und die Tempelprostitution bezieht. Auch Jakobus (2:25) lässt Rahab aus ihren Werken gerecht werden.

Vorehelicher (= vor der gemäß Sitte und Gesetz anerkannten Ehe) Geschlechtsverkehr wird in der Bibel nicht thematisiert, wohl freilich aber außerehelicher (= außerhalb einer bereits bestehenden Ehegemeinschaft).

Niemand hat seine Freundin gekauft, so dass erst hier der Ausdruck porneía angewandt werden müsste. Wenn man es sich einmal auf der Zunge zergehen lässt, dann ist es eigentlich sogar eine Impertinenz vonseiten der Wachtturm-Gesellschaft, wenn sie durch ihr Hurerei-Argument gewissermaßen unterstellt, ein Mann würde seine Freundin wie eine Käufliche behandeln, nur weil er Verkehr mit ihr hat. Wenn der Mann dafür bezahlen müsste, gewiss, dann ja. Aber hier hat die WTG den Sinn von porneía völlig verfehlt.

Wenn man den griechischen Begriff porneía so versteht, wie vorstehend beschrieben, dann löst sich auch der anscheindende Widerspruch mit Hohelied auf.