Neuorganisation der Wachtturm-Gesellschaft

Kurzbericht von der Jahresversammlung am 07. Oktober 2000 in New Jersey, USA

Die Leitende Körperschaft hat entschieden, dass die Positionen des Präsidenten, des Vizepräsidenten, des Sekretär/Kassierers usw., in den eingetragenen Gesellschaften (z.B. Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania, Inc., Watchtower Bible and Tract Society of New York, Inc., etc.) nicht mehr von gesalbten Brüdern ausgefüllt werden müssen. Deshalb haben sich alle Brüder, die bisher diese Positionen innehatten und die alle von der Leitenden Körperschaft waren, aus diesen Ämtern zurückgezogen. Brüder aus den Anderen Schafen haben sie ersetzt. Daher ist jetzt Bruder Don Adams der Präsident der Watch Tower Society.

Bezüglich der Gründe für diese Entscheidung gab es eine langwierige Diskussion, auch darüber, warum es in Ordnung ist. Im Grunde genommen läuft es auf die Tatsache hinaus, das dies der Leitenden Körperschaft erlaubt, sich in erster Linie um die Geistige Speise zu kümmern, während sich Brüder aus den Anderen Schafen um die alltäglichen Geschäfte der eingetragenen Gesellschaften kümmern.

Außerdem sind drei neue Gesellschaften gebildet worden:

  1. Christian Congregation of Jehovah's Witnesses (Christliche Versammlung der Zeugen Jehovas), die die Aufsicht führt über die Angelegenheiten religiöser und erzieherischer Natur. Dies umfaßt die Organisation des Predigtwerkes, die Abhaltung von Kongressen, usw.

    Die Direktoren und Beamten dieser Gesellschaft sind in erster Linie Brüder, die eng mit der Dienstabteilung in Patterson zusammenarbeiten. Bruder William Van de Wall ist der Präsident dieser Gesellschaft.

  2. Religious Order of Jehovah's Witnesses (Religiöser Orden der Zeugen Jehovas), der sich um die Angelegenheiten des Vollzeitdienstes kümmert, einschließlich der Bethelmitarbeiter, der Sonderpioniere, der Reisenden Aufseher usw. Bruder Patrick LaFranca ist der Präsident dieser Gesellschaft.
  3. Kingdom Support Services, Inc., Königreichs-Unterstützungsdienstleistungen), die Planung und Betrieb der Gebäude abwickelt und sich die von der Gesellschaft verwendeten Fahrzeuge verwaltet.
Quelle: Augenzeugen-Bericht

Kommentare

Ähnlich wie 1995, als die Zeugen Jehovas von der WTG bezüglich der Generation von 1914 mit wunderbarem neuen Licht beglückt (bzw. hinter selbiges geführt) wurden, wird die WTG auch ihre völlig neue Organisationsstruktur als großen Fortschritt preisen. Der Sinn der Umstrukturierung dürfte v.a. folgender sein:

Der Überrest wird irgendwann aussterben. Die Legende vom "Treuen und verständigen Sklaven", der Gottes Volk in dieser Endzeit leitet, wäre dann am Ende angelangt. Da die ZJ-Leitung das weiß - und auch weiß, dass ihre Endzeitprognosen eines baldigen Harmagedon wie immer scheitern werden -, baut sie jetzt schon vor und legt die Führung in die Hände der "anderen Schafe".

Den ZJ gaukelt sie so vor, dass die eigentliche geistige Führung ja weiterhin die Gesalbten-Klasse ist. In vielleicht 20 Jahren spielt dieser Punkt aber keine große Rolle mehr, da die dann lebenden - und fleißig weiter predigenden - ZJ längst an eine Leitung aus den anderen Schafen gewöhnt sind. Die heutigen "gesalbten" Glieder der Leitenden Körperschaft sind bis dahin allesamt gestorben. Wen interessiert dann noch eine veraltete Ansicht, dass der Sklave, der die geistige Speise austeilt, die Klasse der 144.000 Gesalbten ist, wenn Jehova doch neues wunderbares Licht gegeben hat?

