Die Zeugen Jehovas – sind sie wirklich so familienfreundlich?

Vortrag im Roncalli-Forum Karlsruhe am 1. Februar 2012 um 20.00 Uhr

„Bereits diese Fragestellung impliziert, dass hier möglicherweise Zweifel angebracht sind“ mit diesen Worten leitete die Referentin Frau OStR a.D. Ursula Meschede ihren Vortrag ein. Der Untertitel zu ihrem Vortrag lautete: „Ihre Einstellung zu „Abtrünnigen“ und die Folgen“.

Frau Meschede begründet zunächst Zweifel mit der Tatsache, dass „die Zeugen Jehovas solche Menschen, die sich von ihrer Glaubenslehre und von dieser Organisation distanzieren, aus welchen Gründen auch immer, mit dem negativ besetzten Wort „Abtrünnige“ abstempeln.“ Dies ließe weder auf eine demokratische Gesinnung noch auf Toleranz im Hinblick auf Religionsfreiheit schließen.

In den Schriften der Wachtturmgesellschaft kommt der Darstellung einer glücklichen Familie in Wort und Bild eine besondere Bedeutung zu. Die Referentin demonstrierte ihre Aussage mit verschiedenen Veröffentlichungen und machte auf die positiven Signale der Bilder, wie das freundliche Lächeln, die harmonischen Farben und die paradiesische Landschaft aufmerksam und besonders darauf, dass die Bibel oder ein Wachtturm-Buch immer zur Hand seien.

„Das kann doch nicht falsch sein. Wo ist das Problem?“ fragte sie.

Erst bei genauer Analyse der tatsächlichen, unterschwelligen Aussagen kam dies deutlich zum Vorschein.

Die immer wieder wiederholte Aufforderung zum gemeinsamen Bibelstudium erweist sich als Ermahnung, die Bibelauslegung der Wachtturmgesellschaft an Hand der Veröffentlichungen aus Brooklyn zu studieren. So zeigte sie die Abbildung einer „Freizeitgestaltung wie einen Campingausflug“ bei dem mit den Kindern am gemütlichen Lagerfeuer eine Wachtturmveröffentlichung betrachtet wird.

Frau Meschede verglich die Aussage in der Broschüre „Zeugen Jehovas, Menschen aus der Nachbarschaft, wer sind sie?“ in der es heißt, dass sich die Zeugen „zumeist kaum“ von ihren Nachbarn unterscheiden mit den Anweisungen in den Schriften, die für den internen Gebrauch bestimmt sind.

„Unser Königreichsdienst“ August 95: „Erweisen sich eure Kinder stark, wenn sie Druck oder Versuchungen ausgesetzt sind, oder geben sie leicht nach? Sind sie entmutigt, weil sie anders sein müssen als ihre Altersgenossen?“

„Unterredungen anhand der Schriften“: „Wie würde es Jehova berühren, wenn du dir Freunde erwählst, die ihn nicht lieben?“

Frau Meschede demonstrierte anschaulich anhand der Wachtturm-Literatur die unterschiedliche Selbstdarstellung nach Außen und Intern.

Besonders betroffen waren die Zuhörer von einem Zitat aus dem Lexikon „Einsichten in die heilige Schrift“ Band 2 unter dem Stichwort Lüge:

„Bösartiges Lügen wird zwar in der Bibel deutlich verurteilt, aber das bedeutet nicht, dass man verpflichtet ist, jemandem wahrheitsgemäß irgendwelche Informationen zu geben, die zu erhalten er kein Recht hat. Jesus Christus gab den Rat: „Gebt das Heilige nicht Hunden, noch werft eure Perlen Schweinen vor, damit sie sie nicht etwa mit ihren Füßen zertreten und sich umwenden und euch zerreißen“ (Mat 7:6). Deshalb hielt sich Jesus bei gewissen Gelegenheiten zurück, eine vollständige Auskunft zu geben oder gewisse Fragen direkt zu beantworten, wenn er dadurch unnötigen Schaden angerichtet hätte (Mat 15:1-6; 21:23-27; Joh 7:3-10). Zweifellos muss die Art und Weise, wie Abraham, Isaak, Rahab und Elisa handelten, als sie Personen, die keine Anbeter Jehovas waren, irreführten oder ihnen gewisse Tatsachen verschwiegen, ebenso beurteilt werden“

Die Frage stand greifbar im Raum, ob die Zeugen wohl bei ihrem freundlichen Auftreten in Wirklichkeit ihr Gegenüber immer mit Hunden oder Schweinen vergleichen, denen man durchaus auch falsche Informationen vorsetzen kann.

Frau Meschede betonte dann, dass sie als langjährige Pädagogin besonders die Situation der Kinder und Jugendlichen innerhalb dieser Gesellschaft geprüft hat. Auch zu diesem Punkt brachte sie ausschließlich Zitate aus den Wachtturm-Veröffentlichungen, wie zum Beispiel:

„Da sie unter dem Gesetz und Gebot ihrer Eltern stehen, vergleicht die Bibel die Stellung eines Kindes mit der eines Sklaven“ aus „Du kannst für immer im Paradies auf Erden Leben“ S242. Und weiter auf S245: „Kinder brauchen Zucht. Daher fordert die Bibel Väter auf: ‚Zieht eure Kinder weiterhin auf in der Zucht und in der ernsten Ermahnung Jehovas‘. Wenn Eltern ihre Kinder in Zucht nehmen, auch wenn das körperliche Züchtigung oder den Entzug von Vorrechten einschließen mag, ist das ein Beweis dafür, dass sie ihre Kinder lieben.“

Besonders bedauerlich fand die Referentin verständlicher Weise die Tatsache, dass den Eltern von einer höheren Schulbildung oder gar einem Studium ihrer Kinder abgeraten wird. Eltern seien was die Ausbildung ihrer Kinder betrifft, unter permanentem Druck, darauf zu achten, dass die Kinder den sogenannten „Predigtdienst“ wenn möglich als „Pioniere“ als ihr wichtigstes Lebensziel sehen.

