Karin - Tochter wurde mißbraucht

(alle Namen und Ortsangaben wurden verändert, um das Opfer zu schützen)

Ich bin eine ehemalige seit 1994. Im selben Jahr, als ich meine Ehe mit einem angesehenen Mitglied der Gemeinde, der wegen mindestens 7 Fällen von Ehebruches vor dem Komitee erscheinen musste, (dem aber immer vergeben wurde), beendete, wurde der Verdacht erhärtet, dass der 2. Ehemann meiner Mutter, beide Zeugen Jehovas, meine damals 12 jährige Tochter Gudrun sexuell missbraucht hatte. Die Sache wurde totgeschwiegen und abgestritten, weil ja Zeugen so etwas nicht machen, mit der Konsequenz, dass ich meine Tochter nicht mehr auf Besuch gehen ließ, was nicht schwer war, da mit einem Ausgeschlossenen, mir, sowieso kein Umgang mehr gepflegt wurde.

Leider wurden meine beiden Kinder im nächsten Jahr von meinem Lebenspartner, mit dem ich nach Thailand ausgewandert war, sexuell missbraucht. Ich habe ihn bei der thailändischen Polizei angezeigt, und er wurde zu Gefängnis verurteilt. Da in Thailand keine Hilfe für geschädigte Kinder erhältlich war, musste ich bis zu meiner Übersiedlung nach Kanada warten, wo wir Hilfe von den zuständigen Behörden erhielten. Dabei kam auch der zurückliegende Missbrauch von dem zweiten Mann meiner Mutter zu Sprache, und es wurde mir nahegelegt, den Täter anzuzeigen, um Wiederholungstaten zu vermeiden, als Schutz für andere junge Mädchen.

Ich habe daraufhin den Täter bei der Versammlung angezeigt, mit der Bitte, da ich im Ausland lebe, etwas zu unternehmen.

Natürlich wurde die Sache unter den Tisch gekehrt, mir als Ausgeschlossenen nicht geglaubt und er ist weiter angesehenes Mitglied der Gemeinde in Süddeutschland.

Allerdings hatte diese Episode zur Folge, dass meine Halbschwester anfing, nach mir zur suchen. Als wir nach nahe 10 Jahren zum ersten Mal Kontakt hatten, konnte sie mir unter Tränen berichten, dass meine Geschichte stimmt, da er sie, die damals auch 12 Jahre alt war, 4 Jahre sexuell missbraucht hatte. Niemand hat ihr geglaubt oder geholfen und in ihrer Verzweiflung hat sie im Alter von 16 Jahren das Elternhaus und die Versammlung verlassen. Unsere Mutter hat bewusst die Beziehung zwischen uns zerstört, wohl in der Furcht, sie würde sich mir anvertrauen und ich würde ihr glauben. Hier ein Auszug aus drei eMails, die ich von meiner Schwester erhalten habe:

Mir ist wichtig, Dir noch folgendes zu schreiben. Unsere Mutter hat mir voller Empörung vor einiger Zeit gesagt, dass Du behauptet hast, dass sich Wolfram an Deine Kinder rangemacht hat. Ich kann Dir das nur von meiner Sicht bestätigen. Er hat sich auch damals, in meinem Alter ab ca. dreizehn, an mich rangemacht. Ich musste Wolfram waschen, wenn er gebadet hatte, vor allem seinen Penis. Er "zeigte" mir, wie er es wollte, wie ich ihn anzufassen hatte. Ich wollte das nicht, aber er drohte mir mit diversen Dingen und sagte mir, dass er nun mein Vater sei und ich wüsste ja, dass ich mir Jehovas Zorn zuziehen würde, wenn ich ungehorsam gegenüber meinen Eltern sein würde.

Ich musste ihn so lange "waschen", bis er einen Erguss hatte. Er kam auch regelmäßig am Abend in mein Zimmer und fasste mich an Brust und zwischen den Beinen an. Auch zwang er mir Zungenküsse auf. Ganz schlimm war es in der Zeit, in der unsere Mutter auf Kur war. Einmal hatte ich ja das Glück, dass ich diese Zeit bei Dir verbringen durfte - die anderen Male nicht. Er hat mich nicht mit seinem Geschlechtsteil vergewaltigt, mit seinen Fingern schon. Das ganze war immer von massiven Drohungen begleitet, die mich psychisch sehr unter Druck setzten. Das ganze ging bis etwa ein halbes Jahr, bevor ich ausgezogen bin. Zum Schluss wollte er, dass ich ihn mit dem Mund befriedige. Da habe ich dann einen Aussetzergehabt und bloß noch geschrien. Dann hat er mich erst geschlagen und dann in Ruhe gelassen. Ich wollte einen Zimmerschlüssel haben, den mir aber unsere liebe Mutter verweigerte.