Wolfgang Mittner, im Oktober 2000

Sicher hat die Wachtturm-Gesellschaft ein Problem damit, dass die von ihr erfundene Klasse der Gesalbten (144.000 Auserwählte, die nach dem Tod in den Himmel kommen sollen) so allmählich ausstirbt. Man muss folglich eine Veränderung einleiten, um die Zeugen Jehovas von der Tatsache abzulenken, dass auch diese "Wahrheit" nicht mehr haltbar ist und durch "neues Licht" ersetzt wird.

Die Sache hat aber auch noch eine zweite Seite. Besonders in der westlichen Welt tut sich die Wachtturm-Gesellschaft nämlich immer schwerer damit, ihr traditionelles Verlagsgeschäft gewinnbringend zu betreiben. Es gibt kaum eine Finanzbehörde, die nicht erkannt hat, dass die massenhafte Produktion von Büchern und Zeitschriften nur allein deshalb unter dem Deckmantel der Religion erfolgt, um der üblichen Besteuerung zu entgehen. Die Umstellung auf das Spendensystem war offensichtlich nicht besonders überzeugend und muss außerdem zu erheblichen finanziellen Einbußen geführt haben. Nicht ohne Grund hat die Zahl neu herausgegebener Titel seit dieser Änderung drastisch abgenommen. Und was heute produziert wird, kommt in einem eindeutig primitiveren Gewand daher als die gebundenen Bücher vergangener Tage.

Es deutet daher vieles darauf hin, dass die Wachtturm-Gesellschaft - wie übrigens andere Sekten auch - ihren geschäftlichen Zweig deutlicher von ihren religiösen Aktivitäten trennen will. Und es gibt bereits die ersten Stimmen, die davon ausgehen, dass früher oder Später auch die Literatur aus dem Wachtturm-Verlag eine ISBN-Nummer tragen und im klassischen Buchhandel zu haben sein wird. Zwar wird dann der Staat mit 7 Prozent Umsatzsteuer an den neuesten "Wahrheiten" beteiligt sein, aber den Gewinn kann man ja durch großzügig bemessene Lizenzzahlungen an die Wachtturm-Zentrale in Brooklyn schmälern. Und der Rest geht dann eben in Form einer steuerlich absetzbaren Spende an einen gemeinnützigen Verein namens Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas (oder an eine Körperschaft des öffentlichen Rechts mit gleichem Namen). Es wurden schon Wetten abgeschlossen, ob so nicht die Zukunft des Wachtturm-Konzerns aussieht.

Ein kluger Schachzug ist auch die Zusammenfassung des gesamten Immobilienvermögens - von den Königreichssälen über die Kongresssäle bis hin zu den Bethel-Niederlassungen, Verlagen und Druckereien - in einer eigenen Holding. Damit man endlich all die Liegenschaften fest in der Hand hat und frei darüber verfügen kann. Schließlich hat die Praxis mit den Königreichssaal-Zentren gezeigt, wie man die Wertsteigerung von Grund und Boden in bares Geld verwandeln kann über dessen Verwendung niemand Rechenschaft abgelegt werden muss.

Schließlich noch die Sache mit dem "religiösen Orden". Hier wird offensichtlich in Brooklyn soeben vollzogen, was beispielsweise in Selters schon lange überfällig ist. Hierzulande muss man nämlich den Begriff "ordensähnliche Gemeinschaft" verwenden, um den Behörden gegenüber zu verschleiern, dass man hier schlicht und einfach den Glauben von Menschen ausnutzt, um sie für ein Taschengeld arbeiten zu lassen. Eine Taktik, die jedoch nicht mehr lange funktionieren wird, wie die ständigen Auseinandersetzungen mit Finanzamt, Arbeitsamt und Bundesversicherungsanstalt zeigen. Was liegt also näher, als den Schritt zum religiösen Orden auch praktisch zu vollziehen. Man muss den Bethel-Mitarbeitern ja nicht gleich eine Mönchskutte anlegen.