Hier zitierte sie unter Anderem Erwachet vom 22.1.2004: „Achte darauf, dass etwas so Wichtiges wie das Bibellesen, der Predigtdienst und die Zusammenkünfte, was dir bis in alle Ewigkeit zugute kommt, nicht vor lauter Hausaufgaben vernachlässigt werden“

Zur Hochschulbildung ein Zitat aus dem Wachtturm vom 15.4.2008 – einem sogenannten internen Studienwachtturm, der nicht für die Verbreitung in der Öffentlichkeit bestimmt ist:

„Wie steht es damit, an einer Hochschule oder Universität höhere Bildung zu erwerben? Viele betrachten das als unerlässliche Voraussetzung für Erfolg. Doch nicht wenige, die diesen Bildungsweg eingeschlagen haben, finden letztendlich ihren Kopf mit schädlichen weltanschaulichen Ideen und Meinungen vollgestopft. Das ist eine Verschwendung wertvoller Jugendjahre, die man am besten im Dienst für Jehova hätte einsetzen können.“

Als Fazit aus dem Studium der Wachtturm-Veröffentlichungen kam Frau Meschede zu dem Ergebnis, ihrer Meinung nach seien:

„Die Zeugen Jehovas Mitglieder einer ausgesprochen bildungsfeindlichen sogenannten Sekte, deren Doktrin in krassem Widerspruch zu der von unserer Gesellschaft vertretenen Auffassung steht, jungen Menschen Bildung zu empfehlen und ihnen den Zugang dazu zu erleichtern.“

Wenn man zudem berücksichtigt was die so genannten „Abtrünnigen“ berichten, so sei klar, dass es Zweck und Bestimmung einer Familie sei, die WTG zu unterstützen, indem man ihre Lehren und ihre Broschüren verbreitet, Zeit und Geld für sie investiert und ein Leben gemäß ihren Anweisungen führt. In diesem Kontext sei die Lehre der ZJ weder menschen- noch familienfreundlich und schon gar nicht kinderfreundlich. Die gesellschaftlichen Normen, auch die christlichen Gesinnungen unserer Gesellschaft, seien für die ZJ nicht maßgebend. Sie werden oft genug schlecht geredet und mit gehässigen Worten verunglimpft.

Eine Zeugenfamilie müsse völlig anders funktionieren als eine Familie unserer „weltlichen Gesellschaft“.

Nichtkonformes Verhalten wird geahndet, unbequeme oder gar kritische Fragen werden gerügt. Ein kritischer Zeuge wird vor ein internes „Rechtskomitee“ zitiert und im schlimmsten Fall aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Mit einer solchen Entscheidung ist eine Kontaktsperre verbunden. Durch diese Praxis wurden und werden viele Familien gnadenlos zerstört.

Auch dazu zitierte die Referentin die entsprechenden Anweisungen aus der Wachtturm Literatur.

Neben einigen erschütternden Beispielen, die sie im Rahmen ihrer Arbeit für Ausstieg eV erfahren hat verwies sie vor allem auf das Verfahren eines „Rechtskomitees“. Es besteht in der Regel aus 3 Ältesten die Legislative (gesetzgebende Gewalt), Judikative (richterliche Gewalt) und Exekutive (Vollstreckende Gewalt) in sich vereinen. Ein Verteidiger ist für den Beschuldigten nicht vorgesehen. Somit ist er und seine Familie diesem Gremium hilflos ausgeliefert.

Frau Meschede führte zu diesem Thema ihre folgende Meinung aus:

„Ein Zeuge Jehovas, dem die Gemeinschaft entzogen wird, gilt fortan als ein „Kind des Teufels“. Alle Kontakte zum ihm werden abgebrochen. Dies nenne ich Diskriminierung und üble Nachrede. Die WTG nennt es eine „innerorganisatorische, disziplinarische Maßnahmen“, die als Autonomie (Unabhängigkeit) der Religionsgemeinschaften zu sehen ist. Genau hier ist der wunde Punkt, denn diese Autonomie wird den Religionsgemeinschaften tatsächlich vom Staat gewährt. Die Rechtsbeugung ist also auch noch legitim.“ Sie wies darauf hin, dass die Zeugen Jehovas inzwischen in 12 Bundesländern als Körperschaft des öffentlichen Rechts ohne gründliche Prüfung zugesprochen bekamen. Lediglich die Länder Baden Württemberg, Bremen und zunächst auch Rheinland-Pfalz waren bereit bewusst auch Aussteiger und betroffene Angehörige zu hören.

Nach diesen Ausführungen vor einem sehr interessierten Publikum hatte ich die Gelegenheit als Betroffene über meine Erfahrungen mit dem Kontaktabbruch und der Zerstörung der vorher sehr guten familiären Kontakte zu sprechen. Einer der Zuhörer rief aus: „Ich kann nicht verstehen, wie unser Staat diese Methoden auch noch durch die Anerkennung als öffentliches Recht sanktionieren kann!“

Dem kann ich mich nur anschließen.