Auch habe ich einmal versucht, ihr zu sagen, was Wolfram mit mir macht. Sie hat so reagiert, als wenn das alles gar nicht sein kann, denn ihr lieber Mann macht das nicht. Sie hat mich als die böse Tochter gesehen, die nur versucht ihre ach so glückliche Ehe auseinander zu bringen. Sie hat mir nicht geglaubt, weil sie es nicht glauben wollte. In der Versammlung gab es noch so einen feinen Bruder, der meinte, er hat das Recht mich anzufassen, aber auch das hat natürlich gar nicht gestimmt, denn Zeugen Jehovas tun das nicht. Sie tun es aber doch und es gibt auch unter ihnen Schweine, richtige Schweine. Ich wollte Dir das schreiben, damit Du siehst, dass Deine Kinder die Wahrheit sagen, leider.

Deine Zeilen haben gut getan. Es war gar nicht so einfach für mich Dir das zu schreiben, denn mit dem Schreiben, kam dieser ganze Mist wieder hoch. Es war für mich richtig körperlich wieder zu spüren. Eigentlich war ich der Meinung, dass ich die Sache mit Wolfram irgendwie abgehakt hatte. Aber ich habe nun begriffen, dass ich es nur verdrängt hatte und mich noch niemals richtig damit auseinandergesetzt habe. Damals wusste ich einfach nicht an wen ich mich wenden konnte, da mir auch eingeimpft wurde, dass ich unglaubwürdig sei, denn es ist bekannt, dass ein Zeuge Jehovas so etwas nicht tut. Ich habe einmal etwas zu Daddy gesagt, als ich in Berlin war. Daraufhin hat er mit unserer Mutter telefoniert und war danach wohl auch der Meinung, dass ich entweder übertreiben würde oder es aber einfach nicht stimmt, da ich Wolfram nicht leiden könne, würde ich einfach gegen ihn intrigieren. Also wurde nach Außen heile Welt gespielt - vor allem in der Versammlung, aber in dieser ach so glücklichen Familie sah es ganz anders aus.

Ich habe dann mit sechzehn Jahren Erhard als Aufhänger benutzt um raus zu kommen. Als ich ausgeschlossen wurde, habe ich angegeben, vorehelichen Geschlechtsverkehr gehabt zu haben und gesagt, dass ich diesen auch weiter haben werde. Zu diesem Zeitpunkt hatte das noch gar nicht gestimmt. Aber ich wusste, wenn ich ausgeschlossen werden würde, würde selbst meine eigenen "Familie" den Kontakt mit mir meiden. Dann hat sich das Jugendamt noch dafür eingesetzt, so dass ich mit sechzehn ausziehen konnte. Als ich ausgeschlossen wurde, habe ich nur geheult, aber aus Erleichterung, da ich wusste, dass ich nun bald endlich von Zuhause rauskommen würde. Ich wusste damals für mich, entweder ich musste ganz schnell da raus oder ich würde mich umbringen, weil ich es nicht mehr ausgehalten hatte. Ich spüre heute noch die Fesseln des Psychoterrors der Zeugen Jehovas und lerne langsam damit umzugehen.

Ich will Dir noch sagen, dass ich Gudruns empfinden, dass es irgendwie in Ordnung war nachempfinden kann. Manchmal wusste ich auch nicht mehr, was richtig und was falsch war. Was für mich immer noch ein Problem darstellt, ist die Angst, dass es mir nicht geglaubt wird, so wie es immer war. Wolfram war immer glaubwürdig und ich war unglaubwürdig und schlecht, da ich einfach so ungeheuerliche Dinge behaupten würde, die dieser ach doch so herzensgute und liebevoller Mann niemals tun würde. Deshalb tut es mir sehr wohl, dass Du mir glaubst und mich nicht auch in Frage stellst. Ich habe auch Angst, dass mir bei der Anzeige nicht geglaubt werden könnte. Er wird alles abstreiten und mich als Lügnerin hinstellen. Es ist eh irre schwer, darüber zu reden und ich habe angst, mich dann noch verteidigen zu müssen, oder von seinem Anwalt zerpflückt zu werden und das ganze vor fremden Menschen in einem Gerichtsaal zu erzählen. Wie siehst Du das ? Wie sieht es Gudrun? Ich war total froh, Dir das ganze endlich schreiben zu können und gleichzeitig war es sehr schwer. Während des Schreibenshatte ich irre Herzklopfen und habe richtig kalt geschwitzt, aber ich bin sehr froh, dass ich es getan habe.

Vor einiger Zeit habe ich einmal im Rahmen eines Riesenstreites, unserer Mutter vorgeworfen, dass sie nicht eingeschritten ist. Sie behauptete, dass sie nichts wüsste, weil ja nichts war und wenn, dann habe ich ihren ach so guten Mann provoziert und wäre selber Schuld. Diese Aussage habe ich schon vor vielen Jahren gehört - ich bin selber schuld. Als ich mit Wolfram alleine war, weil wieder mal eine Kur anstand, sagte er mir folgendes: Meine Frau hat nicht viel Interesse an sexuellen Dingen, aber ich bin ein Mann mit normalen Gefühlen, die nicht befriedigt werden, außerdem ist sie vier Wochen weg, deshalb ist es in Ordnung, wenn wir lieb zueinander sind, du hast jetzt die Stelle deiner Mutter eingenommen. Er benutzte das als Freibrief für sich selber. Ich weiß noch genau wie er gerochen hat und wie es mich angewidert hatte, angefasst zu werden und ich hoffte, dass er schnell fertig ist. In dieser Zeit durfte ich unter meinem Nachthemd nichts anhaben, weil er das "schön" fand und er redete von unserem kleinen Geheimnis. Gleichzeitig drohte er mir massiv, wenn ich irgendjemanden etwas erzählen würde.

Weißt Du es gibt heute noch eine für mich widerliche Spätfolge von diesem Missbrauch. Ich leide unter Panikattacken in Situationen, in denen ich nicht auskomme, wo ich mich ausgeliefert fühle. Der Gang zum Zahnarzt ist für mich ein Horrortrip. Dort muss ich in diesem Behandlungsstuhl liegen und dieser Zahnarzt kommt dann von oben und fummelt an mir rum. Das löst irre Panik in mir aus, hierbei geht es um die Situation und nicht um Angst vor Schmerz oder Bohren etc.. Ich habe dann einen irren Adrenalinausstoß, Herzrasen, einen total verrückt spielenden Kreislauf und das Gefühl keine Luft mehr zu kriegen. Ich weiß vom Kopf her, dass das überflüssig ist, dass dieser Mensch mir nichts böses will, aber ich komme gegen diese totale körperliche Reaktion nicht an, es geht einfach nicht. Das selbe passiert auch beim Aufzug fahren, beim Frauenarzt bei totaler Dunkelheit oder wenn ich mit jemanden anderen im Auto mitfahre, eigentlich überall, wo ich das Gefühl habe, dass ich nicht auskomme. Das ist für mich eine nicht kleine Lebensbeeinträchtigung, über die ich mich oft ärgere.

Ich habe versucht, mich trotzdem diesen Situationen auszusetzen, in der Hoffnung, dass es besser werden würde, was leider nicht der Fall ist. Im Moment meide ich diese Situationen eher wieder, weil es nicht zum aushalten ist. Je mehr ich mich mit diesem Missbrauch auseinandersetze, desto heftiger sind diese Attacken. Letztens stand ich in einem Laden und neben mir ein Mann, der so roch, wie Wolfram gerochen hat, ich musste aus diesem Laden raus, ohne einzukaufen, weil ich Angst hatte, umzukippen durch diese extreme körperliche Reaktion, die dieser Geruch ausgelöst hat. Ich möchte so gerne frei von alldem sein und bin es nach all den Jahren immer noch nicht. Mir sind diese blöden Attacken total unangenehm und ich schäme mich auch dafür, so wie ich bei der ganzen Sache Schamgefühle habe.

Ich bin außer mir vor Zorn über das, was dieses immer noch angesehene Mitglied der Gemeinde gemacht hat, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Ich habe inzwischen eine Anzeige gegen ihn im Namen meiner jetzt 17 jährigen Tochter zusammen mit meiner Schwester vorbereitet, die jedoch noch nicht abgeschickt wurde.